Archiv für den Monat Oktober 2016

Anstrengende Blicke

Es strengt mich grundsätzlich an, andere Menschen anzusehen. Nicht das Hinsehen, sondern das Hinsehen und zugleich das Zuhören, wenn der andere etwas sagt. Dann kommt nur die Hälfte bei mir an, weil ich mich so darauf konzentriere, den anderen anzuschauen. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, Menschen anzuschauen und falle deswegen kaum noch auf.

Dieses Problem kennen NTs nicht und können das Gefühl sicherlich nicht nachvollziehen. In meinem Gehirn ist die Zusammenarbeit von Anschauen und Zuhören/Verstehen irgendwie schlecht geschaltet. Schaue ich den anderen nicht an, kann ich ihn viel besser verstehen.

Doch es existiert noch eine andere Form von „anstrengenden Blicken“ bei mir. Autisten kennen das bestimmt, denn ich weiß von einigen, dass sie die gleiche oder ähnliche Angewohnheit haben.
Aufgrund dessen dass ich ein akribischer Detailseher bin, hat bei mir vor einigen Jahren eine „Macke“ angefangen, die ich einfach nicht abstellen kann. Ich lese jedes Autonummernschild, was ich um mich herum erblicke und verbinde die Buchstaben mit gedanklichen Wortspielen. Das ist beim Autofahren sehr anstrengend, weil es einen Teil meiner Aufmerksamkeit fesselt. Noch schlimmer wird es, wenn ich durch Großstädte gehe und ununterbrochen Nummernschilder sehe. Ich kann einfach nicht wegsehen und diese „Macke“ abstellen.

Nun, jetzt lebe ich in Großbritannien und aufgrund der für mich ungewohnten Nummernschilder hörte diese Macke plötzlich auf. Das hat mich sehr erleichtert und mir den Alltag stressfreier gemacht.
Dafür begann sich plötzlich eine neue Macke zu melden: Ich gehe viel an der Küste spazieren, wo Unmengen von Steine liegen und nahm schnell wahr, dass viele Steine eine Herzform haben. Damit begann ein neues „Spiel“ für meine Augen. Überall versuche ich zwischen unzähligen Steinen die Herzsteine herauszufiltern. Das ist sehr anstrengend und ich kann mich nur unter großer Mühe davon abbringen, um Wanderungen und Spaziergänge erholsam zu machen.

Schlimm wird es, wenn ich auf gepflasterten Steine gehe. Auch die zähle ich mit Vorliebe bis zum Ziel. So wusste ich immer, dass ich 258 Steine gehen musste, um nach EDEKA zu gelangen. 13 Steine weiter war die Apotheke…

Meine Blicke suchen immer irgendetwas. Ich kann kaum entspannt herumlaufen, ohne Details zu finden, die andere nicht bemerken oder etwas abzuzählen. Das bemerkt natürlich niemand, weil sich alles in meinem Kopf abspielt. Wenn mein Gehirn sichtbar wäre, sähe es oft wie eine Explosion aus.
Und doch habe ich festgestellt, dass es sich in dem Nationalpark Exmoor für mich um vieles leichter leben lässt, weil die Reize sich merklich reduziert haben. Hier finde ich kaum Pflastersteine, die ich zählen muss.  Doch gewisse Macken werde ich wohl nie los. Ich habe aus Zitronen mal wieder Limonade gemacht und sammel jetzt einfach Herzsteine, die ich an Freunde, Familie und meine Leser verschenke. So habe ich diesen Tick zu einem Zeichen von Verbundenheit zu den anderen Menschen gemacht.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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