Archiv für den Monat Januar 2015

Wichtige Fragen eines NTs an Menschen mit autistischem Spektrum

Vielen Dank für die Gedanken und Fragen eines sehr netten Kommunikationspartners zu einem Blog in WordPress! Ich lese immer mit großem Interesse seine Kommentare. Zu meinem Beitrag „Widerstand und Sehnsucht zugleich oder ,das offene Fenster‘ “, hatten mich einige der mit Abstand wichtigsten Fragen erreicht, die ein NT an Autisten stellen kann. Danke dafür! Ich möchte sie hier in Form eines neuen Beitrages beantworten, so dass auch andere Interessierte vielleicht davon profitieren können.

Ich kann nur für mich sprechen, weil der Autismus so vielseitig ist, wie das Verhalten der NTs. Für mich ist die schriftliche Mitteilung eine begnadete Art, das sagen zu können, was ich möchte. Papier ist geduldig, und das ist genau das, was ich brauche. Ich benötige Geduld, also Zeit, um mich mitzuteilen. Das ist mir bei direkten persönlichen Gesprächen leider nicht möglich, weil meine Gedanken bei der sozialen Interaktion viele Umwege gehen müssen, um zum Ziel zu gelangen. Das verhindert spontanes richtiges Reagieren. Anhand des Beispiels mit dem Essen und dem Übergewicht im vorhergehenden Beitrag möchte ich deutlich machen, dass es für mich erheblich leichter gewesen wäre, wenn ich mehr Zeit für eine Antwort gehabt hätte. Dann hätte ich ihr mit viel einfühlsameren Worten erklären können, dass sie nicht persönlich damit gemeint war, sondern meine Bemerkung nur eine allgemeine, wissenschaftlich fundierte Feststellung wiedergeben sollte. Ich hätte mich direkt bei ihr höflich entschuldigt und damit einen harmonischen Fortgang des Gesprächs erreicht. Aber ich war nicht in der Lage, diese Worte abzurufen, weil ich im Gehirn keine „direkte Leitung“ zu solchen Reaktionen besitze. Mit anderen Worten, ich bemerke nicht immer, wenn ich jemanden verletze, weil meine Worte nie diese Absicht verfolgen. Stattdessen verstricke ich mich immer tiefer in das Desaster, weil mein Gehirn in solchen Situationen eine Art Panik abruft und nicht mehr entspannt reagieren kann. Es ist sicherlich großartig, wenn alle Menschen viel entspannter, nachsichtiger und offener miteinander umgehen könnten, aber das wird niemals möglich sein, solange der autistische Mensch immer wieder auf uninformierte und fremde Menschen im Leben stößt. Das ist bei einem normalen sozialen Miteinander aber unvermeidlich. Der Autist kann seine Gehirnkonstruktion nicht verändern, sondern immer nur dazulernen und sich trainieren genau wie der NT.

In Web-Foren und Blogs bin ich in der Lage, genau das mitzuteilen, was ich meine und denke, was mir bei einem persönlichen Gespräch oft nicht möglich ist. In der Tat würdest du mir im realen Leben als einem ganz anderen Menschen begegnen, als der Person, die du hier durch meine Beiträge erlebst. Aber, wenn du mir persönlich begegnest, wirst du das Hintergrundwissen meiner Gedanken haben und mich dadurch viel besser einschätzen und verstehen können. Das wirkt wie ein Neutralisationsprozess, den diejenigen nicht durchleben, die mich nicht aus meinen Blogs kennen. Dann wirke ich oft unbeholfen, merkwürdig oder gar dumm, wenn es um soziale Interaktion geht. Aber der Informierte wird erkennen, wie und wer ich wirklich bin und mir großes Vertrauen schenken, während die anderen über mich lachen, tuscheln oder mich gar verspotten.
Bei meinen Spezialthemen laufe ich natürlich zur Höchstform auf, deswegen kann ich als Autorin sehr sicher bei Lesungen auftreten. Aber im Alltag sieht das völlig anders aus. Ich gehe kaum raus, und wenn, dann meistens nur in die Natur, weil mich dort niemand fordert. Wenn die Presse um ein Interview bittet, wird es kompliziert für mich, sofern sie mir andere Fragen stellen als die, die mit meiner Arbeit zusammenhängen. Nach über 50 Jahren habe ich genug Erfahrung und Übung, das zu sagen, was üblicherweise gehört werden will, um Anerkennung und Sympathien zu gewinnen.

Nun zu den interessanten Fragen eines NTs:
Wie viel Annäherung ist möglich?

Sobald ich das Gefühl habe, bei dir mit meinen Gedanken und Gefühlen gut aufgehoben zu sein, ist jederzeit Annäherung möglich. Doch du fragst nach „Wie viel?“. Ich unterscheide klar, ob du eine partnerschaftliche, freundschaftliche oder fachliche Annäherung suchst. Dass will ich zuvor abgeklärt wissen, denn das ruft völlig unterschiedliche Reaktionen in mir hervor. (Durch deine Art der Fragestellung gehe ich von einer fachlichen Annäherung aus.) Wenn ich das geklärt habe, beginne ich anhand einer schriftlichen Kommunikation das „Wie viel?“ auszuloten. Es ist abhängig von dem Vermögen des anderen, mich so zu nehmen wie ich bin. Sobald er mich angreift, ungerecht mir gegenüber wird oder ich mich denunziert fühle, weiche ich von der Annäherung merklich zurück, weil ich mich kaum wehren kann. Dann verursacht der andere Schuldgefühle und eine Abneigung in mir, die schlimmstenfalls in Wut und Zorn übergehen kann. Danach hat derjenige kaum noch eine Chance, sich je wieder mir anzunähern. Ich würde jeden Kontakt nur noch mit größter Vorsicht behandeln oder ihn ohne weitere Erklärungen abbrechen.

Wie viel Abstand wird bleiben?

Ich halte immer Abstand, ich bin nicht in der Lage, mich einem Menschen vollkommen mitzuteilen oder zu öffnen. Ich wünsche mir auch, dass mein Gegenüber meinen Abstand respektiert, weil ich viel persönlichen Freiraum benötige, den ich nur mit mir selbst teilen möchte. Doch die Frage hier stellt sich nach dem „Wie viel?“.
Ich mag es nicht, wenn jemand alles von mir wissen will. Es liegt also nicht in meiner Natur, Menschen komplett an mich heranzulassen. Dazu müsste ich das Gefühl einer Seelenverwandtschaft oder gar Symbiose verspüren. Wenn das passiert, darf derjenige/diejenige weit mehr in mein Lebensspektrum hineinschauen als andere. Ich habe viele Freunde, die ich unterschiedlich weit oder tief an meine Gedanken heranlasse. Meine Beiträge sind nur eine oberflächliche Wiedergabe meiner autistischen Probleme. Zudem: Ich mag Abstand. Er macht mich sicher und gibt mir ein gutes Gefühl. Wenn der andere das zu verstehen weiß, kann er dieses Gefühl auch für sich als positiv verwerten und sicher sein, dass er mich damit sehr glücklich macht. Er bekommt meine Wertschätzung und meine Aufmerksamkeit.
Das beantwortet auch gleich die nächste Frage:

Wie viel Distanz muss bleiben?

Ich weiß, dass sich viele NTs wünschen, in vollkommender Enttabuisierung miteinander zu leben, also keine Geheimnisse voreinander zu haben. Für mich kommt es einer Vergewaltigung meiner Gefühle gleich. Ich möchte es so formulieren:

Wenn jemand neben mir auf einer Bank vor meinem Haus sitzt, schweigend mit mir in die Natur schaut und ich dieses Schweigen und Zusammensitzen als sehr angenehm empfinde, hat derjenige alles bei mir erreicht, was er emotional aus mir herausholen kann. Die betreffende Person hat meine volle Zuneigung, die ich weit tiefer empfinde, als NTs Liebe empfinden. Damit weiß ich, dass derjenige meine Distanz und meinen Abstand respektiert und annimmt. Einen größeren Gefallen kann man mir nicht machen. Ich glaube, das ist oft genau der Knackpunkt bei einer Partnerschaft. Ich liebe auf einer anderen Ebene und zeige es anders als ein NT und teile mich nicht immerzu mit den Worten „ich liebe dich“ oder „ich mag dich“ mit. Wenn ich zu jemandem einmal sage „ich mag dich“, kann derjenige sich meiner Sympathie und Integrität sicher sein. Aber auch die unterteilt sich in partnerschaftliche und freundschaftliche Sympathie. Ich empfinde beides auf einer anderen Ebene. Die partnerschaftliche Sympathie kommt von so weit unten und schweigend aus meinem Inneren, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Deswegen ist meine Reaktion auch stark überzogen, wenn ich in diesem Bereich verletzt werde.
Wenn der NT dies erst einmal begreift und wertschätzt, kann er ein großes Glück mit mir empfinden. Manchmal ist es hilfreich, einfach nachzufragen, wie ich mich in verschiedenen Situationen fühle, um abschätzen zu lernen, was mir guttut und was nicht. Ich bin seit 31 Jahren verheiratet und weiß, wie schwer es einem NT als Partner fällt, diesen Abstand einzuhalten und anzunehmen. Er leidet, weil seine Gefühle nicht auf gleicher Ebene der Intensivität erwidert werden, wie er sie verspürt. Doch wenn er erst einmal die Form meiner Liebe begriffen hat, erlebt er eine Intensität, die weit größer ist, als die, die er bisher kannte. Wenn er das nicht kann, ist die Beziehung zum Scheitern verurteilt, weil der NT auf Dauer zu viel vermissen würde.
Wenn ich zu einem Freund oder einer Freundin sage „ich mag dich“, bedeutet es einen ersten Schritt der Annäherung. Wenn ich sage „ich mag dich sehr“, dann bedeutet es, dass ich Zuneigung empfinde. Ob es eine partnerschaftliche Zuneigung bedeutet, würde ich denjenigen dann wissen lassen, wenn ich sicher bin. Dazu gehört unbedingt das persönliche Kennenlernen.
Ich hoffe, ich konnte mit diesen Antworten meine Gefühlswelt etwas transparenter machen!

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Sehnsucht und Widerstand zugleich oder „das offene Fenster“

Wie jeder Leser dieses Blogs sehen kann, verbinde ich das Bild eines offenen Fensters, das den Blick in eine herrliche Natur bietet, mit meinen Gedanken als Aspergerin. Dieses Fenster ist aus meiner Sicht ein symbolischer Blick ins Leben. Ich fühle mich in einen Raum eingesperrt und kann durch dieses Fenster das Leben außerhalb meiner Reichweite sehen, hören und riechen. Manchmal ist das Fenster geschlossen und ich kann nichts wahrnehmen von der Welt draußen. Und manchmal kann ich das Fenster öffnen und mich weit in das Leben hinauslehnen. Doch ich bleibe dabei stets in diesem Zimmer hinter diesem Fenster. Es sind Sehnsucht und Widerstand zugleich, die mich beherrschen.

Ich finde diesen Blick aus dem Fenster in England in meiner Hütte, in die ich mich einmal im Jahr für längere Zeit zurückziehe, Ruhe zum Schreiben finde und für mich allein sein kann. Die Hütte steht inmitten der Natur angrenzend an einen Farmbetrieb und umgeben von wunderschöner Landschaft, in der ich mit großer Freude umherwandere. Wenn mich die Sehnsucht packt und ich keinen allzu großen Widerstand vor der Welt da draußen verspüre, traue ich mich hinaus und rede gerne mit den Menschen um mich herum. Sie sind alle sehr nett und zuvorkommend und meinen es immer gut mit mir. Sie bieten mir Treffen an und sprechen Einladungen aus, was ich sehr schätze. Aber sie wissen nicht, wie sehr es mich fordert, diesen Einladungen nachzukommen. Ich weiß nicht, worüber diese Menschen dann sprechen oder was sie von mir hören wollen. Es sind meistens eher allgemeine Themen, die besprochen werden, die für mich belanglos sind und mich daher verunsichern. Das unterscheidet mich von den netten Menschen um mich herum. Ich habe die Sehnsucht, mit ihnen zusammen zu sein, aber ich spüre immer wieder diesen Unterschied, der mir Angst macht, ich könnte etwas Falsches oder Unhöfliches sagen, was ich nicht will.

So passierte es mir einmal bei einem five o’clock tea, als wir über Gebäck und Essen im Allgemeinen sprachen, über Rezepte und kulturelle Unterschiede, und ich bemerkte ganz ungewollt nebenbei, dass das Essen bei vielen Menschen Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit ersetzt. Ich beschäftige mich viel mit Psychologie und befand mich wieder einmal auf dem Weg, meine Gesprächspartner in meine Interessengebiete zu lenken, wie es mir so oft passiert. Ich sagte, dass viele Menschen deswegen übergewichtig seien, weil ihr Körper eine Art Liebe empfindet, wenn er Nahrung zu sich nimmt. Es ist im Allgemeinen bekannt, dass der Körper es als sehr angenehm empfindet, wenn er mit leckerem Essen verwöhnt wird. Bei stark psychisch belasteten Menschen kommt es oft zu einem Mehrkonsum, um dieses fehlende Gefühl zu kompensieren. Ich sagte das ohne die Absicht, jemanden in dieser Teerunde damit konkret anzusprechen, und bemerkte nicht, dass ich eine übergewichtige Dame in der Runde damit verletzte. Sie wurde rot und erklärte mir, dass es ihr keinesfalls an Liebe mangele, sie würde einfach nur gerne essen. Ich erkannte meinen Fehler und erklärte ihr, dass es mir immer so ginge, und ich deswegen auch hin und wieder leichtes Übergewicht hätte. Hier in England würde ich es allerdings immer verlieren, weil ich mich hier psychisch stabil und gut aufgehoben fühle und nichts vermisse. Es nützte nichts, ich hatte das Gespräch verdorben.

Ich versuche, eng vertrauten Menschen natürlich mitzuteilen, wo mein Problem liegt, aber sie verstehen es oft nicht, denn sie empfinden mich als freundlich, kommunikativ und angenehm. Das bin ich auch sicherlich, solange ich mich in einem Anpassungsprozess befinde und das sage, was andere von mir hören wollen. Was aber, wenn mir Worte über die Lippen kommen, die nicht angebracht sind, und ich es wieder einmal nicht bemerkt habe? Dann plagt mich ein großes Schuldgefühl.

Doch die Sehnsucht bleibt, mit allen Menschen, die ich liebe und die mir wichtig sind, ganz normal kommunizieren zu wollen. Es wird mir nie möglich sein. Ich werde immer nur diesen Blick aus meinem Fenster genießen können und darauf hoffen, mich so oft wie möglich hinauslehnen zu können. Ich freue mich über jeden Menschen, den ich treffe, der mich versteht oder der gleichgesinnt denkt.

Hier ein Zitat aus dem Buch „Das Rosie-Projekt“:
„Defekt! Das Asperger Syndrom ist kein Defekt! Es ist eine Variante des Möglichen, vielleicht sogar ein erheblicher Vorteil. Das Asperger Syndrom ist mit hoher Organisations- und Konzentrationsfähigkeit, innovativer Denkweise und rationaler Distanziertheit verbunden.“

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Die Angst, falsch wahrgenommen zu werden

Es gab eine Zeit in meiner Kindheit und Jugend, in der es mir egal war, wie man mich wahrnahm. Mein Leben war unbeschwert. Es kam mir alles normal vor. Ich konzentrierte mich auf meine Interessen und auf die Dinge, die ich mochte. Dazu gehörten unbedingt Bücher, Friedensbewegungen, die USA und Kleidung, die von der Vorstellung anderer Mädchen merklich abwich. Sie musste praktisch sein, niemals eng und niemals Kleider oder Röcke. Zudem ein praktischer Haarschnitt und keine Schminke oder auffälliger Schmuck. Ich trage immer schon „Symbolschmuck“, Lebenssymbole oder Erdsymbole (Baum, Steine, Herzen, Muscheln …) als Kettenanhänger oder Ohrringe, die mit Erinnerungen verbunden sind. Als Ring trage ich nur meinen Ehering.

Ich legte nie viel Wert auf ein besonders weibliches Aussehen. Wenn ich es einmal ausprobierte, fühlte ich mich unwohl und falsch. Hochzeiten oder besondere Anlässe, in denen eine „angemessene“ Garderobe (langes Kleid, Kostüm) erwartet wird, sind mir ein Graus. Ich könnte niemals einen Hut tragen oder meine Haare stylen. Ich käme mir vor wie ein Clown, der sich lächerlich macht. Es ist schlimm, wenn ich zu solchen Anlässen eingeladen werde. Dann steigt mein Stresspegel ins Unermessliche. Ich frage mich, wie ich wohl wahrgenommen werde. Man merkt, wenn das Äußere mit dem Inneren nicht harmoniert.
Ich erinnere mich an meine kirchliche Trauung. Es wurde mir empfohlen, mir eine Dauerwelle für das Fest machen zu lassen. Ich tat es – widerwillig. Die Locken waren drin und ich bekam sie nicht wieder heraus. Drei Tage später schnitt ich mir wütend die Haare ab, weil ich mir mit den Locken scheußlich vorkam. Mein Hochzeitkleid schmiss ich schon am nächsten Tag in die Ecke, weil es unbequem und unpraktisch war, genauso wie diese höllischen Schuhe mit Absatz. Wenn ich heute auf mein Hochzeitsbild schaue, sehe ich eine Fremde neben meinem Mann. Alle außer mir fanden mich schön. Man hat mich als passende Erscheinung wahrgenommen.

Durch meine eigene Art mich zu kleiden wurde und werde ich oft als merkwürdig wahrgenommen. Daran habe ich mich gewöhnt und konzentriere mich mittlerweile nur noch auf die Menschen, die mich so akzeptieren.
Mit der mentalen Wahrnehmung anderer sieht es anders aus.

Ich habe immer wieder große Ängste, wenn ich in die Öffentlichkeit muss und ich auf viele fremde Menschen treffe, weil mir die spontane angemessene Gelassenheit fehlt. Ich kann oft nicht das abrufen, was ich wirklich weiß oder zu sagen habe. Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie mich die anderen wahrgenommen haben. Habe ich dumm gewirkt, obwohl ich viel zu einem Thema zu sagen gehabt hätte, es mir aber wieder einmal nicht eingefallen ist. Deshalb durchlebe ich in der darauffolgenden Nacht die ganzen Gespräche erneu, mit dem Unterschied, dass mir dann alle Antworten einfallen.

Ich merke, dass sich verschiedene Menschen zurückziehen, die mir wichtig wären, denen ich aber nicht angemessen begegnen konnte, so dass der andere mein Potential hätte erkennen können. Im Nachhinein traue ich mich meist nicht, die Dinge klarzustellen, weil ich Angst vor einer neuen Blamage habe.

Wir kann ich meine Authentizität zeigen?
Eine Frage, die mich, je älter ich werde, immer mehr beschäftigt.

Ich habe zu vielen Themen eine Meinung, scheitere aber meist, wenn es darum geht, meine Meinung spontan zu vertreten. Wenn mein Gegenüber eine andere Meinung vertritt und mich mit seinen Argumenten zu überzeugen versucht, bzw. meine Meinung in Frage stellt, bin ich mich sofort auf verlorenem Posten. Am liebsten würde ich sagen: „Lass mich darüber einen Tag nachdenken, und dann schreibe ich dir“, aber das funktioniert leider nicht. Wenn ich mit jemandem ins Gespräch komme und dann darum bitte, auf schriftlichem Wege mit mir zu kommunizieren, verliere ich den Kontakt. Ich kann es verstehen, wenn dem anderen das Schreiben nicht liegt. Aber was ist, wenn mir das spontane Reden nicht liegt? Eine schwierige Situation. Ich werde anders wahrgenommen, als ich wirklich bin.

Das Zauberwort heißt Geduld. Leider gibt es davon nicht sehr viel auf dieser Welt. Alles muss schnell gehen, sofort entschieden werden oder abgehakt sein.
Eine Welt, in der ich mich immer mehr auf verlorenem Posten befinde.

Dadurch, dass ich Bücher schreibe und zu Lesungen fahre, die in einem größeren Rahmen stattfinden, zeigt sich wieder, dass man mich anders wahrnimmt, als ich wirklich bin. Bei Lesungen rede ich über mein Spezialinteresse und bin sehr darauf trainiert, in diesem Rahmen angemessen zu reagieren. Weicht das Gespräch jedoch von meinem Thema ab, werde ich unsicher. Nach jedem Auftritt reflektiere ich sehr stark und versuche Patzer auszumerzen und die Gespräche auswendig zu lernen. Inzwischen beherrsche ich das System „Antworten auf Abruf“ recht gut, doch es fällt mir sehr schwer, dabei natürlich und gelassen zu wirken. Mimik, Gestik und Ton passen nicht immer zusammen, doch mit meiner fröhlichen Art kann ich vieles kaschieren.
Ich reflektiere mein Verhalten häufig mit meinem Mann (NT) um zu lernen, bin aber vielfach sehr verärgert über meine Unfähigkeit, weil ich nicht spontan und gelassen reagieren kann.
Vor manchen Terminen habe ich große Angst, sodass ich mich bereits im Vorfeld scheitern sehe und dadurch gesundheitliche Probleme (Fieber, Kopfschmerzen, Hitzewallungen) bekomme. Nur stete Übung kann mich aus diesem Dilemma befreien.

Seit mein Leben sich verändert und von der Mutterrolle in die Autorenrolle hinein verschoben hat, konnte ich mir ein kleines System erarbeiten. Ich lasse mich auf Situationen ein, die sich ähnlich sind, und übe sie. Wenn ich Sicherheit bekomme, lasse ich mich auf eine neue Situation ein. So erarbeite ich mir Stück für Stück meine Möglichkeiten, mich in der Öffentlichkeit präsentieren zu können, etwas, das ich früher nicht lernen musste.

Mein Autismus ist für mich jedoch kein Hindernis, mich im Leben weiter zu entwickeln. Mein Leben war immer vom Lernen geprägt, demnach wird es nie enden. Mein Motto lautet: „Mal sehen, ob ich diese Herausforderung schaffe.“
Ich finde, es ist ein gutes Motto. Und dazu gehört auch der Weg, meine Probleme sichtbar zu machen anstatt sie zu vertuschen.

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Habe ich das Asperger Syndrom geerbt?

Ich kann mir vorstellen, dass diese Frage jeden Betroffenen beschäftigt.

Es ist allgemein bekannt, dass das Asperger Syndrom erblich sein kann aber auch durch andere Faktoren, wie starke bakterielle Erkrankungen oder Medikamente, hervorgerufen werden. Die Forschung weiß es nicht wirklich.

In den letzten zwei Jahren beschäftigte ich mich mit allen drei Theorien.
Ich kann mich an keine bakterielle Erkrankung oder Medikamenteneinnahme erinnern, die auffällig genug wäre, etwas in diese Richtung auszulösen.
Der Blick auf meine Eltern und meine Familiengeschichte ist schon interessanter.

Ich beginne bei meinem Vater, der heute 75 Jahre alt ist.
Ich glaube, ich bin ein „Papa-Kind“. Vielleicht deswegen, weil ich ihm von der Persönlichkeit her am ähnlichsten bin. Wir haben die gleiche Art, die Welt zu betrachten und zu entdecken, und eine Art Hyperaktivität, mit der andere Menschen oft nicht mithalten können. Wir sind beide extrovertiert, interessieren uns viel für unsere Mitmenschen und sind immer darum bemüht zu helfen. Wir planen recht aufwendig bis in kleinste Detail, unternehmen aber auch gerne wagemutige Aktionen. Wir haben keine Scheu, etwas Neues zu beginnen, sofern es uns interessiert und reizt, und wir setzen unsere Ideen konsequent um. Wenn es langweilig wird, suchen wir nach neuen Herausforderungen und sind für Depressionen nicht sehr anfällig.
Mein Vater, gelernter Konditor, aber Zeit seines Lebens als Heizungsmonteur im Kundendienst tätig, hatte immer ein gutes Gespür für meine Bedürfnisse, ließ mich in meiner Kindheit stundenlang schreiben – auch nachts –, kaufte mir Bücher und meinen ersten Schaukelstuhl, als hätte er immer gewusst, was für mich gut war. Er liebt Tiere sehr, lebte als Kind sehr eng mit einer Katze zusammen, hatte wenig Kontakt zu Freunden, weil ihn viele andere Dinge interessierten, und hielt sich immer schon wahnsinnig gerne in der Natur auf. Als Kind zeigte er eine besondere Begabung im Bereich der Mathematik und wollte gerne Lehrer werden, doch es fehlten die finanziellen Mittel. Heute lebt er in einem mit Holz beheizten Haus und muss ständig Holz hacken, was ihm große Freude bereitet. Er lebt genau wie ich gerne sehr einfach und sammelt alle Erinnerungen an Menschen, die er mag.
Obwohl in zweiter Ehe verheiratet ist er auch gerne alleine unterwegs und zieht sich zurück, wenn man ihn zu sehr fordert. Er gibt immer und gerne, aber manche Dinge bekommt er nicht geregelt, z.B. wenn Probleme komplex werden. Das ist der Moment, in dem er sich vollkommen zurückzieht, weil er sie nicht lösen kann.

Nun komme ich zu meiner Mutter. Sie ist 1983 an ihrem dritten Suizidversuch im Alter von 42 Jahren verstorben. Sie litt immer unter starken Schlafstörungen und an Depressionen. Sie stammte aus einer Flüchtlingsfamilie, die von Königsberg nach Bayern und später ins Rheinland geflüchtet war. Das war eine schwere Zeit für sie.
Ich weiß, dass sie eine sehr beliebte und gute Schülerin war, aber viel ausgenutzt wurde. Sie war ständig für andere Menschen am „Schaffen“ und fand nur wenig Zeit für sich. Auffallend war ihre Harmoniesucht. Sie war nicht in der Lage für ihr Recht zu kämpfen, sondern gab um des lieben Friedens willen ständig nach, um Streit zu vermeiden. Sie erfüllte lieber die Erwartungen anderer als sich zu wehren. Das führte immer wieder zu diversen Problemen bei meinem Bruder und mir, wenn es um Ungerechtigkeit z.B. in der Schule ging. „Sscht, sei ruhig, sag nix“, waren ihre häufigsten Worte, wenn wir uns über die Ungerechtigkeit anderer Menschen beschwerten. Sie war schlicht nicht in der Lage, problematische Situationen zu regeln oder zu lösen, sondern gab lieber nach.

Die Ehe meiner Eltern ging nach 18 Jahren in die Brüche, und die Depression meiner Mutter verstärkte sich, weil sie sich in einer vollkommen fremden Situation wiederfand und ihr Leben nicht mehr in den Griff bekam.
Auffallend ist, dass ihr Vater ebenfalls Suizid beginn, ebenso ihr Cousin. Sie kam also aus einer psychisch vorbelasteten Familie, die aber – und das darf man nicht vergessen – durch den Krieg sehr schwere Zeiten mit Flucht, Gefangenschaft und Neubeginn erlebt hatte. Es ist sehr schwer, an dieser Vorgeschichte bestimmte Kriterien festzumachen.
Meine Mutter war ein sehr häuslicher Typ, eine sehr fürsorgliche Mutter und sehr familiär. Sie schminkte sich gerne, färbte ihre Haare wasserstoffblond und zog gerne sehr weibliche Kleidung und Schuhe an. Sie wollte anderen immer gefallen. Das war ihr sehr wichtig.
Sie konnte gut kochen, handarbeiten, das Haus dekorieren und brachte jede Blume im Garten zum Blühen. Ich weiß von ihr, dass sie gerne Schneiderin geworden wäre, aber sie besuchte eine Hauswirtschaftsschule, heiratete mit 19 Jahren und wurde kurz danach Mutter.
Auffallend war, dass sie nach einem strengen Regelplan lebte. Es gab Wasch, Einkaufs- und Gartentage. Auch der Tagesablauf war präzise geplant und wurde so gut wie nie geändert. Wenn meine Mutter sich aufregte, setzte sie sich ins Wohnzimmer und strickte. Das beruhigte sie.

Mein Bruder war als Kind hyperaktiv, aber in einer anderen Form als ich. Er ist musikalisch sehr begabt und nutzte jedes Kissen und jeden Topf, um sich ein Schlagzeug zu bauen. Seine Hände, Arme und Beine waren ständig in Bewegung, und er konnte in der Schule nicht stillsitzen und sich konzentrieren. Damals schickte man diese Kinder zur Kur, wo sie therapeutisch betreut wurden, was aber nicht viel bewirkte. Je älter mein Bruder wurde, desto ruhiger wurde er. Heute ist er 53 und ein ganz ruhiger, zufriedener und in sich ruhender Mensch in zweiter Ehe verheiratet.

Wenn ich jetzt versuche herauszufinden, ob einer meiner Eltern ein Asperger ist oder war, muss ich passen. Bei beiden finden sich Anzeichen von Autismus, aber jeder Mensch hat autistische Züge. Es kommt auf die Menge und Ausprägung an, um den Asperger als solches zu definieren. Das ist wie eine Infektion. Ein paar Bakterien schaden dem Körper nicht, werden es aber viele, entwickelt sich ein Infekt daraus.

Was mich immer verwirrte, waren die Depressionen und die Schlaflosigkeit meiner Mutter, die so unerklärlich auf uns alle wirkten, obwohl alles in Ordnung war. Diverse Eintragungen in einem Tagebuch, das ich später fand, lassen darauf schließen, dass sie als Jugendliche vergewaltigt wurde. Als sie 40 Jahre alt war und ihre Ehe in die Brüche ging, wurde ihr Zustand so schlecht, dass Nervenärzte ihr viele Psychopharmaka verschrieben. Zum Teil mit Suchtpotenzial (Tavor, Alival), was letztendlich zu ihren ersten Suizidversuch führte.
Ich weiß, dass sie immer und allen geholfen hat und oft sehr erschöpft war. Sie konnte nicht nein sagen und belastete sich immer mehr. Das ist meinem Werdergang ziemlich ähnlich, nur dass ich über all die Jahre nicht an diesen Depressionen und Schlafstörungen litt. Dafür hatte ich im Alter von 48 Jahren einen kompletten Zusammenbruch.

Was mir als Information dienen kann, ist die frühere Hyperaktivität meines Bruders. Heute würde man es wahrscheinlich als ADHS bezeichnen, eine Nebenerscheinung des Asperger Syndroms.
Während er als Kind in seinem Zimmer auf allem herum trommelte, schrieb ich akribisch Geschichten. Wir waren merkwürdige Kinder.

Ich habe mit meinen Vater vor einiger Zeit einmal über das Asperger Syndrom gesprochen, doch es überfordert ihn, sich im Alter von 75 Jahren damit auseinander zu setzen. Was er allerdings bestätigte, ist, dass er sich nie dieser Welt zugehörig gefühlt hat und dass er sein Leben insgesamt als sehr anstrengend und erschöpfend empfindet. Er leidet oft stark, wenn er in sozial komplizierte Situationen kommt.
Da wir beide eine sehr positive Lebenseinstellung haben, hilft es uns, über viele Niederschläge hinwegzukommen und immer nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Was uns beiden zu eigen ist, ist die Gefühlsblindheit. Wir können uns kaum an bestimmte schwere Situationen emotional erinnern.

Ob aus dieser Reflektion eine erbliche Belastung hervorgeht, vermag ich nicht zu beurteilen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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Schau Dir das #Feuerwerk an, welches ich durch mein Bloggen auf #WordPressDotCom kreiert habe. 2014 Jahresbericht:

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(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)