Archiv für den Monat Februar 2015

Liebe atmen, Liebe schenken

Liebe ist für mich ein Gefühl, das mir Tränen in die Augen treibt. Ich spüre sie tief aus meinem Herzen aufsteigen, wenn mir etwas sehr gefällt. Mit dieser Liebe verbinde ich eine große Dankbarkeit. Alles was ich liebe, pflege ich mit großem Dank.

Die kleinsten Dinge können in mir Liebe auslösen: die Flamme einer Kerze, eine nette Karte, das Knistern eines brennenden Ofens, ein schönes Buch, der Blick auf eine wunderschöne Landschaft oder der Sonnenaufgang am Morgen bei einer Tasse Tee. Es kann ein Tier auf einer Lichtung sein oder das Rauschen des Meeres.
Ich bin demzufolge schnell und einfach glücklich zu machen. Wer dies erkennt, wird meine Liebe schnell spüren.

Doch ich trenne Liebe. Es gibt für mich die Liebe zu Menschen und Tieren und die Liebe zu allem, was die Natur mir bietet.

Meine Liebe zu Menschen und Tieren:
Ich habe viel über die Liebe gelesen und festgestellt, dass viele Menschen sie auf Personen oder Tiere reduzieren. Für mich wird dadurch nur ein kleiner Teil meiner Liebeswahrnehmung bedient. Ich könnte auch sagen, ich fühle mich nicht auf einen Bereich der Liebe fixiert. Sie ist für mich allumfassend.
Wie ich bereits in einem älteren Beitrag schrieb, verbinde ich Liebe zu Menschen mit dem Gefühl der Annehmlichkeit oder Zuneigung. Der andere muss sich gut in meiner Nähe anfühlen. Ich muss in ihm ruhen können und mich sicher fühlen. Menschen, die meine Energie unablässig aufsaugen, kann ich dieses Gefühl nicht schenken. Für mich bedeutet eine glückliche Partnerschaft oder Freundschaft ein Geben und Nehmen im Gleichgewicht. Fordert ein Partner oder Freund ständig mehr ein und ich erfahre keine Gegenenergie, erschöpft mich dieser Zustand auf Dauer so sehr, dass ich mich zurückziehe. Ändert sich der Zustand nicht, geht es in Ablehnung über bis hin zur Abneigung.

Ich mag inspirierende Menschen. Das sind Menschen, die gerne unabhängig leben, über ihre eigene Energiequelle verfügen und nicht die Energie anderer Menschen zum Leben benötigen. Bei ihnen fühle mich sicher, meine Kraft für mich behalten zu können. Ich beobachte gerne, wie sie ihr eigenes Glück leben und sich nicht in die Abhängigkeit vom Glück anderer begeben. Sie stehen stabil im Leben und klammern nicht. Klammern ist für mich ein unerträglicher Zustand und kann nie meine Liebe erreichen.

Eine normale Partnerschaft sieht vor, eine Art Abhängigkeit voneinander zu pflegen. So erlebe ich es zumindest bei Freunden und in der Familie. Das schreckt mich ab. Abhängigkeit fühlt sich für mich schlimm an. Für mich bedeutet Partnerschaft einen Menschen an meiner Seite zu haben, der in sich selbst ruht, für den ich keine Verantwortung tragen muss und auf den ich mich immer verlassen kann. In diesem Fall ist derjenige meiner Liebe sicher. Umgekehrt genauso. Ich kann sehr gut in mir selbst ruhen, möchte nicht dass mein Partner für mich Verantwortung tragen muss und bin treu und zuverlässig. Doch ich muss es nicht immer durch Gesten, Worte oder Geschenke zeigen. Es ist ein Mechanismus, der sich von alleine in Gang hält. Gerät dieser Mechanismus auf Dauer ins Ungleichgewicht, löst sich mein Gefühl für den anderen auf.
Tiere sind erstaunlicherweise in der Lage, ein Leben lang mit ihren Besitzern in diesem Gleichgewicht zu bleiben. Vielleicht weil sie keine Eigensucht oder Besitzsucht verspüren. Ich liebe Tiere.

Meine Liebe zur Natur:
Dies ist die zweite Form von Liebe, die ich verspüre, und sie ist enorm und vollendet das allumfassende Gefühl meiner Liebe. Die Natur inspiriert mich in einer Form der Größe, die ich nicht selten mit Tränen in den Augen aufnehme. Ich weine mehr vor Glück als vor Kummer in meinem Leben. Ich weine fast nie in Gegenwart von Menschen. Weinen ist ein Ausdruck meiner privaten Gefühle, die ich mit niemandem teilen möchte.
In der Natur teile ich diese Gefühle, weil sie mich nicht auffordert, mich zu erklären. Sie gibt ohne zu nehmen. Ich schenke ihr dafür meine Aufmerksamkeit und nach bestem Wissen meinen Schutz und Respekt. Ich kann mich jederzeit auf sie verlassen und bekomme Geschenke in Form einer Größe des Daseins, die mich oft überwältigt. Naturgeräusche lösen in mir ein großartiges Lebensgefühl aus. Ich wäre nie in der Lage, in einer großen Stadt zu leben.

Je älter ich werde, desto mehr verspüre ich das Gefühl, tief in der Wildnis verschwinden zu wollen. Viele Menschen suchen im Alter die Nähe von sicherer Infrastruktur (Ärzte, Geschäfte, Familie). Ich funktioniere umgekehrt. Ich suche nicht die Abhängigkeit von der Zivilisation, sondern die Unabhängigkeit in der Natur. Das begründet sich darauf: Je bequemer man im Alter lebt, als desto unglücklicher empfindet man sein Leben. Sieht man sich jedoch herausgefordert, mehr denn je im Leben zu bewältigen, indem man zum Beispiel sehr naturnah lebt und vieles im Alltag selbst vollbringt, kann dies ein großes Glück bis zum Lebensende bedeuten. Es hält Körper und Herz gesund. Ich möchte gerne mit 80 Jahren auf meiner Bank vor dem Haus sitzen und auf einen Garten blicken, den ich selbst instand halte.

Man kann „an meiner Seite“ leben, aber nur schwer „mit mir“. Ich atme Liebe in der Natur und schenke sie allem und jedem, der sie annimmt. Doch wer mich versteht und mich so anzunehmen weiß, wie ich bin, der kann auch durchaus „mit mir“ leben.

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Versprochen ist versprochen, oder die Sache mit der Wort-Wörtlichkeit

Die Redensart „versprochen ist versprochen“ ist sehr verbreitet. Leider erlebe ich oft, dass viele Menschen ihre Versprechen nicht halten. Wenn ich nachfrage, antwortet man mir: „Aber das war doch nur so daher gesagt.“
Warum sagt man Sachen einfach nur so daher, wenn man sie nicht meint? Welchen Sinn erfüllen Redensarten?

Aus meiner Sicht führen sie zu Verwirrungen. Wenn man die Person, die eine Redensart ausspricht, nicht kennt, kann es schnell zu Missverständnissen führen.
Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich es. Wenn ich es aus unersichtlichen Gründen nicht halten kann, melde ich mich, erkläre es und entschuldige mich für mein Versprechen. Dies können ganz banale Sachen sein:

Ich treffe in der Stadt eine Bekannte. Wir unterhalten uns eine Weile, und sie sagt: „Wir könnten nächste Woche ja mal einen Kaffee trinken.“ Ich antworte ihr eher aus einer spontanen Reaktion heraus als ehrlicherweise: „Können wir machen.“ Ab diesem Moment ist dieser Termin in meinem Kopf verbucht, und ich ärgere mich zu Hause über diese Zusage, denn ich habe gerade genug um die Ohren und kann nur noch notdürftig einen Termin unterbringen. Doch „versprochen ist versprochen“. NTs würden sagen: „Das war doch nur so daher gesagt“ und tatsächlich, als ich diese besagte Freundin einen Tag später anrufe, ist sie ganz erstaunt, dass ich nächste Woche mit ihr einen Kaffeetermin plane, weil ich gestern erst mit ihr gesprochen hätte. Ich bin von dieser Reaktion verwirrt.

Ich plane meine Tagesabläufe immer sehr früh und zeitgenau und trage sie exakt im Kalender ein. Diese Freundin hatte diese – die NTs nennen es Floskel – schon längst wieder vergessen. Aus Höflichkeit gibt sie nach und wir vereinbaren einen Termin. Beim Treffen wirkt sie verspannt und sagt, sie hätte noch viel vor und nur wenig Zeit. Warum hatte sie mich aufgefordert, Kaffee mit ihr zu trinken?
Unser Kontakt fror nach diesem Treffen ein.

Dies sind Momente – und davon gibt es viele in meinem Leben –, an denen sich die Geister scheiden. Ich nehme die Gespräche mit Menschen immer ernst und versuche sie ständig richtig zu deuten, aber es geschieht immer wieder, dass ich auf solche Floskeln hereinfalle, weil ich nicht unterscheiden kann, wann es mein Gegenüber ernst meint und wann nicht.

Ich bin so konzipiert, dass ich aus Unsicherheit bei sozialen Gesprächen schnell irgendwelche Versprechen gebe. Damit ist mein altes Problem des “Nicht-Nein-Sagen-Könnens“ verbunden. Doch die Menschen geben sich ununterbrochen Versprechen, die sie nicht einhalten. Hier einige Beispiele:
– ich rufe dich an
– ich schreibe dir
– ich komm mal vorbei
– ich denk an dich, wenn … (der andere einen schweren Moment durchsteht, OP, Prüfung …)

Nun wende ich diese vier Versprechen auf mich an. Ich rufe die Person wirklich umgehend an, um dieses Versprechen aus meinem Kopf zu bekommen. Ich schreibe jener Person wirklich, weil ich es versprochen habe. Ich komme wirklich vorbei, wenn ich in der Nähe bin. Und ich denke wirklich an meine Mitmenschen, die mir wichtig sind, wenn sie einen schweren Moment haben. Dafür habe ich eigens eine besondere Kerze an meinem Arbeitsplatz stehen, die ich in dem Moment anzünde, wenn der andere z.B. eine schwere Prüfung, eine OP oder andere schwere Momente durchstehen muss. Die Kerze erinnert mich in diesem Moment an diesen Menschen.

Ich könnte Hunderte von Beispielen aufzählen, die sich als Versprechen in meinem Kopf stapeln, wenn ich soziale Gespräche mit anderen führe. Das ist einer der Gründe, weshalb ich diese Gespräche meide. Sie füllen meinen Kopf mit unzähligen Zusagen. Wenn das Telefon klingelt, nenne ich es „haste-kannste-machste“-Gespräche, weil sich fast aus jedem Gespräche eine Verpflichtung ergibt, die mich zusätzlich terminiert. Deswegen stecke ich das Telefon häufiger aus. Nur wenn ich abgesprochene Gespräche erwarte, lasse ich es eingesteckt.

Nun fragt sich ein NT, warum ich diese Versprechen-Floskeln so ernst nehme. Weil ich nicht weiß, wann es unhöflich ist, sie zu übergehen. Das zermürbt mich. Eine meiner wichtigsten Eigenschaften ist die Zuverlässigkeit. Ich will nichts falsch machen, weil mir spätere Vorwürfe schwer zu schaffen machen.

Ich habe das Wort „Versprechen“ näher betrachtet. Bedeutet versprechen oder verspochen etwa, dass sich jemand „ver-sprochen“ hat? Also etwas gesagt hat, was er nicht so gemeint hat? Daraus ergäbe sich eine völlig neue Perspektive. Mein Problem ist es herauszufiltern, welche Versprechen wirklich einzuhalten sind. Ich rede hier nicht von wichtigen Versprechen. Natürlich bin ich in der Lage, wichtige Versprechen zu filtern. Aber was mache ich mit denen, die mir unwichtig erscheinen? Soll ich sie einfach ignorieren?
Versprochen ist doch versprochen!

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Die Erschaffung der eigenen Realität durch die Art der Wahrnehmung

„Ich bin nicht von dieser Welt“ ist eine immer wiederkehrende Aussage von Autisten in Gesprächen, Tagebüchern oder Artikeln. Es bedeutet, dass Autisten sich durch ihre Art der Wahrnehmung eine eigene Realität erschaffen. Nun, ich bin eine von ihnen und habe diesen Satz während meiner Jugend unzählige Male in meine Tagebüchern geschrieben. Ich lebte solange in meiner Welt, bis mich die anderen Menschen dort herausholten und mich anwiesen, ihr Spiel des Lebens zu spielen. Ich sah damals keine andere Möglichkeit als mitzuspielen. Meine Anstrengungen in diesem Spiel waren enorm, weil ich alle Regeln neu lernen und Dinge tun musste, die ich nicht für richtig hielt. Darüber habe ich in vielen Beiträgen geschrieben. In meinen Gedanken und Gefühlen schaltete ich meine eigene Welt ab und es hieß nur noch „durchhalten, durchhalten“, egal wie erschöpft ich in der Ecke saß und dafür auch noch von genau denjenigen Menschen gescholten wurde, denen ich meine ganze Kraft geopfert habe.

Ich lernte es mit der Zeit hinzunehmen, erkrankte aber immer wieder in merkwürdiger Weise. Es waren Fieberzustände, die nicht messbar waren, es waren Verwirrungen, die niemand verstand, und Reaktionen, die man verurteilte. Wie gut, dass ich vor drei Jahren von dem Asperger Syndrom erfuhr und so etwas wie Erleichterung verspüren durfte. Es gab noch mehr Menschen auf dieser Welt wie mich, die aufgrund einer anderen Wahrnehmung ihre eigene Realität besaßen und damit lebten. Welch´ eine Freude! Menschen, die in einer Art Welt leben, zu der oft nur die Menschen Zugang finden, die sie auch leben. Alle anderen Menschen können sie meist nur mit dem Verstand erkennen, aber niemals mit dem Herzen.

Ich konnte es zu Beginn nicht fassen, dass man sich tatsächlich von all den alten Strukturen lösen und seine eigene Realität und Persönlichkeit wiederfinden konnte. So dachte ich immer, dass meine Realität und Persönlichkeit falsch seien. Ich sah in der Zeit der Selbstfindung vor drei Jahren Heerscharen von Kritikern und Feinden auf mich zurasen, die mir meine Ideen vom Leben wieder wegnehmen wollten. Und in der Tat, es waren nicht wenige, die mich in der Zeit meiner Entschlusskraft in Frage stellten oder gar ablehnten. Doch ich ließ mich nicht beirren und hielt diesem ganzen Druck stand. Ich fühlte mich elend, egoistisch und falsch, weil ich plötzlich Hilfeleistungen, die ich immer erbracht hatte, zurückwies, nur um auf meinem Weg zu bleiben. Es hat sich aber gelohnt! Ich entschied, nur noch die Menschen in meinem Leben existieren zu lassen, die mich jetzt so annehmen, wie ich bin: eben manchmal unberechenbar, undurchschaubar, wechselhaft, auch komisch, aber ebenso impulsiv, leidenschaftlich und offenherzig. Aus meiner Sicht gibt es zweierlei Sichtweisen.

Ich besaß nie einen Blick für die materiellen Dinge dieser Welt: Besitztum, Reichtum und Wettkampf. Dies alles erscheint mir so unspektakulär für ein Leben auf dieser Welt. Und doch sehe ich mich täglich mit diesen Dingen konfrontiert und muss irgendwo dazwischen meinen Platz finden. Mich faszinierten die Dinge, die man nicht sehen oder kaufen kann – Gefühle. Mein Leben lang hinterfrage ich die Gefühle anderer Menschen. Sehr stark damit verbunden sind das Herz und die Seele. Gibt es noch eine andere Welt, als die, die wir mit dem Auge sehen? Ich will zwei Beispiele aufführen:

Wir alle begegnen Menschen, denen gegenüber wir auf Anhieb eine Art Ablehnung empfinden, obwohl sie freundlich und zuvorkommend sind. Sie laden uns in ihr Haus ein und beschenken uns. Doch irgendetwas in uns kann diesen Menschen nicht annehmen. Nenne es Instinkt oder Intuition. Wenn Autisten oft nachgesagt wird, diese Fähigkeiten nicht zu besitzen, so kann ich sagen, dass mir diese Begegnungen durchaus passieren, aber weit eingeschränkter als bei NTs. Mein Filter ist nicht sehr gut. Zu viele Menschen, vor denen ich mich in Acht nehmen muss, nehme ich nicht wahr. Viele sprechen in diesen Fällen von Naivität. Andererseits, wenn ich einem Menschen begegne, der mir unsympathisch ist, hat er niemals eine Chance, mit mir befreundet zu sein. Ich stecke ihn in eine Art Schulbade und schließe sie zu, denn alle weiteren Versuche, mich vom Gegenteil zu überzeugen, erscheinen mir wie ein Täuschungsmanöver.

Umgekehrt passiert es manchmal, dass ich Menschen begegne, die von NTs misstrauisch beäugt werden, bei mir aber eine große Sympathie aufgrund ihrer Reinheit und Ehrlichkeit erwecken, die NTs vielleicht Angst machen. Hier habe ich also eine völlig andere Wahrnehmung.

Zweites Beispiel: Ich wohne seit sieben Jahren in einem Haus, in dem ich mich nicht wohlfühle. Es ist ein wunderschönes Haus und auch die Vermieter und Nachbarn sind wunderbar, aber dieses besagte Haus hat eine Aura, die mir Angst einjagt, mich erdrückt und mir meine Inspiration raubt, obwohl es vollkommen gemütlich eingerichtet ist. Mein Auge nimmt eine harmonische Umgebung wahr, aber mein Herz und meine Seele fühlen sich abgestoßen. Es wird mit der Zeit auch nicht besser. Der Zustand bleibt gleich.
Ich weiß, dass dieses Haus von einer Person erbaut und bewohnt wurde, die viele gemeinnützige Aufgaben in ihrer Gemeinde erledigte. Selbst als Krankenschwester tätig war und immer hilfsbereit. Allein lebend ohne Kinder. Ich erkundigte mich in der Nachbarschaft und erfuhr, dass diese Person als kaltherzig wahrgenommen wurde trotz aller Hilfsbereitschaft. Niemand konnte zu ihr einen Zugang finden, der von Herzlichkeit geprägt war. Eine gemeinnützige Tätigkeit also als Ausgleich zur Kaltherzigkeit?

Ist es möglich, dass materielle Dinge Gefühle transportieren?

Ähnliches passierte im Haus zuvor, in dem ich 13 Jahre lang lebte. Ein wunderschönes, idyllisch gelegenes Haus. Dort lebten zuvor zwei Familien, die einander gewalttätig begegneten und dem Alkohol zugetan waren. Schlimme Geschichten. Ich erfuhr erst später davon, als ich auszog. Als ich das Haus verließ, riskierte ich nicht einen Blick zurück.

In meiner Wahrnehmung können Dinge eine Art Seele haben. Dadurch entsteht meine eigene Realität. Ich kann vieles nicht mit dem Verstand wahrnehmen und einsortieren, dafür umso stärker mit dem Herzen. Es ist das allumfassende Wahrnehmungsmodul in meinem Körper und ersetzt oft den Verstand. Doch es reicht in einer Welt wie dieser, die voller Täuschung und List ist, nicht aus. Demnach ziehe ich mich dorthin zurück, wo mich all dies nicht erreichen kann – in die Einsamkeit und Natur. Es ist der einzige Ort, der mich nicht herausfordert und infrage stellt. Er ist ehrlich, harmonisch und voll schöner Farben.

Es wird immer ein schwerer Balanceakt in meinem Leben bleiben, Eindrücke meines Herzens und meines Verstandes überein zu bekommen. Ich lese viele Bücher über den Einklang von Körper, Geist und Seele und bin ständig fasziniert. Leider konnte ich dieses Gefühl in der Welt da draußen noch nie verspüren. Aber es wird besser, je mehr ich mich auf meine Erschaffung der Realität und die Art, wie ich sie wahrnehme, einlasse. Manchmal kommen große Angstzustände auf, aber letztendlich sind es nur die irrationalen Hilfeschreie der alten Strukturen, die ich gerade verlasse. Ich riskiere keinen Blick mehr zurück, lasse die Angst fließen, bis sie aufgibt und mich verlässt. Es muss irgendwo in dieser Welt für mich eine Harmonie existieren, die dem materiellen Auge verborgen bleibt.

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Die Gefahr der Selbstprogrammierung

Wer kennt sie nicht: die eigene Prophezeiung „das schaffe ich sowieso nicht“ oder „den Kontakt kann ich auf Dauer sowieso nicht aushalten“? Erwartungen, die sich im Laufe der Jahre durch viele Erfahrungen selbst programmiert haben. Versagen als Programm. Das geht jedem so, NTs und Autisten.
Es ist wie ein Diätprogramm, das ich hundert Mal starte, um zum Schluss festzustellen, dass ich es wieder einmal nicht geschafft habe. Oder die neue Freundschaft, die wieder nicht funktioniert hat, weil ich es ahnte. Bin ich etwa auf Versagen programmiert?

So sammeln sich im Laufe des Lebens viele Enttäuschungen, die ich unter Erfahrungen verbucht habe. Ich gebe irgendwann auf und wage mich an keine neue Herausforderung heran. Doch genau das ist das größte Irrdenken, dem ich immer wieder erliege und was ich gerne beseitigen möchte. Dazu muss ich mir viele Dinge ins Bewusstsein rufen.

Ich bin 51 Jahre und habe viele Dinge gesehen, erlebt und durchgemacht, aber ich habe bis heute erstaunlicherweise nicht meinen Optimismus verloren. Trotz vieler Grenzen und Hemmschwellen in meinen Gefühlen und Wahrnehmungen hege ich zum Schluss immer wieder die Hoffnung, dass alles gut wird. Selbst eine verzweifelte Situation oder ein aussichtsloser Kampf hält zum Schluss immer wieder eine Überraschung bereit.
Meine Stärke: Ich generiere aus Wut Energie. Das war immer so, aber ich programmierte sie im Laufe meines Lebens immer mehr auf Versagen, Angst und Rückzug um. Begann von vorherein, bestimmte Situationen zu meiden und immer mehr Verstummung zu verspüren, die mir zu schaffen machte.
Ich habe viel Wut in meinem Leben gespürt. Da ich nicht in der Lage bin, spontan und angemessen auf meine Wut zu reagieren, falle ich meist in eine Erstarrung und verarbeite die Aggression, indem sie sich gegen meinem Körper richtet. Dennoch, das Ergebnis, was sich hernach zeigt, überrascht mich immer wieder neu. So verfahren die Situation auch sein sollte, so gelange ich nach einer „Auszeit“ meist zu einem erstaunlich guten Ergebnis. Je schlimmer sich eine emotionale Situation für mich gestaltet, je besser zeigt sich das Ergebnis. Die Zauberworte heißen „Geduld und Veränderung“. Begriffe, vor denen ich in der Regel viel Angst verspüre.
Auf den ersten Blick unlösbare Situationen bringen plötzlich eine positive Veränderung. Ich frage mich, warum ich dies immer erst über den Umweg einer Erstarrung oder tiefen Depression erlangen muss. Andere schaffen durch einfache soziale Kommunikation mühelos Veränderungen herbeizuführen. Sie wechseln den Wohnort, das Land, kaufen ein Haus, trennen sich oder schlagen neue Lebenswege ein. Woher nehmen sie die Kraft, diese Veränderungen ohne Angst umzusetzen?

Ich stelle mir die Frage, ob ich mich im Laufe meines Lebens vielleicht zu sehr auf selbstprogrammierte Erwartungen eingestellt habe.
Viele Erlebnisse haben mir gezeigt, wie es „nicht“ weitergeht, und je älter ich werde, desto mehr festigen sich diese Strukturen und Ängste.

Es ist an der Zeit, meine Programmierung zu überdenken und es erneut zu versuchen, das nächste Diätprogramm zu starten. Jede neue Chance ist eine Chance auf Erfolg. Jede neue Chance hat andere Voraussetzungen, obwohl sie einer alten ähnlich sieht. Ich habe inzwischen viele neue Eindrücke gewonnen und vielleicht fällt das Ergebnis überraschend anders aus. Wer garantiert mir – außer meiner Programmierung –, dass es diesmal nicht doch funktioniert? Ich rede von Zielen.

Wir alle haben Ziele, der NT genauso wie der Autist. Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass ich als Aspergerin bei kleineren Zielen zu schnell aufgebe. Die erste emotionale Wut treibt mich in die Resignation. Bei großen Zielen reagiere ich genau entgegengesetzt. Ich kämpfe bis zum bitteren Ende um sie. Hier einige Beispiele:

Mit 29 Jahren bekam ich Krebs und entschied, dass ich gesund werde, obwohl meine Chancen schlecht standen. Ich wurde gesund.
Ich habe mich entschieden, jedem gesundheitlichen Angriff zu trotzen, um meine Kinder aufwachsen und ins Leben gehen zu sehen. Ich habe es geschafft.
Ich habe mich vor dreißig Jahren entschieden, Bücher zu schreiben, habe es vor zwanzig Jahren offiziell begonnen und bin trotz vieler Misserfolge drangeblieben. Vor fünf Jahren habe ich den Durchbruch geschafft.
Ich war ein Leben lang auf der Suche nach einem wunderbaren Ort auf dieser Welt, an dem ich frei von allen Störungen leben und schreiben kann. Ich habe ihn gefunden.
Ich habe mich entschieden, nur noch die richtigen Freunde um mich zu scharen, die mich so nehmen wie ich bin. Ich habe sie gefunden.
Also scheine ich die Fähigkeit für Veränderungen und Neustarts zu haben. Niemand kann mir garantieren, dass ich meine nächsten Ziele erreichen werden, es sei denn, ich programmiere mich von vornherein auf eine Niederlage.

Nun arbeite ich an dem Gefühl, das Leben etwas unbesorgter fließen zu lassen und einfach darauf zu vertrauen, dass es einen guten Plan gibt. Ich bin es leid, meine alten Programme weiterzufahren. Ich weiß, dass ich viele Dinge nur schwer oder gar nicht erreichen kann, weil sie mir nicht gegeben sind, aber ich kann es immer wieder versuchen. Vielleicht gelingen mir hier und da kleine Programmveränderungen, die mein Leben erleichtern. Ich bin und bleibe eben ein Optimist!

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