Ist eine Diagnose bei hochfunktionalem Asperger-Autismus im fortgeschrittenen Alter noch nötig?

Was passiert, wenn man erst im fortgeschrittenen Alter erfährt, dass man eine Betroffene des Asperger Syndroms sein könnte?

Als ich das vermutete begann ich viel darüber zu lesen, um das Gefühl zu bekommen, auf der richtigen Spur zu sein. Es liegt auf der Hand, dass man sich nur dann mit solchen Dingen beschäftigt, wenn man merkt, dass ein Leben lang irgendetwas nicht gestimmt hat und man nie so richtig in dem Leben, was die anderen führen, ankommt.

Zwei Jahre lang schwieg ich über meine Vermutungen, weil ich Angst hatte, ausgelacht oder stigmatisiert zu werden. Doch eines Tages traute ich mich an die Öffentlichkeit, begann über meine „unsichtbaren“ Probleme zu schreiben und erhielt eine überwältigende Resonanz von anderen Betroffenen. Das schenkte mir den Mut fortzufahren. Da ich mir die Probleme nicht ausdenke, sondern sie am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe und immer noch verspüre, wurde ich immer sicherer, dass ich tatsächlich betroffen bin. Doch warum merkte und merkt man das nicht? Weil ich gelernt habe meine Probleme in der Öffentlichkeit zu kaschieren und sie daheim mit mir alleine ausmache. So war es mein ganzes Leben lang. Deswegen redete ich mir immer ein, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt. Ich schämte mich bislang dafür.

Wenn es doch so viele Jahre funktioniert hat und ich mein Leben nun zusehends mehr darauf ausrichte, warum dann noch eine Diagnose? Ich könnte es doch als gegeben hinnehmen und das Beste daraus machen. Also, welchen Zweck soll eine Diagnose erfüllen?

Nun, ich bin ein Mensch, der gerne die Dinge verstehen möchte, die mit mir passieren. Gewissheit gibt mir Sicherheit. Da so viele psychische Störungen durch Traumata in der Gesellschaft existieren ist es auch für mich schwer, alles klar zu definieren und abzugrenzen. Ich glaube, dass sehr viele vom Asperger Syndrom Betroffene ein schweres Leben hinter sich haben oder immer noch führen. Es ist oft mit Depressionen, Ängsten und Krankheiten gezeichnet. Das ist bei mir nicht anders. Was liegt da mehr auf der Hand, als von einer psychischen Störung, einem Traumata oder einer Epigenetik zu reden? Epigenetik ist eine Zusammenkunft von Genen und der Umwelt und kann zu einer Fehlregulation der Stresshormone führen. Das alles kreuzt sich fast nahtlos mit einer Autismus-Diagnose. Wie bekomme ich nun diese vielen in Frage kommenden Auslöser und deren Folgen voneinander abgegrenzt, um zu wissen, was wirklich in mir passiert?

Im Grunde gar nicht, denn das gelingt in den meisten Fällen nur durch eine Psychotherapie, aufwendigen Tests oder langen Gesprächen mit Spezialisten. Während dieser wahrgenommen Möglichkeiten schafft man es, bestimmte Kriterien auszugrenzen und sich so einer Autismus-Diagnose zu nähern.
Ich kenne mittlerweile einige, die bei einer zuständigen Anlaufstelle um einen Diagnose baten, weil sie sich ziemlich sicher waren, davon betroffen zu sein. Doch 100%tig sicher ist sich im Grunde niemand, wenn es um hochfunktionalen Autismus geht.

Viele betroffene Frauen werden in den ersten Diagnosegesprächen abgewiesen oder derart verunsichert, dass ihr Druck wächst. Sie erleiden Ängste, sich blamiert zu haben und fühlen sich abgewertet und erneut irritiert. Mein erstes Gespräch war auch nicht prickelnd und ich fühlte mich durch die ersten Fragen sofort in die Irre geführt und stigmatisiert, aber als mein Mann einges Dinge belegte, fuhr man mit der Diagnose fort.

Tja, im Alter ist es nicht mehr so einfach, eine Diagnose zu stellen, weil man viele Situationen derart trainiert hat, dass man dem Arzt seine Probleme kaum noch vorführen kann. Trainiert bedeutet aber nicht, dass sie weg sind, sondern nur, dass man sie kaschiert und es „irgendwie“ weiter aushält damit zu leben. Das kann es nicht sein! Hinzu kommt die Schwierigkeit, nicht immer zur rechten Zeit die richtige Antwort parat zu haben. Einer meiner größten Probleme bei wichtigen Gesprächen und ein Merkmal des Asperger Syndroms. Ein Teufelskreis also.

Ich benötige die Gewissheit, um endlich mit mir ins Reine zu kommen. Ein Leben lang leide ich unter der Unruhe/Getriebenheit, ja, sogar Angst, was mit mir los ist. Ich möchte, dass eine Diagnose mir diese Angst nimmt. Ich will wissen, woran es nun tatsächlich liegt, dass ich so vieles anders wahrnehme oder reagiere als andere um mich herum. Um psychische Störungen, Traumata und Epigentik auszuschalten muss ich weit zurück in meine Kindheit gehen. Wie war ich als Kind und Jugendliche bevor die Krankheiten oder eventuelle Traumata begannen? Und genau das ist der Knackpunkt!
Aus meiner Sicht lässt sich eine Diagnose nur dann recht sicher stellen, wenn ich mich mit genau dieser Zeit auseinandersetze. Passen in diese Zeit immer noch autistische Merkmale? Wenn ja, befinde ich mich auf dem richtigen Weg. Und in der Tat, je mehr ich meine Kindheit durchleuchte und meine alten Tagebücher lese, desto klarer wird mir: Ich war nie normal! Ich wollte nur immer normal sein, doch es gelang mir nie! Ich wollte immer mit anderen Kindern spielen, doch es klappte nur selten. Ich wollte immer wie andere Mädchen sein, doch ich konnte mich nie in sie hineinversetzen. Ich wollte immer die gleichen Interessen haben wie meine Mitschüler, doch meine waren vollkommen anders. Alles war anders. So ist es heute noch und es wird nie anders sein.

Bei einem ersten Diagnosegespräch sollte man genau diese Themen auspacken, denn wenn man von seinem inzwischen angepassten und trainierten Verhalten erzählt, wird eine Diagnose schwierig.

Eine Diagnose ist für mich wichtig, damit ich endlich innerlich zur Ruhe kommen, gelassener reagieren und mich sortieren kann. Will das nicht jeder „normale“ Mensch auch?

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)
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6 Gedanken zu „Ist eine Diagnose bei hochfunktionalem Asperger-Autismus im fortgeschrittenen Alter noch nötig?

  1. Frau Anders

    Ich hab grade ein Tränchen im Auge, weil du genau von dem schreibst was derzeit auch in mir vorgeht und irgendwie an der selben Stelle einer Entwicklung stehst wie ich zur Zeit. Ich kam mir immer so einsam mit meinen Gedanken vor, selbst unter anderen Autisten. Ich fühle mich zwischen den Welten stehend und gehöre doch in beide. Es ist so schwer die passenden Worte zu finden und jetzt lese ich sie plötzlich hier. Ich bin auch ein Meister im kaschieren und ich bin damit eigentlich ganz gut durchs Leben gekommen. Ich bin vielleicht hier und da mal angeeckt, aber so grundsätzlich lief es ganz gut. Nur meine Seele war irgendwie immer am kränkeln. Ständig war ich auf der Suche was bloß mit mir los seie, ewig begleitet von tiefer Traurigkeit ohne für mich erkennbaren Grund. Ich vermute heute daß es ihr sehr viel besser gehen würde, würde ich diese blöde Schauspielerei und Anpasserei endlich mal lassen und beginnen zu leben wie ich so bin. Aber das ist alles so sehr antrainiert und tief verwurzelt, daß ich das kaum fallen lassen kann selbst wenn ich es will. Ich weiß nicht, wie man so lebt als Autist. Wahrscheinlich 180° anders als sonst. Außerdem ist der Preis für dieses dem wesen angepaßte Leben auch recht hoch, denn dann würde das „normale“ Leben nicht mehr funktionieren. Also zumindest bei mir. Ich merke da ja jetzt schon erste Schwierigkeiten. Ich lasse zur Zeit einiges Stück für Stück fallen und merke wie es mir gut tut. Aber es macht mich so extrem viel empfindlicher und das Leben da draußen fällt mir plötzlich schwer an Stellen die mir früher nicht offensichtlich geschadet haben. (Also innen haben sie sicher sehr geschadet) Ein Teufelskreis. Ich denke die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Denn auch wenn nicht immer alles echt und super authentisch ist was man da früher in seinem normalen Leben gelernt hat, es sind doch aber auch wichtige Skills in dieser Welt zu bestehen trotz Autismus im Inneren.
    Ich hab den offiziellen Diagnostiktermin ja auch noch vor mir. Mal gucken ob jemand hinter meine Fassade zu blicken vermag. Ich glaub da ehrlich gesagt nicht wirklich dran, denn auch ich tue mich sehr schwer im verbalen präzisen schildern von Dingen.

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  2. Pingback: Andersfamilie

  3. denkmomente Autor

    Vielen vielen Dank für diese tolle Rückmeldung! Im Grunde ist es das Wichtigste, dass man selbst an sich glaubt und weiß, was mit einem los ist. Doch wenn man im Leben immer voller Unsicherheit und Angst gelebt hat, ist eine solche Diagnose der rettende Anker, um nicht weiter in Angst davonzuschwimmen. Ich muss diesen Anker endlich auswerfen und mir eine Bestätigung holen, damit ich stoppe darüber nachzudenken, ob es etwas anderes sein könnte. Ich will die Gewissheit, um zur Ruhe zu kommen. Viele brauchen das nicht. Es hat bei mir vielleicht auch damit zu tun, dass ich nichts mehr erklären möchte. Liebe Grüße und viel Kraft bei der Diagnose. Lassen Sie sich nicht aus der Fassung bringen. Berichten Sie auch von ihrer Kindheit und schreiben alles vorher auf einen Zettel, was Ihnen einfällt. Ich habe vier Blätter voller Bemerkungen, was mir im Laufe des Lebens alles aufgefallen ist, weil ich im Gespräch fast nichts spontan abgrufen kann. Alles Gute!

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  4. Forscher

    Danke.

    Auch bei mir ist das derzeit ein aktuelles Thema. Und Gewissheit ist tatsächlich ein wichtiger Punkt. Und gleichzeitig Aufarbeitung. Jahrzehntelang hab ich die Kindheit verdrängt, die Mobbing- und Ausgrenzungsphasen während der Schulzeit. Und jetzt setzt sich Stück für Stück ein Puzzle zusammen. Immer wieder hört man „schau nach vorne. Die Kindheit ist Vergangenheit“, aber so leicht ist es nicht. Denn die Vergangenheit hat mitgeprägt, leider auch stark negativ, und jetzt gelingt es mir erstmals, Antworten zu finden, warum sich vieles anders entwickelte als erwartet, sowohl nach eigener Erwartung als auch von außen. Erst, wenn ich die Antworten gefunden habe, kann ich die Vergangenheit loslassen. Das ist auch mein analytischer Verstand, der nicht lockerlässt. Vielleicht der Nachteil eines guten Langzeitgedächtnis.

    Guter Tipp, das mit dem Notieren der Kindheit- und Schulzeiterlebnisse. Im Gespräch vergesse ich auch oft die relevanten Informationen und kompensiere manchmal zu stark. Gerade ein Gespräch mit einem Psychologen findet im maximal geschützten Rahmen statt: Bestenfalls ein ruhiger Raum ohne Reizüberflutung, Schweigepflicht, und jemand, dem man ALLES erzählen kann. Wo man sich so geben kann, wie sonst nur gegenüber Freunden, der Familie oder anderen Autisten, die einen so akzeptieren wie man ist. Ich bin daher in diesem Rahmen im 1:1 Gespräch sicherer, gewandter und erscheine kommunikativ weniger beeinträchtigt. 99 % der Gespräche außerhalb des Rahmens verlaufen aber anders. So gesehen ist ein Gespräch in einem geschützten Rahmen so was wie eine Laborstudie, die nicht ganz realitätsgetreue Bedingungen widerspiegelt.

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  5. denkmomente Autor

    Genauso ist es! Vielen vielen Dank für die Rückmeldung. Es ist auch sehr wichtig, dass die Person, die beim ersten Diagnosegespräch das Gefühl vermittelt, dich ernst zu nehmen. Das war bei mir leider nicht der Fall und hat mich direkt stigmatisiert. Wenn mein Mann nicht für mich in die Bresche gesprungen wäre, hätte es keine weiteren Gespräche gegeben. Beim nächsten Mal schreibe ich alles auf, was ich sagen will, denn spontan läuft bei mir irgendwie garnichts. Liebe Grüße!

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  6. Chutzpe

    Ich glaube, dass es für einen selber wichtig ist. Ich bin so viele Jahre herumgeeiert mit der Borderline-Diagnose, die wir jedoch alle als nicht ganz passend empfanden (auch meine Psychiaterin nicht, die jedoch mit mir 13 Jahre lang eine tolle VT gemacht und dafür gesorgt hat, dass ich heute nicht mehr nur hochfunktional sondern auch „gesellschaftsfähiger“ und mehr bei mir selber bin). Die Erlösung kam als ich ADHD abklären lassen wollte – dieser Arzt sagte mir auf den Kopf zu, dass er Asperger vermutet und hat das gleich mit mir in mehreren Sitzungen abgeklärt.

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