Archiv für den Monat Januar 2016

Ich werde von den Gedanken an Lösungen beherrscht

Schon von Kind an kann ich mich an nichts anderes erinnern als dem Wunsch, bei allem und jedem nach Lösungen zu suchen. So baute ich meine Systeme im Leben auf und lernte die Regeln. Alles, was passiert, muss eine logische Erklärung haben und alles was ich sehe, muss einer Regel zugrunde liegen. Bei mir gibt es nie das gelassene Denken, die Dinge einfach hinzunehmen ohne sie zu hinterfragen. Nein, ich will alles verstehen, damit ich es einordnen kann. Ohne Ordnung ist mein Leben undenkbar.

Als Kind träumte ich ständig den Traum der 1000 Regeln, worüber ich bereits einen Blog schrieb. Ich war wie besessen, alles verstehen zu wollen und dachte, wenn ich die 1000 Regeln nicht lerne, werde ich sterben, ja, ich erlitt mitunter Todesängste. Ich wurde furchtbar grantig, wenn ich etwas nicht verstand und es mir niemand erklären wollte. Dadurch hatte ich mir schnell die Bezeichnung „launisch oder komisch“ eingefangen.

Ich kann mich erinnern, als ich mit fünf Jahren wegen einer Blinddarmentfernung im Krankenhaus lag und einen Schlauch in meinem Bauch hatte. Als ich aus der Narkose erwachte, versuchte ich mir ständig diesen Schlauch herauszuziehen, weil er einfach nicht dorthin gehörte. Als die Schwestern es mir erklärten, verstand ich es nicht, weil ich keine Ahnung von anatomischen Vorgängen in meinem Körper hatte. Für mich war hier ein Fehler passiert. Doch ich versuchte immer wieder diesen Schlauch zu entfernen. Man legte mich in ein Bett mit hohen Gittern und fixierte mich schließlich. Man flößte mir Hagebuttentee ein, den ich entsetzt ausspie. Ich hatte niemals diesen Tee getrunken und wollte Limo. Tee gehörte nicht zu meinen Getränken. Ich spie was das Zeug hielt. Zum Schluss bekam ich einen Tropf in die Vene und schrie nur noch, weil alles in meinem Leben verkehrt lief. Meine Ordnung war vollkommen durcheinander. Ich glaube, man hat mich später mit Medikamenten betäubt, weil ich mich an nichts weitere erinnern kann.

Mein Verhalten mit der Suche nach Lösungen setzte sich fort, indem ich alles, was um mich herum geschah, in eine Form der Ordnung brachte. Es fing mit der Wohnungseinrichtung an. Jedes Möbel hatte dort zu stehen, wo es Sinn machte und nicht, wo es gut aussah. Das führte schon mal zu chaotischen Zuständen. Schon früh bemerkte ich meine Freude am Möbelrücken. Ich verrückte alles solange, bis es die perfekte Lösung ergab. Heute muss ich immer Lachen, wenn Sheldon Cooper (Big Bang Theory) seinen Sitzplatz auf dem Sofa verteidigt und erklärt. Er suchte die optimale Stelle von Luftzug beim Lüften, Blick auf dem Fernseher, Raumwärme und Überblick des Zimmers. Ja, das kann ich gut nachvollziehen…

Ich brachte auch die Menschen um mich herum in ein Ordnungs- und Lösungssystem. Meine Oma erzählte gerne Geschichten. Ich ging nur zu ihr, um ihre Geschichten zu hören und sprach niemals über andere Dinge mit ihr. Ja, ich versuchte die Menschen um mich herum mit den Themen zu verbinden, die sie am meisten interessierten und achtete darauf, sie auch nur darauf anzusprechen, was mich aber entsetzlich langweilte. Aber es funktionierte. Ich dachte lange Zeit, dass jeder nur ein Interesse in seinem Leben hat, so wie ich. Bei mir war es die USA, doch darüber wollte niemand mit mir reden. Meine Mutter kochte und strickte, mein Vater ging arbeiten und grillte. Mein Onkel fuhr einen roten Wagen und trug weiße Kleidung… So entstanden die ersten Systeme in meinem Leben, mit denen ich klarkam. Je älter ich wurde, desto komplizierter wurde es. Meine Systeme erweiterten sich und die Suche nach Lösungen wurden komplizierter. Das Leben erschöpfte mich immer mehr.

Lösungen warten in allen Bereichen meines Lebens. Was ich nicht selber herausfinde, lese ich in Büchern nach oder frage andere Leute.
Lösungen waren bisher auch ein großes Thema, wenn es um Probleme anderer Leute ging. Es verging kein Gespräch mit einer anderen Person, bei dem ich nicht gleichzeitig nach Lösungen für ihn suche, wenn er ein Problem hat. Und wenn ich nicht sofort eine fand, dachte ich in der darauffolgenden Nacht darüber nach. Das wurde schließlich so schlimm, dass ich darunter zusammenbrach und mir die Regel beibrachte, keine Verantwortung mehr für andere zu tragen.

Es hat wohl damit zu tun, dass ich nicht ohne eine strukturelle Ordnung leben kann. In diesem Zusammenhang benutze ich gerne den Begriff „Modul“. Man könnte auch „Pixel“ sagen. Auf dem Bildschirm kommt kein Bild ohne „Pixel“ zustande. Nur das Zusammenspiel vieler Pixel ergibt das Gesamtbild.
Doch ich muss mir jedes einzelne Pixel schwer erarbeiten und erst verstehen lernen. Was Menschen ohne Autismus von Natur aus mitgegeben ist, ist für mich eine Großbaustelle. Ich kann nicht gelassen auf eine Sache zugehen, nein, ich muss erst theoretisch und analytisch meine Module so zusammenbauen, dass sie meine Ziel auch garantieren. Fehlt ein Modul und ich bekomme es nicht hergestellt, zerbricht auch mein Ziel und ich lasse die Finger davon. Zu wissen, was passiert, gibt mit Sicherheit. Das wird niemals anders sein, egal wie sehr ich Gelassenheit zu trainieren versuche. Unkorrekte Arbeit ist mir ein Greul. Das verstehen viele nicht. Sie regen sich auf, wenn ich immer noch nach einem „Fitzel“ suche, was fehlt.

Ich kann kein Leben ohne Ziele aushalten, deswegen ist es für mich wichtig, mir immer ein neues Ziel zu setzen, nachdem ich das letzte erreicht habe. Es kann auch vorkommen, dass ich zu viele Ziele auf einmal starte und sie einfach nicht erreiche. Das macht mich sehr unzufrieden. Doch hat sich ein Ziel erst einmal stabilisiert, beginne ich mit dem Aufbau der Module und schon beschäftigt mich das Thema „Lösung suchen“ wieder. Ich werde niemals ohne Arbeit und der Suche nach Lösungen leben können.

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Die Asperger-Diagnose bei Hochfunktionalität – eine Fehldiagnose?

Mann, bin ich wütend!

Immer wieder erreichen mich Emails oder Nachrichten von betroffenen Asperger Autisten. Am meisten von Frauen, die sich von Diagnose-Gesprächen stigmatisiert fühlen. Denen es sehr schlecht danach geht. Das macht mich sehr wütend.

Warum ist das so?
Viele Frauen erhalten keine zutreffende Diagnose, also eine Fehldiagnose. Das Leid der hochfunktionalen älteren weiblichen Generation. Typische Begründung der Ärzte:
Die schriftlichen Tests lagen alle im autistischem Bereich, auch die Anamnese der Patientin weißt auf autistische Anzeichen hin, aber die Mimik und Offenheit und nicht vorhandene stereotypische Bewegungen (Macken) im Gespräch zeigen, dass sich die Patientin nur mit dem Asperger Syndrom identifiziert… es aber nicht hat.

Kennt Ihr solche Befunde?
Ich frage mich an dieser Stelle immer, ob der diagnostizierende Arzt/Ärztin überhaupt weiß, was „hochfunktional“ bedeutet? Das jahrelange Training wird immer wieder unterschätzt. Der darauf folgende Zusammenbruch wird so gut wie gar nicht wahrgenommen. Zudem werden in Gesprächen oft kontraproduktive Fragen gestellt, die mehr den Autismus widerlegen sollen, als ihn zu erkennen, so dass Patientinnen nicht das mitteilen können, was ihre Probleme sind.
Viele Diagnosen werden erst gar nicht gestellt, weil keine psychiatrische oder psychologische Therapie voranging. Auch kein Klinikaufenthalt in einer Psychiatrie. Die Defizite im Bereich der Diagnose für weibliche Asperger Autistinnen im späteren Alter sind enorm! Die Ärzte haben keine Ahnung, wie sehr sich viele Frauen darum bemühen, ihre Probleme selbst in den Griff zu bekommen. Erst ein Suizid weist darauf hin, was in diesem Menschen vorgegangen sein muss. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn meiner Mutter, die viele autistische Anzeichen hatte, brachte sich um, als ich 19 Jahre alt war. Und keiner wusste warum. Ich weiß es heute, aber damals stopfte man sie mit Medikamenten voll, die nicht halfen. Heutzutage wäre ihr Selbstmord wahrscheinlich verhindert worden, wenn man diese Frau, ihre Kindheit und ihr Leben mal näher betrachtet hätte. Und sie war eine Ehefrau, tolle Mutter und sehr hilfsbereit. In meinen Augen war sie eine ganz klassische hochfunktionale Autistin, die mit 42 Jahren am Ende ihrer Kräfte war. Sie brachte sich übrigens in einer psychiatrischen Klinik um…

Hier mal die typischen Diagnosekriterien, nach denen viele Tests heute noch durchgeführt werden:

http://www.asperger-kinder.de/asperger_icd.htm

Nach diesen Kriterien kommt bei mir wieder das Bild einer wippenden, zu Boden schauenden und nur zögernd sprechenden Person auf, die unangemessene Mimik und Kälte zeigt, die weder Freunde noch eine Familie hat. Also weit von der Hochfunktionalität entfernt. An dieser Stelle frage ich mich, wer den Begriff „Hochfunktionaler Autist“ auf den Plan gerufen hat?

Wenn es diesen Menschen nach den üblichen Kriterien doch gar nicht gibt, warum wird er dann erwähnt?

Mich würde mal interessieren, wie viele Frauen Fehldiagnosen erhalten, bevor sie endgültig diagnostiziert werden…

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Als Einzelgänger in einer Ehe… geht das?

Ich war immer schon ein Einzelgänger, auch wenn ich seit vielen Jahren verheiratet bin. Es hat an meiner innerlichen Wahrnehmung nichts verändert.

Als Kind mochte ich keine anderen Kinder um mich haben, es sei denn, sie interessierten sich für meine außergewöhnlichen Hobbies. Doch das war eher selten. Ich hatte fast nur Kontakt zu Jungen oder älteren Mädchen, weil deren Interessen anders als die meiner Klassenkameradinnen waren. Es kam aber nie zu festen oder längeren Freundschaften, die ich außerhalb dieser Interessen pflegte.
Schon damals fiel mir auf, wie langweilig viele Menschen um mich herum auf mich wirkten. Während in mir die fantastischsten Welten entstanden, die ich in Geschichten niederschrieb, gackerten die anderen Mädchen um mich herum über Schminke, Petting und Partys. Ich fand keinen Anschluss.

Mit 19 Jahren beschloss ich, allein in die USA zu reisen und dort eine Aupair-Stelle anzutreten. Viele waren entsetzt, weil ich aus deren Sicht viel zu jung für eine solche Reise alleine sei. Doch für mich war es genau das, was ich suchte. Zunächst verbrachte ich drei Wochen alleine in Colorado und verschwand stundenlang zum Wandern in den Rocky Mountains. Ich vermisste nichts und niemanden. Das Alleinsein löste in mir große Gefühle aus. Selbst als sich einige Leute mich anzuschließen versuchten, wich ich zurück und fertigte sie mit Lügen ab, damit sie mich allein ließen. Danach trat ich meine Aupair Stelle in Kalifornien an. Ich lernte Hollywood und eines seiner Studios kennen. Das war einer meiner Schlüsselmonente in meinem Leben, weil dort die fantastischsten Welten entstanden. Es löste in mir den späteren Wunsch aus, Bücher zu schreiben. Ich wollte Geschichten mit großen Kulissen und einer Menge unheimlicher Dinge erfinden.

Ich machte mir damals keine großen Gedanken darüber, weil ich es immer schon als normal empfand, meinen eigene Welt für mich allein zu haben. In dieser Welt war für mich alles bunt und sehr aufregend. Die Welt der anderen wirkte immer grau und nebelig auf mich. Ich konnte durch diesen Nebel nichts erkennen, was mich interessierte. Und doch musste ich mich damals dieser Welt nähern, als ich älter wurde. Ungern. Sehr ungern, aber meine Welt reichte nicht aus, um Geld für mein Leben zu verdienen. Ich verlor den Schutz des Elternhauses, nachdem sich meine Eltern getrennt hatten und meine Mutter starb. Ein Schock! Gewohnheiten, Regeln und Sicherheit waren auf einen Schlag weg. Meine ganzen Systeme, in denen ich lebte, kamen durcheinander. Ich erlitt für wenige Monate eine Amnesie und zeigte merkwürdige Verhaltensweisen. Schottete alles um mich herum ab und wartete darauf, dass es endlich vorbei sein würde.

Als mein Mann in mein Leben trat, stellte er meine Systeme wieder her. Ich bekam von ihm Sicherheit und Gewohnheit zurück und erlebte eine Geborgenheit, in der ich neue Regeln für mein Leben fand. Und doch existierte in mir immer diese andere Welt, die ich aus Scham nicht mit anderen teilen wollte. Sie war so anders und ich konnte mich in schlimmen Momenten immer in sie hineinflüchten.

Trotz Ehe, Kinder und großer Familie lebte ich immer nur am Rande mit. Ich konnte emotional nie in diese Welt hineinfinden, auch wenn es für andere den Anschein hatte, denn eines hatte ich im Laufe meines Lebens gelernt: das Theaterspielen. Der Anpassungsprozess. Ich konnte nie die Zärtlichkeit empfinden, die mein Mann für mich empfand und doch versuchte ich, sie zu zeigen. Es war mir wichtig, dass er glücklich war. Ich spielte die Herzlichkeit vor, die mir seine Familie zeigte, doch ich empfand sie nie. Und doch war es mir wichtig, dass alle glaubten, ich würde sie empfinden.

Nur zu meinen Kindern kann ich eine starke echte Liebe empfinden. Sie leben in meiner Welt und ich kann all ihre Emotionen verstehen und nachvollziehen. Sie zeigen ähnliche Emotionen wie ich und betrachten die Welt auf vielerlei Hinsicht wie ich. Ich bewundere ihre positive und neugierige Haltung und ihre Zuversicht, mit der sie ihr Leben meistern. Nur eines möchte ich nicht: dass sie sich für andere verbiegen. Auch wenn ich ihnen in den ersten Jahren eine Art Anpassung beizubringen versucht habe, so musste ich schnell hinnehmen, dass es nicht funktionierte. Sie leben authentisch, anders und manchmal auffällig und das macht mich sehr glücklich.

Bis heute bin ich das Gefühl des Einzelgängers nicht losgeworden. In meine Welt findet keiner hinein, es sei denn, er lebt in der gleichen Welt. Wer einen Blick in mein Bücherregal wirft, wird viele außergewöhnliche Bücher entdecken, die mich interessiert haben. Es handelt sich durchweg um Geschichten von Einzelgängern oder außergewöhnlichen Menschen und dazu gehören kaum die Bestseller der Gesellschaft. In meinen Geschichten, die ich schreibe, sind die Protagonisten auch alle Einzelgänger, weil ich einfach nicht in der Lage bin, aus einer anderen Sicht zu schreiben.

Ist es möglich, für mich als Einzelgänger in einer Ehe zu leben? Ja, ist es, solange man mich in meiner Welt lässt. Ich brauche zwischendurch immer die Flucht in meine bunte, positive und glückliche Welt, um aufzutanken. Mit Ehrlichkeit, Respekt und einer Menge Toleranz von beiden Seiten schaffen wir das. Sagen wir mal … wir schaffen das bis heute. Was morgen sein wird, wissen wir nicht. Aber es wird nie zu einer perfekten Form einer Partnerschaft führen, weil immer einer etwas vermissen wird. Ich vermisse einen Menschen in meiner Welt und mein Mann vermisst einen Menschen in seiner Welt. Das wird sich nie ändern. Und doch wissen wir, was wir aneinander haben.

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