Wenn Familie und Freunde die Diagnose aberkennen

Wie kann das sein? Endlich habe ich meine lang ersehnte Diagnose erhalten und traue mich offen darüber zu reden und schon schauen mich viele zweifelnde Blicke an. Ich wedel mit dem Papier, doch es nützt nichts. Ich ernte ein mitleidiges Räuspern und spüre, wie hinter meinem Rücken getuschelt wird. Ich versuche zu erklären, dass ich mit vielen Dingen große Probleme hatte und sie immer mit einem Lächeln kaschiert habe. Mein Optimismus und meine gute Laune, die ich täglich zeigte, entpuppen sich plötzlich als Feinde.

Das ist der Moment, in dem ich große Entscheidungen treffen muss.
Lege ich wirklich noch Wert auf all die Menschen, die sich mir entgegenstellen? Was ist mit deren Mitgefühl, das ich ihnen immer bei ihren Problemen entgegengebracht habe? Ein schmerzlicher Gedanke überkommt mich: Ich werde all diese Menschen verlieren! Oh nein! Halte ich das überhaupt aus? Eine andere Frage stellt sich mir: Halte ich es überhaupt noch aus, mich weiter für andere zu verbiegen?
Zwei Fragen, die eine schwere Entscheidung von mir abverlangen. Ich hätte nie gedacht, dass ich an den Punkt komme, bei dem ich mich frage: Sie oder ich? Und wieder entsteht ein neuer Kampf. Hört das denn nie auf? Auch diesen Kampf muss ich wohl oder übel durchstehen. Meine Gedanken laufen Amok. Ist das das Ergebnis einer Diagnose? Dass mein Leben noch mehr zerrüttet wird? Was bleibt mir?

Erst mal Flucht, denke ich und ziehe mich für viele Wochen weit entfernt von allen zurück. Ich lasse das Gefühl auf mich wirken, wie sich mein Leben ohne all diese Menschen anfühlt. Das Ergebnis erschreckt mich! Es fühlt sich gut an. Ich erschrecke wahrlich vor meinem eigenen Wohlbefinden. Wie kann das sein? Seit zig Jahren habe ich mich nicht mehr wohlgefühlt oder habe es mir nicht mehr erlaubt und plötzlich bricht dieses Gefühl mit einer Intensität über mich herein, dass ich vor Glück weinen muss. Jaaa, ich spüre wieder Glück! Ein Gefühl, das ich all die Jahre gesucht habe und nicht finden konnte. Es war untergegangen von zu vielen Geräuschen, Menschen, Farben, Eindrücken und Aufgaben, denen ich nicht gewachsen war. Nachdem ich das Gefühl eine Weile auf mich habe wirken lassen, treffe ich die Entscheidung zur Frage „Sie oder ich?“.

„Ich“ ist das klare Ergebnis. Zum ersten Mal seit vielen Jahren entdecke ich wieder die Welt, in die ich gehöre. Und in die kann ich leider nur wenige Menschen mitnehmen. Ich lade zwar alle ein, aber nur wenige sagen zu und treten in meine autistische Welt ein. Im Grunde ist sie nicht viel anders, als die Welt draußen auch. Doch sie ist geprägt von der Schönheit der Natur, den Tieren und der Ruhe. Keine Machtspiele und keine Hinterhältigkeit mehr. Ich bin dieser Dinge überdrüssig. Mich fängt eine ehrliche, mentale Schönheit ein, die ich so nicht kannte. Menschen, die mir folgen, sind keine fordernden Menschen, sondern solche, die sich für diese Welt öffnen können und wollen. Sie sind ehrlich, freundlich, respektvoll und willkommen.

Ich kehre nur kurz in die alte, für mich verwirrende, Welt zurück, um allen, die mich nicht so annehmen wie ich bin, den Kontakt zu kündigen. Schmerz, Wut, Druck und Zorn beben in mir, weil ich die Verurteilung spüre, die sich draußen breitmacht. Doch ich halte die Türe geschlossen, gehe nicht mehr ans Telefon und nicht mehr in die Stadt. Ich verbringe die Zeit damit, ein Buch zu schreiben und packe so unendlich viel Wut hinein. Nebenbei suche ich nach neuen Zielen und einer neuen Umgebung. Ich kann hier nicht mehr bleiben, wenn der Krieg täglich vor meiner Tür stattfindet. Ich will mich neu definieren und suche Menschen, die mich nicht kennen und einen Ort, der mich nie anderes kennenlernen wird, als der Mensch, der ich in Wahrheit bin.

Einige Jahre später.
Man fragt mich, warum ich nicht alles beim Alten gelassen und es einfach nur erklärt habe. Ich lächele auf diese Frage und schaue in den Himmel, unter dem ich nun im Einklang mit Natur und Tieren lebe und Bücher schreibe… Ich brauche hier nichts mehr erklären. Ich bin angekommen!

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Die langersehnte Diagnose!

Klingt das paranoid?
Wer ersehnt sich schon eine Störung? (wobei ich anzweifle, dass das Asperger Syndrom eine Störung ist.) Doch es geht um etwas ganz anderes.

Es ist erschreckend, wie viele Menschen mit dem Bewusstsein leben, dass in ihrem Leben irgendetwas nicht stimmt. Wenn Lernprozesse erfolglos bleiben und man immer wieder stigmatisiert wird. Wenn andere sagen, dass man zu dumm für diese Welt ist oder sich nicht genug Mühe gibt. Man fragt sich ständig, warum kann ich das nicht? Die Selbstzweifel wachsen ins Unermessliche. Ein Kampf auf ganzer Linie bricht im Leben aus. Dann immer wieder die Frage: Was stimmt nicht mit mir? Hinzu kommt die Angst, in eine Psychiatrie eingewiesen zu werden, wenn man am Ende seiner Kraft ankommt. Die Nerven gehen durch und der Körper rebelliert. Aber der Arzt findet nichts, weil nur der Kopf verrückt spielt. Der erste Eindruck entsteht, man sei ein Simulant … oder noch schlimmer: einfach nur faul, … oder gar psychisch krank? Nichts von dem entspricht der Wahrheit.

Mit Faulheit hat das Asperger Syndrom rein gar nichts zu tun. Und der Kopf spielt auch nicht verrückt. Man ist weder ein Simulant noch psychisch krank. Nur, um das mal klarzustellen. Es ist die Unwissenheit, die all diese Gedanken in einem hervorlockt.

Ich kenne keine andere Gruppierung von Menschen, denen eine Diagnose so wichtig ist. Oftmals reicht das einfache Wissen nicht aus, weil es in der Gesellschaft nicht anerkannt wird. Nein, die Menschen brauchen ein Papier, auf dem steht, was mit einem los ist. Dann die Erlösung: Die Anerkennung! Die ersehnte Diagnose.

In den letzten fünf Jahren habe ich so viele Emails, Briefe und Facebook- Nachrichten erhalten, in denen genau diese Dinge geschildert wurden. Vorrangig die Angst, die Diagnose nicht zu erhalten. Nicht nur betroffene Frauen beklagen viele falsche Vorgehensweisen bei der Diagnose, sondern inzwischen auch Männer, die sich doch oft auf der sicheren Seite befanden. Was ist es, was das ganze Verfahren so „verfahren“ macht? Was in den Betroffenen eine so große Angst auslöst, dass sie sich lieber an Communities oder andere Betroffene wenden? Muss denn immer eine langjährige Psychotherapie vorangehen, bevor die Diagnose erfolgt? Was ist mit den Betroffenen, die über viele Jahre versucht haben, das Krankensystem zu schützen und dem Staat immense Kosten eingespart haben? Ach ja, wer spart wird bestraft! War ja immer schon so. Deswegen auch keine Belohnung.
Für mich eine verkehrte Welt. Aber die Welt da draußen war mir schon immer ein Rätsel.

Inzwischen laufen Betroffene mit Büchern von Diagnostizierten zu Gesprächen und sagen: Ich bin genauso. Hallo? Wie stigmatisiert und verängstigt sind solche Menschen, die nicht einmal mehr die Kraft haben, sich selbst darzustellen? Total verängstigt, kann ich nur sagen und ich spreche aus Erfahrung.

Es macht mich immer wieder traurig, wie viele von Angst Getriebene sich bei mir melden und um Rat bitten. Ich kann leider immer nur ermutigen, ein Diagnosegespräch anzustreben und sich gut vorzubereiten. Was bedeutet vorbereiten?
Ich würde aus heutiger Sicht empfehlen, so viele Auffälligkeiten wie möglich aus der Kindheit und Jugend zu notieren. Und ebenso die heutigen Auffälligkeiten. Vieles haben die Betroffenen vielleicht gelernt zu kaschieren, aber wenn man ganz tief in sich hineinhorcht, kann man die eigentlichen Probleme deutlich spüren. Da es bei den Diagnosegesprächen häufig um die Beantwortung von Fragen geht, wird nicht immer die Möglichkeit angeboten, sich selbst darzustellen. Hinzu kommt oftmals das Problem, nicht spontan auf eine Frage richtig antworten zu können. Dann ist es besser, man reicht mit dem ersten Fragebogen direkt eine Eigendokumentation ein. Wenn der diagnostizierende Arzt dies liest, kann er sich vielleicht besser auf das Gespräch einstellen.
Eine zusätzliche Hilfe ist es, wenn Psychologen eine Überweisung zum Diagnosearzt ausstellen. Ist aber nicht zwingend notwendig.

Ich wünsche allen Betroffenen, dass sich die Diagnoseverfahren in Zukunft bessern und dem Patienten mehr Glauben geschenkt wird, denn er gibt für einen Betroffenen nichts Schlimmeres, als mit großer Angst das Gespräch gesucht zu haben und mit noch mehr Frustration und Demütigung nach Hause zu kommen.

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Was unterscheidet Menschen mit Asperger Syndrom von NTs?

Diese Frage stelle ich mir seit Jahren und weiß nicht wo ich anfangen soll.
Ich könnte jetzt schreiben: In 100 000 Sachen und doch haben alle miteinander eine große Ähnlichkeit. Jedes einzelne Anzeichen kann auch bei NTs vorkommen, also was unterscheidet uns wirklich?

Meiner Meinung nach sind es die Menge und Intensivität der Anzeichen. Ich reagiere in so vielen Dingen anders und doch wird es immer NTs geben, die sagen „aber so reagiere ich doch auch“. Stimmt! Denn jeder trägt eine Form der Sensibilität in sich und hat unterschiedliche empathische Empfindungen. Jeder hat in irgendwelchen Bereichen Probleme mit dem Verstehen oder der Logik. Sind wir vielleicht alle irgendwie Asperger?

Warum sprechen so viele NTs den von Autismus betroffenen Menschen ihren Autismus ab? Umgedreht kommt das so gut wie nie vor? Genauso gut könnte ich fragen: Warum kritisieren schlanke Menschen ständig übergewichtige Menschen? Und umgedreht nur ganz selten. Woher kommt diese Schieflage? Was unterscheidet diese Menschen?

Die Wahrnehmung! Sie läuft auf einem anderen Level.

Sie ist ein allumfassendes Ding in unserem Inneren. Nun stellt sich als nächstes die Frage, welche Wahrnehmungen das genau sind und wie kommen sie zustande?

Ich bin kein Fachmann und kann nur von meinen eigenen Theorien ausgehen, indem ich Situationen vergleiche und ich komme immer wieder zu dem gleichen Ergebnis:
Die Wahrnehmung befindet sich im Aufbau und der Struktur unseres Gehirns. Sicher, man kann vieles trainieren. Oder doch nicht?

Bei mir kann man leider nur sehr wenig trainieren. Ich versuche immer wieder bestimmte Dinge zu üben (z.B. Small Talk) und doch prägen sie sich nicht ein. Jedesmal stehe ich mit der gleichen Nervosität oder Ratlosigkeit da wie vorher.
Doch vielmehr beschäftigt mich die Frage nach der Ordnung, die mein Gehirn verlangt. Ist das nicht der Schlüssel zu allem oder die Antwort zu der Frage, was uns unterscheidet?

Menschen mit Asperger verlangen oder haben eine andere Ordnung im Kopf, die sie erhalten oder immer wieder herstellen möchten. Das würde doch vieles erklären. Dabei fällt mir der Begriff „Gelassenheit“ ein. Ein Gefühl, dass ich so gut wie gar nicht kenne, weil ich ständig damit beschäftigt bin, Ordnung in meinem Kopf herzustellen, wenn ich unter Menschen gehe. Bin ich alleine, ist die Ordnung hergestellt und ich kann mich entspannen. Niemand bringt sie durcheinander.

Kann es sein, dass der Autist viel mehr denkt, weil seine Wahrnehmung um so vieles stärker ist? Der innere Filter ist anders ausgelegt. Das Gehirn wird viel mehr beansprucht, als das von einem nicht autistischen Menschen. Ein Beispiel: Der NT geht in die Stadt, schaut sich ohne große Gedanken seine Umgebung an und fühlt sich entspannt. Nun geht ein autistischer Mensch in die Stadt. Vergleichen wir deren Gehirne:
Der NT hat kaum Anzeichen von Stress, weil er vielleicht nur den Einkauf im Kopf hat. Das ist bei mir ganz anders. Mein Gehirn kocht über vor Eindrücken und Unordnung auf dem Weg zum Einkauf. Ich kann mich auf den Einkauf danach kaum noch konzentrieren, weil das Gehirn immer noch mit der Verarbeitung und dem Einsortieren beschäftigt ist.
Ein anderes Beispiel: Das Spezialinteresse.
Wenn ein Mensch mit Asperger Syndrom ein Spezialinteresse pflegt, dann kann man kaum noch von einem „normalen“ Interesse sprechen, denn er perfektioniert es in einer Form, an die oft Fachleute nicht einmal herankommen. Für NTs wäre nun Stress pur angesagt, doch der Asperger empfindet totale Entspannung dabei. Je intensiver er sich seinem Interesse widmet und es ihn fordert, je entspannter fühlt er sich. Der NT würde wahrscheinlich ausflippen, wenn man ihm die Masse an Informationen durchs Gehirn jagt, die ein autistischer Mensch zu kompensieren schafft.

Schon alleine meine Fähigkeit zur Wahrnehmung unzähliger Details in allen Sinnesbereichen unterscheidet mich von NTs. Ich traue mich oft gar nicht darüber zu sprechen. Ein Spaziergang mit mir kann eine nervende Prozedur für einen NT werden, denn ich bleibe andauernd stehen und muss mir die vielen Details anschauen, ob in der Natur oder auf dem Weg in die Stadt. Deswegen habe ich oft eine Kamera dabei und mache Fotos, weil ich gerne alles erfassen möchte, was um mich herum ist. Am liebsten bin ich alleine unterwegs, weil ich dann keinen nerve.

Dann gibt es noch einen weiteren sehr wesentlichen Unterschied: das ständige Analysieren und Reflektieren. Viele NTs schauen mich ratlos an, wenn ich davon erzähle. Auch das hat etwas mit meinem Ordnungsdenken zu tun. Ich analysiere ständig neue Situationen oder reflektiere Begegnungen, ob auch alles seine Ordnung hatte. Wenn nicht, kann es mich tagelang beschäftigen, bis ich wieder Ordnung hergestellt habe. Es kommt dem Prinzip des „Zauberwürfels“ gleich.

Mich würde mal interessieren, was NTs als Unterschied empfinden…

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Kein Wiederherstellungsprogramm

Wie im letzten Blog beschrieben, kann es Situationen in meinem Leben geben, die mich auf unerklärliche Weise zu einem Kurzschluss bringen. Oftmals Kleinigkeiten. Nur die geringste Veränderung kann mich hochjagen und nicht mehr zurückholen.
Ich kann im Vorfeld nicht einmal sagen, bei welchen Veränderungen mich solche Kurzschlüsse einholen. Es passiert einfach. Warum ist das so?

In meinem Kopf existiert für vieles eine genaue Vorstellung von etwas. Das gibt mir Sicherheit und ein gutes Gefühl. Solange es so bleibt, ist meine Welt in Ordnung. Man kann es sich wie ein Regal vorstellen, in dem alles exakt einsortiert ist. Nun verändert jemand etwas in diesem Regal und ich flippe aus! Meine Sicherheit ist in Gefahr geraten und ich kenne in meinen Gefühlen keine Grauzone. Entweder ignoriere ich die Veränderung komplett, weil sie mir total egal ist, oder ich rege mich tierisch auf und reagiere unangemessen, ja, fast hysterisch. Meistens trifft die zweite Reaktion zu, sofern es sich um Veränderungen in meinem privaten Bereich handelt. In diesem Bereich hat niemand etwas verloren. Das erklärt auch, warum es mir immer wieder schwer fällt, mit anderen zusammen zu sein oder überhaupt in einer Ehe zu leben. Bei mir muss es genaue Abgrenzungen geben. Die Möbel müssen dort stehen, wo sie mir am besten gefallen, und die Schränke müssen so einsortiert sein, wie ich es am praktischsten finde. Wenn jemand anderes nach seinen Kriterien Ordnung herstellt und sie nicht direkt mit meiner konform läuft, kann ich sie nicht akzeptieren.

Vergleichen wir es mit einem Rechtschreibprogramm. Das zeigt sofort einen Fehler an, wenn in dem Wort auch nur ein Buchstabe falsch geschrieben ist, obwohl ich das Wort immer noch gut lesen und es verstehen kann. Und doch bleibt es für das System falsch und der rote Unterstrich verschwindet erst dann, wenn das Wort korrigiert ist. So in etwa funktioniert mein Denken. Es besteht aus ganz klaren Regeln und Ordnung. Es gibt dort keine Alternativen oder Kompromisse. Schief ist bei mir schief und bleibt auch schief. Ja, ich nehme eine Situation dann als schief wahr, wenn sie nicht exakt meinem Ordnungsdenken entspricht, und sie geht mir solange nicht aus dem Kopf, bis sie nach meinem Ermessen gerade gerückt ist.

Gegenstände müssen in meinen Regalen ein gewisse Anordnung haben, um sie harmonisch für mich erscheinen zu lassen. Die Einrichtung im Wohnraum muss so verteilt sein, dass sie angenehm auf meine Wahrnehmung wirkt. Trifft das nicht zu, schiebe ich solange alles herum, bis es mir angenehm erscheint, unabhängig, ob mein Mann es gerne anders hätte. Inzwischen kennt er meine „Möbelrück-Aktionen“ und nimmt sie hin.
In der Küche hat alles seinen festen Platz. Wehe, eine Sache wird nach dem Spülen woanders hingeräumt! Und so zieht sich mein Ordnungs-Denken durch viele Bereiche meines Lebens.

Leider passiert es immer wieder, dass mich Veränderungen so aus dem Tritt bringen, dass ich mich  über Stunden oder Tage völlig irritiert zurückziehe. Ich finde dann kein Wiederherstellungsprogramm auf meiner Festplatte.

Inzwischen haben mein Mann und ich vieles im Leben auf die Reihe bekommen, damit sich solche „Kurzschlüsse“ nicht mehr zeigen. Wir haben getrennte Bereiche, d.h. jeder ist für einen Bereich zuständig, in den sich der andere nicht mehr einzumischen hat. Und das hat dann wieder für mich eine Form der Ordnung, mit der ich gut leben kann.

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Wenn aus Banalitäten Katastrophen werden …

Ein leidiges Thema für autistische Menschen. Was NTs als Banalität empfinden, kann bei mir schnell zu einer Katastrophe werden. Ich werde mal zwei „banale“ Beispiele aufführen.

Ich liebe es, ab und zu Currywurst mit Pommes zu essen.
Mein Mann und ich saßen vor einiger Zeit abends gemütlich vor dem Fernseher und hatten seit mittags nichts gegessen. Das sind Momente, in denen mein Verstand alle möglichen ungesunden Nahrungsmittel abruft, mit dem Drang, dies hier und jetzt essen zu wollen, ohne Gedanken daran, was es mit meinem Gewicht macht. In solchen Momenten ist mir alles egal.
Mein Mann erklärte sich bereit zur Pommesbude zu fahren und zwei Portionen zu holen. Als er das Haus betrat roch es herrlich und ich holte begeistert Besteck aus der Küche. Dann packte ich meine Schale aus und erstarrte! Ohne mich zu äußern, packte ich sie wieder ein, ging in die Küche und warf sie dort wütend in den Müll!
Was war geschehen?

Es war etwas verändert worden. DAS war es. Meine Pommes sahen anders aus, als ich es gewöhnt war. Sie waren nämlich mit Mayonnaise bedeckt, was ich überhaupt nicht mag! Damit sahen sie für mich unappetitlich und ekelig aus. Ich entschied, sie wegzuwerfen und sofort ins Bett zu gehen. Meine Laune war hin. Ich hatte den schönen Abend ruiniert.
Mein Mann lief mir natürlich aufgebracht hinterher und fragte nach.
„Jetzt sind wir schon so viele Jahren verheiratet und du hast immer noch nicht bemerkt, dass ich keine Mayonnaise auf meinen Pommes mag?“, schrie ich ihn an.
„Ich wusste es nicht mehr“, sagte er, „deswegen wollte ich auf Nummer sicher gehen und habe dir auch welche draufmachen lassen. Du kannst sie doch auf meine Pommes schieben und ich gebe dir welche von meinen ab.“
Ein ganz lieber Vorschlag … und so banal! Doch bei mir fährt das Programm nicht mehr hoch, wenn es zerstört ist. Aus unerklärlichen Gründen bleibe ich in meiner Wut hängen und will nichts mehr vom Tag wissen. Ich kann keine Ordnung mehr in mir herstellen.

Zweites Beispiel:
Ich habe immer schon silikonfreies Shampoo benutzt, weil es mein feines Haar nicht so weich macht. Als ich nach England zog, nahm ich zur Sicherheit einige Flaschen mit, um mir genügend Zeit zu geben, dort im Discounter ein ähnliches Shampoo zu finden. Und … zum Glück, ich fand es. Zur Sicherheit nahm ich auch dort einige Flaschen mit, so dass mein Vorrat beachtlich war. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Nun, nach einem Jahr ging der Vorrat zur Neige, doch ich wusste ja, wo ich Nachschub holen konnte.
Pustekuchen! Der Discounter führte das Shampoo nicht mehr und in mir brach Panik aus. Das äußert sich durch Hitze und Hektik. Ich durchsuchte das ganze Angebot nach einem ähnlichen Produkt, fand jedoch keins. Mir brach der Schweiß aus. Ich rannte zum nächsten Discounter und suchte dort, doch auch da wurde ich nicht fündig. Ich brauchte eine Woche, um ein silikonfreies Shampoo zu finden. In dieser Zeit kam ich innerlich kaum zur Ruhe! In mir war eine Welt zusammengebrochen. Ein NT würde jetzt über diese banale Sache den Kopf schütteln, doch mich kann so etwas mächtig aus dem Tritt bringen.

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Meine Welt funktioniert nur dann, wenn ich in ihr leben darf

Dass vom Asperger Syndrom Betroffene immer wieder darüber berichten in zwei Welten zu leben, kann ich auch von meiner Seite bestätigen und schrieb bereits einen Blog darüber.

Natürlich leben wir nur in EINER Welt und auf einer Erde. Rein äußerlich und als Materie gesehen. Die andere Welt spielt sich rein mental ab. Es ist keine Schizophrenie oder Persönlichkeitsspaltung,  und doch fühlt es sich wie eine Spaltung an. Zumindest bei mir.
Wie soll ich das erklären? Ich beginne mal mit der Zeit in meiner Kindheit und Jugend.

Fernab jeder Diagnose und des Wissens, dass ich anders sein könnte, als alle anderen um mich herum, fühlte ich mich in meiner Welt äußerst wohl. Was kümmerten mich die anderen Leute und deren Meinungen? Sollten sie sich doch gegenseitig „betratschen“ und alle um sich herum beurteilen und verändern wollen. Schon früh bekam ich mit, dass nur wenig gut genug oder richtig war. Immer gab es etwas auszusetzen. Doch als Kind begegnete ich der Welt der Erwachsenen mit einer gewissen Ignoranz oder auch dem Gefühl, eben ein Kind zu sein und nicht alles zu wissen. Man „erlaubte“ mir noch, anders zu sein und ordnete es der kindlichen Naivität zu. Doch Jahr um Jahr veränderte sich diese „Erlaubnis“. Die Kommentare der Erwachsenen wurden nachdrücklicher und trieben mich in eine Pubertät, die sich wie ein abgeschlossenes Zimmer anfühlte. Ja, ich schloss mich gedanklich und emotional ein, weil mich viele zu verbiegen versuchten und ich dem nicht nachkommen konnte. Doch während meiner Jugend fühlte sich das nicht schlimm an, denn mir war eh alles egal, was die anderen machten. Ich gab mich meinen Spezialinteressen hin und opferte nur unter Druck meine Zeit der Schule und so manchen Verpflichtungen. Freunde hatte ich keine, zumindest nicht solche, die man gewöhnlich als Freunde bezeichnet. Ich lebte die meiste Zeit in meiner eigenen Welt mit all meinen Geschichten und Ansichten. Dort fühlte ich tiefes Glück. Wer verstand schon mein stundenlanges Verschwinden im Wald oder meine Lese- und Schreibsucht? Solange ich unter dem Schutz meiner Eltern stand fühlte ich mich sicher und wohl. Meine Welt funktionierte.

Je älter ich wurde, desto mehr zehrte man mich aus dieser Welt heraus. Bis der Tag kam, als ich sie komplett verlassen musste. Ich erwachte mit 19 Jahren in einer kalten und unpassenden Welt für mich. Die erste Irritation holte mich während meiner Ausbildung zur Erzieherin ein. Mobbing war eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich verstand nicht den Grund, weshalb man meinen Umgang mit Kindern ins Lächerliche zog und sich darüber lustig machte. Sicher, meine Art mit ihnen umzugehen, war etwas anders, als man es gewohnt war, aber die Kinder liebten genau das. Ich legte viel Wert auf die Wahrnehmung von Farben, Formen und Geräuschen und ließ mir viele außergewöhnliche Beschäftigungen mit den Kindern einfallen. Ich setzte Musik als Mittelpunkt vieler Aktionen ein. Schon alleine das irritierte meine Kolleginnen. Ich entwich dem System und man mobbte mich aus dem Kindergarten heraus.

Ich will hier nicht alle Stationen, die dann folgten aufzählen, aber sie alle hatten etwas gemeinsam: Ich ging anders mit ihnen um. Wenn Kinder etwas äußerten, nahm ich es sehr ernst. Ich ließ mich auf ihre Art der Mitteilung ein, weil ich auch oft einen besonderen Weg der Mitteilung suchte. Als ich später mit alten, kranken Menschen arbeitete, zeigte sich das Problem erneut. Wo Kollegen mit Ignoranz oder verletzenden Bemerkungen reagierten, begann ich nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Was allen gemeinsam war, war, dass ich festgefahrene Denksysteme aufbrach und aufforderte, etwas zu verändern. Ja, ich hatte mir angewöhnt, andere belehren zu wollen. Leider meistens ohne Erfolg, denn Veränderung bedeutet Arbeit, zusätzliche Arbeit. Ich scheute diese Arbeit nicht. Da meine Versuche meistens erfolglos waren, stellte ich immer wieder fest, dass dies nicht meine Welt war und verließ die Arbeitsstelle. So erging es mir unzählige Male.
Ich stellte mir die Frage, in welcher Welt ich eigentlich leben darf, um glücklich zu sein? Gab es die überhaupt? Damit begann eine große Flucht in meinem Leben. Ich flüchtete von einer Welt in die nächste und wurde nicht fündig. Aber ich wurde etwas anderes – krank.

Eine Krankheit kann zum Lebensretter werden. Sie veranlasste, mich plötzlich mit vielen anderen Dingen zu beschäftigen. Ich begegnete in zurückgezogenen Momenten plötzlich meiner Kindheit und Jugend und fragte mich, welche Welt das wohl war, in der ich einst so glücklich gelebt hatte. Wie konnte ich nur diese Welt verlassen haben? Wie konnte das passieren? Nun, ich habe mich schlichtweg auf die Erwartung der Gesellschaft eingelassen, hielt deren Empfehlungen, die sicherlich nicht böse waren, für die richtigen, und kam ihnen emotionslos nach. Nur das Gefühl, dass es nicht meine Welt war, blieb tief im Inneren als Wahrheit verborgen.

Ich entkam dieser Welt drei Jahrzehnte später, als ich Entscheidungen traf, die nur wenigen gefielen. Ich wollte endlich meinen Passionen nachkommen und Bücher schreiben. Man zweifelte von vielen Seiten an, dass ich überhaupt ein Talent dafür besaß. Ich sehnte mich nach der Zeit, als ich die Ignoranz als meinen besten Partner und Begleiter hatte. Nur sie lässt mich die Augen davor verschließen, was andere von mir wollen und erwarten. Es fühlte sich anfangs, als ich meine Hilfeleistungen zurücknahm und Menschen mied, die mir einmal wichtig erschienen, ganz furchtbar für mich an. Doch je mehr ich durchhielt, desto näher kam ich meiner ursprünglichen Welt. Bis ich sie schließlich fand und ein Buch nach dem anderen schrieb. Heute lebe ich von meiner schriftstellerischen Arbeit und höre nur noch aus der Entfernung die Menschen reden, die meine Welt nicht billigen. Ist das die Kälte eines Autisten, die ich nun spüre? Die ich immer schon verspürt habe? Für mich fühlt es sich wie eine große Wärme an. Ich entscheide nun alles selbst und kommen meinen eigenen Idee nach. Fazit: Meine Welt funktioniert nur dann, wenn ich darin leben darf.

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Anstrengende Blicke

Es strengt mich grundsätzlich an, andere Menschen anzusehen. Nicht das Hinsehen, sondern das Hinsehen und zugleich das Zuhören, wenn der andere etwas sagt. Dann kommt nur die Hälfte bei mir an, weil ich mich so darauf konzentriere, den anderen anzuschauen. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, Menschen anzuschauen und falle deswegen kaum noch auf.

Dieses Problem kennen NTs nicht und können das Gefühl sicherlich nicht nachvollziehen. In meinem Gehirn ist die Zusammenarbeit von Anschauen und Zuhören/Verstehen irgendwie schlecht geschaltet. Schaue ich den anderen nicht an, kann ich ihn viel besser verstehen.

Doch es existiert noch eine andere Form von „anstrengenden Blicken“ bei mir. Autisten kennen das bestimmt, denn ich weiß von einigen, dass sie die gleiche oder ähnliche Angewohnheit haben.
Aufgrund dessen dass ich ein akribischer Detailseher bin, hat bei mir vor einigen Jahren eine „Macke“ angefangen, die ich einfach nicht abstellen kann. Ich lese jedes Autonummernschild, was ich um mich herum erblicke und verbinde die Buchstaben mit gedanklichen Wortspielen. Das ist beim Autofahren sehr anstrengend, weil es einen Teil meiner Aufmerksamkeit fesselt. Noch schlimmer wird es, wenn ich durch Großstädte gehe und ununterbrochen Nummernschilder sehe. Ich kann einfach nicht wegsehen und diese „Macke“ abstellen.

Nun, jetzt lebe ich in Großbritannien und aufgrund der für mich ungewohnten Nummernschilder hörte diese Macke plötzlich auf. Das hat mich sehr erleichtert und mir den Alltag stressfreier gemacht.
Dafür begann sich plötzlich eine neue Macke zu melden: Ich gehe viel an der Küste spazieren, wo Unmengen von Steine liegen und nahm schnell wahr, dass viele Steine eine Herzform haben. Damit begann ein neues „Spiel“ für meine Augen. Überall versuche ich zwischen unzähligen Steinen die Herzsteine herauszufiltern. Das ist sehr anstrengend und ich kann mich nur unter großer Mühe davon abbringen, um Wanderungen und Spaziergänge erholsam zu machen.

Schlimm wird es, wenn ich auf gepflasterten Steine gehe. Auch die zähle ich mit Vorliebe bis zum Ziel. So wusste ich immer, dass ich 258 Steine gehen musste, um nach EDEKA zu gelangen. 13 Steine weiter war die Apotheke…

Meine Blicke suchen immer irgendetwas. Ich kann kaum entspannt herumlaufen, ohne Details zu finden, die andere nicht bemerken oder etwas abzuzählen. Das bemerkt natürlich niemand, weil sich alles in meinem Kopf abspielt. Wenn mein Gehirn sichtbar wäre, sähe es oft wie eine Explosion aus.
Und doch habe ich festgestellt, dass es sich in dem Nationalpark Exmoor für mich um vieles leichter leben lässt, weil die Reize sich merklich reduziert haben. Hier finde ich kaum Pflastersteine, die ich zählen muss.  Doch gewisse Macken werde ich wohl nie los. Ich habe aus Zitronen mal wieder Limonade gemacht und sammel jetzt einfach Herzsteine, die ich an Freunde, Familie und meine Leser verschenke. So habe ich diesen Tick zu einem Zeichen von Verbundenheit zu den anderen Menschen gemacht.

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