Archiv für den Monat Februar 2017

Gut, dass Sie es nicht wussten … sagte der Psychologe

Wer hält das für möglich! Da soll ich froh sein, dass ich über all die Jahre nichts vom Asperger Syndrom wusste und doch „so gut“ durchgekommen bin. Ich schrieb bereits einmal über dieses leidige Thema, aber es ärgert mich immer wieder, so etwas zu hören. Vor allen Dingen in Zusammenhang mit betroffenen Eltern, die jahrelang unter großer Ungewissheit litten und die mit ihren vom Asperger Syndrom betroffenen Kindern Hilfe suchen und den pfleglichen Tipp bekommen: „Sie sind doch auch gut durchgekommen. Dann bekommen Sie das Kind auch gut durch.“
Entschuldigung, aber mir wird bei solchen Empfehlungen kotzübel!!
Mein Tipp: Diesen Ratgeber sofort at acta legen!
Warum?

Sind wir wirklich gut durchgekommen? Nein!
Ging es uns all die Jahre wirklich gut? Nein!
Wollen wir, dass alles so bleibt? Nein!
Wollen wir Klarheit? Ja!
Wollen wir Gewissheit? Ja!
Wollen wir, dass sich etwas ändert? Ja!
Wollen wir, dass es unseren Kindern gutgeht? Ja!
Nur deswegen suchen wir Hilfe auf. Ich suche doch keine Hilfe, wenn ich mit der Situation zufrieden bin. Also, Ärzte, die solche Aussagen machen, haben aus meiner Sicht ihren Beruf verfehlt.

Ich würde jeder Familie und überhaupt jedem Menschen empfehlen, sich die Hilfe zu suchen, die sich auch auf deren Seite stellt. Wir wollen einen doch keinen Krieg gegen unseren eigenen Arzt führen? Umgedreht erscheint es mir oft so. Ja, ich empfinde es als richtig gemein und unprofessionell, wenn mich der Arzt mit meinen Sorgen nicht ernst nimmt und meine Probleme schönredet.
Ich liebe es, in solchen Fällen die „Umkehrformel“ anzuwenden. Wie würde sich der Arzt fühlen, wenn er Hilfe bei einem Kollegen sucht und dieser ihm sagte: „Sie sind doch bis jetzt ganz gut durchgekommen. Dann schaffen Sie das auch weiter.“ Ich würde fragen: „Na, wie fühlt sich das an?“

Es macht mich so wütend, dass ich immer wieder von diesem Problem lese. Da wird von manchen Ärzten der Begriff „Kaschieren“ mit „Wohlfühlen“ verwechselt. Wir brauchen mehr Duden in den Arztpraxen, um die Begriffe neu zu klären.

Das größte Problem und gleichzeitig eine große Gefahr beim Asperger Syndrom oder dem Hochfunktionalen Autismus ist doch genau die Anpassung, die gänzlich gegen die Natur desjenigen arbeitet. Dann liegt es doch auf der Hand, dass derjenige früher oder später erkrankt, entweder körperlich oder mental. Wie hätten Sie es denn gerne, Herr Doktor! Na, vielleicht kommt auch ein kleiner Suizidversuch dazwischen, damit die Suppe auch köstlich schmeckt.
Schluss mit dem Sarkasmus, der mich bei diesem Thema immer wieder einholt.

Jeder Betroffene von Autismus, egal, welche Art von Autismus es ist, sollte so schnell wie möglich beraten und diagnostiziert werden. Nur das garantiert dem Betroffenen eine Entwicklung, die ihn sich gut fühlen lässt. Jeder Mensch mit Autismus kann nämlich durchaus glücklich und im guter Balance in unserer Gesellschaft leben. Er muss nur das richtige Umfeld gestaltet bekommen. Und genau dabei benötigt er Hilfe. Das Umfeld sollte so früh wie möglich angepasst werden und nicht der Betroffene an das Umfeld. Und ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich habe dreißig Jahre meines Lebens darauf gewartet, „mein Leben“ leben zu dürfen, weil es mir als Kind weggenommen wurde. Das wünsche ich keinem anderen Menschen auf dieser Welt.

Meine Bitte an Eltern von betroffenen Kindern: Ihr spürt, wenn etwas nicht stimmt, wenn eure Kinder plötzlich aus unerfindlichen Gründen Probleme bekommen, Prüfungsangst erleiden, soziale Interaktionsprobleme zeigen oder sich einfach nicht in ihrer Rolle oder Haut wohlfühlen. Dann stecken sie vielleicht in einer Haut, in die sie reingepresst wurden aber nicht gehören. Redet mit euren Kindern, auch wenn sie jugendlich oder gar schon erwachsen sind. Gebt ihnen die Chance oder Möglichkeit, herauszufinden was los ist. Ich rede dabei nicht von Bagatellen. Ich rede davon, wenn Ihr das Gefühl habt, dass sich ein ernstes Problem anbahnt.
Und dann könnte Ihr sagen: „Gut, dass wir es wussten…“
(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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Bin ich in der Lage Verständnis aufzubringen?

Immer wieder werde ich durch interessante Beiträge zu neuen Blogs inspiriert. Es werden Themen angesprochen, die ich noch nie näher bei mir betrachtet habe. So das Thema „Verständnis“. Eine Reaktion, die autistischen Menschen gerne abgesprochen wird. Hier mein Beitrag dazu:

Mit Verlaub, ich habe in meinem Leben noch nie so vieles aufgebracht wie das Verständnis für andere Menschen. Kaum zu glauben als Autistin, würden vielleicht viele sagen. Eigentlich hat mein ganzes Leben nur aus Verständnis, Verstehen, Empathie und Kompromissen bestanden. Ich habe immer überall, bei jedem und für alles Verständnis aufgebracht, weil ich gedacht habe, das muss so sein, um miteinander klarzukommen. Oder verwechsel ich gerade das Verständnis mit Anpassung? Nein, eigentlich nicht.

Verständnis bedeutet für mich, dass ich die Meinungen, Gefühle und Wünsche anderer gelten lasse, sie akzeptiere, toleriere und respektiere. Das beginnt von der Äußerlichkeit, zieht sich über die Rolle in der Gesellschaft bis zu einer persönlichen Ansicht hin. Es gab kaum einen Menschen, den ich in diesen Bereichen beschnitten oder angegangen bin, solange er mich nicht angriff oder meine moralischen und ethischen Grenzen überschritt.

Ich zeigte Verständnis, wenn jemand zu spät kam.
Ich zeigte Verständnis, wenn mir jemand seine Sorgen erzählte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Hilfe wollte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand verärgert war.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Ansichten kritisierte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Pläne durchkreuzte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Erziehungsmethoden angriff.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Ehe angriff.
Ich zeigte Verständnis, wenn sich jemand ein anderes Verhalten von mir wünschte.
Ich war ständig darum bemüht, keinen Unfrieden zu verursachen.
Heute stelle ich mir die Frage, ob dieses Verständnis ein falsches Verständnis war und warum ich es aufgebracht habe.

Wieder einmal zwei klare Antworten:
Ja, es war falsches Verständnis.
Warum habe ich es aufgebracht? Weil ich jedes Mal, wenn ich dieses Verständnis nicht aufgebracht hätte, mich einer sozialen Interkation hätte stellen müssen, der ich nicht gewachsen war. Eines habe ich im Laufe meines Lebens gelernt: Menschen ohne Autismus können die soziale Interaktionsfähigkeit anders einsetzen. Sie können innerhalb von Sekunden so viele Argumente abrufen, dass ich darin, ehe ich reagieren kann, vollkommen ertrinke und sich dadurch eine immense Wut in mir aufbaut.

Nun gibt es aber auch andere Formen des Verständnisses, nämlich die, die innerhalb von Partnerschaften oder Beziehungen wichtig sind. Damit komme ich auf das Thema „Funkstille“ zu sprechen. Wenn sich diese Form des Rückzuges bei mir einstellt, dann ist eine Grenze bei mir überschritten worden, in der ich kein Verständnis mehr aufbringen kann. Warum?

Zuvor ist festzustellen, was die Funkstille ausgelöst hat. Meistens handelt es sich um ein Thema innerhalb der Beziehung/Partnerschaft. Von mir wird etwas erwartet, dem ich nicht nachkommen kann und ich versuche es zu erklären. Kommt das Thema wieder auf, versuche ich es erneut zu erklären, diesmal intensiver. Gibt mein Partner aber nicht auf und besteht auf ein Verhalten, dem ich nicht nachkommen kann, kommt es zu der sogenannten Funkstille. Warum? Weil ich Tage, Wochen oder Monate zuvor schon so viel zu erklären versucht habe, was der andere entweder nicht versteht oder verstehen will. Der andere will mich in eine Richtung drängen, der ich nicht nachkommen kann. Ist die Funkstille erreicht, kann ich auch kein Verständnis mehr aufbringen. Vorerst nicht. Kompromisse sind gänzlich unmöglich.

Doch warum wird immer wieder darauf gepocht, nachzugeben? Warum gesteht man gerade autistischen Menschen diese Reaktionen nicht mal ganz kompromisslos und verständnisvoll zu? Was ist daran misszuverstehen, wenn ich sage: „Ich will das nicht“, oder „ich kann das nicht.“ Warum muss immer weitergebohrt und erklärt werden? Ich bin die Erklärungen so satt.

Nun betrachte ich die Sache von der anderen Seite. Ein Mensch ohne Autismus sagt zu mir: „Ich will das nicht.“ Weißt du was ich darauf antworte? Ich sage: „Okay“, und nehme die Antwort als das hin, was sie aussagt. Wenn mir jemand sagt: „Ich kann das nicht“, dann kann ich das sehr gut akzeptieren und lasse denjenigen in Ruhe.

Es gibt Stationen im Leben von Autisten, in denen sie sich nichts sehnlicher wünschen, als in Ruhe gelassen zu werden. Und manchmal muss sich der nicht autistische Mensch fragen, ob ER nicht zu weit mit seinem Verhalten gegangen ist und das Verständnis einfach verspielt hat.
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Funkstille

Oh Mann, wenn ich daran denke, wie sehr mein Mann darunter leidet und ich diesen Zustand einfach nicht bei mir abstellen kann.

Ich frage mich, was diese Funkstille in mir auslöst.

Eigentlich lässt sich die Situation ganz einfach erklären: Die Funkstille wird bei mir ausgelöst, wenn ich mit einer Situation nicht mehr klarkomme. Über mein Regel- und Plan-Denken habe ich schon oft berichtet. In meinem Kopf sind feste Strukturen verankert, nach denen ich lebe, fühle, reagiere und … jetzt kommt‘s (!) … mich auch abschalte. Nämlich dann, wenn eine Situation entsteht, auf die ich keine Reaktionsstrategie abrufen kann. Es fühlt sich an, als wenn die Situation in mir drin ins Leere läuft, also verpufft! Wenn der andere dann nachsetzt und mich drängt, endlich zu reagieren, entsteht in mir diese Funkstille. (Es kann auch ein Overload oder ein Meltdown sein, aber darüber schrieb ich bereits) Sie zeigt sich sehr unangenehm dem Partner gegenüber, denn sie kommt einer Art Wut gleich, die ich verströme. Früher nannte man es „beleidigt sein“, aber es ist so vieles mehr in mir, das dann stattfindet, als nur beleidigt zu sein. Ich spüre in mir drin einen starken Widerstand, der sich nach außen wie eine Stichwaffe zeigt. Der andere hat danach keine Chance mehr, mich zu erreichen. Ich will dann stundenlang oder tagelang nicht mehr mit der verursachenden Person sprechen. Ich will nur noch, dass sie mich in Ruhe lässt, weil sie meine innere Ordnung durcheinander gebracht hat und nicht aufhört, weiter Unordnung in meinem Leben zu schaffen.

Bei mir gibt es die leichte, mittlere und starke Funkstille.

Die leichte lässt zu, dass ich innerhalb eines Tages wieder von der Person angesprochen werden und mit ihr über das Problem reden kann.

Die mittlere lässt mich tage- oder wochenlang in Kriegen und Kämpfen versinken und erst dann wieder auf Empfang gehen.

Die starke ist die Schlimmste. Dann hat der andere mich in einer Art und Weise bedrängt oder etwas verursacht, dass mich nie wieder den Kontakt herstellen lässt. Das kommt fast nie vor, ist aber dann die totale Funkstille.

Wie kann sich der andere/oder Partner jetzt am besten verhalten?

  1. Regel: lass mich bitte solange in Ruhe, bis ich von alleine wieder bereit bin, mich dir zu nähern.
  2. Regel: sie ergibt sich aus der 1. Regel: setze auf keinen Fall nach oder versuche mich aus der Funkstille zu holen, denn dadurch machst du es nur schlimmer.
  3. Regel: bitte lasse den Kontakt zu mir erst mal nicht abbrechen, denn ich weiß meistens selbst nicht einmal, wie stark meine Funkstille ist.

    4. Regel: Wenn ich wieder mit dir ins Gespräch komme, dann höre dir sehr aufmerksam an, was mir zu schaffen gemacht hat. Unter Umständen tut mir auch eine Entschuldigung gut, weil du meine Grenze überschritten hast. Du kanntest sie vielleicht nicht, aber es sollte nicht noch einmal vorkommen.

Die Beseitigung der Funkstille ergibt sich dadurch, ob oder wie schnell mein Gehirn das Chaos, das in mir entstanden ist, in der Lage ist zu beseitigen. Ob es dafür eine Regel oder eine Ordnung herstellen kann. Der andere sollte wissen, dass es Dinge gibt, die ich nicht lernen oder annehmen KANN. Es gibt dafür kein Programm auf meiner Festplatte. Beispiel: Mein Partner möchte, dass ich mit einem bestimmten Verhalten aufhöre, z.B. einer Macke (Händereiben) oder eine Sache (ständig Schreiben). Für alle, die es nicht wissen: solche Verhaltensweisen sind Beruhigungstechniken für mich, wenn ich aufgeregt oder durcheinander bin, oder es sind im Falle von Schreiben Spezialinteressen für mich, die mir ebenfalls dazu verhelfen, mich zu beruhigen und wohl zu fühlen. Was für nicht Betroffene des Asperger Syndrom manchmal „unmöglich“ oder „übertrieben“ erscheint, kann für mich pure Erholung bedeuten. Ich besitze weit weniger Konzentrationsfähigkeit als nicht Betroffene, wenn es um soziale Interaktionen oder Dinge geht, die mich stressen. Das lässt mich viel eher zusammenbrechen oder eben diese Funkstille in mir entstehen. Ich nehme nämlich viel mehr wahr und muss viel mehr durch meinen Autismus verarbeiten, als es normale Menschen können.

Also Funkstille ist wichtig in meinem Leben. Ich brauche sie, um wieder klarzukommen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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