Schlagwort-Archive: Asperger Frauen

Aushalten

Manchmal frage ich mich, wie ich mein altes Leben nur ausgehalten habe. Damit meine ich nicht, dass ich mein Leben als Mutter in meiner kleinen Familie nicht gemocht habe, sondern das ganze Drumherum.
Aushalten – ein Wort, das mein ganzes Leben bestimmt hat. Durch das Gefühl des Aushaltens kam ich nie in die wirkliche Entspannung. Jede Feier, jede Party und jede Veranstaltung war bei mir von dem Gefühl des Aushaltens bestimmt. Ich lachte und erzählte, doch im Grunde wartete ich immer nur darauf, dass es vorbei sein würde.

Schon Tage vor einem Termin sehnte ich mich nach dem Moment, wieder daheim und in totaler Stille sein zu können. NTs können dieses Gefühl vielleicht nachvollziehen, wenn sie an einen nervigen Zahnarztbesuch denken. Nur vorbei. Immer der Gedanke: morgen Abend ist es vorbei.
So flog mein ganzen Leben nur vorbei. Kaum Momente des Verweilens. Gespräche, die mich überforderten hielt ich aus, um mich Stunden später über meine verspätete Antwort zu ärgern, die ich nicht mehr geben konnte. Hilfszusagen, die ich machte, weil ich nicht nein sagen konnte, hielt ich ebenso aus, wie Erledigungen, die mich permanent überforderten. Immer nur der Gedanke gleich ist es vorbei. Ich „erledigte“ mein Leben regelrecht ohne es zu spüren. Ich war nie in der Lage, bei einer sozialen Interaktion Grenzen zu setzen, weil ich sie nicht erkannte. Ich erkenne sie heute immer noch nicht, aber ich habe meinen Bekannten- und Freundeskreis soweit sortiert, dass nur noch die übrig sind, die mich nicht mehr in unangenehme Situationen bringen oder mich ausnutzen. Hurra! Ein riesen Schritt, der mich viel Überwindung und Schmerz gekostet hat. Es schmerzte mich, dass plötzlich die Leute mir in den Rücken fielen, für die ich das meiste erledigte. Es schmerzte, nicht als die geliebt zu werden, die ich wirklich war, sondern nur als die, die allen half und immer dabei lachte. Die unermüdlich andere ermutigte, nicht aufzugeben und die, die möglichst noch unangenehme Erledigungen abnahm. Ich sah keine Grenze und erfuhr keinen Schutz.

Jetzt im Nachhinein bemerke ich, wie sehr es mir die Energie aus dem Leib gezogen hat. Ich kann mich kaum an Momente erinnern, in denen ich etwas wirklich gerne gemacht habe. Diese Momente beschränkten sich ausschließlich auf das Zusammensein mit meiner kleinen Familie, meinen Kindern. Sie kann ich fühlen und genießen. Mit ihnen backte, malte, sang und bastelte ich während ihrer Kindheit mit großer Freude. Wir waren unter uns und wurden von niemanden gestört. Doch wenn es hieß, dass im Kindergarten oder der Schule zusammen gebacken oder gebastelt wurde, lief mein Akku schon im Vorfeld heiß. Und doch sah ich es als wichtig an, mit den Kindern Gruppen und Veranstaltungen zu besuchen. Ich wollte sie integrieren und sich sozial wohlfühlen sehen. Eben dazugehören. Doch in mir entstand nie das Gefühl des Dazugehörens. Bei mir kam keine Gelassenheit auf, sondern immer nur die Bemühung, durchzuhalten und nicht aufzufallen.

Ja, heute, fast dreißig Jahre später habe ich nur noch das Gefühl des „Aushaltens“ in meiner Erinnerung. Man kann es auch „Durchhalten“ nennen. Ich konnte nie entspannt im Jetzt und Hier leben, war immer schon im Morgen oder dachte morgen an gestern. Woran hat es gelegen?

Meine Aufmerksamkeitsspanne ist nicht sehr groß. Ich bin immer zu 100% bei einer Sache und falle nach maximal 4 Stunden innerlich völlig erschöpft zusammen. Dadurch entstand das Gefühl des Aushaltens und Durchhaltens, was stets folgte.

Damals wusste ich nicht, dass ich dringend etwas in meinem Leben ändern musste, weil das Asperger Syndrom einfach nicht bekannt war, doch heute würde ich jeden Menschen, der betroffen ist raten, sein Leben so auszurichten, dass das Gefühl des Aushaltens nicht zu viel Raum einnimmt. Die Umgebung muss stimmen, ebenso der Arbeitsbereich. Des weiteren müssen die Anforderungen von außen entsprechend gebremst werden, so dass Erholung möglich ist.
Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, bekomme ich auch als Aspergerin das Gefühl hin, im Hier und Jetzt zu leben. Ich kann meine Umgebung fühlen und genießen. Der Trick war einzig und allein von 100% auf 20% zu fahren. Geschätzte 80% waren Überforderung durch das Gefühl, nicht gut genug für diese Welt zu sein.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960

Advertisements

Das Tagebuch des „Wrong-Planet-Syndroms“

Immer wieder wird das „Wrong-Planet-Syndrom“ mit Autismus und/oder Asperger Syndrom zusammengebracht.
Schon als Jugendliche, als ich noch nichts von diesem Begriff und dieser Diagnose wusste, schrieb ich ununterbrochen den Satz „Ich bin nicht von dieser Welt“ in mein Tagebuch. Ich glaube, meine Niederschriften bestanden mehr aus Fragen, als aus Dokumentationen. Als ich mich erstmals mit dem Asperger Syndrom beschäftigte, kramte ich natürlich meine alten Tagebücher hervor und begann, darin zu lesen. Und tatsächlich, ich schrieb immer wieder auf, dass ich vieles nicht verstand oder am liebsten davongelaufen wäre, weil mir alles zu kompliziert, zu laut und zu schnell war. Ich fühlte mich ständig überfordert und zog mich mit Vorliebe in mein Zimmer zurück, wo ich ununterbrochen schreiben konnte und nicht gestört werden wollte. Meine Eltern empfanden das immer als sehr angenehm. Meine Mutter sagte: „Die Marion kann sich immer so schön allein beschäftigen.“

Ich erinnere mich: Schon als Kind und Jugendliche verspürte ich ein starkes Bedürfnis, mein Leben zu dokumentieren, als würde ich es verlieren, wenn ich es nicht niederschreiben würde. Ich wollte es irgendwie festhalten. Da waren zu viele Gedanken und Gefühle in dieser Zeit, die ich nicht speichern konnte. Das war mein Hauptmotiv für das Anlegen einer Tagebuch-Serie. Ich war immer von der Angst gefangen, ich könnte mein Leben vergessen. Oftmals erinnere ich mich nur durch Fotos an bestimmte Lebenssituationen. Schon als Kind fotografierte ich gerne und besah mir später in aller Ruhe die Fotos. Oftmals kann ich nur durch Fotos das Leben überhaupt spüren.
Doch zurück zum „Wrong-Planet-Syndrom“.

Ich fühlte mich früher nie an dem Platz, an dem ich lebte, wohl. Ist das kurios? Doch ich kam nie auf die Idee, es wäre der falsche Planet, auf dem ich lebte. Ich habe mir nie einen „Wunschplaneten“ in meinem Kopf gebastelt. Doch ich habe etwas anderes gebastelt: Schon von klein an war mein Wunsch, in einer Hütte in den Bergen zu wohnen, sehr stark ausgeprägt. Ich suchte immer die Einsamkeit, die Einfachheit und die Ruhe. Deswegen trieb ich mich oft in Wäldern herum. Das hat sich bis heute nicht geändert. Ich liebe die Natur, Tiere und Holz – wenig Besitztum und wenig Menschen um mich herum.
Wo auch immer ich wohnte, ich tapezierte Holztapete hinein und stellte mir auf diese Weise meine Welt ein wenig her. Holz gibt mir ein warmes und geschütztes Gefühl.

Über viele Jahrzehnte nahm ich mein Leben „in einem Zimmer gesperrt“ wahr. Ich fühlte mich isoliert und eingeschlossen, obwohl ich durch meine Kinder viel herausging und mit anderen Menschen redete. Doch meine Sehnsucht, zurück in mein Zimmer zu kommen, war unermesslich stark. Ich straffte jede Erledigung, um möglichst schnell in meinen „Bunker“ zurückzukehren. Das imaginäre Zimmer hatte ein Fenster aus Holz, das ich hin und wieder öffnete, wenn es mir gutging. Durch dieses Fenster sah ich in die Welt hinaus, die mir so fremd erschien. So stellt sich bei mir das „Wrong-Planet-Syndrom“ dar.

Viele Menschen behaupten immer, ich sei auf der Flucht. So mag es nach außen aussehen. Der Begriff „Flucht“ ist für mich negativ besetzt. Es stellt sich die Frage, vor was und vor wem ich flüchte? Und warum endete diese Flucht nie? Man warf mir vor, ich sei feige oder unfähig, der Realität ins Auge zu schauen. Ich bin weder feige noch blind vor der Realität. Ich habe viel mehr in meinem Leben gemeistert, als andere es je schaffen würden.
Meine Theorie ist eine andere: Ich befand mich schlichtweg auf der Suche.

Nach vielen Jahren hat sich die Suche ausgezahlt und ich habe mir Lebensbedingungen geschaffen, die ich brauche. Das war nötig und viel harte Arbeit. Der erste Schritt war, mich als den Menschen endlich anzunehmen, der ich wirklich bin und nicht der, den andere gerne in mir sehen würden. Meine Welt ist also kein fremder Planet, sondern nur eine Umgebung, die zu mir passt. Sie muss mir das Gefühl geben, in vollkommener Ruhe und Zurückgezogenheit leben zu können. So ungestört wie möglich. Dann kann ich auch genug Energie tanken, um mich hin und wieder unter die Leute zu begeben.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960

Ich hasse Streit!

Das Gefühl, das bei einem Streit in mir entsteht, ist unbeschreiblich schlimm! Meine Gefühle fahren auf das höchste Level und sorgen für totale Verwirrung.
Ich denke, ein großer Faktor ist zunächst die Tatsache, dass ich vieles lauter und stärker wahrnehme als andere und mein Gerechtigkeitssinn und meine Ansicht von Ethik/Moral extrem stark ausgeprägt sind. Bei mir gehen bei einem Streitgespräch innerlich sofort 1000 Sirenen an und ich erleide einen gewaltigen Adrenalinstoß. Des weiteren bin ich ein starrer Regeldenker und wenn meine innere Ordnung durcheinanderkommt, laufe ich gedanklich Amok. Das jagt mich in Wut und Aggression. Ein Overload kündigt sich innerhalb von Sekunden an.

Streit gehört für die Menschen dazu, um unterschiedliche Meinungen oder Missverständnisse zu klären, die entstanden sind. Die Klärung finde ich gut, den Streit nicht! Streit bedeutet für mich, in ein unüberschaubares soziales Interaktionsszenarium zu stürzen, dem ich nicht begegnen oder standhalten kann. Es geht um schnelle und gezielte Reaktionen und Argumente. Dabei versage ich auf ganzer Linie! Ich kann auf komplizierte Situationen einfach nicht spontan reagieren, oder wenn, dann verzettel ich mich noch mehr in Missverständnissen und Streit. Das kostet viel Energie. Es entstehen zwei Situationen für mich:

Ich werde hysterisch und blindwütig mit meinen Worten, oder ich gehe durch den Overload in den Rückzug und erleide eine Erstarrung. Das bedeutet stundenlang in einem abgedunkelten Zimmer im Bett zu liegen und zu warten, bis die innere Aggression vorbei ist. In mir entstehen gegen mich gerichtete Aggressionen, sogenannte Autoaggressionen, weil mein soziales Interaktions-Programm gestört ist und ich dadurch nicht angemessen reagieren kann. Dann äußere ich Dinge, die ich nicht äußern will.

Streit hat nichts mit einer anständigen Diskussion zu tun. Bei Streit geht es oft um Verletzung oder Rechthaberei. Beides meide ich tunlichst. Und doch gehe ich keinem Streit aus dem Weg, wenn man mich angreift. Dabei geht es mir nicht darum, andere zu verletzen, Missverständnisse aufzuklären oder meine rechtliche Position klarzumachen, sondern darum, den anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er mich überfordert und mein Systemdenken durcheinandergebracht hat. Dass er zu viele Denkprozesse in mir anregt, die ich nicht in Gang bringen kann. Ich will ihn fernhalten, wogegen viele über Streit den Weg zur Lösung und zur weiteren Zusammenkunft suchen.
Ich streite sehr sehr ungern und bevorzuge, wenn es um Missverständnisse geht, das leise und beherrschte Argumentieren. Das hilft mir weiter. Es muss langsam vonstatten gehen, damit ich eine Chance habe zu reagieren. Laute Gespräche heizen mich an, falsch zu reagieren.

Ich weiß, dass sich Streit nicht verhindern lässt, weil es die Art ist, seinen Unmut oder seine andere Meinung kundzutun. Leider. Streit kann aber auch bei einigen Menschen zur Tagesordnung gehören, wenn sie ihren eigenen Unmut, ihre Verbitterung und ihren Groll an andere weitergeben wollen, um die eigene Aggression loszuwerden. Dann wird es besonders schlimm für mich, denn ich kann zunächst nicht unterscheiden, ob es sich um ein Missverständnis handelt oder um ein persönliches Gefühl, grundsätzlich jemanden anzugreifen. Mir fehlen die Empathie und Intuition dafür, es richtig zu deuten.

Streit führt meistens zu Verletzungen. Er kann auch durch Provokation entstehen. Ich hasse Provokationen, die meine Persönlichkeit und mein Denken und Handeln angreifen. Ich frage mich oft, warum viele Menschen anderen einen Vorwurf aus z.B. einem eigenen Geschmack machen. „Wie sieht die denn aus? Das Auto von dem ist ja hässlich! …“ All das interessiert mich überhaupt nicht. Doch der Vorwurf ist der erste Schritt zum Streit. Wenn ich die Farbe Rot mag, dann will ich damit nicht verurteilt werden. Ich verurteile auch niemanden, weil er einen anderen Geschmack hat.

In mir entstehen unsagbar schlimme Gefühle, wenn ich einem Streit nicht begegnen kann. Das kann so weit gehen, dass ich den betroffenen Menschen vollkommen von meinem Leben abschneide, weil ich nie wieder das gelassene Gefühl von früher herstellen kann. Viele nennen es „nachtragend“.  Das mag sein. Für mich heißt es „einsortieren“. Ich sortiere die Menschen, die mit mir streiten, in eine Schublade, die ich nur ungern noch mal öffne. Dafür benötige ich das Gefühl der des „Nachtragens“. Es soll mich daran erinnern, wie schlimm dieser Mensch meine Gefühle hochgejagt hat. Ich mache nicht gerne zweimal den gleichen Fehler.

Für mich ist es wichtig, meine innere Ordnung stets aufrecht zu erhalten, um mich einigermaßen stressfrei zu fühlen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960

Wie erkläre ich anderen, dass ich eine Betroffene des Aspergers Syndrom bin?

Eine fast unlösbare Aufgabe.
Ich bin immer wieder darüber bestürzt, wie schwer es Betroffenen des Asperger Syndroms haben, sich mitzuteilen. Das ist entsetzlich! Wenn nicht gerade ein Arzt eine Diagnose stellt, mit der man es beweisen kann, steht der Betroffene ziemlich alleine da, denn in den meisten Fällen wird ihm nicht geglaubt.
Warum ist das so?

Ich denke, dass Asperger von Kindheit an durch eine gewisse Andersartigkeit aufgefallen sind, sie also von den Mitmenschen als ein wenig merkwürdig wahrgenommen wurden, weil sie andere Ansichten, Interessen oder Regeln haben. Ich als Betroffene kann folgendes dazu schreiben:

Im Grunde habe ich mein ganzes Leben lang versucht herauszufinden, was und warum bei mir so vieles anders ist. Da mein Spezialinteresse die Psychologie ist, stieß ich immer wieder auf Möglichkeiten, die ich in Erwägung zog. Ich erklärte mich ständig und das nervte die anderen. Aber Erklärungen sind für mich sehr wichtig, um mit mir klarzukommen. Alles, was ich nicht erklären kann, macht mir Angst.
So lieferte ich im Laufe der Zeit immer wieder Entschuldigungen und Erklärungen an meine Mitmenschen für mein merkwürdiges Verhalten, so dass ein gewisses misstrauisches Bild über mich entstand. Schon früh hörte ich „mit der stimmt doch was nicht“ oder „die ist immer so komisch“ oder „was hat sie denn jetzt für eine Erklärung“. Solche und andere Reaktionen quälten mich ein lange Zeit, so dass es mich oft in die Verzweiflung trieb. Dabei wollte ich mich doch nur selbst verstehen lernen.

Da meine Mutter und meine Großvater mütterlicherseits durch einen Suizid in einer Psychiatrie verstarben, lag für viele klar auf der Hand, dass ich genauso bekloppt bin wie sie. Ein schwere Bürde, die mich selbst fast zerstört hätte. Niemand fragte, weshalb ein Teil meiner Familie in einer Psychiatrie landete. Da wird oft die einfachste Erklärung genommen: Geisteskrankheit.
In meiner Familie gibt es keine „Geisteskrankheiten“, denn sie lebte völlig normal, durchstand den 2. Weltkrieg nur durch eine aufreibende Flucht und war danach mit großer Bürde gefordert, zu überleben. Harte Zeiten, die Spuren hinterlassen, aber sie haben es geschafft und sind ein anerkannter Teil der Gesellschaft geworden. Niemand sagte ihnen einen Geisteskrankheit nach. Aber es sind noch härtere Zeiten, wenn man gleichzeitig mit einer Wahrnehmungsstörung lebt, die niemand erkennt oder benennen kann. Also wird alles in eine Schublade gesteckt und „Geisteskrankheit“ zum Schluss genannt, weil derjenige am Ende seiner Kräfte ist.

Ich wuchs völlig normal auf, ja, sogar als Kind und Teenager sehr glücklich, und doch kann ich mich an viele Momente erinnern, die ich anders wahrgenommen habe. Das waren keine Dinge, die mit einer Geisteskrankheit nichts zu tun hatten, sondern die ich über 40 Jahre später als Anzeichen vom Asperger Syndrom fand. Als ich nach langer Suche endlich fündig wurde und es mit Erleichterung mitteilte, kam die erste Reaktion: „Du hast dich solange mit dieser Krankheit beschäftig, dass du dir nun einbildest, sie zu haben.“ Diese Aussage war ein Schlag ins Gesicht für mich! Nein, in mein Herz! Es blutete! Das Asperger Syndrom ist keine Kankheit!

Niemand nahm wahr, wie befreiend für mich diese Suche endete. Im Gegenteil, selbst eine meiner Ärztinnen erklärte mir, dass ich mir alles nur einbilde. Von meiner großen Mühe, alles immer zu kaschieren, wollte niemand etwas wissen. Das schürte meine Einsamkeit, der ich all die Jahre entkommen wollte. Diese und ähnliche Reaktionen schmissen mich tiefer als zuvor. Meine freudige Erwartung, endlich eine Erklärung für mich gefunden zu haben, konnte ich mit so gut wie niemandem teilen. Im Gegenteil, ich wurde noch misstrauischer beäugt. Die Hölle für mich! Dann die Erlösung, die Diagnose! Doch sie hob meine Enttäuschung vielen Menschen gegenüber nicht mehr auf.

Heute kann ich sagen, dass mir immer wieder Menschen begegnen, die genau das gleiche erlebt haben. Sie bringen endlich den Mut auf sich mitzuteilen, was schon schwer genug ist, und dann kommt diese bittere Enttäuschung. Das Leben wird schwerer, als es je zuvor war. Ist das kurios?
Da fordern uns viele NTs ständig auf, uns mitzuteilen und wenn wir es tun, wird über uns hergefallen. Kann den niemand begreifen, wie wichtig uns eine positive Reaktion ist? Oder glaubt man uns nur, wenn man dieses blöde Papier mit einer Diagnose in der Hand hat?

Ich möchte hier gerne festhalten, dass ich als Betroffene mich keineswegs mit AS identifiziere, sondern mich viele Jahre damit intensiv beschäftig habe, weil es zu meiner Suche nach meinem Ich galt. Ich stieß zufällig auf dieses Syndrom, was alles erklärte, was ich gesucht hatte. Typisch für mich ist es, mich erst mitzuteilen, wenn ich auch sicher bin. Ich bin „kein psychisch kranker“ Mensch, sondern jemand der immer auf der Suche nach der Wahrheit ist. Meine größte Suche war die nach mir selbst, weil ich so viele Menschen um mich habe, die einfach anders sind. Ich möchte meine Natur verstehen und mit ihr leben, mich nicht mehr für andere verbiegen. Ich muss auch jetzt noch um vieles kämpfen, um zu meinem Recht zu kommen, aber ich habe gelernt, mich nicht mehr mit den Menschen zu beschäftigen, die mich runterziehen oder nicht verstehen wollen. Das hat mich zu einer ganz neuen Form von Community geführt, in der ich mich sehr wohl fühle und verstanden werde. Sie setzt sich nicht nur aus Mitbetroffenen zusammen, sondern auch aus NTs, die mir offen, liebevoll und vor allen Dingen mit viel Verständnis begegnen. Die mir einfach glauben. Meine Suche hat sich gelohnt! Danke!

Aber ich möchte an dieser Stelle auch meine große Trauer denjenigen aussprechen, die sich das Leben genommen haben, weil ihnen nicht geglaubt wurde…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960

Wenn Überforderungen zu Depressionen führen

Ich möchte in diesem Blog nicht darüber schreiben oder diskutieren, ob das Thema doch jeden letztendlich betrifft, also Menschen mit Asperger Syndrom und NTs. Ich habe als Betroffene des Asperger Syndroms meine eigene Art von Depression kennengelernt, die sich von der normalen unterscheidet. Und damit meine ich, dass ich sie zunächst nicht einmal wahrgenommen habe…

Es gibt so vieles, das ich nicht rechtzeitig wahrnehme oder bemerke, oder zu spät bemerke, besonders, wenn es um meine Gefühle geht. Ich bin ein Mensch, der keine Grenzen in sich rechtzeitig bemerkt, sondern erst, wenn sich „der Karren bereits im Dreck“ befindet.
Durch meine Empfindung von alles oder nichts, schwarz oder weiß, nehme ich keine Grauzone wahr und damit auch keinen schleichenden Prozess in mir. Ich lasse den Motor solange laufen, bis der Sprit aufgebraucht ist. Und das ist fatal, denn dann geht oft gar nichts mehr!

Als vor nunmehr fünf Jahren mein „Fahrzeug“ plötzlich stand und ich den Motor nicht mehr angeworfen bekam, stand ich vor einem großen Rätsel, denn ich wusste nicht warum. Das Leben lief doch prächtig und niemand sah das Problem. Ich hatte das Bremsen und Auftanken vergessen, eines der wichtigsten Handlungen in meinem Leben. Vergesse ich das, übernimmt mein Körper die Reaktion.

Das große Problem bleibt immer wieder die Eigenwahrnehmung, die bei mir bedenklich schlecht funktioniert. Ich bin auf Menschen um mich herum angewiesen, dass sie für mich bremsen und mich auftanken lassen. Aber leider passiert das nur selten. Niemand stoppt mich. Immer wieder höre ich diese Sprüche: „Du musst wissen, wann du eine Grenze setzt.“ oder „Es liegt an dir, wenn du dich verausgabst.“ Solche und ähnliche Sprüche bekomme ich dann bei einem Zusammenbruch zu hören und kann nichts damit anfangen, denn genau diese Fähigkeiten fehlen mir. Eine „Mitschuld“ tragen meine Probleme bei der sozialen Interaktion. Ich kann mich nicht angemessen mitteilen, wenn es mir schlecht geht. Ich lächele immer. Immer! Solange ich eben kann. Ich kann die Grenze von „stop“ und „go“ nicht erkennen, bzw. wahrnehmen. Erst wenn der Körper „stop“ signalisiert, nehme ich wahr, dass ich mal wieder meine Grenze überschritten habe.

Das Thema „Medikamente“, also „Antidepressiva“ ist dann ein großes Thema, weil viele tatsächlich eine neue Starthilfe benötigen, um wieder in Schwung zu kommen. Doch bei mir zeigte sich die Depression ganz anders, weswegen ich nie zu Tabletten griff. Ich begann an Schlaflosigkeit und Erschöpfung zu leiden. Zunächst völlig unbekannte Zustände. Erst eine Psychologin wies mich darauf hin, dass ich inmitten einer Depression steckte. Mein Erstaunen war groß, denn ich verband eine Depression mit Stimmungen wie Lebensunlust bis hin zu Suizidgedanken. Eine solche Verstimmung hatte ich einmal vor acht Jahren verspürt, als ich in vielen Dingen sehr sehr überfordert war. Doch dieser Zustand zeigte sich erst nach der Schlaflosigkeit.

Die Sache mit dem Schlaf wurde für mich ein Signal, dass etwas nicht stimmt mit meiner Wahrnehmung. Dass ich mal wieder das Bremsen vergessen hatte. Bremsen heißt, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen, die einen belasten und diesbezüglich schnellstmöglich eine Veränderung herbeizuführen. Leider sind an solche Entscheidungen oft finanzielle Konsequenzen gebunden, denn nicht selten ist es die Arbeitsstelle, die eine große Belastung ausübt, oder die Verpflichtungen in der eigenen Familie. In diesem Fall ist der Partner eines Aspergers auf jeden Fall mit gefordert, eine Veränderung herbeizuführen und Unterstützung zu leisten. Und ich spreche aus eigener Erfahrung. Wenn mein Mann mich in meinen Entscheidungen, eine grundsätzliche Veränderung herbeizuführen, nicht unterstützt hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht aus meinem Zusammenbruch herausgefunden oder hätte mich schlimmstenfalls von ihm trennen müssen.

Es war immer eines meiner großen Ziele im Leben, genau das zu schaffen, was alle anderen um mich herum schaffen. Heute betrachte ich vieles rückblickend und stelle fest, dass ich dadurch weit mehr schaffte, als alle anderen. Ich hätte mir so sehr einen Menschen gewünscht, der mich mal festgehalten und „stop“ gesagt hätte. Mir fehlt der Blick und die Wahrnehmung dafür. Deswegen bin ich in diesen Sachen auf andere angewiesen.
Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen
DSCN3960

 

Ein sensorisches Integrationsproblem – Gerüche (Hypersensitivität)

Was meinen Geruchssinn betrifft bin ich sehr sehr empfindlich. Ich nehme unendlich viele Gerüche wahr. Jederzeit, egal, wo ich bin. Das nennt man eine Hypersensitivität und ist häufig im Zusammenhang mit dem Asperger Syndrom zu finden. Gerüche wirken auf mich intensiv und einnehmend.

Ich rieche jeden Menschen, der an mir vorbeigeht, ob er gerade geduscht hat oder seine Kleidung mit einem bestimmten Weichspüler gewaschen ist. Ob er alten Schweiß trägt, parfümiert ist oder was er gerade zu Hause gekocht hat. Ich stehe an der Kasse eines Supermarktes und bemerkte sofort, wenn sich jemand über längere Zeit nicht gewaschen oder seine Wohnung nicht gelüftet hat. Ich rieche ungewaschene Haare und Düfte von Menschen, die sich gerade an dem Platz befunden haben, wo ich jetzt stehe. Ich rieche Raucher aus anderen Fahrzeugen, die hinter oder vor mir im Verkehr stehen, obwohl ich keine Lüftung laufen habe. Ich rieche in meinem Haus, was meine Nachbarn in der Wohnsiedlung gerade kochen oder ob jemand auf der Terrasse raucht, ohne ein Fenster oder eine Tür geöffnet zu haben. In der Bücherei rieche ich Bücher, die von Rauchern ausgeliehen wurden. Ich rieche schon von weitem, wenn Aldi mal wieder extrem chemisch verseuchte Sportschuhe im Angebot hat. Ich rieche Menschen aus der Masse, die Schampoos mit Fruchtdüften benutzen. Ich rieche Menschen, die regelmäßig Alkohol zu sich nehmen und das Abgas eines Wagens, der vor einigen Minuten die Straße passierte. Im Bus rieche ich sofort, wenn jemand Knoblauch gegessen hat oder alte Kleidung trägt, die lange nicht gewaschen wurde.
Es kann passieren, dass ich kurz die Luft anhalte, wenn ein Jogger an mir vorbeirennt, weil ich ihn nicht riechen will.
Es kann auch passieren, dass ich bestimmte Menschen nicht mehr besuche, weil sie Duftkerzen benutzen oder die Wohnung zu wenig lüften.

Im Grunde sind das alles Gerüche, die jeder irgendwie wahrnimmt, doch ich nehme sie bewusst jederzeit wahr, eher oder bevor andere es tun. Allzu oft frage ich: „Riechst du das auch?“ und mein Gegenüber schüttelt den Kopf. Auf mich strömt also neben den anderen Sinneseindrücken, eine Masse von Gerüchen ein, die meinen Kopf zusätzlich beschäftigen.

Es sind Gerüche, an die ich mich irgendwie gewöhnt habe. Sie nehmen einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit ein, wenn ich mich draußen bewege. Das bedeutet, zusätzliche Arbeit für mein Gehirn. Schlimm wird es, wenn es sich um für mich wirklich ekelhafte Gerüche handelt, die auf andere überhaupt nicht ekelhaft wirken. Das können süße Parfüms sein oder Gänseschmalz in der Pfanne. Fruchtschampoo in meinem Haar oder ein süß duftender Weichspüler. Ich denke, dass jeder Gerüche kennt, die er nicht mag, aber bei mir lösen bestimmte Gerüche direkt Brechreiz aus.
Deswegen meide ich Menschenansammlungen wo immer ich kann und Pflegemittel, die stark parfümiert sind.

Im Gegenzug mag ich jeden Geruch, den die Natur hergibt. Ich rieche Felder, Regen, das Meer und Wälder. Ich rieche jede Blume am Wegesrand, ja, ich mag z. B. den Geruch von Bauernhöfen, wo andere die Nase rümpfen. Ich mag den Geruch von frischem Holz oder altes Holz in englischen Kirchen, woraus die Bänke gebaut wurden. Ich mag den Geruch von Leder und Schafswolle. Lagerfeuer und brennende Kerzen. Das sind Gerüche, die mich zutiefst beruhigen.

Es gibt aber auch die Hyposensitivität. Manche Menschen im Autismus-Spektrum haben praktische keinen Geruchsinn und nehmen selbst extreme Gerüche einfach nicht wahr. Das kann den eigenen Körpergeruch einschließen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960

Vom Wollen und nicht Können…

Ich habe mein Dasein immer schon mehr als Kampf anstatt als Leben empfunden. Ich habe immer noch das Gefühl, mir alles erkämpfen zu müssen. Vielleicht liegt es daran, dass bei mir kaum etwas intuitiv oder instinktiv passiert. Bei fast jeder Situation muss ich überlegen, ob ich sie kenne oder ob ich ihr gewachsen bin. Das fühlt sich oft an, als würden Engel und Teufel zugleich in mir wüten. Der Engel sagt: „Ich will das gerne“, aber der Teufel ruft: „Du kannst es aber nicht“. Was genau meine ich damit?

Bei dem Diagnosegespräch wurde ich gefragt, ob ich gerne mit anderen Menschen zusammen sein möchte und ich antwortete „ja“. Dabei ist das Wort „möchte“ in der Frage richtig zu deuten. Die Ärztin schrieb auf, dass ich gerne mit anderen Menschen zusammen bin. Falsch! Eines von den Fehlern, die gerne bei Diagnosegesprächen gemacht werden, denn ich „möchte“ wirklich viel in dieser Gesellschaft, aber ich kann es nicht. Dabei gehe ich mal näher auf das Wort „gerne“ ein.

Mir fehlt jede Beziehung zu dem Wort „gerne“, wenn es um gesellschaftliche Verpflichtungen oder Events geht. Ich mache nichts „gerne“, sobald ich in die Welt von mir fremden Situationen muss oder auf fremde Menschen stoße. In mir bildet sich Stunden, manchmal Tage, vorher ein Widerstand, der nur schwer auszuhalten ist. Es kippt meinen ganzen Alltag, weil ich nur gegen diesen Widerstand ankämpfe, es nicht zu können. Das fühlt sich wie ein Arztbesuch an, vor dem man Angst hat. Warum ist das so bei mir?

Ich mache so viele Dinge gerne! Wirklich! Ich schreibe gerne, ich lese gerne, ich wandere gerne, ich höre gerne Musik, ja, ich spiele sogar gerne auf meiner Gitarre. Aber… und das ist der Knackpunkt… bei mir stellt sich dieses Gefühl nur dann ein, wenn ich alleine bin. Kaum einer wird mich mit der Gitarre erleben, es sei denn, es galt früher dem Zweck, in Kindergruppen durch meinen Beruf als Erzieherin, Musik mit den Kinder zu machen. Oder wenn ich gezielt mit anderen Musikerfreunden spielte, was so gut wie gar nicht mehr stattfindet. Lesen und Schreiben kann ich gar nicht in Gegenwart anderer. Ist ein No-Go, weil sich meine Aufmerksamkeit immer direkt auf die Geräusche lenkt, die um mich herum sind. Dann verliere ich sofort den Faden.

Doch was will ich so gerne und kann es nicht?
-Ich will gerne unbeschwert auf fremde Menschen zugehen können, ohne Angst zu haben, dass ich etwas falsch mache oder falsch verstehe, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne unbeschwert mit Freunden zusammensitzen, ohne meine Persönlichkeit zu verbiegen, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne mit Freunden entspannt wandern gehen, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne bei Musikveranstaltungen unbeschwert die Musik hören, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne Termine mit Freunden machen, ohne mir ständig darüber Gedanken zu machen, ob ich mich auch angemessen verhalte, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne nicht immer das unangenehme Gefühl des Widerstands in mir spüren, wenn ich Termine habe, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne nicht immer das Gefühl in mir haben, immer und ständig um alles kämpfen oder bekämpfen zu müssen, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne ehrlich meine Gefühle mitteilen, kann es aber nicht.

Die Liste könnte endlos fortgeführt werden. In mir findet einfach keine Besserung statt. Ist es das Ergebnis von vielen misslungenen Versuchen in all den Jahren? Ja, ich habe jahrzehntelang mit dem Spruch gelebt „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Aber er zieht bei mir nicht. Doch, er zieht schon irgendwie… er zieht mich runter. Immer wieder!

Nach über 50 Jahren habe ich beschlossen, mein Leben von Grund auf zu ändern. Wenn sich die Kämpfe in mir nicht einstellen, muss ich ihnen den Schauplatz nehmen, das heißt, ich muss einfach akzeptieren lernen, dass dieser Widerstand, etwas zu wollen und nicht zu können, ein fester Bestandteil meiner Persönlichkeit ist. Deswegen passe ich mich nicht mehr der Gesellschaft an, sondern ich passe die Gesellschaft an mich an. Dazu gehört die richtige Umgebung zum Leben und die Menschen und Veranstaltungen, die ich mit so wenig Widerstand wie möglich aushalten kann. Doch ganz wird der Widerstand nie verschwinden, aber ich bekomme ihn seitdem besser in den Griff und das Gefühl von Kampf ist erheblich weniger geworden, so dass mir mehr Energie bleibt, Gutes für mich zu tun.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960