Archiv für den Monat November 2015

Seinem Ziel treu bleiben

Angeregt durch einen Blog zum Thema „Traumkiller“, kann ich kaum an mich halten, unendlich viel Wut in mir zu spüren. Aber auch Erleichterung und schlussendlich Glück! Träume und Wünsche aufzugeben, hat lange Zeit mein Leben bestimmt.

Jeder Mensch hat eine Vorstellung davon, was er kann, mag und sich wünscht. Punkt! Viele bemerken es recht früh, andere benötigen etwas mehr Zeit, um es herauszufinden. Sie müssen sich auf viele Wagnisse einlassen, um sich definieren zu lernen. Nun, wie auch immer. Aber jeder hat eine Kraft und Gabe in sich, die für sein Leben bestimmt ist. Es gibt keine Menschen ohne Begabung!

Es gibt allerdings genug Menschen, die deine Begabung anzweifeln!
Und damit zweifeln sie auch deine Wünsche und Ziele im Leben an. Entweder passt du nicht in das Bild dieser Menschen, was sie gerne von dir hätten oder sie möchten dich gerne für ihre eigenen Belange gewinnen.

Als spätdiagnostizierter Mensch mit Asperger Syndrom hatte ich mein ganzes Leben lang das Problem, genau das nicht filtern zu können. Ich entdeckte schon sehr früh mein Interesse an Büchern und dem Geschichteschreiben. Ja, es wurde fast hinderlich, noch nebenbei die Schule erledigen zu müssen. Mein Ziel im Leben stand schon sehr früh fest: Ich werde etwas in diese Richtung später machen.

Das war der Beginn, als sich vor mir unzählige Barrieren aufbauten. Stelle dir vor, du bist ein Hürdenläufer, der hunderte von Hürden vor sich hat, es aber noch nicht sieht, weil jede neue Hürde hinter einer Kurve steht. Wie lange, meinst du, kannst du es aushalten, bis du körperlich zusammenbrichst und aufgibst? Wochen, Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte?

Meine erste Hürde musste ich mit 10 Jahren überspringen, als man mich nicht in die Schule steckte, die ich mir für das Erreichen meiner Ziele wünschte. Also – Hops, drüber! Zwei Jahre später eine erneute Hürde. Noch mal in der Schule zurückgestuft. Also – Hops, drüber!
Ich weiß nicht, was sie hat, sagten viele. Vielleicht ist sie einfach nur dumm. Man sagte „Erzieherin“ ist das richtige für sie, nicht dieses blöde Schreiben, was sie immer macht. Also, ab in die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin. Hops, drüber!

Mit 19 Jahren wagte ich einen für alle befremdlichen Schritt. Ich wollte mich von allen Menschen entfernen, die mir diese Hürden vor die Füße bauten und düste in die USA. Luft holen, neue Kraft schöpfen und es noch einmal versuchen. Die Studios Hollywood besuchen und Drehbücher schreiben wurde mein neues Ziel. Und tatsächlich, ich durfte zu Dreharbeiten dazukommen und wurde ermutigt, mal eine spannende Geschichte zu schreiben. Dann der Schock, zu Hause in Deutschland gab’s große Probleme. Ich brach alles ab… und Hops, drüber über diese Hürde.
Der Krebs stoppte mich, und ich begann tatsächlich ein Buch zu schreiben. Und noch ein Buch! Ich eröffnete sogar einen Verlag, doch es passte so gar nicht in das Bild einer Mutter mit Kindern. Von allen Seiten hagelte es Zweifel, Vorwürfe, keine Zeit mehr zu haben und zum Schluss die größte Hürde überhaupt, eine weitere Autoimmunerkrankung: Ich warf all meine Wünsche im Leben hin. Also – Hops, drüber. Diese letzte Hürde war verdammt groß!

Mit 48 Jahren brodelten meinen Ziele immer noch in mir. Ich stand erneut vor einer Hürde und überlegte, ob ich überhaupt noch springen sollte. Als ich vom Asperger Syndrom hörte und begriff, dass ich eine Betroffene war, setzte sich plötzlich eine andere Sicht der Dinge bei mir in Gang:

Weshalb übersprang ich eigentlich immer die Hürden, die andere mir in den Weg stellten?
Warum baute man mir überhaupt so viele Barrieren ins Leben?
Ich tat es doch auch nicht bei anderen!

Antwort: Ich wollte mich anpassen, ich wollte doch nur dazugehören… nicht auffallen. All meine Bemühungen gingen immer nur darum, den anderen zu gefallen. Ich versteckte meinen Kummer solange, bis er mich versteckte.

Ich begann, mit meiner neuen Situation zu arbeiten. Die ließ keine Hürden mehr zu. Ich übersprang keine einzige Hürde mehr, sondern begann sie umzustoßen, weil sie mir im Weg standen.

Es wurde mir bewusst, dass ich so nicht weiterleben konnte, sondern musste konsequent die Menschen aus meinem Leben entfernen, die mir die Hürden vor meine Ziele und Wünsche stellten. Das tat ich, schweren Herzens und mit einer Leidenszeit, die ich aushalten musste. Solange, bis der Trennungsschmerz nachließ.

Heute kann ich sagen, arbeite ich erfolgreich mit meiner Begabung und kann sogar davon leben. Es ist genau das passiert, was mir niemand zugetraut hatte. Dabei hatte ich von klein auf gewusst, wo mein Weg liegt. Durch meine Art, die Welt anders wahrzunehmen, hegte ich immer Zweifel an mir und fühlte mich falsch. Sie wurden so stark, dass ich nur noch begann, das zu tun, was andere mir sagten. Meine Versuche, meinen Weg zu finden, scheiterte dadurch ständig.
Hätte ich früher gewusst, dass es mir so guttut, Hürden einfach wegzustoßen, wäre ich nicht die ganze Zeit darüber gesprungen und hätte so viel Energie vergeudet!

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Hass auf Geräusche – Misophonie

Ehrlich gesagt musste ich lachen, als ich zum ersten Mal von der Misophonie las. Das ist eine selektive Geräuschintoleranz.
Ich bin wirklich nicht auf der Suche nach neurotischen Störungen oder weiteren Überempfindlichkeiten, aber dieser Hass auf Geräusche kommt mir irgendwie sehr bekannt vor…

Es begann, als ich mit fünf Jahren bei meinen Großeltern übernachtete und zum ersten Mal meinem Opa beim frühstücken zusah. Nichts bewegendes. Aber als er seinen Kaffee laut schlürfend aus der Tasse trank und ihn mit einem harten Schluckgeräusch herunterschluckte, wurde mir zum ersten Mal schlecht. Nicht ein bisschen, nein, in mir kam regelrechter Ekel hoch. Es wurde so schlimm, dass ich aufstand und die Küche verließ. Dieses Schluckgeräusch wirkte derart ekelig auf mich, dass ich nicht anders konnte, als mich zu entfernen. Ich wollte meinen Opa ja nicht anschreien, aber ich konnte dieses Geräusch einfach nicht aushalten.
Damals verband ich es nicht mit Wut, Zorn oder gar Hass, nein, es war einfach nur ekelig. Doch im Laufe meines Lebens veränderte sich diese Reaktion nicht, im Gegenteil, es wurde schlimmer. Ich hatte und habe immer noch große Mühe mit Menschen an einem Kaffeetisch zu sitzen, weil man dort das Schluckgeräusch besonders laut hört. Beim Mittagstisch ist es nicht ganz so schlimm, weil es durch die ständigen Geräusche auf den Tellern abgemildert wird.

Ich weiß, dass diese Menschen nichts dafür können, aber das Geräusch verursacht irgendetwas in meinem Kopf.

Später kamen noch zwei weitere Geräusche hinzu, die sicherlich auch viele kennen und nicht mögen. Eins davon war das Knacken mit den Fingerknöcheln. Es gab eine Zeit in meiner Jugend, in der es viele Jungs ganz cool und aufregend fanden, mit ihren Gelenken zu knacken. Ich erinnere, dass es während der Spencer/Hill-Filme zu einer Art Kult wurde. Man präsentierte damit Stärke und wollte den Gegner abschrecken oder Angst machen. In mir verursachte es Ekel. Viele fanden das Geräusch furchtbar, aber sie taten nicht das, was ich tat: Ich ging diesen Menschen regelrecht aus dem Weg und konnte keinen Kontakt zu ihnen halten, weil sich der Ekel für mich furchtbar anfühlte.

Einige Jahre später gesellte sich ein drittes Geräusch dazu: Das Kiefernknacken. Manche Menschen haben eine leichte Kiefernfehlstellung und benötigen eine sogenannte Schlafschiene. Wenn sie ihren Kiefer z.B beim Gähnen öffnen, knackt es. Wenn die Fehlstellung stärker ausgeprägt ist, knackt es sogar beim Kauen oder Essen. Ich bin nicht in der Lage, mit solchen Menschen an einem Tisch zu sitzen.

Liegt es an der Art des Geräusches, der Tonlage, die irgendetwas in meinem Gehirn auslöst?

Jetzt frage ich mich, ist es wirklich ein Hass auf Geräusche? Hass ist ein hartes Wort, aber es kommt meinem Gefühl sehr nahe, weil ich sogar Kontakte dafür aufgebe. Diese Gluck-und Knackgeräusche lösen in meinem Gehör irgendetwas aus, das ich nicht in den Griff bekomme. Das ist einer der Gründe, weswegen ich ungern in Gesellschaft speise. Ich bekomme es einfach nicht in den Griff, egal, wie sehr ich mich bemühe.

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Der Weg in die Unabhängigkeit

Die Abhängigkeit ist ein Zustand, der mir sehr viel Angst macht und doch muss ich mir eingestehen, niemals die völlige Unabhängigkeit zu erlangen. Dafür habe ich zu viele Baustellen, bei denen ich auf andere angewiesen bin. Aber das hindert mich nicht, mich in vielen Bereichen unabhängig zu machen.

Für mich ist es wichtig, auf so wenig Hilfe wie möglich im Leben angewiesen zu sein. Das beginnt schon bei banalen Alltagssituationen wie Wohnen und allen dazugehörigen Arbeiten. Ich kann meinen Alltag komplett allein organisieren und doch benötige ich Hilfe bei einigen technischen Angelegenheiten, weil ich überhaupt kein technisches Knowhow besitze. Alles, was ich mit dem Computer mache, musste ich unter großer Mühe lernen. Ich besitze kein Handy oder Smartphone und kann weder einen Fernseher noch ein Telefon programmieren. Der Stress, der dabei in mir entsteht, ist so groß, dass ich eher darauf verzichte, als es zu machen. Zur Not kann ich jedoch Fremdhilfe in Anspruch nehmen.

Was Menschen ohne Autismus oft alleine bewältigen, ist für mich immer eine große Errungenschaft. Wo ich mit Stolz auf meinen gut organisierten Haushalt schaue, zucken andere nur die Schultern. Na und? Das ist doch nichts besonderes. Doch, für mich schon! Es kostet mich viel Planung und Kraft, weil bei mir der natürliche Instinkt und die spontane Intuition nicht gut ausgeprägt sind.

Ich lege viel Wert darauf, andere nicht mit meinen Problemen zu belasten. Auch in diesem Bereich ist mir die Unabhängigkeit sehr wichtig. Es gibt mir ein gutes Gefühl, nicht in der Schuld anderer zu stehen, weil mir diese Abhängigkeit sehr zu schaffen macht. In mir spielt sich immer der Gedanke ab, wie ich dem anderen eine –Gegenleistung bieten könnte und müsste. Es setzt also einen Denkprozess in mir in Gang, den ich nicht ausblenden kann, auch wenn er nicht nötig ist.

Ich legte viel Wert darauf, unsere Kinder ohne die Hilfe anderer groß zu ziehen und doch genoss ich die Abhängigkeit des Einkommens meines Mannes in dieser Zeit. Ich verdiente zwar immer ein wenig dazu, doch es hätte niemals ausgereicht. Dafür erbrachte ich viele Gegenleistungen, erfüllte Ehrenämter und Hilfe in der Familie. In mir arbeitete ständig das Gefühl, nicht genug getan zu haben, dabei war es mehr als ausreichend, was ich leistete. Doch das bemerkte ich erst viele Jahre später. Heute bin ich sehr stolz auf meine damaligen Leistungen.

Heute bin ich auch finanziell unabhängig, weil unsere Kinder den Weg in ein eigenes Leben gefunden haben und ich beginnen konnte, meine eigenen beruflichen Ziele Stück für Stück umzusetzen. Das war und ist immer noch harte Arbeit, aber es gibt mir ein sehr gutes Gefühl. Ich fragte mich vor einigen Jahren, was ich gerne tun würde und genau das tat ich. Zu allen, die versuchten, mich davon abzuhalten, brach ich ganz langsam den Kontakt ab. Ich wollte mich nicht mehr von ihnen bestimmen lassen und somit abhängig machen.

Doch mit Unabhängigkeit meine ich auch etwas anderes.

Es ist die Gewissheit, auch alleine und unabhängig leben zu können, obwohl ich verheiratet bin. Der Gedanke, von meinem Mann abhängig zu sein, macht mir immer wieder große Angst. Es beginnt schon damit, dass er oft die gemeinsamen Fahrten mit dem Wagen übernimmt. Das habe ich geändert. Ich bin genauso in der Lage, große Strecken mit dem Wagen zu schaffen wie er. Das habe ich mir mühselig in den letzten Jahren beigebracht. Dabei musste ich anfangs gegen meine Angst arbeiten, weil ich durch die Gewohnheit immer abhängiger von meinem Mann wurde, obwohl er das nicht beabsichtigte. Er meinte und meint es immer gut, wenn er mir hilft, doch je älter ich werde, desto wichtiger erscheint mir die Unabhängigkeit.
Ebenso ergeht es mir bei bürokratischen Angelegenheiten, die ich immer öfter alleine regel, um die Beamtensprache besser zu verstehen. Das ist sehr anstrengend, aber es macht mir Angst, auch in diesem Bereich abhängig zu sein.

In den letzten Jahren, nachdem ich weiß, eine Betroffene des Asperger Syndroms zu sein, habe ich nach einem Zusammenbruch gelernt, mich aus den Fängen anderer Menschen zu befreien. Ihnen nicht mehr gefallen zu wollen oder ein Leben vorzugaukeln, das nicht meins ist. Der Zusammenbruch resultierte letztendlich aus dieser Abhängigkeit. Ich schwor mir, nie wieder um die Gunst oder die Aufmerksamkeit von Menschen zu buhlen, die meine Schwäche, nicht nein sagen zu können, ausnutzten. Die mich immer tiefer in die Abhängigkeit und damit in ein großes Schuldbewusstsein trieben.

Es ist nicht vielen Menschen mit Autismus gegeben, unabhängig zu leben, aber jeder kleine Baustein, den ich alleine für mein Leben dazugebe, ist ein Hochgenuss. Und jede Hilfe, mich so unabhängig wie möglich leben zu lassen, ist ein großes Glück für mich. Vielleicht bin ich auch einfach nur in der Lage, mein selbstständiges Leben viel mehr zu wertschätzen als andere, wenn man mich so sein lässt, wie ich bin. Jeder Mensch trägt eine Vollkommenheit in sich, die manchmal erst entdeckt werden muss… auch wenn er hin und wieder Hilfe braucht!

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Wenn ich den Überblick verliere

Den Überblick einer großen Sache zu behalten: Fehlanzeige!

Ich wurde einmal beim Diagnosegespräch gefragt, ob ich einen guten Gesamtüberblick über Dinge/Situationen habe. Ich verneinte sofort, denn ich bin schon seit jeher eine Detailseherin. In meiner Kindheit erhielt ich einen Fotoapparat, mit dem ich nicht wie andere große Landschaften fotografierte, sondern nur kleine Details. Blumen, Fenster, Laternen, Kamine…
Später begann ich natürlich auch Aufnahmen von größeren Landschaften zu machen, aber das hatte einen anderen Grund. Damals und auch heute schaue ich mir gerne meine Reisen und Ausflüge auf Fotos an, weil ich nie den Gesamtüberblick einer Stadt oder Gegend erhalte. Den verschaffe ich mir über Fotos. Manchmal bringe ich bis zu 1000 Fotos mit und sehe sie mir in aller Ruhe daheim an. Erst dann erfasse ich die gesamte Schönheit der Umgebung oder die Komplexität einer Stadt.

Als ich vor einigen Jahren Würzburg bereiste, sah ich nur die vielen schönen Details und Stuckarbeiten der wundervoll gebauten Häuser. Die Laternen auf der Brücke zur Festung Marienburg und die bunten Holzläden an den Fenstern der Marienburg. Erst später erfasste ich die gesamte Schönheit der Burg und der Stadt durch Bilder.

Große Städte machen mir Angst. Ich könnte niemals in einer großen Stadt leben. Ich erinnere mich, als wir als Familie 2007 nach Calgary/Alberta in Kanada auswanderten. Ich kannte die Millionenstadt nicht und als wir den Flughafen verließen und mitten durch diese wahnsinns Stadtmetropole fuhren, überkam mich eine immense Angst! Es fühlte sich an, als würden sich alle Angsthormone, die mein Organismus zu bieten hat, in meinem Kopf sammeln. Mir war heiß und kalt, ich zitterte und konnte nichts mehr wahrnehmen. Die absolute Reizüberflutung! Wir lebten dort nur 5 Monate, dann brach ich zusammen. Obwohl ich in dieser Zeit einen festen Weg zur Arbeit hatte, konnte ich ihn mir nie merken. Jeden Tag durchströmte mich die gleiche Angst, ob ich je wieder nach Hause finden würde. In dieser Zeit hatten wir noch kein Navi, sondern mussten uns mit Stadtkarten behelfen. Eine Katastrophe für mich. Der Stress wurde so groß, dass ich die Arbeitsstelle kündigen musste. Erst Monate später, als ich mir ein Fotobuch von Calgary ansah, bekam ich eine Idee von der Größe der Stadt, die ich nicht einen einzigen Tag während meiner Aufenthaltszeit überblickte.

Auch das Thema „Party“ fällt in den Bereich „den Überblick verlieren“ hinein. Ich bin nicht in der Lage, größere Partys oder Veranstaltungen zu überblicken. Es beginnt schon mit der Anzahl der Gäste, deren Namen ich mir einfach nicht merken kann. Nicht mal einen einzigen, außer ich kenne diese Person bereits länger. Gesichter sind gänzlich nicht zuzuordnen. Wenn mich jemand zweimal anspricht, kann es passieren, dass ich mich an das erste Mal nicht erinnere. Ich sehe aber die oft liebevoll hergerichtete Deko, die Kerzen, das wunderschön angerichtete Buffet. Kleinigkeiten, die die Atmosphäre erst gemütlich machen. Kleine Details bei der Verpackung von Geschenken… Das sind meine Blickpunkte.

Als ich früher in meiner großen Familie eine Feier veranstaltete und noch nichts von meinem Autismus wusste, stand ich oft tagelang vorher unter großem Stress. Immer wieder ging ich Details, Abläufe und Erledigungen durch. Es raubte mir die Nächte zuvor und Tage danach meine Energie. Eine Feier war immer Schwerstarbeit für mich. Ich konnte oft den Überblick nicht behalten und wurde hektisch oder gar aggressiv.

Die Technik ist eines der größten Desaster für mich in der heutigen Zeit. Ich habe schlichtweg überhaupt keinen Überblick mehr! Meide Technik woimmer es geht und bemerke, wie ich den Anschluss an die Welt da draußen verliere. Es beginnt am Bahnsteigautomat, also fahre ich keine Bahn. Ich gehe an keine elektronische Kasse und telefoniere niemals an einem öffentlichen Telefonding. Ich besitze auch kein Handy oder Smartphone, habe mir das telefonieren gänzlich abgewöhnt und bin nur daheim über Festnetz zu erreichen. Selbst dort habe ich keinen Anrufbeantworter an.

Am schlimmsten wurde es, als ich vor einigen Jahren den Überblick über mein Leben und meine Gesundheit verlor. Die Angst, die ich verspürte, war so groß, dass ich den Moment gekommen sah, etwas grundlegendes verändern zu müssen. Es war klar, dass ich den Rückschritt anstatt den Fortschritt wagen musste. Alles musste weniger und kleiner werden. Ich schaffte die großen Feiern ab, begann Partys und Veranstaltungen zu meiden, reduzierte meine Freunde und suchte mir einen Lebensraum in einer klitzekleinen Stadt in England in einem Nationalpark, in den ich in Kürze komplett hinziehen werde. Derzeit wohne ich noch in einer deutschen Kleinstadt, aber selbst die macht mir immer so zu schaffen, dass ich keine Märkte besuche oder einfach nur durch die City bummle. Weniger Menschen, weniger Reize und viel freundlichere Bedienungen sind mein Ziel. Ich liebe Städte, die nur eine kleine Straße als Zentrum haben. Dort kann ich alles überblicken und genießen. Ich liebe Geschäfte, die ihr Sortiment nicht ständig umräumen. Sobald sich meine Produkte nicht mehr am gewohnten Platz befinden, bricht in mir die Panik aus. Nur unter großem Stress muss ich mir alles neu zusammensuchen. Ich bekomme oft wochenlang keinen Überblick über das neue Sortiment. Es dauert sehr lange, bis ich alle Produkte und ihren Platz wieder auswendig gelernt habe.

Die Langsamkeit und die Überschaubarkeit sind nun meine Ziele im Leben geworden, die ich suche… und finde. Nur damit werde ich meinem Leben mit dem Asperger Syndrom gerecht!

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