Archiv der Kategorie: Austismusspektrum

Kein Schritt zurück!

Ich las soeben den Spruch „Wenn sich im Leben eine Türe schließt, sollte man sich manchmal lieber Hammer und Nägel schnappen und sicher stellen, dass das scheiß Teil auch zu bleibt“.

Dieser Spruch passt absolut zu meinem neuen Leben, das ich seit 1 ½ Jahren führe und wozu ich mich mit viel Kraft und Überwindung entschlossen habe. Ich habe Türen geschlossen, durch die früher jeder jederzeit hindurch konnte, um mich zu erreichen. Ich bot praktisch „Sprechstunde“ zu jeder Zeit an. Selbst wenn ich in Urlaub war, ließ ich es zu, mich übers Internet oder Telefon zu erreichen. Ich hatte nie diesen Hammer und diese Nägel dabei, um mich mal für eine Weile abzuschotten. Ehrlich gesagt, ich bin nie auf die Idee gekommen, andere jederzeit erreichen zu wollen, geschweige denn im Urlaub jemanden zu stören. Doch bei mir selbst war alles möglich. Ich kannte keine Grenzen.

Eine Türe zu schließen und sie geschlossen zu halten ist für mich Schwerstarbeit, denn das Leben hat mich doch über viele Jahre in einer Gewohnheit gehalten, die ich erlernt aber nie gewollt habe. Es war diese Anpassung und der Wunsch, das Richtige zu tun. Doch ist es richtig, für jeden immer erreichbar zu sein? Wann muss ich eine Türe schließen? Eine Frage, die ich mir als Autistin nicht selbst beantworten kann. Mir fehlt das Werkzeug dafür.

Ich konnte noch nie klar und deutlich anderen meine Grenze mitteilen, weil ich nicht weiß, wie das geht und auch nicht bemerke, wann sie erreicht ist. Es fehlt mir zudem an Einfühlungsvermögen, meine Mitteilungen so zu verpacken, dass es andere nicht verletzt. Immer gab es Diskussionen, wenn ich auch nur andeutungsweise mitteilte, nicht mehr zu wollen oder zu können. Und sozialen Diskussionen bin ich überhaupt nicht gewachsen. Sie führen immer dazu, mich noch schlechter zu fühlen, weil ich sie fast immer verliere.

Ich stehe also an diesen Türen meiner Vergangenheit und drücke sie immer wieder zu, wenn sie jemand aufzustoßen versucht. Ich fühle mich oft schlecht dabei. So kam es kürzlich wieder zu einem Vorfall, der zeigt, wie schwer es ist, bestimmte Türen geschlossen zu halten.

Ich wohne, wie viele inzwischen wissen, fast 1000 km von Familie und Freunden entfernt in England, um auf diese Weise erst einmal Schutz zu finden.
In meinem jetzigen Nachbarhaus wohnt ein ganz nettes altes Ehepaar, das gesundheitlich schwer zu kämpfen hat. In mir versucht sich natürlich wieder dieses erlernte Helfersyndrom durchzusetzen und es kam tatsächlich schon zu einigen Begebenheiten, in denen ich schwer zu kämpfen hatte. Dieses Ehepaar benötigt Hilfe im Garten, bei Fahrten zum Krankenhaus und im Haushalt. Bei ihnen kommt kaum jemand vorbei. Das teilen sie mir auch mit. Und das sind genau die Momente, in denen ich innerlich schwer mit mir kämpfe. Sollen diese Hinweise versteckte Aufforderungen sein, auszuhelfen, oder nur eine reine Mitteilung sein? Ich kann das nicht unterscheiden, weil mir der Instinkt und die Intuition dafür fehlen. Soll ich helfen? Und wenn ja, wo endet diese Hilfe wieder? Bin ich nicht nach England gekommen, um genau diese Tür geschlossen zu halten und mich endlich um meine eigene Gesundheit und mein Wohlbefinden zu kümmern?

Meine Einschätzung für fremde Menschen und Situationen ist nach wie vor schlecht ausgebildet.

Ich fühle mich immer schlecht, wenn ich Menschen meine Hilfe versagen muss, aber ich weiß einfach nicht, wie weit sie meine Hilfsbereitschaft nutzen oder gar ausnutzen. Meine Erfahrungen sind leider nicht die besten. Besonders bei fremden Menschen. Sage ich direkt nein oder später? Es ist im Grunde genommen egal. Was Menschen ohne Autismus vielleicht leicht fällt, weil sie besser ihre Grenzen mitteilen können, ist für mich kaum umsetzbar. Ich finde spontan oft nicht die Worte zu erklären, warum ich nicht mehr helfen möchte. Ich habe immer das Gefühl, mich erklären zu müssen und finde keine Argumente, die sozial und empathisch zugleich klingen. Am Schwersten ist für mich die Situation, abschätzen zu können, wann ich meine Hilfe noch anbiete und wann nicht. Einmal getoppt, nicht mehr gestoppt. Ein altes Spiel, das ich nicht mehr spielen möchte.

Ich habe mich für das Schweigen entschieden. Es ist meine Tür, die ich symbolisch zuhalte. Das bedeutet das Nicht-Reagieren. Das fällt mir leichter als zu reagieren. Auf diese Weise halte ich die Türen geschlossen. Im Notfall bin ich natürlich immer für andere da. Und für meine kleine Familie sowieso…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960

Advertisements

Die Erschöpfung

Die Erschöpfung ist für mich eines der schlimmsten Zustände in meinen Gefühlen, obwohl ich ein unglaublich energetischer und temperamentvoller Mensch bin. Viele sagen, von mir gehe sehr viel Power und Optimismus aus.
So empfindet mich die Öffentlichkeit. Und es stimmt, ich war immer schon ein Energiebündel und habe oft viel Freude an den Dingen, die ich mache. Doch die Erschöpfung ist in einem ebenso großen Rahmen vorhanden, nur sieht sie niemand, weil ich sie nicht öffentlich zeige. Ich fahre mich in der Öffentlichkeit oft vollkommen vor die Mauer und lache noch, wenn ich innerlich schon zu Boden gegangen bin.

Im Grunde brauche ich einen Menschen an meiner Seite, der genau weiß, wann bei mir das Limit erreicht ist und der mich dann stoppt, denn ich erkenne diese verdammte Grenze einfach nicht. Ich merke erst nachher, wann ich es wieder übertrieben habe und alle Reserven aufgebraucht sind. Dann, wenn mich die Erschöpfung vollkommen einholt.

Es ist ein widerliches Gefühl, jegliche Form der Energie im Körper verloren zu haben. Ich kann kaum die Arme und Beine heben und verkrieche mich dann oft auf dem Sofa unter einer Decke. Es fühlt sich wie eine starke Grippe an, weil mir meist auch sehr heiß dabei ist.
Das Schlimmste ist jedoch das Gefühl der Passivität. Ich kann dieses Gefühl kaum aushalten, weil ich immer aktiv bin. Passivität quält mich. Deswegen stopfe ich auch in jede freie Minute eine Tätigkeit, die sie überwindet. Ich lese, stricke, schreibe oder mache Dinge, die sich nicht vergeudend anfühlen. Nichtstun gibt es für mich nicht. Doch das ist nicht der Grund meiner Erschöpfung. Nein, es ist die Wahrnehmung. Denn die Erschöpfung holt mich nur ein, wenn ich mit Menschen zusammen bin.

Ich schrieb schon einmal über meine 60 Grad Hitze im Kopf, wenn ich unter Menschen komme. In der Tat, es ist die Wahrnehmung. Ich nehme um so vieles mehr wahr als andere.

Beispiel:

Ich war mit meinem Mann letzte Woche in Bridgewater, einer etwas größeren Stadt in der Nähe meiner derzeitigen Heimat Minehead. Ich freute mich auf einen freien Tag, einfach mal so mit ihm durch eine neue Stadt zu bummeln.
Es wurde zu einer anstrengenden Prozedur. Wieder einmal bemerkte ich, wie stark ich auf Geräusche, Bewegungen, Gerüche und Details reagiere. Ich sah mich auf einem Karussell sitzend die Welt um mich vorbeiflitzen und konnte nicht eine Minute ruhen oder die Geschäfte genießen. Durch meine Fehlhörigkeit drangen ständig Geräusche an mein Ohr, die ein Gespräch mit meinem Mann unmöglich machten. Wir flüchteten schließlich außerhalb der Stadt in ein kleines ruhiges Café. Doch in meinem Kopf drehte sich das Karussell weiter, so dass ich für den Rest des Abends schlafend auf dem Sofa verbrachte. Das war also mein freier Tag.

Wenn ich später über all das berichte, was ich gesehen, gehört und gerochen habe, schaut mein Mann mich immer erstaunt an. Er kann sich an vieles nicht erinnern, weil er es gar nicht wahrgenommen hat. So wirken meine Reflektionen auf andere oft merkwürdig.

Aber ich habe noch eine andere Theorie:
Es ist jedoch erstaunlich, dass ich einen Stadtbummel erheblich einfacher erlebe, wenn mich niemand begleitet. Ist es vielleicht die Aufmerksamkeit der Begleitung, unter der ich leide, die sich zu der anderen Aufmerksamkeit hinzufügt, so dass ich doppelt erschöpfe? Ja, ich muss ehrlich zugeben, wenn ich alleine bummel, erschöpfe ich nicht so schnell. Ich muss mich auch nach niemanden richten und kann mehr bei mir selbst bleiben.

Es ist erstaunlich, dass sich diese Erschöpfung im Grunde fast nur durch andere Menschen in Gang setzt. Wenn ich alleine wandere und viele Tiere sehe oder die Geräusche der Natur höre, auch tolle Landschaften vor mir habe, müsste man doch meinen, dass ich auch davon erschöpft sei, weil so viele Geräusche, Gerüche und Details auf mich einströmen. Nein, bin ich nicht. Im Gegenteil, ich gewinne Energie durch die Natur.

Es sind also nur die Menschen, die mich ermüden. Der Grund ist einfach. Die Natur und die Tiere fordern von mir keine Aufmerksamkeit…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960

Echte Liebe

Woran mache ich als Aspergerin eigentlich echte Liebe fest?
Wie spüre ich sie und wie zeige ich sie?

Das sind häufig gestellte Fragen von NTs, damit sie sich überhaupt ein Bild davon machen können, wie ein Partner mit Asperger Syndrom seine Zuneigung und Liebe zeigt.

Zu meinen Blogs werden immer wieder Kommentare geschrieben, in denen NTs fast verzweifelt um die Liebe eines Asperger Betroffenen kämpfen.
Bei der Liebe stoßen tatsächlich zwei Welten aufeinander und ich möchte in diesem Blog gerne meine Sicht der Dinge darstellen.

Bei mir hat es nie die „Liebe auf den ersten Blick“ gegeben. Es war der „zweite Blick“, der entscheidend war. Ich habe meinen Lebenspartner nach anderen Kriterien gewählt, als es sicherlich üblich sein sollte. Natürlich gehörte bei mir Sympathie und Zuneigung bei der Auswahl dazu, auch das äußerliche Erscheinungsbild. Doch als dieses Dinge stimmten, ging ich in die Analyse, ob dieser Partner überhaupt meine Erwartungen erfüllen kann und somit eine Partnerschaft auf Dauer erfüllt.
Dazu sollte man wissen, dass ich ein Mensch bin, der nur einmal einen Partner fürs Leben wählt. Meine Treue ist allumfassend und tief, wenn ich mich einmal entschieden habe. Das schließt nicht aus, dass es eines Tages zur Trennung kommen kann, wenn etwas Erhebliches zwischen uns schiefläuft oder der Partner diese Bindung lösen möchte.
Doch zunächst gilt: Ich wähle nur einen Menschen im Leben und damit ist es gut.

Um diese Wahl so perfekt wie möglich zu machen, verließ ich mich nicht auf oberflächliche Eindrücke, die mich zunächst sicherlich emotional binden, nein, ich lotete den Menschen aus, wollte alles über seine Musikrichtung, Lebenseinstellung, Kinderwunsch und soziale Einstellung wissen. Sollten bei dieser Analyse schon Defizite zu meinen auftauchen, war für mich die Partnerschaft auf Dauer zum Scheitern verurteilt und ich hätte die Finger von diesem Menschen gelassen.

Für mich besteht die Liebe mehr aus pragmatischen als emotionalen Dingen, was nicht bedeutet, dass ich keine Emotionen habe. Doch in Sachen Liebe laufen meine Gefühle eher an der Oberfläche, was bedeutet, ich muss sie nicht ständig mit Worten bekunden. Die sogenannte „Liebe“, wie sie im Allgemeinen bekannt ist, existiert nicht in mir. Ich setze die Bausteine dafür aus anderen Dingen zusammen, als der Mensch ohne Autismus. Für mich ist nicht das Bauchgefühl entscheidend, sondern das Vertrauen, der Respekt und die Treue. Da ich kaum Instinkt oder eine Intuition in mir anderen gegenüber verspüre, ist dies die einzige Art, mit der ich eine Partnerschaftswahl treffen kann. Wenn mein Bauch auf einen Menschen reagiert, verbirgt sich dahinter meist nur ein ganz kurzes Gefühl, was sich sehr schnell wieder verliert, wenn ich diesen Menschen analytisch auslote.

Was spüre ich also, wenn es um die wahre Liebe geht?
Ich teile dem Menschen mit, dass ich ihn auf „meine mögliche“ Art und Weise liebe. Ich bekunde meine Liebe nicht jeden Tag neu oder muss sie beweisen. Wenn ich es einmal mitgeteilt habe, ist die Sache für mich klar. Es ist wie eine Mahlzeit, die ich zu mir genommen und gut verdaut habe. Sie bleibt im Leib und tut mir gut. Punkt. Aber meine Liebe ist tief und unfassbar stark, was ich dem NT nicht mitteilen kann. Nicht so, wie ich sie in mir spüre.

Ich spüre die wahre Liebe in so vielen anderen Dingen als Worten und Geschenken. Wenn der Partner neben mir schweigend auf einer Bank sitzt und ich mich gut dabei fühle. Wenn mein Gefühl grundsätzlich angenehm ist, wenn er in meiner Nähe ist. Das beruhigt mein Herz enorm und lässt mich tiefe Zuneigung spüren. Ich muss das nicht nach außen zeigen, indem ich Küsschen gebe oder immerzu verliebt Händchen halte. Ich mag auch keine Geschenke, die dies bekunden sollen. Meine Liebe ist einfach da, wenn wir im Sommer abends draußen sitzen und schweigend in die Stille der Nacht lauschen. Ich könnte viele Momente aufzählen, bei denen ich Liebe spüre, aber nicht „zeige“. Zeigen bedeutet für NTs, es ständig mit Worten und Gesten zu bekunden.

Eines sollte der Partner jedoch von vornherein wissen. Ich brauche in meinem Leben viele Rückzugsmöglichkeiten, weil ich durch meine Anderswahrnehmung und Andersverdrahtung des Gehirns viel mehr von Umwelteindrücken gefordert werde, als Menschen ohne Autismus. Mein Motor läuft täglich nicht auf 100%, sondern 200%. Ich brauche Ruhezeiten, das Alleinsein und den Rückzug, um mich zu erholen. An diesem Punkt wird es für NTs schwer, weil sie oft glauben, dass dies ein Zeichen ist, an dem die Liebe endet. Irrtum! Sie wächst in dem Moment, in dem mein Partner mir genau das genehmigt.
In mir sind autistische Eigenschaften, die ich nicht ändern kann. Ich gehe soweit Kompromisse ein, wie es mir möglich ist, aber meine Grenzen sind andere als die der NTs. Sollten diese Grenzen überschritten werden, weil der Partner mehr verlangt, stoße ich an das Gefühl der Abneigung. Es wird gefährlich! Stoße ich mehrmals oder immerzu an diese Grenzen, beginnt das Vertrauen zu leiden und ich begebe mich in den emotionalen Rückzug. Das bedeutet, mein Verlangen nach Auszeiten vom Partner wächst. Daran erkennt er, dass er mich überfordert. Je mehr er meine Nähe fordert oder meine Eigenschaften verändern will, desto stärker wird die Abneigung.

Grundsätzlich: Wenn ich als autistischer Mensch einmal meine Liebe mitgeteilt habe, dann kann sie als lebenslang verstanden werden. Und es wird lebenslang, wenn man mich mit meinen Eigenschaften leben lässt. Ich gebe immer alles was ich kann, mache Eingeständnisse, soweit sie mir möglich sind, und lebe mit Kompromissen, die mir nicht schaden. Ich teile dem Partner mit, wenn ich nicht mehr kann, aber ich teile es nur einmal oder zweimal mit und nicht andauernd. Nimmt er meine Mitteilung nicht wahr, verändert sich meine Analyse ihm gegenüber und ich lasse von ihm los. Ganz. Danach gibt es kein zurück. Meine Entscheidungen sind hart und unwiderruflich, weil ich keine Sinn in einer Wiederholung sehe. Ich betrachte immer wiederkehrende Auseinandersetzungen als nicht lösbare oder nicht veränderbare Zustände.

NTS brauchen von Asperger-Partnern grundsätzlich keine Angst haben, wenn sie ihnen gut zuhören und das respektieren, was sie mitteilen. Wird der Asperger jedoch ständig über das, was er gibt, hinaus gefordert, bzw. soll ständig Kompromisse machen, die er einfach nicht machen kann, ermüdet er von der Partnerschaft.

Ich für meinen Teil wiederhole mich nicht gerne. Ich kann mich nur nicht in dem Maße einer Partnerschaft anpassen, wie es NTs vielleicht können, weil es mir durch die Andersverdrahtung des Gehirns nicht möglich ist. Gerade die steuert die soziale Interaktion.
Kleiner Tipp zum Schluss an NTs:
Wenn wieder einmal ein Situation entsteht, mit der Ihr nicht klarkommt, dann fragt nach. Gebt dem Asperger Partner Zeit, darauf zu reagieren und hört dann gut zu, was er sagt. Er wird klar und deutlich seine Grenzen mitteilen. Die kann er nicht überschreiten. Es ist wie eine Sehschwäche, die er nicht selbst korrigieren kann. Bitte verlangt nichts Unmögliches von einem Menschen mit Autismus. Sie werden es euch danken!
(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960

Urlaub bedeutet für mich Stress

Sie ist wieder da: die große Urlaubswelle. Hurra!
Was bei Menschen ohne Autismus als Freude und Entspannung angesehen wird, bedeutet für mich meistens Stress. So auch der Urlaub.

Urlaub sollte eine Zeit sein, in der man von allem Stress und Druck loslässt und die Seele baumeln lassen kann. Für mich hört sich das klasse an, doch ich habe Urlaub noch nie mit diesen Gefühlen erlebt.

Ich bin immer gerne mit meiner Familie weggefahren, vor allen Dingen weil ich gerne reise und fremde Länder kennenlerne, aber Erholung konnte ich damit nie verbinden. Für mich bedeutet Urlaub Arbeit. So reist man doch immer mit Familie, Partner, Freunden oder Bekannten in Urlaub, was für mich dauerhafte Aufmerksamkeit über 24 Stunden bedeutet. Ich kann meinen Kopf nicht eine Minute abschalten und mich erholen, weil ich Abläufe um mich herum ständig mit großer Aufmerksamkeit wahrnehme, um richtig reagieren zu können. Bei mir sind fast alle Reaktionen erlernt und nicht intuitiv oder instinktiv gesteuert. Das bedeutet, ich rufe Unmengen von Reaktionsstrategien den ganzen Tag über in meinem Kopf ab und erleide eine Hitze von gefühlten 60-80 Grad durchgehend im Kopf. Hinzu kommt, dass ich Geräusche, Gerüche, Bewegungen und Farben viel intensiver wahrnehme, als der normale Mensch. Dann führt der Urlaub zu einer Dauerstressbelastung. Es kommt einer Belastung gleich, wie Menschen ohne Autismus ihn empfinden, wenn sie zwei Wochen am Stück mit einem nervigen Chef verbringen müssten – Tag und Nacht.
Ich kann im Urlaub meistens nicht schlafen, weil mein Gehirn tagsüber derart hochfährt, dass es sich nachts kaum beruhigen kann. Was mir allerdings guttut ist, wenn ich häufiger zu den gleichen Plätzen fahre und die Umgebung etwas vertrauter wird.

Wie würde mein Traumurlaub aussehen?
Zum Leidwesen aller Menschen um mich herum, die gerne mit mir verreisen, sieht mein Traumurlaub ganz anders aus, als diese denken – nämlich alleine zu sein. Das kann Daheim oder irgendwo in der stillen Natur sein. Doch allein muss ich schon sein, um meinen Kopf komplett abzuschalten. Ich möchte mich um niemanden kümmern, will auf niemanden achten oder möchte die Ausflüge unternehmen, die mir gerade gefallen würden. Und auch während der Ausflüge bin ich gerne für mich und mag es nicht, wenn jemand neben mir hergeht, dem ich Aufmerksamkeit schenken muss. Es macht mir nichts aus, wenn Touristen um mich sind, aber sie dürfen mich eben nicht privat einnehmen. Ich liebe es, in eine Unterkunft zu kommen, in der niemand auf mich wartet, nach dem ich mich richten muss. Nur Stille, nur Alleinsein. Das bedeutet für mich keineswegs Einsamkeit. Mir reicht es, wenn ich hin und wieder etwas mit jemanden unternehme und dann wieder allein bin. Alles andere ist Dauerstress.
So kann auch daheim für mich Urlaub sein, wenn niemand im Haus ist. Mein Kopf kühlt direkt ab und ich gewinne viel Energie für mich selbst.

Wenn ich über solche Themen schreibe, verletzt es immer wieder die Menschen, die mit mir leben, aber was nützt es mir, wenn ich ein gutes Leben für mich anstrebe und alle um mich herum belüge – am meisten mich selbst.  Menschen, denen ich wirklich wichtig bin und die mich lieben, werden meine Wünsche respektieren und mir helfen sie umzusetzen, auch wenn sie nicht zu den eigenen passen. Wenn man mir Möglichkeiten gibt, mich zu entspannen, bin ich in der Lage dem anderen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das Leben ist ein Nehmen und Geben. Ich schenke Menschen ohne Autismus genauso uneigennützig mein Verständnis, wie ich es von ihnen als Gegenleistung erwarte. Wenn ich gut erholt bin, macht mir das Zusammensein mit Menschen richtig viel Spaß.
Mein Urlaub besteht also daraus, Unmengen von „Kurzurlaubszeiten“ zu bekommen. Das entspannt mich wirklich!

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960

60 Grad Hitze im Kopf

Diese Hitze hat nichts mit einem heißen Sommer zu tun, sondern sie soll beschreiben, wie ich mich fühle, wenn Menschen um mich herum sind.

Es fängt schon im ganz kleinen privaten Umkreis an: die Familie oder der Partner.
Sosehr ich alle liebe, so sehr reagiert aber auch mein Kopf darauf. Ich habe schön öfter versucht zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn meine Aufmerksamkeit auf andere Menschen gerichtet ist. Wo NTs wahrscheinlich keine Veränderung oder sogar ein angenehmes Gefühl verspüren, tut sich bei mir im Kopf eine ganze Menge. Ich möchte es gerne einmal anhand eines Beispiels beschreiben:

Ich bin allein im Haus und fühle mich dadurch sehr entspannt. Mein Kopf hat eine gefühlte Temperatur von angenehmen 20 Grad, die mich kreativ denken und arbeiten lässt. Nun betritt mein Ehepartner das Haus, und was viele Menschen als sehr angenehm empfinden, löst bei mir ein völlig anderes Gefühl aus. Die Temperatur im Kopf fährt hoch. Es müssen mehr Sensoren geschaltet werden und mein angenehmes Gefühl ist vorbei. Ich fahre mein Aufmerksamkeitslevel hoch, weil ich natürlich meinem Partner auch begegnen will. Ich möchte direkt klarstellen, dass mein Ehepartner nichts dafür kann. Es ist ganz allein mein Problem.
Meine Temperatur im Kopf fährt also auf gefühlte 40 Grad hoch. Man stelle sich nun einen hochroten Kopf vor (den ich natürlich nicht habe) und mein innerer Stress beginnt. Kommen noch mehr Familienmitglieder dazu, erhöht sich die Temperatur in meinem Kopf auf gefühlte 60 Grad. Ganz schlimm wird es, wenn ich Fremden, größeren Gruppen oder Veranstaltungen begegnen muss. Dann laufen immer mehr Sensoren auch Hochtouren, so dass ich nach geraumer Zeit vollkommen erschöpft zusammenfalle und eine lange Erholungszeit brauche, um die Temperatur im Kopf wieder runterzufahren.

Wie sieht nun mein Alltag aus?
Nun, ich bin verheiratet und stehe damit vor der Herausforderung, diese Temperatur auszuhalten. Das ist sehr schlimm für meinen Partner, weil ich ihm in seinem Beisein nie das Gefühl von totaler Erholung schenken kann. Er muss also damit klarkommen, dass ich jedes Zusammensein mit einem gewissen Stress verbinde, ohne es zu wollen.
Für mich ist es auf Dauer nicht auszuhalten, wenn der Partner den ganzen Tag und die ganze Nacht um mich herum ist. Besonders schlimm wird es, wenn es um das Thema Urlaub geht. Für mich war Urlaub nie Urlaub, sondern der pure Stress und ich fiel nach der Reise oft tagelang komplett erschöpft zusammen.

Ich kann für diesen Zustand nichts und er hängt mit meinem Autismus zusammen, weil ich alles doppelt so stark, wenn nicht sogar mehr, wahrnehme als Menschen ohne Autismus. Man könnte auch sagen, ich bekomme immer die volle Packung.
Was funktioniert also wirklich in meinem Leben?
Mein Ehepartner ist sich bewusst, dass er mich jeden Tag eine gewisse Stundenzahl allein lassen muss. Damit meine ich „ganz allein“, also nicht nur in einem anderem Zimmer sitzt. Entweder geht er außer Haus, was bei einer Arbeitsstelle außerhalb ganz normal ist, oder ich verlasse das Haus und suche eine einsame Stelle auf, wo ich arbeiten kann.
Wir haben versucht, andere Möglichkeiten zu finden, aber es kam immer das gleiche Ergebnis heraus, nämlich dass ich vor Erschöpfung zusammenfiel oder in Overloads, Meltdowns oder eine Verstummung fiel. Seitdem wir uns ein System erarbeitet haben, bleiben diese unerträglichen Zustände fast ganz aus.
Es ist für den Partner von Autisten harte Arbeit, ebenso wie für den Autisten selbst, die Realität als das zu erkennen, was sie ist.

Warum ist mir das nicht früher aufgefallen?
Nun, mein Mann war bis vor knapp zwei Jahren regelmäßig Arbeiten, doch seit er, genau wie ich, freiberuflich ist, hat sich dieses Problem in einer Form gezeigt, die ein Umdenken erforderte. Auch in Hinsicht auf ein späteres Rentendasein, wo dieses Thema unweigerlich auf uns zugekommen wäre.
Wir haben uns auf diese Umstände eingelassen und mussten von beiden Seiten viele Kompromisse in den letzten Jahren eingehen. Die einfachste Lösung wäre natürlich die Trennung, aber wäre es eine gute Lösung? Sicher nicht. Nach fast 33 Jahren Ehe hat man sich zu schätzen gelernt. Auch die Wichtigkeit der gegenseitigen Hilfe. Das möchten wir gerne erhalten.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960

Das Gefühl der vergeudeten Zeit

Kennt Ihr das?
Dieses Gefühl habe ich über dreißig Jahre lang in mir verspürt. Nämlich immer dann, wenn ich daheim nach getaner Arbeit erschöpft in meinen Sessel fiel. Ich wohnte immer sehr schön, hielt immer meine Umgebung sauber und hübsch anzusehen und doch konnte ich nie das Gefühl des Ankommens verspüren. Egal was ich tat, es fühlte sich immer wie eine Art Getriebenheit an. Ich hatte alles und doch kam es mir so vor, als würde immer etwas fehlen. Ich verspürte immer diese Vergeudung von Zeit. Was war das nur? Was bedeutet Vergeudung?

Vergeudung bedeutet für mich Sinnlosigkeit, nicht zu wissen, warum und wofür ich auf dieser Welt bin. Ich sah in vielen Dingen keinen Sinn oder verstand vieles um mich herum nicht. Die Logik und Aufrichtigkeit fehlten. Ein merkwürdiges Gefühl.

Heute weiß ich was es war, denn ich habe mir inzwischen die Lebensform verschafft, die mir dieses Gefühl genommen hat. Ja, es war die Lebensform, die ich suchte und nicht fand. Ich habe Begabungen, die ich nicht ausleben konnte, weil ich zu sehr mit der Anpassung an die Gesellschaft beschäftigt war und es alles recht machen wollte. In mir schlummerte der Drang nach ganz anderen Dingen, die keine Zeit fanden. Ich habe über dreißig Jahre in einem für mich vergeudeten Leben gesteckt. Diese Vergeudung hatte etwas mit meiner falschen Wahrnehmung mir selbst gegenüber zu tun, nicht mit der Umgebung. Ich konnte alles haben und doch fühlte es sich wie eine Nutz- oder Sinnlosigkeit an. Es war so ein tiefes Gefühl der Unzufriedenheit in mir drin. Eine Art Unruhe, und ich konnte es nie erklären.

Als ich mich nach einem Zusammenbruch in den Prozess der Selbsterkennung begab und mich immer mehr als diejenige mit all meinen Schwächen und Stärken annahm, die ich wirklich war, verschwand dieses Gefühl ganz langsam. Ja, ich ließ plötzlich Schwächen zu und andere wissen, dass ich nicht mehr in dem Ausmaß für sie da sein konnte, wie sie es gewohnt waren. Es begann eine schwere Zeit, in der ich einen Teil der Familie und Freunde opfern musste, weil sie mich nicht ichselbst sein ließen. Es war ein Kampf, in dem ich vieles einfach nur aushalten musste und der mir doch immer wieder das Gefühl gab, das Richtige für mich zu tun. Eine Gratwanderung. In dieser Zeit entdeckte ich meine wahren Stärken, die ich bereits als Kind und Jugendliche schon bemerkt hatte, doch im Prozess der Anpassung vollkommen verloren hatte.
Ich begann, alle Menschen um mich herum, die mich belasteten, auf Distanz zu halten, und auch die Umgebung, die mich belastete, zu verlassen. Ich lebte in einem Ballungsgebiet und fühlte mich eingeklemmt und mit Geräuschen und Gerüchen überfordert.  Diese beiden Punkte haben mich zu neuen Menschen und Orten geführt, die sich einfach gut für mich anfühlen. Nun habe ich wenig Menschen und viel Natur um mich.
Mir wurde klar, dass man Gutes für sich einfach nicht ohne eine schlechte Zeit oder eine Art Kriegserklärung gegen das alte Leben erreichen kann. Nichts läuft durchgehend mit einem guten Gefühl ab. Und doch steht am Ende genau das und nimmt das Gefühl der Vergeudung.

Jetzt kann ich in einem Sessel sitzen und das Gefühl der Sinnhaftigkeit in mir wahrnehmen. Ich lebe meine Stärken und nehme meine Schwächen hin. Es funktioniert.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960

Ich kann die Welt nicht verstehen

Gerade jetzt im Jahre 2017 zeigen sich meine  Probleme, die Welt nicht verstehen zu können, so deutlich wie nie zuvor. Es ist nicht nur die politische Lage, die in der Welt herrscht, sondern auch meine Betrachtungsweise auf viele Menschen und Vorgänge finden kein Verstehen.
In politischer Hinsicht teilen sicherlich viele Menschen, ob vom Autismus betroffen oder nicht, meine Meinung, aber es geht mir um etwas ganz anderes. Es geht mir um eine Art Wertfreiheit.

Ich betrachte die Menschen immer zunächst wertfrei und verstehe den Menschen an sich als ein soziales Wesen mit guten Absichten. Damit stehe ich sicherlich ziemlich allein da.
Ich kann so oft nicht verstehen, was die Menschen sich gegenseitig antun und oder beabsichtigen, um einen Vorteil zu erlangen. Warum dieser Wettkampf? Wofür? Bekommt man dafür Bonuspunkte bei der Lebenszeitverlängerung?  Wie kann es sein, dass ständig unsoziale Denker an die Macht kommen und die Welt zur Aufruhr und zum Krieg verführt? Wie kann es sein, dass genau solche Menschen von der Mehrheit des Volkes gewählt und dann auch noch bejubelt werden? Welche Menschen stecken hinter einem solchen Verhalten? Für mich ist das alles krank. Und es macht mich sprachlos.
Es schmerzt, wenn ich mir bewusst werden muss, dass viele Menschen einfach nicht sozial sind. Das bedeutet für mich, dass sie daran interessiert sind, anderen zu schaden, um ihre eigenen sozialen Unfähigkeiten zu vertuschen. Sie gehen ohne Skrupel gegen andere vor und fühlen sich gut dabei. Woran kann ich diese Menschen frühzeitig erkennen, wenn ich ihnen begegne? Ich habe dabei große Probleme.

Wenn ich das Unglück auf dieser Erde betrachte, denke ich manchmal, dass die Erde in zwei Welten geteilt werden sollte. Wirklich! Und dabei bin ich weder rassistisch noch diktatorisch. Aber es sind doch letztendlich die Lügen und Täuschungen, die viele Menschen zu einem normalen Umgang erklärt haben und jetzt Früchte tragen. Lügen, die so offensichtlich sind, dass man sie doch nicht überhören kann…
Auf der einen Hälfte der Erde würde ich alle missgünstigen, unsozialen und verlogenen Menschen, und auf der anderen die wohlgesonnen, die sich gegenseitig wettbewerbsfrei stützen und sich nicht in die Belange des anderen einmischen, solange sie anderen nicht schaden, unterbringen. Sollte Schaden entstehen, dann würde ich sie direkt auf die andere Seite der Erde verbannen.
So ähnlich nehme ich die Welt inzwischen wahr, nur dass die Erde nicht geteilt ist. Nein, ich fühle mich vielen Vorgängen und Menschen gegenüber fassungslos und gelähmt ausgeliefert und weiß oft nicht, wo auf der Welt ich mich aufhalten kann, damit mich die Bösartigkeit nicht erreicht. Ich will nicht einer von denen werden, die Hass gegen andere Menschen schüren.
Mittlerweile bin ich soweit, mich von allen Nachrichten zu distanzieren, weil sie mich in meiner Wahrnehmung des Guten auf der Welt beeinträchtigen. So wird doch ständig nur von den schlechten Dingen berichtet und die Menschen damit immer mehr zum Schlechten gedrängt. Ich will das nicht. Ich höre mir das nicht mehr an.
Die Welt ist im Grunde ein herrliches Paradies, in dem man mit Freundlichkeit, Respekt und Toleranz wirklich gut leben kann. Stattdessen hauen sich die Menschen Hass, Wut und Zorn um die Ohren. Mitleid den Opfern gegenüber wächst, doch die Täter regieren weiterhin. Was muss passieren, damit der Terror unter den Menschen aufhört? Der Terror lebt von der Aufmerksamkeit und der Verbreitung seiner Taten. Er erreicht genau die, die ständig hinschauen und sich mitreißen lassen. Diese Menschen erleiden Ängste, die sie dann weitergeben und entwickeln Lebensansichten, die nicht ihre eigenen sind. Und schon ist der Hass geboren.
Wo ist die Grenze? Es gibt keine, denn sie ist fließend und ich finde, jeder Mensch sollte sich langsam fragen, inwieweit er sich von seinem Glück noch entfernen möchte, indem er sich mitreißen lässt.

Ich freue mich über jeden Menschen, der mir begegnet, und der nicht von hinterlistigen Absichten beherrscht wird. Doch wenn man mit einer autistischen Wahrnehmung lebt, kann man solche Menschen oft schwer auf Anhieb erkennen. Die Eigenschaft, das gesprochene Wort als solches zu erkennen, wofür es einst gemacht wurde, ist mein größtes Problem, denn genau dort hat die Menschheit die größte Täuschung überhaupt eingebaut: die Lüge. Sie ist es, die in Wahrheit regiert. Gute Worte werden für schlechte Absichten benutzt. Sie sollen beruhigen, vertuschen und über etwas hinwegtäuschen, was der Redner nicht aussprechen möchte.
Ich fühle mich hilfelos…
(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960