Das ist doch kein Autismus …

Kennt Ihr diese Gespräche?
Da überwindet man sich mit seinen Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen und beginnt mit den ersten Erklärungen, woran man Autismus erkennt. Doch nach nur wenigen Worten wird einem über den Mund gefahren: Das ist doch kein Autismus … das haben doch viele!
Und schon ist man an einem Punkt angekommen, an dem man den Faden verloren hat.

Es fällt mir immer wieder schwer, anderen zu erklären, was eigentlich mit mir los ist, weil es so komplex ist und sich nicht in wenige Worte packen lässt. Wo soll ich anfangen und wo aufhören? Jedes Detail in sich klingt so unscheinbar und unspektakulär … und so normal. Wie soll ich einem Gegenüber nun die Frage beantworten „Was ist Autismus?“ oder „Woran erkennt man Autismus?“

Eine schwere Aufgabe, vor allen Dingen, wenn der Gesprächspartner keinerlei Vorwissen darüber hat. Manchmal frage ich mich, ob ich es überhaupt noch erklären soll. Die meisten Versuche versickern eh im Nichts. Ich rede von übergroßem Stressempfinden und bekomme zur Antwort: „Dann musste du eben ruhiger werden. Lass die Dinge nicht immer so nahe an dich heran. Das ist doch kein Autismus.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär‘s, wenn ich das könnte.
Ich rede von einer Überwahrnehmung, dass ich zu viel wahrnehme, höre, sehe, rieche und fühle und bekomme die Antwort: „Sei doch nicht so empfindlich! Stell dich nicht so an, wir alle haben viel um die Ohren. Das ist doch kein Autismus.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s wenn ich das könnte.
Ich rede davon, dass ich oft nicht weiß, was ich sagen soll, wenn ich mit fremden Menschen zusammen bin und vor fremden Situationen große Angst habe und bekomme zur Antwort: „Dann sag doch einfach nichts. Ist das denn so schwer? Das ist doch kein Autismus.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Ich rede davon, wie wichtig mir klare Vereinbarungen und Regeln sind, damit ich mich sicher fühle und bekomme zur Antwort: „Du musst lernen, ein bisschen flexibler zu werden. Das hat doch mit Autismus nichts zu tun. Du musst dir nur Mühe geben.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Ich rede davon, dass man mich oft für gefühllos hält, obwohl in mir die Emotionen überkochen und bekomme die Antwort: „Dann lass die Emotionen doch mal raus und zeig den anderen, wenn es dir zuviel ist. Das ist doch kein Autismus. Es liegt doch an dir, wo du die Grenze setzt.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Ich leide oft unter Missverständnissen, Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen und bekomme zur Antwort: „Das bist du doch selber Schuld. Du musst dich über die anderen hinwegsetzen und selbstsicher werden. Das ist doch kein Autismus, du musste nur mehr an dir arbeiten.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Ich habe oft Probleme, das mitzuteilen, was ich meine, weil mir die Spontanität in vielen Bereichen fehlt und bekomme zur Antwort: „Dann musst du dir eben vorher gut überlegen, was du sagen willst. Das hat doch mit Autismus nichts zu tun. Das kannst du doch lernen. Es ist nur eine Frage des Willens.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Und dann sage ich mal etwas, was ich genauso meine und bekomme die Antwort: „Vielleicht habe ich Sie falsch verstanden, vielleicht ist es Ihnen aber auch einfach nicht gelungen, Ihr Anliegen RICHTIG vorzubringen.“
Dann lächele ich nicht mehr, sondern verlasse das Gespräch und freue mich, wieder allein zu sein, denn dann verschwindet mein Autismus tatsächlich …

Leider vergesse ich bei diesen Gesprächen immer wieder zu erwähnen, wie zuverlässig und kreativ ich bin. Dass ich mir von meinen Mitbürgern Ehrlichkeit, Genauigkeit und Klarheit wünsche und keine Absicht verfolge, andere zu verletzen, wenn ich etwas sage. Dass ich Hinterlist und Verschleierung ablehne, weil ich es nicht beherrsche. Dass ich ein besonderes Spezialinteresse pflege, perfektionistisch arbeite und damit sogar mein Geld verdiene. Ach ja … das ist ja auch kein Autismus. Das ist etwas, was sich alle Menschen wünschen.

(Meine Blogs gibt es auch als eBook bei Amazon unter „Denkmomente“ und bald als Printausgabe)
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39 Gedanken zu „Das ist doch kein Autismus …

  1. Kathrin

    Wieder einmal ein sehr wichtiger und lesenswerter Artikel! Ich glaube, ein großes Problem ist, dass viele Menschen nicht einmal ansatzweise wissen, dass es verschiedene Ausprägungen von Autismus gibt und wie sich Autismus äußern kann. Die meisten denken bei Autismus nur an diejenigen, die gar nicht reden – Asperger Syndrom haben sie nie gehört, geschweige denn, dass sie sich einmal damit befasst hätten, was Autismus kennzeichnet etc. Das ist zumindest das, was ich in meinem sozialen Umfeld und im Job festgestellt habe. Furchtbar ist jedoch, wenn Menschen dann nicht bereit sind, zu lernen, wie sich Autismus äußert und sie der Ansicht sind, sie wüssten es besser.

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  2. celineheilig

    so schön geschrieben…
    Das sagen mir in etwa auch Ärzte über meine Tochter.
    Als Mutter sage ich dann immer vorher: Wissen Sie, im Grunde würden Sie es gar nicht merken, das ist etwas, was in ihrem Kopf und mit ihrer eigenen Wahrnehmung passiert, weil das Gehirn anders organisiert ist. Sie KANN sich so verhalten wie jeder andere, aber ihr kostet es Anstrengung, es zu tun, wo es anderen Leuten nur Spaß und Entspannung bedeutet. Die Entspannung muss sie sich also noch hinterher holen. Nehmen Sie Rücksicht darauf, auch wenn Sie es nicht verstehen oder begreifen, weil sie darauf kein Wert legen wird, es von ihrer Umwelt einzufordern.
    Und wer etwas genauer wissen will, den schicke ich zum Schattenspringer vom Fuchskind.
    Manchmal helfen Bilder besser als Worte. Das Bild vom Computerspiel mit Level „Ultrahart“ find ich zum Beispiel sehr gut getroffen 🙂

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      1. celineheilig

        es ist allerdings auch leichter, Rücksicht für jemand anders zu erbitten, als es für sich selbst zu tun…
        Da wir aber damit ganz offen umgehen, hat sie auch mal ihre Methode: Sie wollte gerne auf so einem Kindertrampolin springen; wartete also, bis niemand mehr in der Schlange war, kam dann und ließ sich erklären, was sie tun soll. Da sie schon 15 ist und das nun eher für kleine Kinder ist, haben die Männer, die das Ding betreuen, nicht so drauf geachtet wie sie erklären. Sie mussten sie erst angurten aber erwarteten, dass sie instinktiv mitmacht. Dann hat sie sich hingestellt und ihnen ins Gesicht gesagt; Wissen Sie; ich brauche ganz genaue Anweisungen von Ihnen, sonst verstehe ich es nicht.
        Dann gings. Die haben etwas blöd geschaut, aber es dann richtig gemacht.

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  3. Harukas Freunde

    Danke, ich musste weinen beim lesen udn weine immernoch.
    Genau SO ist es.
    Ich bin nicht Diagnostiziert und befasse mich erst seit einigen Monaten mit dem Gedanken, das ich wohl im Spektrum zu finden bin. Danke für den Text.
    Seit ich mich mit Menschen aus dem Asperger Spektrum unterhalten kann fühle ich mich nicht mehr so alleine.

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    1. denkmomente Autor

      Das hört sich ganz nach einer Erleichterung an. Auch ich habe mich fast zwei Jahre lang mit dem Asperger Syndrom befasst, bevor ich an die Öffentlichkeit ging. Wurde durch einen Freund aufmerksam gemacht und fand Erklärungen für all meine Probleme die ich hatte und immer noch habe. Ich habe mich solange damit beschäftigt, bis ich sicher war und den Kontakt zu einer Diagnosestelle aufnahm. Ich fühle mich unter Aspergern absolut wohl!!

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      1. Harukas Freunde

        Ja, bin ich. Auch wenn ich den Gedanken schon ab und zu mal hatte, hab ich es abgetan, weil ich ja doch recht „Lebensfähig“ und anpassungsfähig bin.
        Ich habe mein Studium gerade erst beendetm hatte aber immer in meinem Leben das gefühl, das ich komplett nicht in die Schemata der anderen hineinpasse. Alles was mich interessiert hat, hat niemanden sonst interessiert. Die Sachen die Mädchen in meinem alter damals gerne gemacht haben, fand ich Sinnlos und nervig. Jungs? Boybands? Ich habe versucht es spannend zu finden, habe aber oft nur doof gelächelt und drübr nachgedacht, wa sich am abend zeichne oder schreibe bzw, nachdem ich die Möglichkeit PC hatte, mich daran auszutoben.
        Ich lerne gerade mehr und mehr Asperger Frauen kennen und erkenne mich in ihnen wieder. Sie sich auch in mir. In Behandlung bin ich bereits und ich weiß, das es eine Entwicklungsstörung ist, mit der ich zu kämpfen habe (was es für eine ist, will mir mein Doc nicht sagen) Aber ich bin jetzt auch dabei mit Fachleuten in verbinung zu treten. Was mir nicht leicht fällt, da ich an sich wahnsinnige Angst vor fremden Menschen und Orten habe.

        Dein Block ist echt toll. Das meiste könnte ich geschrieben haben!

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  4. souveraenanders

    Du hast absolut recht. Ich teile ähnliche Erfahrungen.
    Bis zu einem gewissen Grad kann ich meine Mitmenschen verstehen, die teilweise verwirrt sind, wenn ich mit diesem Thema beginne. In meinem näheren Umfeld genieße ich eine uneingeschränkte Akzeptanz und bei fremden Menschen überlege ich sorgfältig, ob ich über meine Wahrnehmung etc. sprechen möchte. Manchmal ist es auch einfach zu ermüdend, das Gefühl und die Position inne zu haben, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Weil, “ man merkt ja gar nichts.“

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  5. mo jour

    Danke für diesen Text, liebe Marion, er könnte Wort für Wort aus meiner Seele stammen – genau so ist es!
    Sagte mal eine „Freundin“ zu mir: „Du immer mit deinen Befindlichkeiten. So jemand Empfindliches wie dich habe ich noch nicht erlebt. Ich habe es satt, immer auf deine Bedürfnisse Rücksicht nehmen zu müssen. Jetzt sei doch endlich mal normal und pflegeleicht!“
    Wer solche FreundInnen hat, braucht keine Feinde mehr. Ich habe den Kontakt kurz darauf beendet.

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  6. Forscher

    Danke Dir für diese Zeilen, Marion. Ich habe mich leider 100 % darin wiedererkannt.
    Empfindlich sein, Befindlichkeiten haben und Reaktionen wie „Das hat nichts mit Intuition zu tun. Soziale Regeln nicht einhalten ist einfach absolut inakzeptabel.“ – ja nur haben eben diese etwas mit Intuition zu tun, und auch damit, dass man im Overload nicht mehr so funktionieren kann, wie es gesellschaftlich kompatibel ist. Und das ist leider unmöglich zu erklären und setzt ein Minimum an Empathie voraus. Die meisten Antworten gehen Richtung „Du musst nur wollen“ oder „Du musst dich bloß mehr anstrengen“ oder „mit Fleiß, Ehrgeiz und Gründlichkeit“ wird das alles besser. Oder „du musst das eben ertragen lernen, dich einfach anpassen und nicht mehr darüber aufregen“…. aber all das klappt nicht, wenn man auf einem Linuxrechner arbeitet, aber das gesamte Umfeld auf Windows konzipiert ist. Was bringt es mir, ständig neue Treiber herunterzuladen, wenn es für Linux kein Update gibt?

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  7. Mike Körber

    So wie in diesem Blog beschrieben , fühle ich mich auch und habe auch oft solche Antworten bekommen obwohl ich kein Autist bin.

    Ich muss zugeben ich habe mal einen Test online zu Asperger gemacht, der mir zusicherte zu 90% ein Aspie zu sein , aber auch andere Tests zu Borderline und Depressionen waren zu 90% , sie waren von einschlägigen Erstanlaufstellen/seiten im Web

    Ich weiß selber bis heute nicht was bei mir ist. Als Kind war ich zu DDR Zeiten für 6 Wochen in der geschlossenen für Kinder , angeblich wegen Übergewicht , in Wirklichkeit ging es darum warum ich so schlecht schreiben Konnte und warum ich Tierstimmen imitierte. und warum konnte ich perfekt lesen von links nach rechts , über Kopf und Spiegelschrift .
    Warum war die Schule so langweilig , warum hatte ich in Geschichte eine 4 aber als Hobby Archäologie und Paläoanthropologie, noch heute sehe ich dazu viele Dokus.
    Ich denke und sage mir ich habe von allem ein wenig und doch nichts ganzes.
    Selbst auf der Arbeit hörte ich immer nur stell dich nicht so an , verstehst du das nicht, sei keine memme oder du bist einfach nur doof und unfähig.

    Bei meinem Sohn hatte man vor 2 Jahren den hang zu Mutismus eine Form des Autismus tendiert /Diagnostiziert.
    Heute ist es nur noch eine Emotinale und Soziale Defizite/ Störung mit einem IQ von 138

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    1. Eva Martin

      „Für Professor Ludger Tebartz van Elst, Psychiater an der Uniklinik Freiburg, ist das ein typisches Muster bei Asperger-Betroffenen. Oft sei der wahre Grund, warum Menschen Burnout erleiden oder depressiv werden, das Asperger-Syndrom.“
      http://www.morgenweb.de/nachrichten/welt-und-wissen/arzte-sehen-in-asperger-einen-ausloser-fur-burnout-1.378697?Page=2
      Zwar stimmt es nicht, dass Asperger der „Auslöser“ oder „wahre Grund“ für eine Depression oder einen Burnout ist, aber zumindest ist das mal näher dran an den Tatsachen als der Sand, den Psychiater und Psychologen sonst so den Leuten in die Augen streuen. Asperger liegt vielen psychischen Erkrankungen zugrunde.

      Asperger sind nicht nur mehr gestresst als Neurotypische, sie merken auch nicht richtig, wenn sie sich zuviel zumuten. Ein bisschen ist das wie bei kleinen Kindern, wenn sie nach einem ereignisreichen Tag am Abend total überdreht sind. Das liegt teilweise an der mangelnden Empathie mit sich selbst, teilweise an der fehlenden Bescheidenheit und Einsicht in die eigenen Defizite, teilweise an überzogenen Ängsten und teilweise schlicht am Spass, den es ihnen macht, mitzumischen. Viele Asperger wollen einfach nicht einsehen, dass sie in einigen Bereichen überfordert sind und im Vergleich zu anderen weniger leisten können, oder sich eine Kompetenz nie hätten anmaßen dürfen. Meistens fehlt auch das Feedback von außen, das Asperger nötiger brauchen als Nicht-Asperger. Dann spielen Ängste mit rein und fehlendes Vertrauen in uns Neurotypische. Zwar haben sie irgendwo recht: was das Einfühlungsvermögen in Asperger angeht, haben wir uns in der Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber viele von denen, die sich überhaupt nicht in Leute auf dem Autismusspektrum einfühlen können, sind selbst auf dem Autismusspektrum, und von ihnen gehen auch die meisten Aggressionen gegen andere Leute auf dem Spektrum aus. Ich glaube, wenn man das mal verstanden hat, wird es einfacher.

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    2. denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar, lieber Mike, das hört sich sehr spannend an. Du hast recht, man kann einige Störungen kaum voneinander abgrenzen. Nach dem, was ich lese, würde ich eine erneute Diagnose wagen. Es kommt darauf an, ob du verunsichert lebst oder damit klarkommst. Manchmal liegt es nur an der Diagnosstelle. Wenn du Anlaufstellen brauchst, melde dich mal. Ich habe einige Adressen parat. Alles Gute!

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    1. Eva Martin

      Das mit dem Aufklärungsbedarf unterschreibe ich voll und ganz.

      Es stimmt zwar, dass Leute auf dem Spektrum oft besonders offen sind für ungewöhnliche Ansichten, und meistens ist das ein Vorteil. Aber sie sind sie manchmal auch offen für die falschen Sachen, wo es unsinnig ist, sich auf Spekulationen einzulassen oder wo es nötig wäre, eine dezidierte Gegenposition einzunehmen. Umgekehrt sind manche Asperger auch vollauf damit beschäftigt, sich an Konventionen oder vermeintlichen Konventionen zu halten und haben nicht die Flexibilität im Umgang damit, die Neurotypische tendenziell haben.

      Ich glaube auch, dass Asperger tendenziell viel extremer projezieren als Nicht-Asperger. Das liegt an der fehlenden Fremd- und Selbstwahrnehmung bzw. am Hang, sich in Ängste reinzusteigern.

      Was das Sich-Aufregen allgemein angeht, da halte ich es mit Stephane Hessel und seinem „Empört euch.“: Die Leute regen sich insgesamt gesehen nicht zu viel auf, sondern zu wenig.

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  8. Pingback: Markierungen 06/10/2015 - Snippets

  9. kiki0104

    Ja… ich hasse das! Ständig muss man sein Kind erklären und die Leute überzeugen… da kommt man sich so dämlich vor. Ich sag dann meistens zum Schluss, wenns mir reicht: Mein Sohn hat nicht zum Spaß einen Schwerbehindertenausweis und Pflegestufe 1. Dann ist eigentlich immer Ruhe. 😉

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    1. denkmomente Autor

      Du hast vollkommen recht! Ich frage mich auch, warum sich eine betroffener Mensch immer rechtfertigen muss. Er muss es im Grunde nicht, er muss lernen, mit der Ablehnung gewisser Menschen zu leben und sich darüber hinwegsetzten. Aber das ist ziemlich schwer, wenn man sensibel ist. Warum die Ablehnung erfolgt, habe ich noch nicht herausgefunden. Aber das Leben „ohne“ gewisse Menschen kann sehr wohltuend sein. Das habe ich bereits herausgefunden.
      Deswegen gebe ich dir den Rat, den ich mir auch immer wieder geben muss: Erkläre nicht allem und jedem alles, sondern nur den Menschen, bei denen du das Gefühl hast, dass es sich lohnt!
      Liebe Grüße!

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  10. Küstennebel

    Autismus oder ADHS einem Neurotypischen Menschen zu erklären scheitert daran, das wir Begriffe benutzen müssen, die subjektiv mit Inhalten ausgestattet sind. Ausserhalb einer Fachsprache die gerade deshalb genau definierte Begriffe verwendet, ist es eben sehr schwer etwas zu schildern, das selbst Fachleute oft nicht richtig erkennen und sich schwer tun die gemäßigteren Fälle des Autismus-Spektrums zu erkennen und auch anzuerkennen als eine solche Störung. Oft wird ja nur narzistische Selbstüberhöhung und eine Entschuldigung für unangepasstes Sozialverhalten unterstellt.

    Leichter als langes erklären ist ein Merkzettel, ein kleiner Flyer in dem man alles reinpackt was einem wichtig erscheint. Da passt ne Menge drauf. Ein Beispiel findet sich hier

    Es ist auch wichtig die Symptome aufzulisten, man kann Fachbegriffe benutzen, sollte diese dann aber auch „eindeutschen“. Ist wohl besser als subjektive umgangssprachliche Begriffe, dann projizieren die Empfänger dieser Informationen nicht ihre neurotypischen Erfahrungsbilder hinein. Ausserdem wirken und sind Fachbegriffe mit der Autorität medizinischer Forschung und Tatsachen verbunden. Damit enden dann die Verständnissdefizite in sehr vielen Fällen und es wird einfacher beim sozialen Umgang miteinander.

    Die meisten Neurotypischen lehnen alles ab das fremd ist, weil sie sich über Zugehörigkeit definieren. Das hat erstmal nur indirekt mit Autisten zu tun. Die meisten Menschen meiden befremdliches oder wollen es assimilieren. Das ist nichts schlimmes, die NTs ticken halt so und wenn man das verstanden hat, fällt es leichter mit ihnen umzugehen und sie auf Distanz zu halten, oder auch mal mit ihnen abzuhängen. Auch das es eben gerade dieser Umstand ist, der auch das Wir-Gefühl und Zugehörigkeitsgefühl den NTs vermittlt. Das kann gut sein, wenn man liebevollen, geborgenen familiären Zusammenhalt nimmt oder schlecht sein, wenn man extremistische Gruppierungen nimmt.
    Menschen schließen sich in aller Regel zu Gemeinschaften zusammen, das gehört zum Menschen dazu, weil er ein Familienwesen ist und diese Prägung führt er fort in einer Gemeinschaftskultur, einem Erleben, das durch Empathie und geteilte Gefühle erlebt wird. Das kann sich auch eher negativ auswirken, wenn man die Parteilichkeit der Fussballvereinstrotteleien nimmt, da wird oft ein übertriebenes Pathos des Gemeinsinns ausgelebt um in der Gefühlswelt geradezu zu baden, finde ich penetrant abstoßend. Aber für manche ist es auch eine Ersatzhandlung, weil sie im Alltag zu wenig Gefühlsräume erleben können.

    Wie auch immer, es ist nicht einfach als Autist diese Dinge zu verstehen, wenn man ohne diese Bezüge aufgewachsen ist und ein Fremdkörper geblieben ist in dieser Welt und keine Basis für dieses Gemeinsamkeits-Ansinnen hat. Viele Autisten verspüren das abgrundtiefe Bedürfniss irgendwo hin zu gehören, andere fühlen das nicht so.

    Das muss jeder wohl selbst herausfinden es ist wohl nicht ohne Grund heute als eine Spektrumsstörung festgelegt worden.

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  11. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Juni 2015 | Phantásienreisen

  12. Trullafabrik

    Ja, das kenne ich als Mutter einer 10jährigen Asperger Autistin allerdings ziemlich gut. Höre ich öfter mal.

    Ich finde es übrigens auch ziemlich schwer zu erklären, was genau es ausmacht, denn es „schleift oft ziemlich dicht am Normalen vorbei“, die Grenzen sind irgendwie fließend. Aber – was ist schon „normal“?!?

    Ich versuche, mich nicht mehr darüber aufzuregen. Und habe null Hemmungen, auch sogenannten „Experten“ in Gestalt von Pädagogen zu widersprechen (denn die wissen es oft ja ziemlich genau besser). Witzigerweise isses oft das Argument mit dem lieben Geld, was dann zählt, wenn ich sage, wenn da gar nix wäre, warum sollte uns jemand seit mehreren Jahren einen kostspieligen Schulbegleiter (oä) „sponsoren“…

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  13. AG

    Genau so ist es. Wenn ich dann aber auch mal Positives darüber sage, nämlich nicht „Ich nehme zu viel wahr“, sondern „Ich nehme Dinge wahr, die bemerken andere gar nicht“ oder „Ich kann mir Straßenkarten mit wenigen Blicken so merken, daass ich später jeden Weg finde…“ heißt es: „Naja, viele Menschen haben ein fotografisches Gedächnis… das ist ja jetzt nicht so sonderlich autistisch…“ dann wird das auch runtergespielt. Auf der anderen Seit soll man sich halt zusammenreißen und anpassen, ist das alles „Nix Besonderes“ und „geht doch jedem mal so…“ Wenn ich aber drauf achte welche Leute so stereotyp daherreden, dann sind das meist flüchtige unerfreuliche Bekanntschaften, Kollegen – die mit einem anscheinend in Konkurrenz stehen – und ein paar wenige Familienmitglieder, die auch sonst eher durch Ignoranz im Leben hervorstechen. So richtig gute Freunde, coole und offene Überraschungsbegegnungen und eher positive Menschen reden NIE so daher!!!! 😉

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    1. denkmomente Autor

      Du hast vollkommen recht, positive Aussagen werden oft nicht mit Autismus gleichgesetzt. Ich glaube, es gibt kaum jemanden, dem es überzeugend gelingt, sich zu erklären, weil die Erklärung so vielfältig ist. Auch sehr kompliziert. Vielleicht sollten wir alle stumm zu Boden blicken und stereotypische Bewegungen machen. Das würde vielleicht anerkannt werden… 😀 Der Film „Rainman“ ist zweifellos ein toller film, aber er hat einen großen Schaden für alle hochfunktionalen Asperger-Autisten angerichtet!!

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      1. AG

        Mir fällt noch was ein! Also Schuldgefühle lasse ich mir deswegen keine (mehr) machen. Und Leute, die anderen Schuldgefühle einreden arbeiten mit Methoden emotionaler Erpressung. Darum mache ich lieber einen großen Bogen. Ich finde aber wichtig wirklich nie zu vergessen, dass es einige (!) Leute gibt, die richtig offen, positiv und gelassen mit dem Thema Autismus umgehen. Und – ohne betroffen zu sein – ganz differenzierte Ansichten dazu haben und sehr wertvolle Unterstützer sind. Ich wende mich eher philosophisch orientierten Menschen zu – egal ob Autist oder nicht – die aus einer tiefen inneren Überzeugung weniger schnell werten und den Widrigkeiten des Lebens und der Andersartigkeit ihres Gegenübers mit heiterer Gelassenheit begegnen. Ist nicht die Mehrheit, leider… aber in meiner näheren Umgebung hab ich zum Glück solche Menschen gefunden – oder sie mich. Die werden das hier sicher auch lesen und dann sollen sie wissen, dass ich echt happy bin, dass ich sie habe. 🙂

        Die Beratung einiger Leute geht auch oft in die Richtung: „Dann erzähls doch einfach keinem…geht doch keinen was an…..“ – Ja, auch eine Möglichkeit. Allerdings finde ich, dass Aufklärungsbedarf besteht, auch um für folgende Generationen ein Fundament zu bilden, dass ihnen alles leichter macht. Und dann die leise Hoffnung, dass jemand eben nicht sauer ist, wenn man doch nicht auf eine Party kommt oder doch lieber zuhause bleibt und erkennt, dass man dafür als Freund ganz andere Dinge zu bieten hat!!!! „Wir“ Autisten werten ja nicht, wenn jemand nicht so konform ist wie andere. „Komisches Ausssehen“, unmoderne Klamotten, seltsamer Humor: Find ich immer erst mal gut! – der Rest der Welt kichert eben lieber darüber. War mir immer ein Rätsel. Auch wie man sich aufregen kann, dass jemand einen untrendigen Gedanken vertritt, der vielleicht wirklich mal in Betracht zu ziehen wäre, anstatt gleich drüber zu lächeln oder es abzuwerten. Wenn es dann heißt: „Du musst Dich halt frei machen von der Bewertung anderer….“ dann muss ich wirklich lachen.

        Die, die sowas äußern, ahnen gar nicht wie „frei“ Autisten wirklich oft sind von der Bewertung anderer. Viel mehr als die, die vermeintlich überall reinpassen (wollen) und – das glaube ich – dadurch oft wider ihre Natur arbeiten. Ich will nicht gefallen, um jeden Preis. Aber es ist nun mal einfacher, wenn man richtig verstanden wird. Es erleichtert das Vorankommen auf beiden Seiten.
        Ich würde mich oft über einen Serienkiller nicht so aufregen, wie einige über Leute, die sie nicht kennen und in die sie einen Irrsinn hineinprojezieren, dass es der helle Wahnsinn ist.
        Ich denke inzwischen, diese ganzen Tendenz zu Entwertung des Gegenübers basiert auf einem: PROJEKTION!!!

        Tja. Allle meinen alles mögliche über Autismus zu wissen, bis sie wirklich einem Autisten begegnen….
        Und eins muss ich auch sagen: Wirklich verwunderlich ist es aber auch nicht, dass kaum einer Bescheid weiß, woher auch?

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  14. GW

    Hier noch etwas dazu: Wer DU wirklich bist, kannst nur Du wissen. Was andere in Dir sehen und wie sie dich bewerten, ist oft Projektion:

    Definition: Allgemeine Bezeichnung für das Abbilden bzw. Verlagern von Empfindungen, Gefühlen, Wünschen, Interessen (inneren Vorgängen) in die Außenwelt.

    In der Psychoanalyse versteht man unter P. einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerträgliche Gefühle und Wünsche einem anderen Menschen (oder Gegenstand) zugeschrieben werden. Beispiel: Eine verheiratete Frau fühlt sich von ihrem Schwager sexuell belästigt, obwohl dieser nichts mit ihr zu tun haben will. Dabei ist es vielmehr so, daß sie sich unbewußt in ihn verliebt hat (s. Unbewußtes), was sie aber nicht zulassen darf, denn sie ist ja verheiratet. Ihr eigener sexueller Wunsch wird auf den Schwager projiziert.

    P. findet z.B. auch dann statt, wenn eigene Abweichungen (s. Devianz) als normal erscheinen sollen. Hierbei werden gegensätzliche Wesenszüge des eigenen Selbst auf andere Personen projiziert. Beispiel: Ein sehr geiziger Mann beschimpft seine Frau als verschwendungssüchtig, obwohl sie es objektiv nicht ist (s. Objektivität).

    Im Alltag läßt sich P. häufig nicht von der sozialen Wahrnehmung oder Personenwahrnehmung unterscheiden. Beispiel: Eine andere Person wird als sehr lustig oder sehr depressiv wahrgenommen (s. Depression), nur weil der Beobachter selbst in einer entsprechenden gefühlsmässigen Verfassung ist und diese Gefühle auf die andere Person projiziert.

    Quelle: Uni Hamburg

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