Archiv für den Monat Juli 2016

Ich hasse Streit!

Das Gefühl, das bei einem Streit in mir entsteht, ist unbeschreiblich schlimm! Meine Gefühle fahren auf das höchste Level und sorgen für totale Verwirrung.
Ich denke, ein großer Faktor ist zunächst die Tatsache, dass ich vieles lauter und stärker wahrnehme als andere und mein Gerechtigkeitssinn und meine Ansicht von Ethik/Moral extrem stark ausgeprägt sind. Bei mir gehen bei einem Streitgespräch innerlich sofort 1000 Sirenen an und ich erleide einen gewaltigen Adrenalinstoß. Des weiteren bin ich ein starrer Regeldenker und wenn meine innere Ordnung durcheinanderkommt, laufe ich gedanklich Amok. Das jagt mich in Wut und Aggression. Ein Overload kündigt sich innerhalb von Sekunden an.

Streit gehört für die Menschen dazu, um unterschiedliche Meinungen oder Missverständnisse zu klären, die entstanden sind. Die Klärung finde ich gut, den Streit nicht! Streit bedeutet für mich, in ein unüberschaubares soziales Interaktionsszenarium zu stürzen, dem ich nicht begegnen oder standhalten kann. Es geht um schnelle und gezielte Reaktionen und Argumente. Dabei versage ich auf ganzer Linie! Ich kann auf komplizierte Situationen einfach nicht spontan reagieren, oder wenn, dann verzettel ich mich noch mehr in Missverständnissen und Streit. Das kostet viel Energie. Es entstehen zwei Situationen für mich:

Ich werde hysterisch und blindwütig mit meinen Worten, oder ich gehe durch den Overload in den Rückzug und erleide eine Erstarrung. Das bedeutet stundenlang in einem abgedunkelten Zimmer im Bett zu liegen und zu warten, bis die innere Aggression vorbei ist. In mir entstehen gegen mich gerichtete Aggressionen, sogenannte Autoaggressionen, weil mein soziales Interaktions-Programm gestört ist und ich dadurch nicht angemessen reagieren kann. Dann äußere ich Dinge, die ich nicht äußern will.

Streit hat nichts mit einer anständigen Diskussion zu tun. Bei Streit geht es oft um Verletzung oder Rechthaberei. Beides meide ich tunlichst. Und doch gehe ich keinem Streit aus dem Weg, wenn man mich angreift. Dabei geht es mir nicht darum, andere zu verletzen, Missverständnisse aufzuklären oder meine rechtliche Position klarzumachen, sondern darum, den anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er mich überfordert und mein Systemdenken durcheinandergebracht hat. Dass er zu viele Denkprozesse in mir anregt, die ich nicht in Gang bringen kann. Ich will ihn fernhalten, wogegen viele über Streit den Weg zur Lösung und zur weiteren Zusammenkunft suchen.
Ich streite sehr sehr ungern und bevorzuge, wenn es um Missverständnisse geht, das leise und beherrschte Argumentieren. Das hilft mir weiter. Es muss langsam vonstatten gehen, damit ich eine Chance habe zu reagieren. Laute Gespräche heizen mich an, falsch zu reagieren.

Ich weiß, dass sich Streit nicht verhindern lässt, weil es die Art ist, seinen Unmut oder seine andere Meinung kundzutun. Leider. Streit kann aber auch bei einigen Menschen zur Tagesordnung gehören, wenn sie ihren eigenen Unmut, ihre Verbitterung und ihren Groll an andere weitergeben wollen, um die eigene Aggression loszuwerden. Dann wird es besonders schlimm für mich, denn ich kann zunächst nicht unterscheiden, ob es sich um ein Missverständnis handelt oder um ein persönliches Gefühl, grundsätzlich jemanden anzugreifen. Mir fehlen die Empathie und Intuition dafür, es richtig zu deuten.

Streit führt meistens zu Verletzungen. Er kann auch durch Provokation entstehen. Ich hasse Provokationen, die meine Persönlichkeit und mein Denken und Handeln angreifen. Ich frage mich oft, warum viele Menschen anderen einen Vorwurf aus z.B. einem eigenen Geschmack machen. „Wie sieht die denn aus? Das Auto von dem ist ja hässlich! …“ All das interessiert mich überhaupt nicht. Doch der Vorwurf ist der erste Schritt zum Streit. Wenn ich die Farbe Rot mag, dann will ich damit nicht verurteilt werden. Ich verurteile auch niemanden, weil er einen anderen Geschmack hat.

In mir entstehen unsagbar schlimme Gefühle, wenn ich einem Streit nicht begegnen kann. Das kann so weit gehen, dass ich den betroffenen Menschen vollkommen von meinem Leben abschneide, weil ich nie wieder das gelassene Gefühl von früher herstellen kann. Viele nennen es „nachtragend“.  Das mag sein. Für mich heißt es „einsortieren“. Ich sortiere die Menschen, die mit mir streiten, in eine Schublade, die ich nur ungern noch mal öffne. Dafür benötige ich das Gefühl der des „Nachtragens“. Es soll mich daran erinnern, wie schlimm dieser Mensch meine Gefühle hochgejagt hat. Ich mache nicht gerne zweimal den gleichen Fehler.

Für mich ist es wichtig, meine innere Ordnung stets aufrecht zu erhalten, um mich einigermaßen stressfrei zu fühlen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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