Archiv der Kategorie: Autismus

60 Grad Hitze im Kopf

Diese Hitze hat nichts mit einem heißen Sommer zu tun, sondern sie soll beschreiben, wie ich mich fühle, wenn Menschen um mich herum sind.

Es fängt schon im ganz kleinen privaten Umkreis an: die Familie oder der Partner.
Sosehr ich alle liebe, so sehr reagiert aber auch mein Kopf darauf. Ich habe schön öfter versucht zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn meine Aufmerksamkeit auf andere Menschen gerichtet ist. Wo NTs wahrscheinlich keine Veränderung oder sogar ein angenehmes Gefühl verspüren, tut sich bei mir im Kopf eine ganze Menge. Ich möchte es gerne einmal anhand eines Beispiels beschreiben:

Ich bin allein im Haus und fühle mich dadurch sehr entspannt. Mein Kopf hat eine gefühlte Temperatur von angenehmen 20 Grad, die mich kreativ denken und arbeiten lässt. Nun betritt mein Ehepartner das Haus, und was viele Menschen als sehr angenehm empfinden, löst bei mir ein völlig anderes Gefühl aus. Die Temperatur im Kopf fährt hoch. Es müssen mehr Sensoren geschaltet werden und mein angenehmes Gefühl ist vorbei. Ich fahre mein Aufmerksamkeitslevel hoch, weil ich natürlich meinem Partner auch begegnen will. Ich möchte direkt klarstellen, dass mein Ehepartner nichts dafür kann. Es ist ganz allein mein Problem.
Meine Temperatur im Kopf fährt also auf gefühlte 40 Grad hoch. Man stelle sich nun einen hochroten Kopf vor (den ich natürlich nicht habe) und mein innerer Stress beginnt. Kommen noch mehr Familienmitglieder dazu, erhöht sich die Temperatur in meinem Kopf auf gefühlte 60 Grad. Ganz schlimm wird es, wenn ich Fremden, größeren Gruppen oder Veranstaltungen begegnen muss. Dann laufen immer mehr Sensoren auch Hochtouren, so dass ich nach geraumer Zeit vollkommen erschöpft zusammenfalle und eine lange Erholungszeit brauche, um die Temperatur im Kopf wieder runterzufahren.

Wie sieht nun mein Alltag aus?
Nun, ich bin verheiratet und stehe damit vor der Herausforderung, diese Temperatur auszuhalten. Das ist sehr schlimm für meinen Partner, weil ich ihm in seinem Beisein nie das Gefühl von totaler Erholung schenken kann. Er muss also damit klarkommen, dass ich jedes Zusammensein mit einem gewissen Stress verbinde, ohne es zu wollen.
Für mich ist es auf Dauer nicht auszuhalten, wenn der Partner den ganzen Tag und die ganze Nacht um mich herum ist. Besonders schlimm wird es, wenn es um das Thema Urlaub geht. Für mich war Urlaub nie Urlaub, sondern der pure Stress und ich fiel nach der Reise oft tagelang komplett erschöpft zusammen.

Ich kann für diesen Zustand nichts und er hängt mit meinem Autismus zusammen, weil ich alles doppelt so stark, wenn nicht sogar mehr, wahrnehme als Menschen ohne Autismus. Man könnte auch sagen, ich bekomme immer die volle Packung.
Was funktioniert also wirklich in meinem Leben?
Mein Ehepartner ist sich bewusst, dass er mich jeden Tag eine gewisse Stundenzahl allein lassen muss. Damit meine ich „ganz allein“, also nicht nur in einem anderem Zimmer sitzt. Entweder geht er außer Haus, was bei einer Arbeitsstelle außerhalb ganz normal ist, oder ich verlasse das Haus und suche eine einsame Stelle auf, wo ich arbeiten kann.
Wir haben versucht, andere Möglichkeiten zu finden, aber es kam immer das gleiche Ergebnis heraus, nämlich dass ich vor Erschöpfung zusammenfiel oder in Overloads, Meltdowns oder eine Verstummung fiel. Seitdem wir uns ein System erarbeitet haben, bleiben diese unerträglichen Zustände fast ganz aus.
Es ist für den Partner von Autisten harte Arbeit, ebenso wie für den Autisten selbst, die Realität als das zu erkennen, was sie ist.

Warum ist mir das nicht früher aufgefallen?
Nun, mein Mann war bis vor knapp zwei Jahren regelmäßig Arbeiten, doch seit er, genau wie ich, freiberuflich ist, hat sich dieses Problem in einer Form gezeigt, die ein Umdenken erforderte. Auch in Hinsicht auf ein späteres Rentendasein, wo dieses Thema unweigerlich auf uns zugekommen wäre.
Wir haben uns auf diese Umstände eingelassen und mussten von beiden Seiten viele Kompromisse in den letzten Jahren eingehen. Die einfachste Lösung wäre natürlich die Trennung, aber wäre es eine gute Lösung? Sicher nicht. Nach fast 33 Jahren Ehe hat man sich zu schätzen gelernt. Auch die Wichtigkeit der gegenseitigen Hilfe. Das möchten wir gerne erhalten.

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Das Gefühl der vergeudeten Zeit

Kennt Ihr das?
Dieses Gefühl habe ich über dreißig Jahre lang in mir verspürt. Nämlich immer dann, wenn ich daheim nach getaner Arbeit erschöpft in meinen Sessel fiel. Ich wohnte immer sehr schön, hielt immer meine Umgebung sauber und hübsch anzusehen und doch konnte ich nie das Gefühl des Ankommens verspüren. Egal was ich tat, es fühlte sich immer wie eine Art Getriebenheit an. Ich hatte alles und doch kam es mir so vor, als würde immer etwas fehlen. Ich verspürte immer diese Vergeudung von Zeit. Was war das nur? Was bedeutet Vergeudung?

Vergeudung bedeutet für mich Sinnlosigkeit, nicht zu wissen, warum und wofür ich auf dieser Welt bin. Ich sah in vielen Dingen keinen Sinn oder verstand vieles um mich herum nicht. Die Logik und Aufrichtigkeit fehlten. Ein merkwürdiges Gefühl.

Heute weiß ich was es war, denn ich habe mir inzwischen die Lebensform verschafft, die mir dieses Gefühl genommen hat. Ja, es war die Lebensform, die ich suchte und nicht fand. Ich habe Begabungen, die ich nicht ausleben konnte, weil ich zu sehr mit der Anpassung an die Gesellschaft beschäftigt war und es alles recht machen wollte. In mir schlummerte der Drang nach ganz anderen Dingen, die keine Zeit fanden. Ich habe über dreißig Jahre in einem für mich vergeudeten Leben gesteckt. Diese Vergeudung hatte etwas mit meiner falschen Wahrnehmung mir selbst gegenüber zu tun, nicht mit der Umgebung. Ich konnte alles haben und doch fühlte es sich wie eine Nutz- oder Sinnlosigkeit an. Es war so ein tiefes Gefühl der Unzufriedenheit in mir drin. Eine Art Unruhe, und ich konnte es nie erklären.

Als ich mich nach einem Zusammenbruch in den Prozess der Selbsterkennung begab und mich immer mehr als diejenige mit all meinen Schwächen und Stärken annahm, die ich wirklich war, verschwand dieses Gefühl ganz langsam. Ja, ich ließ plötzlich Schwächen zu und andere wissen, dass ich nicht mehr in dem Ausmaß für sie da sein konnte, wie sie es gewohnt waren. Es begann eine schwere Zeit, in der ich einen Teil der Familie und Freunde opfern musste, weil sie mich nicht ichselbst sein ließen. Es war ein Kampf, in dem ich vieles einfach nur aushalten musste und der mir doch immer wieder das Gefühl gab, das Richtige für mich zu tun. Eine Gratwanderung. In dieser Zeit entdeckte ich meine wahren Stärken, die ich bereits als Kind und Jugendliche schon bemerkt hatte, doch im Prozess der Anpassung vollkommen verloren hatte.
Ich begann, alle Menschen um mich herum, die mich belasteten, auf Distanz zu halten, und auch die Umgebung, die mich belastete, zu verlassen. Ich lebte in einem Ballungsgebiet und fühlte mich eingeklemmt und mit Geräuschen und Gerüchen überfordert.  Diese beiden Punkte haben mich zu neuen Menschen und Orten geführt, die sich einfach gut für mich anfühlen. Nun habe ich wenig Menschen und viel Natur um mich.
Mir wurde klar, dass man Gutes für sich einfach nicht ohne eine schlechte Zeit oder eine Art Kriegserklärung gegen das alte Leben erreichen kann. Nichts läuft durchgehend mit einem guten Gefühl ab. Und doch steht am Ende genau das und nimmt das Gefühl der Vergeudung.

Jetzt kann ich in einem Sessel sitzen und das Gefühl der Sinnhaftigkeit in mir wahrnehmen. Ich lebe meine Stärken und nehme meine Schwächen hin. Es funktioniert.

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Ich kann die Welt nicht verstehen

Gerade jetzt im Jahre 2017 zeigen sich meine  Probleme, die Welt nicht verstehen zu können, so deutlich wie nie zuvor. Es ist nicht nur die politische Lage, die in der Welt herrscht, sondern auch meine Betrachtungsweise auf viele Menschen und Vorgänge finden kein Verstehen.
In politischer Hinsicht teilen sicherlich viele Menschen, ob vom Autismus betroffen oder nicht, meine Meinung, aber es geht mir um etwas ganz anderes. Es geht mir um eine Art Wertfreiheit.

Ich betrachte die Menschen immer zunächst wertfrei und verstehe den Menschen an sich als ein soziales Wesen mit guten Absichten. Damit stehe ich sicherlich ziemlich allein da.
Ich kann so oft nicht verstehen, was die Menschen sich gegenseitig antun und oder beabsichtigen, um einen Vorteil zu erlangen. Warum dieser Wettkampf? Wofür? Bekommt man dafür Bonuspunkte bei der Lebenszeitverlängerung?  Wie kann es sein, dass ständig unsoziale Denker an die Macht kommen und die Welt zur Aufruhr und zum Krieg verführt? Wie kann es sein, dass genau solche Menschen von der Mehrheit des Volkes gewählt und dann auch noch bejubelt werden? Welche Menschen stecken hinter einem solchen Verhalten? Für mich ist das alles krank. Und es macht mich sprachlos.
Es schmerzt, wenn ich mir bewusst werden muss, dass viele Menschen einfach nicht sozial sind. Das bedeutet für mich, dass sie daran interessiert sind, anderen zu schaden, um ihre eigenen sozialen Unfähigkeiten zu vertuschen. Sie gehen ohne Skrupel gegen andere vor und fühlen sich gut dabei. Woran kann ich diese Menschen frühzeitig erkennen, wenn ich ihnen begegne? Ich habe dabei große Probleme.

Wenn ich das Unglück auf dieser Erde betrachte, denke ich manchmal, dass die Erde in zwei Welten geteilt werden sollte. Wirklich! Und dabei bin ich weder rassistisch noch diktatorisch. Aber es sind doch letztendlich die Lügen und Täuschungen, die viele Menschen zu einem normalen Umgang erklärt haben und jetzt Früchte tragen. Lügen, die so offensichtlich sind, dass man sie doch nicht überhören kann…
Auf der einen Hälfte der Erde würde ich alle missgünstigen, unsozialen und verlogenen Menschen, und auf der anderen die wohlgesonnen, die sich gegenseitig wettbewerbsfrei stützen und sich nicht in die Belange des anderen einmischen, solange sie anderen nicht schaden, unterbringen. Sollte Schaden entstehen, dann würde ich sie direkt auf die andere Seite der Erde verbannen.
So ähnlich nehme ich die Welt inzwischen wahr, nur dass die Erde nicht geteilt ist. Nein, ich fühle mich vielen Vorgängen und Menschen gegenüber fassungslos und gelähmt ausgeliefert und weiß oft nicht, wo auf der Welt ich mich aufhalten kann, damit mich die Bösartigkeit nicht erreicht. Ich will nicht einer von denen werden, die Hass gegen andere Menschen schüren.
Mittlerweile bin ich soweit, mich von allen Nachrichten zu distanzieren, weil sie mich in meiner Wahrnehmung des Guten auf der Welt beeinträchtigen. So wird doch ständig nur von den schlechten Dingen berichtet und die Menschen damit immer mehr zum Schlechten gedrängt. Ich will das nicht. Ich höre mir das nicht mehr an.
Die Welt ist im Grunde ein herrliches Paradies, in dem man mit Freundlichkeit, Respekt und Toleranz wirklich gut leben kann. Stattdessen hauen sich die Menschen Hass, Wut und Zorn um die Ohren. Mitleid den Opfern gegenüber wächst, doch die Täter regieren weiterhin. Was muss passieren, damit der Terror unter den Menschen aufhört? Der Terror lebt von der Aufmerksamkeit und der Verbreitung seiner Taten. Er erreicht genau die, die ständig hinschauen und sich mitreißen lassen. Diese Menschen erleiden Ängste, die sie dann weitergeben und entwickeln Lebensansichten, die nicht ihre eigenen sind. Und schon ist der Hass geboren.
Wo ist die Grenze? Es gibt keine, denn sie ist fließend und ich finde, jeder Mensch sollte sich langsam fragen, inwieweit er sich von seinem Glück noch entfernen möchte, indem er sich mitreißen lässt.

Ich freue mich über jeden Menschen, der mir begegnet, und der nicht von hinterlistigen Absichten beherrscht wird. Doch wenn man mit einer autistischen Wahrnehmung lebt, kann man solche Menschen oft schwer auf Anhieb erkennen. Die Eigenschaft, das gesprochene Wort als solches zu erkennen, wofür es einst gemacht wurde, ist mein größtes Problem, denn genau dort hat die Menschheit die größte Täuschung überhaupt eingebaut: die Lüge. Sie ist es, die in Wahrheit regiert. Gute Worte werden für schlechte Absichten benutzt. Sie sollen beruhigen, vertuschen und über etwas hinwegtäuschen, was der Redner nicht aussprechen möchte.
Ich fühle mich hilfelos…
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Wertschätzung

Alles hat einen Wert in der Gesellschaft – Material, Pflanzen und Lebewesen. Werte, die die Gesellschaft selbst festlegt. Werte, die ich leider oft nicht verstehe, denn für mich haben gewisse Dinge einen anderen Wert. Zum Beispiel Diamanten. Ich kann diesem glitzernden Stein einfach nichts abgewinnen und jeder der denkt, er könnte mir damit eine Freude machen, den muss ich enttäuschen. Für mich ist eine besondere Muschel am Strand oder ein besonderer Stein, den ich beim Wandern finde, um so vieles mehr wert als ein teures Schmuckstück. Solche Mitbringsel dekorieren oftmals meine Regale. Bei mir befindet sich der Wert im Kopf und nicht in der Geldbörse.

Damit habe ich direkt ein anderes Wort für Wert: Juwel.
Kennt Ihr den schönen Spruch: „Du bist ein Juwel?“

Was Menschen einst als Begriff einem wertvollen Stein gegeben haben, hat für mich so viele andere Bedeutungen. So, wie vieles für mich anders auf dieser Welt ist. Wertvolle Dinge sind für mich oft wertlos und umgedreht. Bin ich deswegen dumm oder falsch?

Jemand sagte mal zu mir: „Wie kannst du ein teures Schmuckstück verwehren oder gar abwerten? Tickst du noch richtig?“
Tja, das frage ich mich jeden Tag neu. Ticke ich noch richtig? Bin ich die Uhr, die verkehrt herum läuft? Die schlimm für gut und hässlich für schön hält?
Leider ist das oft der Fall. Meine Wertschätzung scheint eine völlig andere zu sein, als die vieler Menschen um mich herum.

Was bedeutet eigentlich „Wert“ und „Schätzung“?
Wert ist ein individueller Begriff und darf niemals verallgemeinert werden, doch das wird er. Er wird daran gemessen, was die Mehrheit der Gesellschaft bestimmt.
Wenn ich das einmal anders betrachte: Je seltener etwas existiert, desto mehr Wert hat es. Mit dieser Einstellung ständen wir als Asperger-Autisten doch toll da, oder nicht? Wir sind ziemlich selten anzutreffen, genau wie ein Diamant oder Gold. Doch schätzt man AS-Betroffene deswegen mehr?
Leider lehrt mich die Erfahrung immer wieder, dass sich der Begriff „Schätzung“ in einer Schieflage in unserem Wortschatz befindet.
Asperger Autisten haben so unglaublich viele Stärken, die sie wertvoll machen und viel mehr geschätzt werden sollten.
Inzwischen geht ein kleiner Ruck durch die Berufsbranche, die immer mehr Betroffene einen Beruf ermöglicht, in dem er optimal aufgehoben ist. Es würde mich sehr freuen, wenn es so weiterginge. Es erscheinen auch immer mehr Bücher über und von Betroffenen, die eine bessere Aufklärung betreiben, als manches Fachbuch. Auch dafür bin ich dankbar.

Wertschätzung ist für mich eine Tugend. Ich wertschätze mit dem Herzen und treffe dabei immer häufiger auf völlig andere Dinge, als es in der Gesellschaft der Fall ist. Ich wertschätze zum Beispiel keine Einladung, die kaltherzig und unpersönlich einhergeht, sondern die in einem kleinen Rahmen mich gezielt erfreuen soll. Ich schätze keine teure Torte von einem Konditor zum Geburtstag, sondern den kleinen selbstgebackenen Kuchen aus der eigenen Küche. Es ist der Gedanke, der mich erfreut, nicht der Preis, der sich dahinter verbirgt. Doch ist es nicht so, dass genau das in der Gesellschaft eine größere Wertschätzung erhält? Wozu werden viele Preisverleihungen in einem unsagbar teuren Rahmen veranstaltet? Doch nur, um ihnen „mehr Wert“ zu geben. Ich frage mich, ob die Menschen, die daran teilnehmen und auch auf den After-Show-Partys anwesend sein müssen, wirklich glücklich damit sind? Ihre Gesichter zeigen andere Gefühle. Und doch „wertschätzt“ man solche Veranstaltungen in der Öffentlichkeit. Ich kann in dieser Scheinwelt leider nicht leben.

Tja, das ist wieder mal so ein Thema, was mich von vielen anderen unterscheidet …
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Selbstzerstörung

Rückblickend auf einen jahrelangen Prozess finde ich erstmals den Mut, über meine Selbstzerstörung zu schreiben.
Es gibt Themen, die ich einfach nicht näher beleuchten will, doch ich weiß, bei meiner Selbstreflexion darf ein Thema, das so bedeutungsvoll ist wie die Selbstzerstörung, nicht fehlen.

Wann hatte es eigentlich begonnen? In meiner Kindheit und Jugend kann ich mich nicht erinnern, jemals etwas getan zu haben, was sich selbstzerstörerisch anfühlte. Ich lebte in einem selbstbestimmten Schutzraum meiner Gefühle und Interessen und öffnete diesen Raum nicht für andere. Doch dann verließ ich meine Jugend und damit meinen Schutzraum. Die Selbstzerstörung begann.

Sie begann schleichend. Innerlich. Zehrend. Erschöpfend. Unwiderruflich. Tag für Tag kämpfte ich gegen meine eigene Wahrnehmung an und forderte mein Innerstes heraus, sich eine neue Betrachtungsweise auf die Welt anzueignen. Ich begann fremdgesteuert zu leben und zu entscheiden. Achtete stets darauf, andere zu imitieren und mich der Gesellschaft anzupassen.
Soweit der innere Prozess.

Ich bemerkte jahrelang nichts, denn es spielte sich ja innerlich ab. Ich bemerkte nicht, wie sich mein Körper mehr und mehr mit der Abwehr meiner eigenen Empfindungen beschäftigte und sein eigenes Hab und Gut vernachlässigte. Ergebnis: Krebs. Keine Immunität mehr. Innerliche Selbstzerstörung vollzogen.
Ein Wendepunkt in meinem Leben. Endlich durfte ich „langsamer“ werden. Doch wer erst einmal mit der Selbstzerstörung begonnen hat, kann sie kaum bremsen.

Wieder einmal schleichend kehrte ich zurück in die alte Welt. Da ich mein Innerstes nicht zu steuern vermochte, wendete ich mich der äußeren Schicht zu – der Haut. Ich kratzte sie zum ersten Mal an einer rauen Stelle auf. Ich wusste bereits aus vielerlei Berichten von dem Borderline-Syndrom, sah mich aber keineswegs als Betroffene. Doch da war immer dieses Jucken und das Verlangen, überall zu kratzen. Je ruhiger ich im Sessel saß, desto stärker spürte ich den Juckreiz. Es gab keinen medizinischen Grund, außer dass meine Nerven auf der Haut ständig rotierten. Alles schien zu kribbeln und eine wahre Jagd nach Beruhigung begann mich zu plagen. Nach der ersten aufgekratzten Stelle fand ich die zweite. Ich war bemüht, Stellen zu finden, die man nicht auf Anhieb sah. Meistens waren es die Arme oder die Schulterblätter. Große wunde Stellen zeigten sich und ich konnte nicht aufhören, sie immer wieder aufzukratzen. Dann der Kopf. Auch dort gab es bereits die ersten blutigen Stellen. Die Selbstzerstörung schritt voran. Innerlich kämpfte mein Immunsystem weiter um Kraft und Abwehr, doch es kamen Diabetes Typ 1 und eine Schilddrüsenüberfunktion dazu. Das ließ meine Haut noch mehr rotieren, denn jeder hohe Zuckerwert löste Trockenheit auf der Haut aus und gab mir einen neuen Grund zu kratzen.

Es gab Zeiten, an denen ich neun blutige Stellen am Körper hatte. Es waren Zeiten, in denen ich mich extrem viel verbog, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen. Je mehr Mühe ich mir gab, desto stärker wurde die Selbstzerstörung.

An dieser Stelle möchte ich an einen Punkt kommen, den viele Betroffene kennen: Die Scham!
Ich schämte mich, auch nur ansatzweise darüber zu sprechen. Ich schämte mich, meinem eigenen Körper etwas so Ekelhaftes anzutun. Ich kenne Menschen, die schnitten sich die Haut mit Messern auf oder ritzten sich mit Glasscherben. Ich verstehe ihre Motivation, denn ich hatte die gleiche: Der innere Druck muss irgendwo raus. Ich kannte oftmals ihre Hintergründe wie Vergewaltigungen oder traumatische Erlebnisse, doch ich hatte keine solchen Erlebnisse hinter mir. Selbst der Tod meiner Mutter erscheint mir bis heute nicht als Trauma. Es musste also einen anderen Grund geben. Ich las unzählige psychologische Berichte und konnte mich nirgends einordnen. Woher stammte dieser innere Druck, der mich über Jahre nicht losließ? Es war inzwischen zu einer Art Zwang geworden, mich zu verletzen.

Als ich erstmals vom Asperger Syndrom las, ließ der Wunsch nach Selbstzerstörung plötzlich in mir nach. Es wurde besser. Tag für Tag las ich Bücher, die heilend auf mich wirkten. Jede Zeile heilte mich ein wenig mehr …

Heute, rückblickend auf diese Zeit, kann ich behaupten, dass der Körper und meine Natur mir schon von Beginn der Zeit, als ich meine wahre Natur zu verbiegen begann, mitteilten, dass etwas nicht stimmte. Dass der Weg, den ich einschlug, falsch war. Mein Körper hat die ganze Zeit um meine Aufmerksamkeit gekämpft und sie nicht bekommen. Warum nur? Ich fand damals keine Antworten. Als ich durch meine ersten Blogs begann, nach weiteren Betroffenen des Asperger Syndroms zu suchen, bemerkte ich den Prozess, der mich immer weiter in mein ursprüngliches Leben, das ich als Jugendliche verlassen hatte, zurückholte.
Nun, nach einigen Jahren der Selbstfindung und damit der Selbstheilung habe ich meinem Körper etwas versprochen: Ich werde jedes Signal, wenn er Unbehagen empfindet oder sich nicht wohlfühlt, ernst nehmen. Doch auch heute gibt es immer noch die eine oder andere verletzte Stelle an meinem Körper, denn ich werde nie ganz in meiner Welt leben können. Hin und wieder muss ich sie eben verlassen, um zu überleben. Aber das kann ich inzwischen gut aushalten.

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Gut, dass Sie es nicht wussten … sagte der Psychologe

Wer hält das für möglich! Da soll ich froh sein, dass ich über all die Jahre nichts vom Asperger Syndrom wusste und doch „so gut“ durchgekommen bin. Ich schrieb bereits einmal über dieses leidige Thema, aber es ärgert mich immer wieder, so etwas zu hören. Vor allen Dingen in Zusammenhang mit betroffenen Eltern, die jahrelang unter großer Ungewissheit litten und die mit ihren vom Asperger Syndrom betroffenen Kindern Hilfe suchen und den pfleglichen Tipp bekommen: „Sie sind doch auch gut durchgekommen. Dann bekommen Sie das Kind auch gut durch.“
Entschuldigung, aber mir wird bei solchen Empfehlungen kotzübel!!
Mein Tipp: Diesen Ratgeber sofort at acta legen!
Warum?

Sind wir wirklich gut durchgekommen? Nein!
Ging es uns all die Jahre wirklich gut? Nein!
Wollen wir, dass alles so bleibt? Nein!
Wollen wir Klarheit? Ja!
Wollen wir Gewissheit? Ja!
Wollen wir, dass sich etwas ändert? Ja!
Wollen wir, dass es unseren Kindern gutgeht? Ja!
Nur deswegen suchen wir Hilfe auf. Ich suche doch keine Hilfe, wenn ich mit der Situation zufrieden bin. Also, Ärzte, die solche Aussagen machen, haben aus meiner Sicht ihren Beruf verfehlt.

Ich würde jeder Familie und überhaupt jedem Menschen empfehlen, sich die Hilfe zu suchen, die sich auch auf deren Seite stellt. Wir wollen einen doch keinen Krieg gegen unseren eigenen Arzt führen? Umgedreht erscheint es mir oft so. Ja, ich empfinde es als richtig gemein und unprofessionell, wenn mich der Arzt mit meinen Sorgen nicht ernst nimmt und meine Probleme schönredet.
Ich liebe es, in solchen Fällen die „Umkehrformel“ anzuwenden. Wie würde sich der Arzt fühlen, wenn er Hilfe bei einem Kollegen sucht und dieser ihm sagte: „Sie sind doch bis jetzt ganz gut durchgekommen. Dann schaffen Sie das auch weiter.“ Ich würde fragen: „Na, wie fühlt sich das an?“

Es macht mich so wütend, dass ich immer wieder von diesem Problem lese. Da wird von manchen Ärzten der Begriff „Kaschieren“ mit „Wohlfühlen“ verwechselt. Wir brauchen mehr Duden in den Arztpraxen, um die Begriffe neu zu klären.

Das größte Problem und gleichzeitig eine große Gefahr beim Asperger Syndrom oder dem Hochfunktionalen Autismus ist doch genau die Anpassung, die gänzlich gegen die Natur desjenigen arbeitet. Dann liegt es doch auf der Hand, dass derjenige früher oder später erkrankt, entweder körperlich oder mental. Wie hätten Sie es denn gerne, Herr Doktor! Na, vielleicht kommt auch ein kleiner Suizidversuch dazwischen, damit die Suppe auch köstlich schmeckt.
Schluss mit dem Sarkasmus, der mich bei diesem Thema immer wieder einholt.

Jeder Betroffene von Autismus, egal, welche Art von Autismus es ist, sollte so schnell wie möglich beraten und diagnostiziert werden. Nur das garantiert dem Betroffenen eine Entwicklung, die ihn sich gut fühlen lässt. Jeder Mensch mit Autismus kann nämlich durchaus glücklich und im guter Balance in unserer Gesellschaft leben. Er muss nur das richtige Umfeld gestaltet bekommen. Und genau dabei benötigt er Hilfe. Das Umfeld sollte so früh wie möglich angepasst werden und nicht der Betroffene an das Umfeld. Und ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich habe dreißig Jahre meines Lebens darauf gewartet, „mein Leben“ leben zu dürfen, weil es mir als Kind weggenommen wurde. Das wünsche ich keinem anderen Menschen auf dieser Welt.

Meine Bitte an Eltern von betroffenen Kindern: Ihr spürt, wenn etwas nicht stimmt, wenn eure Kinder plötzlich aus unerfindlichen Gründen Probleme bekommen, Prüfungsangst erleiden, soziale Interaktionsprobleme zeigen oder sich einfach nicht in ihrer Rolle oder Haut wohlfühlen. Dann stecken sie vielleicht in einer Haut, in die sie reingepresst wurden aber nicht gehören. Redet mit euren Kindern, auch wenn sie jugendlich oder gar schon erwachsen sind. Gebt ihnen die Chance oder Möglichkeit, herauszufinden was los ist. Ich rede dabei nicht von Bagatellen. Ich rede davon, wenn Ihr das Gefühl habt, dass sich ein ernstes Problem anbahnt.
Und dann könnte Ihr sagen: „Gut, dass wir es wussten…“
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Bin ich in der Lage Verständnis aufzubringen?

Immer wieder werde ich durch interessante Beiträge zu neuen Blogs inspiriert. Es werden Themen angesprochen, die ich noch nie näher bei mir betrachtet habe. So das Thema „Verständnis“. Eine Reaktion, die autistischen Menschen gerne abgesprochen wird. Hier mein Beitrag dazu:

Mit Verlaub, ich habe in meinem Leben noch nie so vieles aufgebracht wie das Verständnis für andere Menschen. Kaum zu glauben als Autistin, würden vielleicht viele sagen. Eigentlich hat mein ganzes Leben nur aus Verständnis, Verstehen, Empathie und Kompromissen bestanden. Ich habe immer überall, bei jedem und für alles Verständnis aufgebracht, weil ich gedacht habe, das muss so sein, um miteinander klarzukommen. Oder verwechsel ich gerade das Verständnis mit Anpassung? Nein, eigentlich nicht.

Verständnis bedeutet für mich, dass ich die Meinungen, Gefühle und Wünsche anderer gelten lasse, sie akzeptiere, toleriere und respektiere. Das beginnt von der Äußerlichkeit, zieht sich über die Rolle in der Gesellschaft bis zu einer persönlichen Ansicht hin. Es gab kaum einen Menschen, den ich in diesen Bereichen beschnitten oder angegangen bin, solange er mich nicht angriff oder meine moralischen und ethischen Grenzen überschritt.

Ich zeigte Verständnis, wenn jemand zu spät kam.
Ich zeigte Verständnis, wenn mir jemand seine Sorgen erzählte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Hilfe wollte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand verärgert war.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Ansichten kritisierte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Pläne durchkreuzte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Erziehungsmethoden angriff.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Ehe angriff.
Ich zeigte Verständnis, wenn sich jemand ein anderes Verhalten von mir wünschte.
Ich war ständig darum bemüht, keinen Unfrieden zu verursachen.
Heute stelle ich mir die Frage, ob dieses Verständnis ein falsches Verständnis war und warum ich es aufgebracht habe.

Wieder einmal zwei klare Antworten:
Ja, es war falsches Verständnis.
Warum habe ich es aufgebracht? Weil ich jedes Mal, wenn ich dieses Verständnis nicht aufgebracht hätte, mich einer sozialen Interkation hätte stellen müssen, der ich nicht gewachsen war. Eines habe ich im Laufe meines Lebens gelernt: Menschen ohne Autismus können die soziale Interaktionsfähigkeit anders einsetzen. Sie können innerhalb von Sekunden so viele Argumente abrufen, dass ich darin, ehe ich reagieren kann, vollkommen ertrinke und sich dadurch eine immense Wut in mir aufbaut.

Nun gibt es aber auch andere Formen des Verständnisses, nämlich die, die innerhalb von Partnerschaften oder Beziehungen wichtig sind. Damit komme ich auf das Thema „Funkstille“ zu sprechen. Wenn sich diese Form des Rückzuges bei mir einstellt, dann ist eine Grenze bei mir überschritten worden, in der ich kein Verständnis mehr aufbringen kann. Warum?

Zuvor ist festzustellen, was die Funkstille ausgelöst hat. Meistens handelt es sich um ein Thema innerhalb der Beziehung/Partnerschaft. Von mir wird etwas erwartet, dem ich nicht nachkommen kann und ich versuche es zu erklären. Kommt das Thema wieder auf, versuche ich es erneut zu erklären, diesmal intensiver. Gibt mein Partner aber nicht auf und besteht auf ein Verhalten, dem ich nicht nachkommen kann, kommt es zu der sogenannten Funkstille. Warum? Weil ich Tage, Wochen oder Monate zuvor schon so viel zu erklären versucht habe, was der andere entweder nicht versteht oder verstehen will. Der andere will mich in eine Richtung drängen, der ich nicht nachkommen kann. Ist die Funkstille erreicht, kann ich auch kein Verständnis mehr aufbringen. Vorerst nicht. Kompromisse sind gänzlich unmöglich.

Doch warum wird immer wieder darauf gepocht, nachzugeben? Warum gesteht man gerade autistischen Menschen diese Reaktionen nicht mal ganz kompromisslos und verständnisvoll zu? Was ist daran misszuverstehen, wenn ich sage: „Ich will das nicht“, oder „ich kann das nicht.“ Warum muss immer weitergebohrt und erklärt werden? Ich bin die Erklärungen so satt.

Nun betrachte ich die Sache von der anderen Seite. Ein Mensch ohne Autismus sagt zu mir: „Ich will das nicht.“ Weißt du was ich darauf antworte? Ich sage: „Okay“, und nehme die Antwort als das hin, was sie aussagt. Wenn mir jemand sagt: „Ich kann das nicht“, dann kann ich das sehr gut akzeptieren und lasse denjenigen in Ruhe.

Es gibt Stationen im Leben von Autisten, in denen sie sich nichts sehnlicher wünschen, als in Ruhe gelassen zu werden. Und manchmal muss sich der nicht autistische Mensch fragen, ob ER nicht zu weit mit seinem Verhalten gegangen ist und das Verständnis einfach verspielt hat.
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