Archiv für den Monat Juli 2014

Es ist für mich sehr befremdlich, zum ersten Mal in meinem Leben über mich persönlich zu schreiben, obwohl ich als Autorin tätig bin. Ich bin gelernte Erzieherin, schreibe aber bereits seit meiner Kindheit Geschichten und Tagebücher und seit einigen Jahren Romane und Thriller. Diese Geschichten handeln nicht von mir. Es sind Geschichten, in denen ich meine Angst und Wut verarbeite, aber auch Glück und Freude. Sie sind Bestseller und ein Buch ist 2014 sogar für einen Autoren Preis nominiert worden. Aber nun einfach über mich privat los zu plaudern, ist etwas ganz Neues. Es fühlt sich komisch an, weil ich nicht gerne über mich rede oder schreibe. Ich wüsste auch nicht, warum andere sich für mein privates Leben oder mein Denken interessieren sollten.
Was hat mich also dazu bewogen, diese Beiträge zu schreiben?

Ich habe mit 48 Jahren herausgefunden, dass ich eine Betroffene des Asperger Syndroms bin. Ziemlich spät, nicht wahr? Das erklärt viele Dinge in meinem Leben, die mir passiert sind und immer noch passieren. Es erklärt aber auch meine zeitweise diffusen Gefühle, unverständlichen Wahrnehmungen und Reaktionen.
Ich entschied, als ich von diesem Syndrom erfuhr, Blogs über mein Denken zu verfassen, um auf diesem Wege meine Verwirrungen zu verarbeiten. Ich hielt und halte es immer noch für eine gute Sache, weil ich hoffe, damit anderen Betroffenen zu helfen. Viele wissen nicht, dass sie betroffen sind und leiden unter großen Problemen und ständiger „Lebenserschöpfung“. Viele finden durch Gleichgesinnte Trost, Kraft und neue Wege. Das war auch meine Hoffnung, als ich begann, über meine ersten Probleme zu schreiben.
Ich war überwältigt, wie groß die Resonanz war und wie viele Menschen meine Gefühle und Ansichten teilten. Es gab mir Halt, Trost, Sicherheit und Zuversicht. An dieser Stelle also ein riesengroßes Dankeschön an alle, die mich bei den Blogs unterstützen, sie kommentieren und liken. Ebenso ein großes Dankeschön an alle, die meine Facebook-Seite gefunden haben und sich dort in einer kraftspendenenden Art und Weise einbringen. Wir tauschen uns aus, diskutieren und verteilen Termine und Informationen.
Es wenden sich nicht nur Betroffene an mich, sondern auch NTs, also die Nicht-Betroffenen, die neurologisch Typischen. Sie nehmen an dem Austausch der Kommunikation teil mit dem Ziel, uns alle besser miteinander zu verstehen, auszukommen und zusammenzuarbeiten. Wir sind mittlerweile zu einer recht großen Familie herangewachsen, die Termine von Selbsthilfegruppen, Ärzten und Vorträgen zum Thema Asperger Syndrom, Hilfsmitteln und Methoden (Begleithunde), Bücher von Betroffenen und Arbeitsstellen für Asperger austauschen. Danke an alle, die sich beteiligen!

Ich bin jetzt 51 Jahre alt, seit 31 Jahren verheiratet und habe zwei tolle erwachsene Jungs. Das hört sich sehr normal an, ist es aber nicht. Bis vor drei Jahren wusste ich noch nichts von dem Syndrom und ich erfuhr durch Zufall davon, so, wie es vielen wohl ergeht, wenn sie bemerken, dass in ihrer Welt etwas nicht mehr stimmt. Bei mir war es ein eher ungewöhnliches Ereignis, denn ich hatte nach vielen Jahren rein zufällig einen Kontakt aus meiner Jugend wiedergefunden. Der erste Austausch ergab, dass er ein Betroffener des Asperger Syndroms sei, und ich begann darüber zu lesen, um mit diesem Freund besser kommunizieren zu können. Ich besorgte mir eine Buchausgabe von Tony Attwood und begann darin zu lesen. Schon auf den ersten Seiten erfassten mich Verblüffung und Faszination zugleich. Ich konnte das Buch nicht mehr aus den Händen legen, sah mich aber keinesfalls als eine Betroffene an. Und doch kam mir so vieles darin logisch vor.
Dann passierte folgendes:

Nach einem Jahr bahnte sich urplötzlich ein Zusammenbruch bei mir an, so schlimm, wie ich ihn nie zuvor erlebt habe.

Ich begann plötzlich an starken Schlafstörungen zu leiden und verlor zusehends mehr meine Alltagsstruktur. Meine Essgewohnheiten veränderten sich radikal und man versicherte mir von vielen Seiten, dass es die Wechseljahre seien. Aber das waren sie nicht. Irgendetwas war passiert, was niemand verstand. Am wenigsten ich. Dass meine Schlafstörungen bereits auf eine Depression hinwiesen, wusste ich nicht. Bislang hatte ich immer alles gut im Griff gehabt, doch plötzlich schien mir meine ganze Welt zu entgleiten. Ich litt an diffusen Ängsten und zog mich immer mehr von allen Menschen zurück. Nichts stimmte mehr oder war richtig, als hätte ich die ganze Zeit über in einer Scheinwelt gelebt. So kam es mir vor. Gleichzeitig bekam ich Angst, ob das Anzeichen von Verrücktsein wären. Als ich keinen Ausweg mehr fand, entschied ich zum ersten Mal in meinem Eheleben drei Wochen alleine weg zu fahren, um darüber nachzudenken, was gerade mit mir passierte. Vielleicht half mir die absolute Ruhe und der Abstand zu dem alltäglichen Leben. Dann passierte das schier Unglaubliche. Ich fühlte mich so wohl wie noch nie und hatte das Gefühl, den Platz in meinem Leben gefunden zu haben, an dem ich vollkommen glücklich war, örtlich wie mental. Gleichzeitig erschreckten mich meine eigenen Gefühle, weil ich immer ein sehr geselliger und familienorientierter Mensch gewesen war. Plötzlich war ich wie ausgewechselt und genoss die Einsamkeit und das Alleinsein wie nichts zuvor. Ich erinnerte mich, dass ich dieses Gefühl einmal in meiner Jugend verspürt hatte, es sich jedoch mit der Ehe und meiner Rolle als Mutter vollkommen verlor. Ich hatte es auch nicht vermisst.
Als ich von dieser besagten Reise wieder heimkehrte und meinen alltäglichen Aufgaben weiter nachkam, brach ich immer wieder zusammen, so dass mich der Verdacht, ich könnte vielleicht auch eine Betroffene des Asperger Syndrom sein, nicht losließ. Also wendete ich mich an die nächste Autismus-Ambulanz und holte dort einige Informationen ein.
Bereits im Vorgespräch zeigte sich, dass ich viele Symptome zeigte, die sich im Laufe der Zeit an das Leben der normalen Menschen dermaßen angepasst hatten, dass ich kaum noch auffiel. Ich war darauf trainiert nicht aufzufallen. Das Kaschieren meiner Gefühle, Ängste und Nöte war bei mir an der Tagesordnung. Doch ich wollte Gewissheit haben, denn meine Zusammenbrüche machten mir Angst und es war klar, dass ich unbedingt Hilfe benötigte. Also nahm ich Kontakt zur Universität Köln und der dort ansässigen Erwachsenenambulanz für Autismus auf. Viele Informationen zeigten mir ganz klar , dass ich mich auf dem richtigen Weg befand. Das erleichterte mich, auch wenn ich wusste, dass es kein leichter Weg sein würde.
Das Asperger Syndrom erklärte Dinge, die mir in meiner Vergangenheit passiert waren und heute immer noch passieren, und die Kenntnis darüber hilft mir zu lernen, mich ganz langsam zu begreifen.

Warum schreibe ich jetzt darüber?

Vielleicht ist es meine Art, mit dieser Veränderung besser umgehen zu lernen, denn ich besaß immer schon die Leidenschaft alles aufzuschreiben, was mich bewegt. Dadurch lerne ich Vieles besser zu verstehen. Doch diesmal habe ich entschieden, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich habe gemerkt, dass sehr viel über Asperger-Männer berichtet wird, weil bei ihnen das Syndrom wesentlich häufiger diagnostiziert wird. Betroffene Frauen sind bislang weit weniger erfasst, was nicht bedeutet, dass es weniger gibt. Doch da sich die Symptome bei Asperger Frauen etwas von denen bei Männern unterscheiden, gibt es noch Probleme bei der Erfassung. Frauen passen nicht so ganz in das bislang bekannte Diagnoseschema, deswegen kommt es immer wieder zu Fehldiagnosen. Ich schreibe, um die Anzeichen des weiblichen Syndroms bekannter zu machen und auf diesem Wege Betroffenen etwas zu helfen.

Das Asperger Syndrom ist keine Krankheit, sondern eine Störung. Es ist eine Form der etwas anderen Wahrnehmung durch die Andersschaltung des linken Gehirnlappens. Da sich der Begriff „normal” durch die Mehrheit einer Anzahl definiert und Betroffene des Asperger Syndroms sich eindeutig (noch) in der Minderheit befinden, werden sie von der Gesellschaft als „nicht normal” wahrgenommen und bezeichnet. Zu Unrecht, wie ich finde. In meiner Welt existieren die Menschen wertungsfrei.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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