Archiv für den Monat April 2017

Selbstzerstörung

Rückblickend auf einen jahrelangen Prozess finde ich erstmals den Mut, über meine Selbstzerstörung zu schreiben.
Es gibt Themen, die ich einfach nicht näher beleuchten will, doch ich weiß, bei meiner Selbstreflexion darf ein Thema, das so bedeutungsvoll ist wie die Selbstzerstörung, nicht fehlen.

Wann hatte es eigentlich begonnen? In meiner Kindheit und Jugend kann ich mich nicht erinnern, jemals etwas getan zu haben, was sich selbstzerstörerisch anfühlte. Ich lebte in einem selbstbestimmten Schutzraum meiner Gefühle und Interessen und öffnete diesen Raum nicht für andere. Doch dann verließ ich meine Jugend und damit meinen Schutzraum. Die Selbstzerstörung begann.

Sie begann schleichend. Innerlich. Zehrend. Erschöpfend. Unwiderruflich. Tag für Tag kämpfte ich gegen meine eigene Wahrnehmung an und forderte mein Innerstes heraus, sich eine neue Betrachtungsweise auf die Welt anzueignen. Ich begann fremdgesteuert zu leben und zu entscheiden. Achtete stets darauf, andere zu imitieren und mich der Gesellschaft anzupassen.
Soweit der innere Prozess.

Ich bemerkte jahrelang nichts, denn es spielte sich ja innerlich ab. Ich bemerkte nicht, wie sich mein Körper mehr und mehr mit der Abwehr meiner eigenen Empfindungen beschäftigte und sein eigenes Hab und Gut vernachlässigte. Ergebnis: Krebs. Keine Immunität mehr. Innerliche Selbstzerstörung vollzogen.
Ein Wendepunkt in meinem Leben. Endlich durfte ich „langsamer“ werden. Doch wer erst einmal mit der Selbstzerstörung begonnen hat, kann sie kaum bremsen.

Wieder einmal schleichend kehrte ich zurück in die alte Welt. Da ich mein Innerstes nicht zu steuern vermochte, wendete ich mich der äußeren Schicht zu – der Haut. Ich kratzte sie zum ersten Mal an einer rauen Stelle auf. Ich wusste bereits aus vielerlei Berichten von dem Borderline-Syndrom, sah mich aber keineswegs als Betroffene. Doch da war immer dieses Jucken und das Verlangen, überall zu kratzen. Je ruhiger ich im Sessel saß, desto stärker spürte ich den Juckreiz. Es gab keinen medizinischen Grund, außer dass meine Nerven auf der Haut ständig rotierten. Alles schien zu kribbeln und eine wahre Jagd nach Beruhigung begann mich zu plagen. Nach der ersten aufgekratzten Stelle fand ich die zweite. Ich war bemüht, Stellen zu finden, die man nicht auf Anhieb sah. Meistens waren es die Arme oder die Schulterblätter. Große wunde Stellen zeigten sich und ich konnte nicht aufhören, sie immer wieder aufzukratzen. Dann der Kopf. Auch dort gab es bereits die ersten blutigen Stellen. Die Selbstzerstörung schritt voran. Innerlich kämpfte mein Immunsystem weiter um Kraft und Abwehr, doch es kamen Diabetes Typ 1 und eine Schilddrüsenüberfunktion dazu. Das ließ meine Haut noch mehr rotieren, denn jeder hohe Zuckerwert löste Trockenheit auf der Haut aus und gab mir einen neuen Grund zu kratzen.

Es gab Zeiten, an denen ich neun blutige Stellen am Körper hatte. Es waren Zeiten, in denen ich mich extrem viel verbog, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen. Je mehr Mühe ich mir gab, desto stärker wurde die Selbstzerstörung.

An dieser Stelle möchte ich an einen Punkt kommen, den viele Betroffene kennen: Die Scham!
Ich schämte mich, auch nur ansatzweise darüber zu sprechen. Ich schämte mich, meinem eigenen Körper etwas so Ekelhaftes anzutun. Ich kenne Menschen, die schnitten sich die Haut mit Messern auf oder ritzten sich mit Glasscherben. Ich verstehe ihre Motivation, denn ich hatte die gleiche: Der innere Druck muss irgendwo raus. Ich kannte oftmals ihre Hintergründe wie Vergewaltigungen oder traumatische Erlebnisse, doch ich hatte keine solchen Erlebnisse hinter mir. Selbst der Tod meiner Mutter erscheint mir bis heute nicht als Trauma. Es musste also einen anderen Grund geben. Ich las unzählige psychologische Berichte und konnte mich nirgends einordnen. Woher stammte dieser innere Druck, der mich über Jahre nicht losließ? Es war inzwischen zu einer Art Zwang geworden, mich zu verletzen.

Als ich erstmals vom Asperger Syndrom las, ließ der Wunsch nach Selbstzerstörung plötzlich in mir nach. Es wurde besser. Tag für Tag las ich Bücher, die heilend auf mich wirkten. Jede Zeile heilte mich ein wenig mehr …

Heute, rückblickend auf diese Zeit, kann ich behaupten, dass der Körper und meine Natur mir schon von Beginn der Zeit, als ich meine wahre Natur zu verbiegen begann, mitteilten, dass etwas nicht stimmte. Dass der Weg, den ich einschlug, falsch war. Mein Körper hat die ganze Zeit um meine Aufmerksamkeit gekämpft und sie nicht bekommen. Warum nur? Ich fand damals keine Antworten. Als ich durch meine ersten Blogs begann, nach weiteren Betroffenen des Asperger Syndroms zu suchen, bemerkte ich den Prozess, der mich immer weiter in mein ursprüngliches Leben, das ich als Jugendliche verlassen hatte, zurückholte.
Nun, nach einigen Jahren der Selbstfindung und damit der Selbstheilung habe ich meinem Körper etwas versprochen: Ich werde jedes Signal, wenn er Unbehagen empfindet oder sich nicht wohlfühlt, ernst nehmen. Doch auch heute gibt es immer noch die eine oder andere verletzte Stelle an meinem Körper, denn ich werde nie ganz in meiner Welt leben können. Hin und wieder muss ich sie eben verlassen, um zu überleben. Aber das kann ich inzwischen gut aushalten.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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