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Auffälligkeiten während der Anpassungsphase

Wer nicht weiß, was ich mit Anpassungsphase meine, hier eine kurze Erklärung:
Als Kind und Jugendliche lebte ich mit meinem Autismus recht konform. Ich rebellierte, wenn es mir zu viel wurde, und zog mich ständig in meine eigene Welt zurück. Die bestand im Grunde nur aus zwei Plätzen: entweder schrieb oder las ich vollkommen zurückgezogen in meinem Zimmer oder ich hielt mich alleine im Wald auf. Dazwischen war nur Chaos, das ich kaum wahrnahm – ineinander schwimmende Farben und scheppernde Geräusche. Ich kann mich an ziemlich wenig erinnern, das außerhalb meiner Welt in dieser Zeit stattfand. War immer nur auf Durchhalten programmiert.

Mit ca. 20 Jahren begann bei mir die Anpassungsphase, die Zeit, in der ich mit aller Kraft meine Welt verließ, um in dem Draußen zurecht zu kommen. Auf Dauer ließ sich ein Leben in einem Zimmer oder im Wald ja nicht finanzieren. Ich mobilisierte alle Kräfte, heiratete und bekam zwei Kinder. Es blieb keine Zeit mehr für meine eigenen Belange. Mir kam nicht einmal in den Sinn, dass ich falsch oder unverantwortlich für mich handelte. Ich beobachtete die Welt außerhalb meiner und wollte mich anpassen. Das kann doch nicht so schwer sein.

Doch, das war es – immer. Alles was ich tat, erschien mir schwer und schöpfend. Ich verband Faulheit oder Dummheit damit, denn was anderes fiel mir nicht ein, was meine Reaktion erklären könnte. Also musste ich eine Schippe drauf legen. Alles, was ich tat, tat ich unter Druck und Zwang, um nicht aufzufallen.

Wenn ich heute daran zurückdenke, fällt mir auf, dass mein ganzes Denken und Fühlen immer von dem Begriff „Durchhalten“ geprägt war. Ich konnte in keinem Moment verweilen, weil ich immer nur daran dachte, was als nächstes kommt. Schaffe ich das? Getriebenheit und die Sehnsucht nach Ruhe waren meine konträren Begleiter. Ob Familienfeiern oder sonstige Aufgaben als Mutter und Ehefrau außerhalb meiner eigenen Welt, ich dachte immer nur daran, wann es endlich vorbei sei. Nur hinter mich bringen. Ständig kam mir der Spruch über die Lippen: Bin ich froh, wenn alles vorbei ist. Fast jeder Tag war eine pure Erledigung, wie der unangenehme Termin bei einem Arzt.

Ich erinnere mich an meine Sehnsucht, alles möglichst schnell zu erledigen, damit mir wenigstens noch ein paar Minuten oder Stunden für Ruhe blieben. Rationelles Handeln war bei mir an der Tagesordnung, nur damit ich zur Ruhe kam. Je schneller ich arbeitete, desto eher der Feierabend. Doch ich kam nie zur Ruhe. In meinem Kopf entstanden bereits die nächsten Pläne. Kein Rückzug, kein Gönnen und bloß kein Verweilen.

Man stellte recht schnell eine latente Überfunktion meiner Schilddrüse fest. Damit hatte ich einen vorläufigen „Schuldigen“ für meine Getriebenheit gefunden. Erklärungen waren immer schon wichtig für mich. Doch es verbesserte meine Situation nicht. Es wurde immer schlimmer. Da ich nie in den Rückzug kam, brach ich mit 29 Jahren zu ersten Mal total zusammen. Krebs. Der Körper baute seit langem keine Abwehrkräfte mehr auf. Was blieb, war die Sehnsucht, endlich zur Ruhe zu kommen.

Ich begrüßte meine Krebserkrankung sogar, weil ich endlich nach außen zeigen konnte, dass ich Ruhe brauchte. Ja, ich machte den Krebs zu meinem Freund und genoss die genehmigte Auszeit.
Doch kaum hatte ich alle Therapien hinter mich gebracht, begann die Getriebenheit von vorn. Sie hörte einfach nicht auf. Ich versuchte immer alles zu erklären und erklärte diesmal meine Erschöpfung mit der Chemotherapie, die ich über mich ergehen lassen hatte. Sie musste einen Teil meiner Kraft verschlungen haben. Das klang plausibel.

Was ist geblieben?
Die Erinnerung an einen wahren Hürdenlauf durch mein Leben. Dann die vielen Momente, in denen in einfach in einem Sessel oder auf dem Sofa immer wieder aus unerklärlichen Gründen einschlief. Das schlechte Gewissen, nichts und niemanden gerecht werden zu können und die Schuldgefühle, die man mir aufredete.
Weiter blieb meine merkwürdige Sicht auf die Welt. Meine Wahrnehmung war in so vielen Bereichen immer schon anders, auch die Art, mit Menschen umzugehen. Ich verstand vieles nicht und konnte mir ebenso vieles nicht erklären. Nebenher lief immer schon eine andere Welt ab als die, in der ich lebte.

Wie gut, dass es Zusammenbrüche gibt, denn nur sie waren meine wahren Freunde. Sie haben mir auf ehrliche Weise gezeigt, dass etwas falsch lief. Wer sie wahrnimmt und richtig handelt, wird ihnen eines Tages sehr dankbar sein. So ist doch immer der eigene Körper und die eigene Seele der beste Freund eines jeden Menschen. Zeit, sich mehr um diese zu kümmern…

Ich befinde mich im vierten Jahr nach der Gewissheit, eine Betroffene des Asperger Syndroms zu sein. Jemand vom Fach sagte mir, dass es fünf Jahre im Schnitt braucht, um in seinem wahren Leben wieder anzukommen. Sind das Erfahrungswerte?
Ich kann es bis jetzt bestätigen, denn ich habe in den letzten vier Jahren mein Leben Stück für Stück so verändert, dass ich meinem wahren Naturell ziemlich nahe gekommen bin. Ich habe im Familien- und Freundeskreis mit allen belastenden Kontakten Stück für Stück aufgeräumt, mein Leben umgestellt, den Beruf ergriffen, dem ich schon immer nachgehen wollte und werde nun als letzten Schritt noch den Ort zum Leben aufsuchen, der am besten zu mir passt. Und dann sehen wir mal weiter, was das Leben mit mir macht….

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Als Einzelgänger in einer Ehe… geht das?

Ich war immer schon ein Einzelgänger, auch wenn ich seit vielen Jahren verheiratet bin. Es hat an meiner innerlichen Wahrnehmung nichts verändert.

Als Kind mochte ich keine anderen Kinder um mich haben, es sei denn, sie interessierten sich für meine außergewöhnlichen Hobbies. Doch das war eher selten. Ich hatte fast nur Kontakt zu Jungen oder älteren Mädchen, weil deren Interessen anders als die meiner Klassenkameradinnen waren. Es kam aber nie zu festen oder längeren Freundschaften, die ich außerhalb dieser Interessen pflegte.
Schon damals fiel mir auf, wie langweilig viele Menschen um mich herum auf mich wirkten. Während in mir die fantastischsten Welten entstanden, die ich in Geschichten niederschrieb, gackerten die anderen Mädchen um mich herum über Schminke, Petting und Partys. Ich fand keinen Anschluss.

Mit 19 Jahren beschloss ich, allein in die USA zu reisen und dort eine Aupair-Stelle anzutreten. Viele waren entsetzt, weil ich aus deren Sicht viel zu jung für eine solche Reise alleine sei. Doch für mich war es genau das, was ich suchte. Zunächst verbrachte ich drei Wochen alleine in Colorado und verschwand stundenlang zum Wandern in den Rocky Mountains. Ich vermisste nichts und niemanden. Das Alleinsein löste in mir große Gefühle aus. Selbst als sich einige Leute mich anzuschließen versuchten, wich ich zurück und fertigte sie mit Lügen ab, damit sie mich allein ließen. Danach trat ich meine Aupair Stelle in Kalifornien an. Ich lernte Hollywood und eines seiner Studios kennen. Das war einer meiner Schlüsselmonente in meinem Leben, weil dort die fantastischsten Welten entstanden. Es löste in mir den späteren Wunsch aus, Bücher zu schreiben. Ich wollte Geschichten mit großen Kulissen und einer Menge unheimlicher Dinge erfinden.

Ich machte mir damals keine großen Gedanken darüber, weil ich es immer schon als normal empfand, meinen eigene Welt für mich allein zu haben. In dieser Welt war für mich alles bunt und sehr aufregend. Die Welt der anderen wirkte immer grau und nebelig auf mich. Ich konnte durch diesen Nebel nichts erkennen, was mich interessierte. Und doch musste ich mich damals dieser Welt nähern, als ich älter wurde. Ungern. Sehr ungern, aber meine Welt reichte nicht aus, um Geld für mein Leben zu verdienen. Ich verlor den Schutz des Elternhauses, nachdem sich meine Eltern getrennt hatten und meine Mutter starb. Ein Schock! Gewohnheiten, Regeln und Sicherheit waren auf einen Schlag weg. Meine ganzen Systeme, in denen ich lebte, kamen durcheinander. Ich erlitt für wenige Monate eine Amnesie und zeigte merkwürdige Verhaltensweisen. Schottete alles um mich herum ab und wartete darauf, dass es endlich vorbei sein würde.

Als mein Mann in mein Leben trat, stellte er meine Systeme wieder her. Ich bekam von ihm Sicherheit und Gewohnheit zurück und erlebte eine Geborgenheit, in der ich neue Regeln für mein Leben fand. Und doch existierte in mir immer diese andere Welt, die ich aus Scham nicht mit anderen teilen wollte. Sie war so anders und ich konnte mich in schlimmen Momenten immer in sie hineinflüchten.

Trotz Ehe, Kinder und großer Familie lebte ich immer nur am Rande mit. Ich konnte emotional nie in diese Welt hineinfinden, auch wenn es für andere den Anschein hatte, denn eines hatte ich im Laufe meines Lebens gelernt: das Theaterspielen. Der Anpassungsprozess. Ich konnte nie die Zärtlichkeit empfinden, die mein Mann für mich empfand und doch versuchte ich, sie zu zeigen. Es war mir wichtig, dass er glücklich war. Ich spielte die Herzlichkeit vor, die mir seine Familie zeigte, doch ich empfand sie nie. Und doch war es mir wichtig, dass alle glaubten, ich würde sie empfinden.

Nur zu meinen Kindern kann ich eine starke echte Liebe empfinden. Sie leben in meiner Welt und ich kann all ihre Emotionen verstehen und nachvollziehen. Sie zeigen ähnliche Emotionen wie ich und betrachten die Welt auf vielerlei Hinsicht wie ich. Ich bewundere ihre positive und neugierige Haltung und ihre Zuversicht, mit der sie ihr Leben meistern. Nur eines möchte ich nicht: dass sie sich für andere verbiegen. Auch wenn ich ihnen in den ersten Jahren eine Art Anpassung beizubringen versucht habe, so musste ich schnell hinnehmen, dass es nicht funktionierte. Sie leben authentisch, anders und manchmal auffällig und das macht mich sehr glücklich.

Bis heute bin ich das Gefühl des Einzelgängers nicht losgeworden. In meine Welt findet keiner hinein, es sei denn, er lebt in der gleichen Welt. Wer einen Blick in mein Bücherregal wirft, wird viele außergewöhnliche Bücher entdecken, die mich interessiert haben. Es handelt sich durchweg um Geschichten von Einzelgängern oder außergewöhnlichen Menschen und dazu gehören kaum die Bestseller der Gesellschaft. In meinen Geschichten, die ich schreibe, sind die Protagonisten auch alle Einzelgänger, weil ich einfach nicht in der Lage bin, aus einer anderen Sicht zu schreiben.

Ist es möglich, für mich als Einzelgänger in einer Ehe zu leben? Ja, ist es, solange man mich in meiner Welt lässt. Ich brauche zwischendurch immer die Flucht in meine bunte, positive und glückliche Welt, um aufzutanken. Mit Ehrlichkeit, Respekt und einer Menge Toleranz von beiden Seiten schaffen wir das. Sagen wir mal … wir schaffen das bis heute. Was morgen sein wird, wissen wir nicht. Aber es wird nie zu einer perfekten Form einer Partnerschaft führen, weil immer einer etwas vermissen wird. Ich vermisse einen Menschen in meiner Welt und mein Mann vermisst einen Menschen in seiner Welt. Das wird sich nie ändern. Und doch wissen wir, was wir aneinander haben.

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Wenn ich den Überblick verliere

Den Überblick einer großen Sache zu behalten: Fehlanzeige!

Ich wurde einmal beim Diagnosegespräch gefragt, ob ich einen guten Gesamtüberblick über Dinge/Situationen habe. Ich verneinte sofort, denn ich bin schon seit jeher eine Detailseherin. In meiner Kindheit erhielt ich einen Fotoapparat, mit dem ich nicht wie andere große Landschaften fotografierte, sondern nur kleine Details. Blumen, Fenster, Laternen, Kamine…
Später begann ich natürlich auch Aufnahmen von größeren Landschaften zu machen, aber das hatte einen anderen Grund. Damals und auch heute schaue ich mir gerne meine Reisen und Ausflüge auf Fotos an, weil ich nie den Gesamtüberblick einer Stadt oder Gegend erhalte. Den verschaffe ich mir über Fotos. Manchmal bringe ich bis zu 1000 Fotos mit und sehe sie mir in aller Ruhe daheim an. Erst dann erfasse ich die gesamte Schönheit der Umgebung oder die Komplexität einer Stadt.

Als ich vor einigen Jahren Würzburg bereiste, sah ich nur die vielen schönen Details und Stuckarbeiten der wundervoll gebauten Häuser. Die Laternen auf der Brücke zur Festung Marienburg und die bunten Holzläden an den Fenstern der Marienburg. Erst später erfasste ich die gesamte Schönheit der Burg und der Stadt durch Bilder.

Große Städte machen mir Angst. Ich könnte niemals in einer großen Stadt leben. Ich erinnere mich, als wir als Familie 2007 nach Calgary/Alberta in Kanada auswanderten. Ich kannte die Millionenstadt nicht und als wir den Flughafen verließen und mitten durch diese wahnsinns Stadtmetropole fuhren, überkam mich eine immense Angst! Es fühlte sich an, als würden sich alle Angsthormone, die mein Organismus zu bieten hat, in meinem Kopf sammeln. Mir war heiß und kalt, ich zitterte und konnte nichts mehr wahrnehmen. Die absolute Reizüberflutung! Wir lebten dort nur 5 Monate, dann brach ich zusammen. Obwohl ich in dieser Zeit einen festen Weg zur Arbeit hatte, konnte ich ihn mir nie merken. Jeden Tag durchströmte mich die gleiche Angst, ob ich je wieder nach Hause finden würde. In dieser Zeit hatten wir noch kein Navi, sondern mussten uns mit Stadtkarten behelfen. Eine Katastrophe für mich. Der Stress wurde so groß, dass ich die Arbeitsstelle kündigen musste. Erst Monate später, als ich mir ein Fotobuch von Calgary ansah, bekam ich eine Idee von der Größe der Stadt, die ich nicht einen einzigen Tag während meiner Aufenthaltszeit überblickte.

Auch das Thema „Party“ fällt in den Bereich „den Überblick verlieren“ hinein. Ich bin nicht in der Lage, größere Partys oder Veranstaltungen zu überblicken. Es beginnt schon mit der Anzahl der Gäste, deren Namen ich mir einfach nicht merken kann. Nicht mal einen einzigen, außer ich kenne diese Person bereits länger. Gesichter sind gänzlich nicht zuzuordnen. Wenn mich jemand zweimal anspricht, kann es passieren, dass ich mich an das erste Mal nicht erinnere. Ich sehe aber die oft liebevoll hergerichtete Deko, die Kerzen, das wunderschön angerichtete Buffet. Kleinigkeiten, die die Atmosphäre erst gemütlich machen. Kleine Details bei der Verpackung von Geschenken… Das sind meine Blickpunkte.

Als ich früher in meiner großen Familie eine Feier veranstaltete und noch nichts von meinem Autismus wusste, stand ich oft tagelang vorher unter großem Stress. Immer wieder ging ich Details, Abläufe und Erledigungen durch. Es raubte mir die Nächte zuvor und Tage danach meine Energie. Eine Feier war immer Schwerstarbeit für mich. Ich konnte oft den Überblick nicht behalten und wurde hektisch oder gar aggressiv.

Die Technik ist eines der größten Desaster für mich in der heutigen Zeit. Ich habe schlichtweg überhaupt keinen Überblick mehr! Meide Technik woimmer es geht und bemerke, wie ich den Anschluss an die Welt da draußen verliere. Es beginnt am Bahnsteigautomat, also fahre ich keine Bahn. Ich gehe an keine elektronische Kasse und telefoniere niemals an einem öffentlichen Telefonding. Ich besitze auch kein Handy oder Smartphone, habe mir das telefonieren gänzlich abgewöhnt und bin nur daheim über Festnetz zu erreichen. Selbst dort habe ich keinen Anrufbeantworter an.

Am schlimmsten wurde es, als ich vor einigen Jahren den Überblick über mein Leben und meine Gesundheit verlor. Die Angst, die ich verspürte, war so groß, dass ich den Moment gekommen sah, etwas grundlegendes verändern zu müssen. Es war klar, dass ich den Rückschritt anstatt den Fortschritt wagen musste. Alles musste weniger und kleiner werden. Ich schaffte die großen Feiern ab, begann Partys und Veranstaltungen zu meiden, reduzierte meine Freunde und suchte mir einen Lebensraum in einer klitzekleinen Stadt in England in einem Nationalpark, in den ich in Kürze komplett hinziehen werde. Derzeit wohne ich noch in einer deutschen Kleinstadt, aber selbst die macht mir immer so zu schaffen, dass ich keine Märkte besuche oder einfach nur durch die City bummle. Weniger Menschen, weniger Reize und viel freundlichere Bedienungen sind mein Ziel. Ich liebe Städte, die nur eine kleine Straße als Zentrum haben. Dort kann ich alles überblicken und genießen. Ich liebe Geschäfte, die ihr Sortiment nicht ständig umräumen. Sobald sich meine Produkte nicht mehr am gewohnten Platz befinden, bricht in mir die Panik aus. Nur unter großem Stress muss ich mir alles neu zusammensuchen. Ich bekomme oft wochenlang keinen Überblick über das neue Sortiment. Es dauert sehr lange, bis ich alle Produkte und ihren Platz wieder auswendig gelernt habe.

Die Langsamkeit und die Überschaubarkeit sind nun meine Ziele im Leben geworden, die ich suche… und finde. Nur damit werde ich meinem Leben mit dem Asperger Syndrom gerecht!

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Stalken – fühlen sich Autisten schneller gestalkt als NTs?

Diesen Begriff kennen alle und verbinden kriminelle Handlungen damit. Ich auch. Es ist kriminell, wenn ein Mensch den anderen bedroht, ihn erpresst, ihm nachstellt und schlimme Ängste in ihm hervorruft. Es entstehen Todesängste.

Nun, ich habe nie in meinem Leben jemanden bedroht, ihn erpresst, ihm nachgestellt, doch ich habe einmal schlimme Ängste in einem Menschen hervorgerufen und bin daraufhin mit dem Begriff „stalken“ konfrontiert worden. Ich war geschockt! Noch nie war mir in den Sinn gekommen, dass ich stalke. Es hat mich monatelang emotional zu Boden gerissen. Was war passiert?

Etwas, womit ich nie gerechnet hätte.
Ich lege großen Wert darauf, zu allen Menschen, die mir freundlich begegnen, mit der gleichen Freundlichkeit zu antworten. Als Autistin weiß ich aber manchmal nicht wirklich, wo die Grenze der Freundlichkeit endet und wann es aufdringlich wird. Oder missverständlich. Grenzen erkennen ist eines meiner größten Probleme.
Wie viele, die in Facebook mit mir befreundet sind, wissen, antworte ich immer gerne auf Kommentare oder nehme gerne an Internetdiskussionen teil. Das klappt gut. Da kann ich entscheiden, wie lange ich für eine Antwort brauche und wann ich mich ausklinke. Zu manchen habe ich auch Kontakt per Email.

Als ich noch nichts von Autismus und dem Asperger Syndrom wusste, kam über meine private Facebookseite ein alter Kontakt zustande, der mich sehr freute. Wir tauschten sofort alles aus, was sich in den letzten 30 Jahren in unserem Leben zugetragen hatte. Ich bemerkte, dass wir einige Interessen teilten und schrieb mit großer Freude immer zurück. Er teilte mir mit, dass er das Asperger Syndrom habe und ich besorgte mir sofort das erste Buch darüber, um besser mit diesem Menschen kommunizieren zu können. Durch das Lesen dieses Buches kam ich allmählich dahinter, dass ich auch eine Betroffene sein könnte. Ich begann dem anderen viele Fragen zu stellen. Und das brachte mich in eine fatale Situation. Während ich mit Freude und Freundlichkeit Interesse an dem Asperger Syndrom bekundete, empfand der andere es wohl als Annäherung oder Aufdringlichkeit. Ich erkannte nicht seine Grenze. Er brach den Kontakt in FB ab und erst nach mehrmaligen Anfragen, was passiert sei, bekam ich eine bitterböse Email, ich sei ein Stalkerin.
Diese Nachricht fühlte sich an, als habe mich jemand außer Betrieb gesetzt. Ich soll eine Stalkerin sein? Ich konnte monatelang nicht auf diesen Vorwurf reagieren, war zutiefst verletzt und betrachtete den Kontakt als absolut zerbrochen.

Stalken.
Wann beginnt ein Autist, sich gestalkt zu fühlen?
Ich las im großen Buch von Tony Attwood nach:
„Während die Person mit Asperger Syndrom den Ausdruck von Liebe auf einem niedrigen Level genießt und selbst ausdrücken kann, kann es zu Problemen kommen, wenn derjenige sich in seiner Jugend oder als junger Erwachsener in jemanden „verguckt“. Dann kann der Ausdruck der Liebe und die Handlungen, mit denen Zuneigung ausgedrückt werden, zu intensiv sein. Die nett gemeinten Handlungen eines anderen können so interpretiert werden, dass mehr in sie hineingelesen wird, als mit ihnen gemeint war. Die beeinträchtigten Theory-of-Mind-Fähigkeiten können dazu führen, dass die Person mit Asperger Syndrom annimmt, dass die andere Person sich ebenfalls verliebt hat und dass sie ihr dann folgt und weiter mit ihr reden will. Das kann dazu führen, dass man ihr Stalking vorwirft.“

Damit hatte ich eine Erklärung und versuchte den Kontakt wieder herzustellen. Und tatsächlich, es gelang. Ich erfuhr auch, dass diese Missinterpretation dem anderen leid tat. Doch dann setzte sich bei mir etwas anderes in Gang. Ich bekam Angst, diesem Menschen weiterhin freundlich zu begegnen. Stellte mir die Frage, wann er sich wieder gestalkt fühlt und wann nicht. Wann war eine Frage aufdringlich, wann nicht? Ich brach von meiner Seite den Kontakt ab, doch er kam nach wenigen Monaten wieder zustande. Ich war immer noch derart verunsichert, dass ich nie wieder zu der alten Gelassenheit zurückfand und brach erneut ab. Ich kann diesen Vorfall einfach nicht einsortieren. Ich weiß einfach nicht mehr, wo jetzt die Grenze sein soll. Vergeben und Vergessen funktioniert bei mir nicht.

Fühlen sich Autisten schneller gestalkt als NTs?
Dass bei Autisten das Gefühl von stalken schneller zustande kommt, kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Es gab auf meiner FB-Seite einen Vorfall, der mir äußerst unangenehm war. Da begann ein neuer Kontakt plötzlich, für mich aufdringliche Bemerkungen auf meine Chronik zu posten. In mir entstand direkt das Gefühl, einen Stalker an Land gezogen zu haben. Das machte mir Angst. Doch dann erinnerte ich mich an diesen besagten Vorfall. Wie schnell sich der andere durch mich verfolgt gefühlt hatte. Ich beschloss, diesem aufdringlichen Kontakt meine Ängste zu erklären. Dass er diese Postings bitte aufhören solle. Würde er reagieren? Vielleicht wollte er auch nur freundlich sein. Und tatsächlich, es kam eine große Entschuldigung zurück und die Postings hörten auf. Der Kontakt besteht bis heute in einer Form von Respekts, die ich gut aushalten kann und bin froh, so besonnen reagiert zu haben.

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Wie ich Glück empfinde

Glück ist gelb für mich und fühlt sich wie ein Feld voller blühender Sonnenblumen an. Ich spüre das warme Gelb der Blüten, diese anmutige Form und die Lebensfreude, die diese Blume ausstrahlt. Je mehr Sonnenblumen ist erblicke, desto glücklicher fühle ich mich. Ein Meer von Licht für meine Gefühle. Der Anblick nimmt mir jede Traurigkeit und jede Träne, die gerade noch meine Wange hinunterlief.

Glück verspüre ich nur, wenn ich alleine bin.

Glück bedeutet für mich, morgens allein auf der Verandatreppe meiner Hütte in England zu sitzen und den ersten heißen Tee bei einem Sonnenaufgang zu trinken.

Glück fühle ich, wenn ich abends nach einem guten Schreibtag die Sonne untergehen sehe und im Hintergrund Lieder mit meinen Lieblingsinterpreten höre.

Glück bedeutet für mich, allein an der Küste zu sitzen und das Rauschen des Meeres zu hören und dabei die Augen zu schließen.

Glück empfinde ich, wenn ich mich auf der Fahrt nach England befinde und volle Kanne Musik im Wagen plärren lassen kann.

Glück fühle ich, wenn ich an besondere Menschen denke und denke, sie denken auch gerade an mich.

Glück bedeutet für mich, allein Gitarren- und Klavierklänge zu hören.

Glück fühle ich, wenn ich allein in Wäldern herumwandere und die Sonnenstrahlen durch die Baumkronen auf den Weg fallen sehe.

Glück fühle ich, wenn mir ein guter Text für mein neues Buch gelungen ist.

Glück fühle ich, wenn ich abends allein meinen Lieblingsbaum ansehen kann.

Ich könnte noch unzählige Momente des Glücks aufzählen und jeder könnte denken, aber das empfinden die NTs doch genauso!
Stimmt!
Was unterscheidet jetzt mein Glücksgefühl von dem anderer?

Zwei wesentliche Punkte:

Ich kann nur dann tiefes Glück empfinden, wenn ich allein bin. Das bedeutet, ich kann in Gegenwart von Menschen dieses Gefühl nicht in mir verspüren. Ich bin zu viel mit deren Wahrnehmung und damit verbundenen Reizen abgelenkt, so dass ich nicht zu einem intensiven Gefühl von mir kommen kann.
Das ist besonders für die Menschen traurig, die mich lieben und die so gerne ihr Glück mit mir teilen wollen, aber ich kann es nicht. Doch ich kann ein Gefühl von großer Freude in Gegenwart der Menschen verspüren. Auch Spaß. Aber Glück? Nein. Nicht dieses tiefe, reine und ehrliche Gefühl.

Es fühlt sich an, als würde die Anwesenheit eines Menschen einen Schleier über dieses Gefühl legen, den ich nicht wegziehen kann. Ich weiß, es ist da, aber es kommt durch diesen Schleier nicht hindurch. Doch sobald ich allein bin, ist es da.

Ich wurde einmal gefragt, ob mir das Alleinsein keine Angst mache. Nein, im Gegenteil, es ist der einzige Zustand, in dem ich mich fühlen kann. Das hat nichts mit Einsamkeit zu tun.

Ein zweiter wesentlicher Punkt ist, dass ich Glück nur bei nicht materiellen Dingen empfinden kann. Kein Schmuck, kein Autor, kein Kleidungsstück oder anderes Materielles dieser Welt kann mich glücklich machen. Materielle Dinge sind für mich Notwendigkeiten, die ich zum Leben brauche. Das Gefühl von Luxus kenne und fühle ich nicht. Ich spüre jedoch Überfluss und Vergeudung.
Glück steckt bei mir in der Ruhe, die mir die Natur und ihre unzähligen schönen Augenblicke schenkt und nicht der Besitztum oder eine Anschaffung.

Ich freue mich über jeden, der mir Glück schenken möchte und mich ab und zu allein lässt, der aber nicht in meinem Leben verschwindet.
Ich bin den Menschen in meinem Leben näher, wenn ich weit weg bin. Ist das kurios? Nähe als Stress und Distanz als Glück? Ist das der Unterschied zu Menschen, die nicht vom Autismus betroffen sind und Glück in der Zweisamkeit suchen und empfinden?

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Erwartungen – ein Basis-Problem zwischen Asperger und NTs?

Wenn ich nicht den Erwartungen entspreche werde ich ausgeschlossen?
Ist das nicht ein Basis-Problem zwischen allen Menschen?
Ich möchte es gerne aus meiner Sicht schildern:

Sosehr ich mich auch bemühe, mich der Gesellschaft anzupassen und die Erwartungen anderer weitgehend zu erfüllen, sosehr misslingt es mir. Viele Kontakte sind nur von kurzer Dauer, weil ich ihnen nicht standhalten kann.
Es ist mir wichtig, auf der einen Seite zur Gesellschaft dazuzugehören, aber auf der anderen Seite verspüre ich enormen Widerstand, weil es mich sehr anstrengt und erschöpft. Warum ist das so?

Ich freue mich immer über jeden neuen Kontakt, den ich finde und bemühe mich sofort, den anderen in seiner Gesamtheit zu verstehen. Meist sind es nicht autistische Menschen, also NTs. Es ist weitgehend bekannt, dass das Wort „bemühen“ in dem Zeugnis einer Firma immer bedeutet: „Er/sie hat es versucht, aber nicht geschafft“. Eine Art Code für eine Niederlage.
Ich weiß, wie wichtig der Gesellschaft Erwartungen sind. Erwartungen sind für mich wie Regeln. Was erwartet der andere nun von mir, wenn ich mit ihm/ihr in Kontakt bleiben möchte? Welche Regeln muss ich erfüllen? Er erwartet, dass ich mich für seine Belange interessiere und das zeige. Und ich erwarte das gleiche. Damit entstehen schon die ersten Missverständnisse.
Ich möchte es gerne anhand von Facebook erklären:

Es kommt eine Freundschaftsanfrage herein oder ich sende eine ab, weil ich z.B. durch Veranstaltungen oder Verbindungen einen Menschen getroffen habe, zu dem ich gerne Kontakt hätte.
Ich bin ein Mensch, der Kontakte als einträgliches, aufrichtiges, konstruktives und unterstützendes Gut im Leben betrachtet. Doch entspreche ich mit diesem Denken den allgemeinen Erwartungen?

Es ist für mich immer wieder schwer zu erkennen, was der andere nun von mir erwartet. Ich bin sehr konstruktiv veranlagt und halte mich nicht gerne mit nebensächlichen Dingen auf. Und doch mag ich einen gewissen Humor und zeige Interesse an außergewöhnlichen Sachen, die man in FB oft findet. Leider mache ich oft die Erfahrung, dass sich meine Erwartungen nicht mit denen vieler anderen decken. Ich kann kaum auf Dinge reagieren, die vielen sehr wichtig erscheinen. Es passiert folgendes:

Mein „neuer Kontakt“ lässt mich nun an seinem privaten Leben teilhaben. Ich sehe, wie viele Selfies erscheinen, Getränke, Teller voller Essen, das Haustier, der Garten, die Oma und und und. Das sind alles wichtige Dinge im Leben eines nicht autistischen Menschen und die er gerne zeigt, ist doch klar. Und ich like sie anfangs, weil es mir richtig und wichtig erscheint. Genauso werden meine Postings auch mit Likes beantwortet. Und genauso lange funktioniert das Spiel auch. Doch nach einiger Zeit werde ich müde von diesen Bildern und stelle meine Likes langsam ein. Ich bin es dann überdrüssig, immer die gleichen Sachen zu sehen und stelle fest, dass der Kontakt nicht das bietet, was ich mir erhofft habe. Meine Erwartungen lagen also völlig anders. Ich stellte z.B. einen Kontakt über die Literatur her und erwartete in diesem Bereich eine gewisse konstruktive Kommunikation zwischendurch. Der andere aber hegte andere Erwartungen. Ihm geht es oft um das spaßige soziale Miteinander.
Nun scheiden sich die Geister.
Ich kann in diese Form des sozialen Miteinanders nur kurze Zeit hineinfinden. Dann beginnt sie mich stark zu erschöpfen, sodass ich mich immer mehr zurückziehe. Zum Schluss endet dieser neue Kontakt so, dass auch der andere mich nicht mehr mit meinen Postings wahrnimmt, wir uns also gegenseitig nicht mehr wahrnehmen. So fließen viele Kontakt wieder davon und irgendwann lösche ich sie.
Das ist nicht böse gemeint, nein, das ist nur meine andere Art der Wahrnehmung. Ich bleibe munter, wenn man mich fordert und anregt zum Denken und Handeln. Ich kann kaum in Spaß und Entspannung, wie es viele NTs empfinden, verweilen. Das bedeutet für mich Stress. Mich entspannt die Herausforderung und das Entstehen konstruktiver Ideen und deren Umsetzung. Demzufolge empfinden wir fast gegensätzlich. Was vielen NTs als Arbeit erscheint entspannt mich und was vielen NTs als Entspannung dient ist für mich Arbeit. Ist das kurios?

Damit möchte ich verdeutlichen, dass es keine falschen Erwartungen gibt, sondern nur andere Wahrnehmungen.

Nun zum Kontakt zu autistischen Menschen in FB:

Schnell erkenne ich konstruktive Beiträge und Bilder. Ich sehe kaum etwas vom Privatleben, sondern lese viele Berichte, Gedanken, interessante Sprüche und Probleme, über die man diskutiert und die helfen, sich besser zurecht zu finden, bei denen so mancher NT ermüden oder erschöpfen würde. Natürlich tauschen wir untereinander auch Witzbilder und dumme Sprüche aus, aber das ist eher die Seltenheit.
Mir fällt bei diesen Kontakten immer auf, dass sie viel langlebiger sind, als meine Kontakte zu nicht autistischen Menschen. Wir bleiben immer in einem Austausch von wichtigen Themen für uns. Ich lerne viel über die Spezialinteressen des anderen. Es kommt bei mir nie das Gefühl von „Zeitvergeudung“ auf. Damit möchte ich niemanden beleidigen, sondern nur darüber informieren, dass ich auf Dauer vielen gesellschaftlichen und sozialen Anforderungen und Erwartungen nicht gewachsen bin. Ich begebe mich immer nach einer gewissen Zeit bei einem Kontakt zu einem NT in den Rückzug, wenn für mich nichts Konstruktives zurückkommt.

Inzwischen habe ich das Problem „Kontakt“ anders geregelt: Ich habe insgesamt fünf FB-Seiten eingerichtet, die sich thematisch trennen. Seitdem fällt es mir viel leichter, Kontakt zu halten, weil es mein Systemdenken unterstützt und die Erwartungen der anderen besser erfüllt.

Das Thema „Erwartungen“ kann in vielerlei Bereiche übertragen werden. Gerade an diesem Punkt können die unterschiedlichen Wahrnehmungen deutlich gemacht werden.

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Ist eine Diagnose bei hochfunktionalem Asperger-Autismus im fortgeschrittenen Alter noch nötig?

Was passiert, wenn man erst im fortgeschrittenen Alter erfährt, dass man eine Betroffene des Asperger Syndroms sein könnte?

Als ich das vermutete begann ich viel darüber zu lesen, um das Gefühl zu bekommen, auf der richtigen Spur zu sein. Es liegt auf der Hand, dass man sich nur dann mit solchen Dingen beschäftigt, wenn man merkt, dass ein Leben lang irgendetwas nicht gestimmt hat und man nie so richtig in dem Leben, was die anderen führen, ankommt.

Zwei Jahre lang schwieg ich über meine Vermutungen, weil ich Angst hatte, ausgelacht oder stigmatisiert zu werden. Doch eines Tages traute ich mich an die Öffentlichkeit, begann über meine „unsichtbaren“ Probleme zu schreiben und erhielt eine überwältigende Resonanz von anderen Betroffenen. Das schenkte mir den Mut fortzufahren. Da ich mir die Probleme nicht ausdenke, sondern sie am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe und immer noch verspüre, wurde ich immer sicherer, dass ich tatsächlich betroffen bin. Doch warum merkte und merkt man das nicht? Weil ich gelernt habe meine Probleme in der Öffentlichkeit zu kaschieren und sie daheim mit mir alleine ausmache. So war es mein ganzes Leben lang. Deswegen redete ich mir immer ein, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt. Ich schämte mich bislang dafür.

Wenn es doch so viele Jahre funktioniert hat und ich mein Leben nun zusehends mehr darauf ausrichte, warum dann noch eine Diagnose? Ich könnte es doch als gegeben hinnehmen und das Beste daraus machen. Also, welchen Zweck soll eine Diagnose erfüllen?

Nun, ich bin ein Mensch, der gerne die Dinge verstehen möchte, die mit mir passieren. Gewissheit gibt mir Sicherheit. Da so viele psychische Störungen durch Traumata in der Gesellschaft existieren ist es auch für mich schwer, alles klar zu definieren und abzugrenzen. Ich glaube, dass sehr viele vom Asperger Syndrom Betroffene ein schweres Leben hinter sich haben oder immer noch führen. Es ist oft mit Depressionen, Ängsten und Krankheiten gezeichnet. Das ist bei mir nicht anders. Was liegt da mehr auf der Hand, als von einer psychischen Störung, einem Traumata oder einer Epigenetik zu reden? Epigenetik ist eine Zusammenkunft von Genen und der Umwelt und kann zu einer Fehlregulation der Stresshormone führen. Das alles kreuzt sich fast nahtlos mit einer Autismus-Diagnose. Wie bekomme ich nun diese vielen in Frage kommenden Auslöser und deren Folgen voneinander abgegrenzt, um zu wissen, was wirklich in mir passiert?

Im Grunde gar nicht, denn das gelingt in den meisten Fällen nur durch eine Psychotherapie, aufwendigen Tests oder langen Gesprächen mit Spezialisten. Während dieser wahrgenommen Möglichkeiten schafft man es, bestimmte Kriterien auszugrenzen und sich so einer Autismus-Diagnose zu nähern.
Ich kenne mittlerweile einige, die bei einer zuständigen Anlaufstelle um einen Diagnose baten, weil sie sich ziemlich sicher waren, davon betroffen zu sein. Doch 100%tig sicher ist sich im Grunde niemand, wenn es um hochfunktionalen Autismus geht.

Viele betroffene Frauen werden in den ersten Diagnosegesprächen abgewiesen oder derart verunsichert, dass ihr Druck wächst. Sie erleiden Ängste, sich blamiert zu haben und fühlen sich abgewertet und erneut irritiert. Mein erstes Gespräch war auch nicht prickelnd und ich fühlte mich durch die ersten Fragen sofort in die Irre geführt und stigmatisiert, aber als mein Mann einges Dinge belegte, fuhr man mit der Diagnose fort.

Tja, im Alter ist es nicht mehr so einfach, eine Diagnose zu stellen, weil man viele Situationen derart trainiert hat, dass man dem Arzt seine Probleme kaum noch vorführen kann. Trainiert bedeutet aber nicht, dass sie weg sind, sondern nur, dass man sie kaschiert und es „irgendwie“ weiter aushält damit zu leben. Das kann es nicht sein! Hinzu kommt die Schwierigkeit, nicht immer zur rechten Zeit die richtige Antwort parat zu haben. Einer meiner größten Probleme bei wichtigen Gesprächen und ein Merkmal des Asperger Syndroms. Ein Teufelskreis also.

Ich benötige die Gewissheit, um endlich mit mir ins Reine zu kommen. Ein Leben lang leide ich unter der Unruhe/Getriebenheit, ja, sogar Angst, was mit mir los ist. Ich möchte, dass eine Diagnose mir diese Angst nimmt. Ich will wissen, woran es nun tatsächlich liegt, dass ich so vieles anders wahrnehme oder reagiere als andere um mich herum. Um psychische Störungen, Traumata und Epigentik auszuschalten muss ich weit zurück in meine Kindheit gehen. Wie war ich als Kind und Jugendliche bevor die Krankheiten oder eventuelle Traumata begannen? Und genau das ist der Knackpunkt!
Aus meiner Sicht lässt sich eine Diagnose nur dann recht sicher stellen, wenn ich mich mit genau dieser Zeit auseinandersetze. Passen in diese Zeit immer noch autistische Merkmale? Wenn ja, befinde ich mich auf dem richtigen Weg. Und in der Tat, je mehr ich meine Kindheit durchleuchte und meine alten Tagebücher lese, desto klarer wird mir: Ich war nie normal! Ich wollte nur immer normal sein, doch es gelang mir nie! Ich wollte immer mit anderen Kindern spielen, doch es klappte nur selten. Ich wollte immer wie andere Mädchen sein, doch ich konnte mich nie in sie hineinversetzen. Ich wollte immer die gleichen Interessen haben wie meine Mitschüler, doch meine waren vollkommen anders. Alles war anders. So ist es heute noch und es wird nie anders sein.

Bei einem ersten Diagnosegespräch sollte man genau diese Themen auspacken, denn wenn man von seinem inzwischen angepassten und trainierten Verhalten erzählt, wird eine Diagnose schwierig.

Eine Diagnose ist für mich wichtig, damit ich endlich innerlich zur Ruhe kommen, gelassener reagieren und mich sortieren kann. Will das nicht jeder „normale“ Mensch auch?

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)
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