Archiv für den Monat September 2015

Zusammenarbeit? Die perfekte Zahl wäre 4 ½!

Immer wieder versuche ich mit anderen zusammenzuarbeiten, doch es scheitert regelmäßig nach einer bestimmten Zeit. Es hat nichts damit zu tun, dass ich nicht mit diesen Menschen zusammenarbeiten möchte, im Gegenteil. Doch meine Vorstellung von Zusammenarbeit deckt sich oft nicht mit denen anderer. Und umgedreht. Das will ich näher beleuchten:

Ich bin sehr zuverlässig, pünktlich, genau, ehrgeizig und anspruchsvoll. Das allein reicht schon aus, um eine Zusammenarbeit mit anderen als gescheitert anzusehen, es sei denn, der andere ist genauso wie ich. Doch da jeder dieser Eigenschaften einer eigenen Interpretation unterliegt, werden auch die Grenzen unterschiedlich festgelegt und wahrgenommen. Nur selten treffe ich auf Menschen, die fast genauso ticken wie ich. Doch es dauert nicht lange, und ich finde die ersten Unterschiede.

Mein Wunsch mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten ist groß, doch eine Zusammenarbeit hat immer etwas mit Erwartungen zu tun. Da ich sehr perfektionistisch veranlagt bin, ist in mir eine Art von Egoismus vorhanden, der sich negativ auf eine Zusammenarbeit auswirkt. Ich arbeite nach dem Prinzip Alles oder Nichts. Doch nichts ist perfekt im Leben und fordert ständig Kompromisse ein. Ein schwer auszuhaltendes Gefühl für mich. Ich möchte es gerne an einem Beispiel festmachen, was vor sechs Jahren passierte:

Ich schrieb ein Buch und fand einen Verlag, der es verlegen wollte. Zunächst freute ich mich, dass der Verlag viel von meiner Arbeit abnehmen würde (Lektorat, Coverentwurf, Druck, Vertrieb…) In diesem Moment sagt jeder Mensch: „Na, dann sei doch dankbar und etwas nachsichtig, wenn alles nicht genauso läuft, wie du es dir vorstellst. Lass doch mal die Geister anderer entscheiden“. Und genau da scheiden die Geister.

Ich habe die Vorstellung von einem Produkt und wurde natürlich fündig, als ich mich auf Fehlersuche begab. Und tatsächlich, ich fand viele Schreibfehler, die nicht vom Lektorat beseitigt wurden und bat den Verlag, dieses zu korrigieren, da es mir das Gefühl gibt, ein schlechtes Produkt zu veröffentlichen. Das kann ich kaum aushalten. Man sagte mir die Beseitigung der Fehler zu, führte sie aber nicht durch. Daraufhin war ich irritiert. Sollte ich noch einmal nachhaken? Wie wirkt sich das auf unsere Zusammenarbeit aus? Wirke ich aufdringlich und nörgelnd? Ich wurde sehr unsicher und ließ es schließlich, weil in mir die Angst entstand, in eine Diskussion verwickelt zu werden oder Vorwürfe gemacht zu bekommen, denen ich spontan nicht gewachsen war. Ich dachte immer, dass es Feigheit von mir sei, doch heute weiß ich, dass es mein Problem mit der sozialen Interaktion ist. Mir fehlt oft die spontane angemessene Reaktion.
Das Buch wurde mir daraufhin fortan fremd und ich konnte mich nicht mehr damit identifizieren. Ein Produkt von mir läuft nur dann konform, wenn es nach meinem Ermessen fertiggestellt ist. Alles andere stoße ich ab.
Des weiteren kam es zu diversen Vertragspunkten, die nicht eingehalten wurden. Es betraf die Werbung und Lesungsveranstaltungen, um die sich der Verlag trotz meiner Bitten nicht kümmerte. Dazu sollte ich schreiben, wenn ein Autor unter Vertrag steht, dürfen Lesungen an bestimmten Orten (z.B. Buchhandlung) nur vom Verlag eingerichtet werden. Ebenso hat nur der Verlag das Recht auf gewisse Werbung, weil ich die Rechte abgegeben habe.
Ich hakte diesbezüglich ganz mutig nach. Der Verlag war genervt und zeigte keinerlei Interesse mehr, mit mir zusammen zu arbeiten. Das Buch wurde ein großer Misserfolg. Das führte dazu, dass ich begann, mich selbst um diese Arbeit zu kümmern und wurde Selfpublisher. Es funktionierte. Ich konnte die ersten Erfolge verbuchen und meinen Perfektionismus und Anspruch ausleben.
Dennoch…

Ich versuchte es vor kurzem erneut und es geschah fast genau das Gleiche wie beim ersten Mal.
Liegt das Scheitern jetzt an mir? Sehe ich die Vereinbarungen „zu eng“?
Es gibt einen Vertrag, eine Abmachung und klare Regeln und doch werden sie nicht eingehalten oder nur oberflächlich eingehalten. Ich frage mich, wozu man solche Verträge macht? Ich bekomme den Begriff „kleinkariert“ zu hören, dazu den Spruch „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“. Ich bin irritiert und weiß nicht mehr, wem oder was ich vertrauen soll und entschließe mich, alles wieder alleine zu machen. Das funktioniert.

So sieht eine typische Zusammenarbeit bei mir aus.

Das Schlimme an solchen Situationen ist, dass tatsächlich in der Öffentlichkeit ein Bild über Autisten entstehen kann, das vermittelt, dass man mit diesen Menschen nicht zusammen arbeiten kann. Sprüche wie „die lässt nicht mal eine fünf gerade sein und hat immer etwas auszusetzen“ hörte ich ständig in meiner Vergangenheit, dabei ist es nichts weiter als das Anstreben nach einer guten und möglichst fehlerfreien Arbeit. Sollte das nicht Ziel einer jeden Tätigkeit sein? Nein, nicht so im Leben von vielen NTs. Durch ihre Fähigkeit „die fünf gerade sein zu lassen“ gehen sie viel leichter durchs Leben. Ich wünschte, ich könnte das auch, aber ich kann es nicht.

Arbeitgeber sollten also wissen, dass viele Autisten sehr viel Wert auf „ordentliche“, ja nahezu perfekte Arbeit legen, also auch auf die Bereitschaft, dies anzustreben. Ich hege keinerlei Groll oder Absichten, meinen Arbeitgeber anzugreifen, zu schaden oder ihm das Leben schwer zu machen, sondern verfolge nur die Absicht des bestmöglichen Ergebnisses. Doch genau das ist das Problem, wenn ich mit anderen zusammenarbeite. Ich nerve sie einfach solange, bis sie keine Lust mehr haben, mit mir zu arbeiten, oder umgedreht und ich verliere die Lust an der Arbeit.

Ich weiß, dass mittlerweile immer mehr Stellen für Autisten eingerichtet werden, die genau solche Punkte berücksichtigen. Die Arbeitgeber stellen sich auf diese Menschen ein und arbeiten zum Teil mit Mediatoren (Vermittlern).
Doch die Frage bleibt: Wer ist jetzt unfähig sich auf wen einzustellen? Haben wir nicht alle die gleichen Probleme, nur umgedreht? Auch den Starrsinn? Ist letztendlich nicht die Zusammenarbeit eines Autisten mit einem NT die perfekte Zusammenarbeit? Der NT muss die fünf eben etwas ungerader sein lassen und der Autist eben etwas grader. Die perfekte Zahl wäre 4 ½!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
DSCN3960

Ich würde so gerne mal meine Wut zeigen!

Wut und Zorn sind zwei gefährliche Gefühle in mir. Sie jagen mein emotionales Barometer in immense Höhe. Meist hängt es mit einer Respektlosigkeit, Ungerechtigkeit oder Hinterlist mir gegenüber zusammen. Ich kann mit diesen Dingen nicht umgehen. Es gibt aber auch Situationen, in denen ich Wut gegen mich entwickle, weil mir mal wieder nicht im richtigen Moment die richtige Idee oder Antwort einfiel. Das Problem mit der sozialen Interaktion…

Wut und Zorn können Dimensionen in mir auslösen, die für viele vielleicht unvorstellbar sind. Nur die, die das gleiche Gefühl kennen, können es nachvollziehen.

Ein wichtiger Termin oder ein wichtiges Gespräch, das ich durch fehlende Reaktionsstrategien vermasselt habe oder eine Arbeit, die ich veröffentlicht habe und nicht mehr rückgängig machen kann. Was passiert ist, ist passiert.

Ich lebe überwiegend von Korrekturen. Das bedeutet, dass meine ersten Reaktionen oft nicht angemessen sind. Sie erscheinen plump, ja, manchmal sogar dumm und naiv, weil sich so viele Reize und Reaktionen in mir freisetzen, die ich nicht sortiert bekomme. In mir entsteht ein riesiges Bündel von Emotionen, für die ich nicht schnell genug Worte finde. Also kommen mir zunächst nur unsortierte und oft auch zusammenhanglose Worte über die Lippen. Ich beginne sie erst dann gedanklich zu korrigieren oder gar erst zu erstellen, wenn die Situation längst vorbei ist und ich keine Reizen mehr, die mich ablenken, ausgesetzt bin. Stunden oder Tage später fällt mir die perfekte Reaktion ein. Das dumme an der Situation ist, dass ich stundenlang oder tagelang darüber brüte und Autoaggressionen in mir verursache, die meinen ganzen Körper in Beschlag nehmen. Erschöpfung, Müdigkeit, bis hin zur Verstummung und Erstarrung können die Folgen sein. Je nachdem, wie wichtig mir die verpatzte Situation erscheint.

Es geht mich schlecht, wenn Menschen einen falschen Eindruck von mir bekommen. Es geht mir noch schlechter, wenn sie anschießend über mich reden oder sich lustig machen.
Es gab Zeiten, da konnte ich nicht einmal mehr schlafen, weil ich nur daran dachte, wie sehr die anderen mich verachten. Ich fühle mich stigmatisiert und finde auch keine Möglichkeit, eine Situation zu bereinigen, denn damit trete ich direkt ins nächste Fettnäpfchen. Ich mag vielleicht einige passende Antworten parat haben, aber das Aufrollen einer alten Situation verursacht auch gleichzeitig ein neue Angriffsfläche. Ein Teufelskreis für mich!

Es gibt Situationen, die ich einfach so hinnehmen muss und denen ich nicht nachhängen sollte, um sie nicht noch verfahrener zu machen. Das Schlimme daran ist die Wut, die in mir bleibt. Es ist eine Negativenergie, die sich gegen meinen Körper richtet. Ich bin so gut wie nie erkältet oder leide an offensichtlichen Infektionen. Nein, der Kampf richtet sich gegen mein Immunsystem in einer Form, die zu Autoimmunerkrankungen führt. Der Körper beginnt sich selbst zu zerstören, indem er die Abwehr abbaut, Tumore können wachsen oder Organe in ihrer Stoffwechselfunktion geschädigt/gestört werden.

Mittlerweile habe ich eine Form der Gelassenheit erarbeitet, die mir ermöglicht, nicht mehr alles so nahe an mich heranzulassen. Ich verzichte auf immer mehr Kontakte, um die ich früher gekämpft habe. Im Grunde sind es doch Kontakte, die mich zugrunde richten, weil der nötige Respekt fehlt.
Natürlich verkleinert sich mein Freundeskreis dadurch. Früher habe ich immer gedacht, dass viele Freunde beweisen, wie „normal und richtig man tickt und dazugehört“. Falsch!! Viele Freunde zu haben fordert, sich auch viel anzupassen und zu verbiegen. Ein ewig stressiger Prozess in mir.

Was ist das Wichtigste für mich, wenn ich Wut und Zorn verspüre?

Ein Ventil!!

Ich möchte diese Gefühle nicht mehr in mir wüten lassen und habe eine Möglichkeit gefunden, die ich im Grunde schon als Kind genutzt habe: das Schreiben.
Das Schreiben ist mir heute wichtiger als je zuvor. Worte wirken wie heißer Dampf, der aus mir austritt, bevor ich platze. Das Schreiben gibt mir die Balance, die ich brauche, um mich gesund und stark zu fühlen.

Jeder hat ein Ventil in sich, sei es Sport, Musik, Malen oder eine andere Tätigkeit, die ihn entspannt.

Ich finde das Ventil eines der wichtigsten Werkzeuge bei Autismus. Es kann ein Spezialinteresse oder eine Beschäftigung sein, die den Druck nimmt. Wer sein Ventil kennt, sollte es nutzen, anstatt sich damit zu beschäftigen, wie man „verpatzte“ Situationen wieder geradebiegen kann. Wenn ich meinen Fokus verändere, und darauf richte, was mir guttut, verschwindet auch sofort die Wut…

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
DSCN3960

Wenn Ideen zwanghaft werden

Ich habe immer gedacht, ich leide nicht an Zwängen, weil ich eine Idee als etwas empfand, was mich weiterbrachte und meinen Alltag gestaltete.
Das ganze Leben besteht nur aus Ideen, weil sich daraus die Individualität eines Menschen bildet. Jede Bewegung, jeder Gedanke und jede Tat eines Menschen besteht aus tausenden von Ideen, die das Gehirn sendet.

Ideen können jedoch unterschiedlicher Natur sein. Es gibt die typischen Alltags-Ideen, die daraus bestehen, wie man seinen Tag gestaltet. Wann wasche ich Wäsche, wann reinige ich die Wohnung, wann gehe ich Einkaufen oder meine Familie besuchen? Alles Ideen, die jeder kennt.

Dann gibt es schon die etwas wichtigeren Ideen:
Wie gestalte ich meinen Geburtstag oder was schenke ich einem mir wichtigen Menschen? Sollte ich der alten Dame von nebenan mal meinen Fahrdienst anbieten oder etwas Besonderes für meinen Mann planen?
Das sind Ideen, die sich schon etwas mehr im Gehirn festsetzen und uns für längere Zeit beschäftigen.
Soweit ist alles im grünen Bereich.

Doch was passiert, wenn Idee entstehen, die einem die Gelassenheit nehmen oder einen nicht mehr loslassen?

Kennt Ihr die Idee vom Bergsteiger, der unbedingt einen bestimmte Berg besteigen muss? Der krank wird, wenn er das nicht tut? Wenn du ihn fragst, warum er das tun muss, dann antwortet er oft: „Das weiß ich nicht, ich muss es eben.“
Ist es dann ein Drang, eine Sucht oder ein Zwang??
Welche Art von Ideen können soweit gehen, dass sie zwanghaft werden?

Nun, ich lebe ständig mit zwanghaften Ideen und bemerkte erst in den letzten Jahren, dass sie nicht mehr normal sind. Ich kann bestimmte Idee nicht wieder in meinem Gehirn ausschalten oder löschen, bevor ich sie nicht erledigt habe. Kennt Ihr das auch? Ist das mein ausgeprägter Perfektionismus?

Im Internet lese ich folgende Beschreibung zu einer Zwangsneurose:
„Die Zwangsneurose kann einem das Leben zur Hölle machen und gehört zur Zwangsstörung (OCD-obsessive-compulsive disorder). Es besteht für den Betroffenen ein innerer Drang, bestimmte Dinge zu tun oder an bestimmte Dinge zu denken. Der Betroffene wehrt sich gegen das Auftreten der Zwänge, weil er sie als übertrieben und sinnlos empfindet, kann sich ihnen aber willentlich nicht entziehen. Das beeinträchtigt sein Alltagsleben.“

Wir stellen uns bei einer Zwangsneurose jemanden vor, der z.B. immerzu seine Haustür kontrolliert, ob er sie gerade verschlossen hat. Das Gehirn speichert den Vorgang nicht und es kommt zu ständigen Wiederholungen, bis dass das Gehirn es gespeichert hat.
An diesen Zwängen leide ich nicht.
Ich unterliege aber anderen, denen ich mich nicht entziehen kann. Bei mir treten Zwänge schon in kleinem Rahmen auf.

Ich gebe ein Versprechen und es entsteht ein Zwang daraus. Das können ganz banale Sachen sein. Ich verspreche z.B. eine Erledigung für jemanden zu machen, schaffe es aber zeitlich nicht, weil ich mich (mal wieder) verkalkuliert habe. Anstatt den anderen darüber zu informieren, verselbstständigt sich ein Zwang in mir. Ich denke Tag und Nacht an diese Erledigung und es beeinträchtigt meinen Alltag so sehr, dass ich ihn kaum noch bewältigt bekomme. Dabei wäre es so einfach, Bescheid zu sagen und alles abzublasen. Warum kann ich das nicht?

Ein Zwang kann auch eine Gartenarbeit sein. Ich nehme mir vor, den Garten in dieser Woche zu machen, aber es regnet. In mir entsteht ein regelrechtes Zwangsdenken daran und jeder Tag, an dem ich es nicht schaffe, verspüre ich eine größere Aggression aufkommen, weil mir die Erledigung nicht mehr aus dem Kopf geht. Warum kann ich nicht ganz entspannt auf die nächste Woche warten? Es funktioniert bei mir einfach nicht. Auf diese Art und Weise stapeln sich regelrechte Zwänge in mir, die mich erschöpfen und wütend machen. Ich kann das Denken daran nicht abschalten.

Wenn ich lese, entsteht in mir der Zwang, mich irgendwo im Gesicht zu kratzen. Ich spüre durch die Konzentration auf das Buch plötzlich den geringsten Mikrostaubkorn auf meiner Haut, der einen Juckreiz auslöst. Ist das eine Macke oder eine sensorische Überempfindlichkeit?
Also Macken habe ich echt viele…

Ich lebe immer schon mit einer Form von Zwängen, denen ich mich nicht entziehen kann und doch wirke ich nach außen kontrolliert und normal. Ich verstecke meine Zwänge eben gerne… und frage mich, ob nicht jeder eine Form von neurotischem Anteil in sich hat.

Zwänge können auch wunderbare Sachen bewirken.

Was ist mit den Zwängen, unbedingt etwas tun zu müssen und nicht zu wissen warum? Und es stellt sich Jahre später heraus, dass genau dieser Zwang/Drang zu etwas geführt hat, was einmal sehr wichtig für dich im Leben sein wird… Ist das eine Art von Intuition?

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
DSCN3960