Archiv für den Monat Mai 2015

Erste Erfahrung mit einer Selbsthilfegruppe (SHG)

Die ewigen Zweifel an sich selbst sind schwer auszuhalten. Sicherheit und Unsicherheit liefern sich oft einen unerbittlichen Kampf. Wer bin ich und was bin ich? Was tut mir gut und was nicht? Was ist richtig, was ist falsch? Was kann ich in der Öffentlichkeit zeigen und was nicht?
Es gibt Zeiten, in denen ich mir ziemlich sicher bin. Dann gibt es Zeiten, in denen ich alles wieder in Frage stelle und die Sicherheit verliere. Es gibt noch keine endgültige Antwort auf mein Dasein. Und so machte ich mich auf die Suche nach einer Selbsthilfegruppe, um zusätzliche Antworten zu finden.

Es ist eigenartig, wenn man immer nur mit Betroffenen des Asperger Syndroms schreibt und chattet, aber nie einem real begegnet. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ein Asperger auf mich wirkt, wenn ich ihm gegenüberstehe. Erkenne ich ihn? Ist er hochfunktional und soweit angepasst, dass er kaum noch auffällt? Oder begegne ich einem Betroffenen, den ich nicht im Gespräch erreichen kann? Wie wirke ich auf ihn? Was haben wir gemeinsam? Mögen wir uns überhaupt als Betroffene oder lehnen wir uns eher ab?
Diese Neugierde trieb mich in die erste Selbsthilfegruppe.

Eigentlich bin ich eher der Typ, der sich keiner Gruppe anschließen kann und möchte und konnte mir auch nicht vorstellen, was mich dort erwartet. In mir schlummerten blöde Gedanken. Kannte ich doch diese Verstellungsrituale: „Hallo, ich bin Heinz und ich bin ein Alkoholiker.“
Ich sah mich in einem Kreis sitzen und sagen : „Hallo, ich bin Marion und eine Aspergerin.“
Schon alleine diese Vorstellung fand ich doof.
Doch ein sehr erfreuliches Gespräch bei einer Beratungsstelle für Autismus brachte mich dazu, diesen Schritt zu wagen. Schon alleine, um mit anderen Betroffenen direkt ins Gespräch zu kommen.

Wie immer versuchte ich mich mit unzähligen Vorbereitungsritualen zu wappnen, um einen ersten Kontakt möglichst sicher zu überstehen. Dann kam alles anders!

Es gab keinen „Stuhlkreis“, sondern ein sehr angenehmes Treffen in einem hellen Raum an einem großen Tisch, auf dem verschiedene Getränke bereitstanden. Es kamen Männer wie Frauen, die nicht anders wirkten als ich selbst. Huch! Jeder einzelne war mir sofort sympathisch. Es erschien mir wie eine Runde interessanter Leute, die endlich mal alle über ein Thema sprachen, was mich interessierte! Wo bekam ich so etwas schon geboten?
Und in der Tat, wir wurden elf Leute und begannen uns ohne großes Vorstellungsritual auszutauschen. Wer mochte, konnte kurz etwas zu sich sagen. Wir brauchten keine „Bekenner-Sprüche“. Wozu auch? Wir alle hatten etwas gemeinsam: Wir alle mögen keinen Smaltalk, was ein beträchtlicher Vorteil im Gespräch wurde. Jede Aussage war konstruktiv und wurde mit persönlicher Ansicht erklärt und respektiert. Es gab Tipps und Lösungsvorschlage, aber auch einfach nur Zustimmung.

Ich begann nach Auffälligkeiten zu suchen, die meinen ähnlich waren, und tatsächlich, als ich vorsichtig anfragte: „Hat jemand auch das Problem mit ….?“ Egal was ich fragte, es gab sofort Zustimmung und interessante Beiträge, so dass ich mich verstanden und sicher fühlte. Endlich hatte ich eine Gruppe gefunden, in der ich mich wohlfühlte. Es entstanden interessante Diskussionen zum Thema „soziale Interaktion“. Inwieweit ist sie überhaupt von einem Autisten zu bewältigen und gewollt. Wo sind seine Grenzen? Jeder in der Gruppe zeigte andere Grenzen auf und doch verband uns alle die Gemeinsamkeit, Probleme damit zu haben. Die Diskussion war konstruktiv und wertfrei. Wir erläuterten zusätzlich die Themen Wettbewerb, Statussymbol, Wortwörtlichkeit, Alleinsein und vieles mehr. Egal was wir ansprachen, es traf auf Zustimmung und Verständnis.

Ich gewann den Eindruck, dass sich jeder im Gespräch angeregt und wohl fühlte. Auch, dass wir alle Probleme mit uns herumtragen, die wir niemanden in unserem näheren Umkreis wirklich mitteilen möchten, aus Angst, missverstanden, denunziert oder stigmatisiert zu werden. In dieser Gruppe funktionierte die Mitteilung sehr gut.

Ich glaube, das macht eine Selbsthilfegruppe auch aus. Sie bietet eine Plattform unter Gleichgesinnten, endlich über das zu reden, was einen bedrückt und keine Angst zu haben, ausgelacht, verbessert oder abgewertet zu werden.
Zum Schluss des Treffens sagte die Leitung der SHG zu mir: „Ich habe den Eindruck, Sie haben sich wie ein Fisch im Wasser gefühlt.“
Stimmt!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)
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Meine merkwürdigen Kindergeburtstage

Ich kann mich nicht erinnern je einen normalen Kindergeburtstag gefeiert zu haben. Ich feierte auch nur wenige, weil sie so seltsam waren und zum Schluss keine Freunde mehr kommen wollten.

Ich beginne mal am Anfang der Geschichte:
Vor meiner Grundschulzeit verliefen die Geburtstage in meiner Familie übersichtlich. Lediglich die Verwandten kamen und schenkten. Ich ging nie in den Kindergarten und hatte außer ein paar Nachbarkindern keine Kontakte. Doch zu ihnen pflegte ich eher ein sporadisches Verhältnis, weil ich selten draußen spielte.
Als die Grundschulzeit begann, begann auch mein Martyrium mit den Geburtstagsfeiern. Meine Mutter forderte mich auf, als ich in der dritten Klasse war, Freunde einzuladen. Damit sah ich mich einer großen Herausforderung gegenüber, denn ich wusste nicht, was man mit sogenannten Freunden zu einer Geburtstagsfeier machte. Ich war zuvor nie bei einem Kindergeburtstag gewesen und hatte auch keine Vorstellung davon.
Ich überlegte, ob es ein System oder eine Regel für eine solche Feier gab. Gut, meine Familie traf sich ja schon ein Leben lang und kannte sich. Aber die Freunde, die ich einlud, kannten sich zum Teil nicht, denn ich setzte sie aus Schulkameraden und Nachbarskindern zusammen. Das erschien mir sinnvoll, weil ich „Freunde“ unter „Kontakte“ laufen ließ. Ich hatte keine echten Freunde, sondern nur meinen Wellensittich.
Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was die Freunde sich untereinander zu sagen hätten und bekam Angst, dass die Feier ein Reinfall werden würde. Meine Mutter wollte ein paar Spiele anbieten, die ich allerdings ziemlich dämlich fand. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Wie wäre es, wenn ich ein Quizspiel mit Preisen anbieten würde? Auf diesem Wege könnte jeder den anderen anhand seines Wissens kennenlernen. Ich kramte in meiner Kiste der Spezialinteressen und bastelte Fragen zusammen, die mir einfach und logisch erschienen. Mir! Ich dachte nie daran, dass die anderen Kinder völlig andere Interessen mochten als ich. Ich stellte Fragen zu Inhalten von Filmen die ich sah und Büchern die ich las. Ich nahm Serienmelodien mit Cassette auf und ließ raten, welche Serie es war. Spielte Lieder, die erraten werden mussten, stellte Fragen über die USA und Rätselfragen, die ich in der Zeitung fand und ließ Gedichte und Kurzgeschichten schreiben. Zum Schluss hatte ich ein dreistündiges Programm auf die Beine gestellt. Ich fand, das es genug Beschäftigung für meine Gäste war. Damit verfolgte ich das Ziel, dass danach jeder Bescheid wusste, was den anderen interessierte und was nicht. Für mich war dies eine wichtige Grundlage für einen Kontakt. Zum Schluss sollte es Preise für die geben, die am meisten wussten.

Als meine Gäste kamen gab es natürlich erst einmal Kuchen. Bis dahin war alles in Ordnung. Als ich mein Programm bekannt gab, gab es die ersten Beschwerden. Doch ich ließ mich nicht aus dem Konzept bringen, schließlich hatte ich kein Alternativprogramm und wusste auch nicht, über was ich mich mit ihnen unterhalten sollte. Da ich am Anfang recht einfache Fragen stellte, gab es keine Probleme. Doch je weiter der Nachmittag fortschritt, desto größer wurden die Beschwerden. Die ersten Gäste gingen. Ich ließ sie gehen und zog mein Programm weiter durch. Zum Schluss waren nur noch drei Gäste da, die die ersten drei Hauptpreise bekamen. Perfekt! Für mich war das ein voller Erfolg. Niemand ging ohne Preis heim.
Die Geschenke, die ich zu meinem Geburtstag erhielt erfreuten mich kaum. Zum größten Teil waren es mädchentypische Geschenke wie Haarspangen, Haarschleifen, irgendwelches Rüschengedrösel, womit ich nichts anfangen konnte und Mädchenbücher, die ich nicht las. Doch ich legte alles sorgfältig  beiseite und setzte sie im Jahr darauf als Preise für meine Gäste ein. Damit bekamen sie für mich wieder einen Sinn, denn ich dachte, das sind wohl genau die Dinge, die andere mögen. Ich aber nicht. So erschien mir das System perfekt.

Im Jahr darauf wollten einige nicht mehr zu meiner Feier kommen, also wählte ich neue Kontakte aus. Auch dieser Geburtstag verlief ähnlich, nur dass meine Fragen und Aufgaben schwerer wurden, weil ich wieder viel dazugelernt hatte und dies den anderen zeigen wollte. Ich baute sogar ein aufwendiges Miniatur-Minigolfspiel, was ich in mein Quiz einbaute. Doch auch diesmal gingen einige Gäste. Meine katastrophalen Geburtstage sprachen sich herum. Nach drei Jahren kam nur noch „der harte Kern“. Danach feierte ich nie wieder einen Kindergeburtstag. Ich sah nicht ein, mir so viel Mühe für drei Leute zu geben.

Im Gegenzug möchte ich gerne von einer Feier berichten, die ich einmal besuchte. Man spielte dort Topfklopfen, was ich nicht mitspielen wollte, weil ich es demütigend fand auf dem Boden wie ein Idiot mit dem Kochlöffel herumzuklopfen, um einen Topf zu erwischen, unter dem Süßigkeiten lagen, die ich sowieso auf der Feier aus einer Schale nehmen konnte. Zudem mochte ich es nicht, die Augen verbunden zu haben. Als man mich zu Blindekuh überredete passierte folgendes: Man drehte mich und ich verlor vollkommen die Orientierung, ging los und rannte mit dem Kopf vor einen Schrank. Das tat ziemlich weh. Alle lachten. Ich riss mir das Tuch von den Augen und ging heim. Ich besuchte nie wieder einen Kindergeburtstag.

Als meine eigenen Kinder heranwuchsen, besprach ich sehr genau, was sie sich auf ihrer Feier wünschten. Wir wählten nur Spiele und Beschäftigungen aus, die sie mochten und hatten viel Erfolg damit. Bei ihnen ging Gottseidank niemals ein Kind vorzeitig heim.

(Meine Blogs gibt es auch als eBook bei Amazon unter „Denkmomente“ und bald als Printausgabe)
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