Archiv für den Monat Dezember 2015

Der Blick fürs Außergewöhnliche

Schon von Kindheit an besaß ich einen Blick für das Außergewöhnliche. Ich kann mich an mein 5. Lebenjahr erinnern, als mich bestimmte Treppen zu faszinieren begannen. Die Symmetrie oder Asymmetrie ihres Verlaufs. Je höher die Treppe verlief, desto faszinierter war ich vom Anblick, wenn ich von unten nach oben sah. Ebenso faszinierten mich immer schon Bilder, in der die Mitte eine große Rolle spielt. Kennt Ihr die Bilder, auf denen eine Straße mitten durch eine Baumallee führt, oder der Steg, der viele Meter weit vom Strand ans Meer führt? Die Symmetrie in diesen Bilder begeistert mich noch heute.
Ebenso erkannte ich in Hausfassaden schnell Gesichter. Traurige, lachende und staunende. In der Dunkelheit machten sie mir Angst. Ich fühlte mich von ihnen beobachtet und verfolgt, wenn früh Morgens oder Abends an ihnen vorbeilaufen musste. Diese Gesichter fand ich auch vorne an den Autos, wenn ich auf die Stoßstange mit den Abblendlichtern sah. Immerzu schauen mich Gesichter an, ob in den Wolken, im Wald oder auf Gegenständen. Das ist heute noch so.

Als Kind fand ich die einzige Mohnblume inmitten eines Weizenfeldes, die keiner beachtet hatte. Oder das vierblättrige Kleeblatt unter tausenden von dreiblättrigen.

In meiner frühen Jugend begeisterten mich die Handarbeiten der Indianer. Sie erstellen Schmuck mit den schönsten Mustern, ganz zu schweigen, wenn sie Gewänder besticken. Überall fand ich symmetrische Muster, die mich beruhigten und faszinierten zugleich.

Ich begann schon früh mit dem Fotografieren, doch meine Fotos waren immer anders. Ich lichtete mit Begeisterung kleine Details ab. Die Biene auf der Blume, die keiner sah oder einen Teil der Straßenlampe, wenn sie ihr Licht geheimnisvoll durch den Nebel auf die Straße warf. Die Schnitzerei an einer Holztür, ein besonders schön arrangierter Pflanzkübel vor einer Haustür oder die Spitze eines Kirchturms. Viele Menschen versuchten mir zu erklären, dass man mit einem Fotoapparat in erster Linie Großaufnahmen von Landschaften machte, doch mich interessierten solche Aufnahmen nicht. Erst später entdeckte ich diese Form der Fotografie. Bis heute jedoch dominieren in meiner Sammlung Detailaufnahmen.

Der Blick für das Außergewöhnliche zeigt sich auch in einem anderen Bereich. Schon immer interessierte ich mich für Menschen, die anders waren. Die, die durch irgendein Verhalten auffielen. Ihnen schenkte ich meine besondere Aufmerksamkeit. Dazu will ich einige Beispiele nennen:
Ein Junge in meiner 7. bis 9. Klasse erweckte meine Aufmerksamkeit, weil er von vielen Mitschülern geärgert und gehänselt wurde. Er sprach sehr deutlich und drückte sich oft altklug aus. Wir bekamen einmal die Aufgabe, aus 5 Wörtern eine Geschichte zu schreiben. Dieser Junge formulierte nur einen Satz und brachte darin alle Wörter unter. Ja, der Satz ergab sogar eine kleine Geschichte. Ich war begeistert, während die anderen ihn auslachten. Er wurde vom Lehrer gescholten und bekam eine sechs dafür. Daraufhin verließ der Junge den Klassenraum. Aus seiner Sicht hatte er alles richtig gemacht. Ich sah das genauso und bewunderte diesen Jungen heimlich.

Während meiner ganzen Schulzeit hatte ich nie eine feste Freundin, weil es einfach niemanden gab, für den ich mich interessierte oder die sich für mich interessierte. (Meine eher lockeren Freundschaftsverbindungen oder Kontakte pflegte ich eher mit älteren Schülern.) Das änderte sich, als ich in der 10. Klasse der Hauptschule meinen Realschulabschluss nachholte. Wir wurden aus vier Klassen zusammengewürfelt. Ich lernte Rosie kennen. Sie war gebürtige Italienerin und lebte in einem Kinderheim meiner Stadt. Sie wurde von vielen Mitschülern geärgert und ausgestoßen, doch ich mochte sie. Sie besaß eine blühende Fantasie und konnte herrliche Geschichten erzählen. Allerdings hatte sie tatsächlich einige Suizidversuche hinter sich. Sie zeigte mir ihre Arme und Handgelenke, die im Bereich der Hauptschlagader mit Narben übersät waren. Wir wurden für ein Jahr beste Freundinnen und verloren uns nach der Schule aus den Augen.

In meiner Ausbildung zur Erzieherin zeigte sich wieder das Interesse an außergewöhnlichen Kindern. Kinder, die mir durch ihr auffälliges Verhalten interessant erschienen. Der Junge, der sich ständig bellend unter dem Tisch verkroch und lieber ein Hund war als ein Kind. Das Mädchen, das andere grundlos schlug, weil es zu Hause Prügel bekam. Diese Kinder bekamen meine Aufmerksamkeit und ich verstand mich stets gut mir ihnen, im Gegensatz zu den leitenden Erzieherinnen. Ich kam eher mit den anderen Kindern nicht klar, die mir oft frech und ungerecht erschienen.

Als ich später einige Kleinkindergruppen leitete, entwickelte ich immer wieder Sympathien für auffällige Kinder. Bewegungsauffällig oder einfach nur anders. Kinder, die ein Bild anders gestalteten als andere und Materialeien zweckentfremdeten erhielten mein Lob für ihre Kreativität. Ich mochte es, wenn ein Kind eine eigene Idee entwickelte.

Als ich mit 30 Jahren begann, Bücher zu schreiben, verspürte ich immer den Drang, eines Tages über einen autistischen Menschen zu schreiben und konnte mir diese Idee nie erklären. Damals wusste ich nichts von meinem Autismus. Heute stelle ich fest, dass fast all meine Protagonisten autistische Anzeichen haben, ich also immer schon ein Gefühl für das Denken und Handeln dieser Menschen hatte, weil es selbst in mir drinsteckt. Leser, die Rezensionen zu meinen Büchern schreiben, erwähnen oft meinen Blick für Details und das Außergewöhnliche. Selbst mein Schreibstil ist außergewöhnlich. Leser fühlen sich mit in die Welt der Protagonisten gezogen und erleben sehr detailliert und hautnah alles mit. Ich beziehe mich gerne auf das Wesentliche und nicht auf unwichtige Dinge drumherum. Eben der Blick für das Außergewöhnliche…

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Motorische Probleme

Ich stoße überall an und das meine ich nicht im übertragenen Sinne! Ich stoße tatsächlich überall mit meinen Händen, Füßen und Schultern an. Deswegen kommt es häufig zu Verletzungen, über die andere nur den Kopf schütteln. Sie nennen es Tollpatschigkeit. Für mich ist es Alltag.

Schon drei Mal musste ich zum Optiker, um meine Brille richten zu lassen. Ständig stoße ich mir den Kopf an irgendwelchen Schränken und verbiege mein Brillengestell dabei. Nicht selten erleide ich kleine Verletzungen am Auge, so dass ich schon Angst bekam, man könnte annehmen, mein Mann würde mich schlagen. Nein, das tut er nicht, hat er nie getan und wird es auch nie tun. Aber wenn man öfter mit solchen Verletzungen gesehen wird, könnte es zu Spekulationen führen. Also ging ich zum Augenarzt und ließ mein Sichtfeld prüfen, ob es eingeschränkt wäre. Nein, ist es nicht. Alles in Ordnung.

Immer wieder rutsche ich mit dem Messer ab und schneide mich. Immer wieder stoße ich Dinge um oder vom Tisch oder renne mit der Schulter gegen den Türrahmen, wenn ich das Zimmer verlasse. Meine Ungeschicktheit wäre ein Comic-Buch wert. Ich verschätze mich bei Treppenstufen und habe ständig blaue Flecken am Schienenbein, weil ich mal wieder abgerutscht bin.

Als Jugendliche versuchte ich auf einem Turnbalken zu gehen. Keine Chance! Ich konnte das Gleichgewicht nicht halten. Folglich kann ich auch nur kurz auf einem Bein stehen. Sportlich war ich deswegen nie die Beste. Nur Schwimmen funktionierte, aber auch dabei beanstandete mein Schwimmtrainer ständig eine falsche Beinbewegung, die ich nie wegtrainiert bekam.

Grazie? Fehl am Platz! Ich meine, ich renne nicht wie ein Trampeltier durch die Gegend, aber ich bewege mich auch nicht sehr galant… Ich könnte niemals High-Heels tragen! Schon der bloße Gedanke daran lässt mich erschaudern! Ich trage deswegen immer schon bequeme flache Schuhe. Geschäfte voller Glas und Porzellan meide ich tunlichst. Warum? Ich kann einfach nicht abschätzen, wann ich etwas an- oder umstoße.

Kennt Ihr das Problem als Jugendliche, wenn man ungeschickt wird, weil Arme und Beine wachsen und das Gehirn manchmal nicht mitkommt, die Abstände abzuschätzen? Nun, bei mir ging diese Zeit nie vorbei. Doch ich entwickelte eine Menge Humor dadurch. Muss immer über mich selbst lachen. Mein Gehirn gibt mir irgendwie keine rechtzeitigen Signale in dieser Richtung.

Oder kennt ihr das Problem, mit dem Ärmel an der Türklinge hängen zu bleiben? Herrje, ich weiß nicht, wie viele Blusenärmel ich deswegen zerrissen habe…
Seit langer Zeit laufe ich nur noch mit hochgekrämpelten Ärmeln rum. Ich ziehe einen Pulli direkt beim Anziehen bis zur Armbeuge hoch, nur um beim Zimmerverlassen nicht wieder hängenzubleiben. Ich kann die Dinge, die ich deswegen schon fallen lassen habe nicht mehr zählen. Es stört mich grundsätzlich, Stoff an den Handgelenken zu spüren. Muss immer die Ärmel hochziehen, wenn sie runterutschen. Es irritiert mich sonst.

Es scheint eine Kombination aus zu schnellen Bewegungen/Hektik und Fehleinschätzungen bei der Wahrnehmung zu sein, die ich bis heute nicht in den Griff bekommen habe. Was ich aber im Griff habe ist, darüber einfach immer wieder zu lachen…

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Mut

Was ist Mut?
Mut ist ein kurzes Wort mit einer großen Bedeutung.
Ich habe viel in meinem Leben gewagt und war bis vor einigen Jahren doch ziemlich tollkühn in meinen Aktionen, doch ich konnte es nie unter Mut verbuchen.

Ist es mutig, das Land zu verlassen und in einem fremden Land ganz neu anzufangen?
Ist es mutig, gegen den Krebs zu kämpfen?
Ist es mutig, vor einem großen Publikum zu lesen?
Ist es mutig, allein mit dem Wagen quer durch Europa zu reisen, obwohl ich mich ständig verirre?

Viele würden sagen, ja, das ist Mut.
Für mich war und ist es alltäglich, bestimmte Aktionen im großen Stil durchzuführen. Sachen, die sich andere vielleicht nie im Leben trauen. Und doch fühlt es sich für mich nicht mutig an.

Mut bedeutet, mich Dingen zu stellen, für die ich mich überwinden muss. Und die haben oft nichts mit großen Aktionen zu tun. Im Gegenteil, für mich sind es die kleinen Dinge im Leben, die bei mir großen Mut einfordern. Viele Jahre lang war ich feige. Ich benutze einfach mal dieses negative Wort, weil mir kein anderes dazu einfällt.
Ich war feige zu sagen, wann es mir reichte.
Ich war feige zu sagen, was mich verletzt.
Ich war feige, nein zu sagen.
Ich war feige, den Menschen die Wahrheit zu sagen.
Ich war feige, mich gegen Dinge zu wehren, die ich nicht wollte.
War ich feige, unfähig oder ängstlich?

Für mich beginnt Mut an einer ganz anderen Stelle, nämlich bei der sozialen Interaktion. Meine sogenannte Feigheit war im Grunde meine Angst vor den Reaktionen der anderen, wenn sie mich mit ihren Gegenargumenten bombardierten. Dass meine Reaktion darauf nicht die beste war, stellte ich schon in jungen Jahren fest. Warum konnte ich nie spontan ehrliche Reaktionen abrufen und mitteilen? Warum kamen mir immer alle möglichen Ausreden in den Sinn, für die ich mich später hasste?
Ich konnte mich viele Jahre lang nicht überwinden, die Wahrheit zu sagen. Damit bekam das Wort „Mut“ eine neue Dimension für mich.

Doch…stopp! Es gab eine Zeit, als ich mutig war, nämlich als Kind. In dieser Zeit machte ich meinen Unmut deutlich und es bescherte mir immerzu Ärger. Ich galt als launisch, unerträglich und komisch.
Ein Kind lernt schnell. Schneller als ein Erwachsener, weil es noch keine Strukturen in sich verspürt, die es ändern muss. Es legt seine Strukturen im Leben erst an. Damit auch die Regeln und Verhaltensweisen. Mein feiges Leben begann als junge Erwachsene, damit ich überhaupt in die Gesellschaft fand. Feigheit und Lüge wurden zu Strategien und Regeln, die ich widerlich aber unumgänglich fand. Es funktionierte 30 Jahre lang. Dann machte der Körper nicht mehr mit. Ich ging auf die Suche nach meinem alten Mut aus meiner Kindheit und frühen Jugend und fand ihn.

Mut ist gleich einer Überwindung für mich.
Überwindung kostet viel Kraft. Es ist, als würde ich an einer Klippe stehen und jeder wartet auf meinen Sprung in die Tiefe. Überwindung ist bei mir immer mit immenser Angst verbunden. Ich springe nicht gerne in die Tiefe ohne zu wissen, was dann passiert.

Die Überwindung hat mich in den letzten Jahren meiner Veränderung immer mehr beschäftigt. Ohne Überwindung wird sich nichts verändern. Ich musste lernen, mutig in meinem Sinne zu werden, also Worte auszusprechen, die ich kaum über die Lippen bekam. Auch auf die Gefahr hin, einen Krieg auszulösen. Ich bin kein Stratege und auch nicht diplomatisch, deswegen kommen meine Worte oft ungebremst heraus und werden schnell missverstanden. Meine Impulsivität tut ihr Übriges. Doch ehe ich die Gelegenheit bekomme, es zu erklären, sehe ich mich besiegt am Boden liegen.

In den letzten Jahren ist mir immer klarer geworden, dass ich Mut üben musste, auch auf die Gefahr hin, anfangs zu verlieren. Ich musste also lernen, immer wieder von der Klippe zu springen, solange, bis ich den Sprung beherrschte.
Nun, ich werde solche Sprünge nie wirklich lernen und es kostet mich immer wieder viel Überwindung, mutig zu sein, doch ich habe bemerkt, dass sich durch Mut die Dinge positiv für mich verändern. Der Gewinn ist oft größer als der Verlust. Ich muss aushalten lernen, anders, als ich früher aushielt. Jetzt muss ich FÜR MICH aushalten lernen und nicht für andere. Das gibt dem Wort eine neue Dimension in meinem Leben. Und das wiederum gibt mir neuen Mut…

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Wie viel Nähe kann ich aushalten?

Ich kann Nähe nur sehr schwer aushalten. Dabei rede ich nicht unbedingt von körperlicher Nähe, nein, es geht mehr um die Nähe zu meinen tiefen Gefühlen und Gedanken. Sicherlich lässt sich das eine vom anderen nicht immer trennen, aber bei mir gibt es durchaus zwei verschiedene Wahrnehmungen. Zunächst zur körperlichen:

Schon als Kind mochte ich kein Händegeben und keine Umarmungen. Der bloße Hautkontakt löste in mir eine Art Übelkeit oder großes Unwohlsein aus. Aber als Kind ließ ich diese Gesellschaftsregeln eben zu, weil ich es nicht besser wusste. Als Jugendliche verstärkte sich die Wahrnehmung noch einmal und ich konnte Hautberührungen kaum noch aushalten. Ich suchte, wo immer ich war, einen „gediegenen“ Abstand zu meinen Mitmenschen, wenn ich mit ihnen sprach oder in ihrer Nähe saß. Bloß keine Berührungen! Schon alleine der unabsichtliche Kontakt mit den Knien unter dem Tisch, wenn es mal wieder zu eng war, löste in mir ein starkes Zucken aus, selbst durch die Berührung der Kleidung. Ich konnte das Zucken nie ablegen. Es ist mir peinlich, weil es dem anderen eine Art Abneigung signalisiert, also vermeide ich Nähe wo immer ich kann. Wenn mir eine Tischrunde zu eng wird, denke ich mir Ausreden aus, weshalb ich nicht dazwischen sitzen kann. Ich helfe dann in der Küche aus oder schiebe belanglose Kleinigkeiten dazwischen.
In den USA und in Kanada existiert eine Gesellschaftsregel: Bitte nähern Sie sich wenn möglich einer fremden Person nicht näher als einen Meter. Das gefällt mir! Es hat mir Respekt zu tun, erklärte man mir, als ich einmal in einer Immigrationsschule nachfragte.

Als ich Mutter wurde, halfen mir die Kinder, mehr körperliche Nähe zuzulassen. Zu ihnen konnte ich problemlos Hautkontakt aushalten. Das wiederum verhalf mir dazu, auch Umarmungen mehr zuzulassen, auch wenn es mir bis heute unangenehm ist. Doch es ist bei weitem nicht mehr so schlimm. Ich habe über die letzten Jahrzehnte gelernt, dass diese Form der Begegnung zu gesellschaftlichen Abläufen dazugehört. Ebenso das Händegeben. Ich vollziehe diese Berührungen aber völlig emotionslos.

Die zweite, und damit viel wichtigere Nähe, ist die Nähe zu meinen Gefühlen und Gedanken. Schon immer empfand ich eine Art Raum um mich herum, in den niemand eintreten durfte. In diesem Raum lebe, atme und fühle ich. Es ist mein alleiniges Reich. Es geht niemanden etwas an. Ab und zu öffne ich ein Fenster zu meinem Raum, um mich in die Welt hinauszulehnen oder andere kurz hineinsehen zu lassen. Auch wenn ich inmitten vieler Menschen lebe, so lebe ich völlig isoliert mit meinen Gefühlen. Ich möchte und kann sie zum Teil auch nicht mitteilen, weil sie mir als eine Art Gut erscheinen, das keinen etwas angeht. Ich bin sehr gerne alleine, auch wenn man es mir nicht anmerkt, aber sobald ich niemanden mehr um mich habe, hole ich immer tief Luft, als würde ich jetzt erst richtig atmen und meine Lungen mit Sauerstoff füllen können.

Wie viel Nähe kann ich aushalten?

Je älter ich werde, desto weniger Nähe ist mir angenehm. Ich will auch nichts mehr aushalten, was mir unangenehm ist. Ich kann auf Entfernung mehr empfinden, als bei direkter Nähe. Es ist, als bekomme ich durch Entfernung erst Raum für meine Gefühle. Doch sobald sich mir jemand nähert, verstummen sie und ich bin nur noch auf den anderen fixiert, was mich enorm viel Energie kostet.
Wenn ich mich heute zurück entsinne, wie mein Leben emotional verlaufen ist, kann ich mich an so gut wie gar nichts erinnern. Kennt Ihr das? Ihr schaut in eine alte Fotokiste und könnt euch erst dann an all die gelebten Situationen erinnern. So ist es mit meinen Gefühlen. Erst durch Fotos kann ich mich erinnern und fühlen. Deswegen fotografiere ich auch so viel. Es sind oft die Gefühle, die ich festhalte, weil ich sie in meinem Inneren kaum wahrnehme.

Die stärksten Gefühle verspüre ich beim Alleinsein und in der Stille der Natur. Die kann ich später auch abrufen. Es fühlt sich an, als könne ich mich nur durch das Alleinsein bewusst spüren. Warum ist das so? Warum schalten sich alle tiefen Emotionen ab, wenn jemand in meine Nähe kommt?

Mein eigener Wohnbereich ist inzwischen zu einem wichtigen Bestandteil in meinem Leben geworden. Er gibt mir Ruhe und inneren Frieden. Dorthin ziehe ich mich zurück, wenn mir wieder alles zu viel wird. Dort darf mich niemand stören. Ich bestimme, wann ich wieder Nähe zulasse und nicht die anderen. Nur so kann ich relativ störungsfrei leben.

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