Archiv für den Monat Februar 2016

Welche Gefahren birgt hochfunktionaler Autismus?

Viele denken, dass das Asperger Syndrom in Zusammenhang mit hochfunktionalem Autismus doch eine wunderbare Variante ist, sich der Welt trotz Autismus‘ anzupassen.
Ist es das wirklich?

Nein, finde ich nicht. Ich halte diese Variante als eine der schwersten, wenn nicht sogar „gefährlichsten“ im Rahmen der Autismus Spektrum Störung, weil sie unsichtbar ist und somit oft von Betroffenen, der Gesellschaft und Ärzten nicht einmal wahrgenommen wird. Na, das ist doch wunderbar, würden jetzt viele sagen. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ Wo liegt das Problem?

Nun, ich als weibliche Betroffene würde es so formulieren:

Mein ganzes Leben fühlt sich wie eine riesige Erschöpfung an. Ich fühlte mich Jahrzehnte lang nicht authentisch und dadurch ständig gestresst, auch wenn eine augenscheinliche Ruhe um mich stattfand und das Leben doch wunderbar lief. Aber nein, es lief nur nach außen wunderbar. Ständig waren meine Gedanken schon wieder bei einer Sache, die ich in Zukunft bewältigen musste oder bei einer Situation, die mich unlängst verunsichert hatte. Ganz zu schweigen von der Angst, dem Leben und der Gesellschaft nicht gerecht zu werden. Ja, meinen Zielen, meinem perfektionistischen Denken, meinen Regeln und meiner Ordnung nicht gerecht zu werden.

Das Leben fällt für mich sehr oft aus dem Rahmen. Die Gesellschaft bringt ständig meine Ordnung und meine Regeln durcheinander. Planungen werden gekippt und ich benötige Stunden oder Tage, um neue Planungen in meinem Kopf zu konstruieren. Das ist sehr energieraubend. Das Abwehrsystem des Körpers ist derzeit ganz mit der Abwehr von Stress und Erschöpfung beschäftigt. Er hat keine Zeit, Krankheiten abzuwehren oder sich gar zu erholen. Er befindet sich im Dauereinsatz mit seinen „Löschkräften“, aber er bekommt den Brand im Gehirn nicht gelöscht. Dieser Dauerzustand führt zu einer immer tieferen Erschöpfung, bis sich erste ernst zunehmende Anzeichen wie Schlaflosigkeit, Depressionen oder bipolare Störungen zeigen. Dazu können auch Zwangsneurosen gehören. Doch was ist mit den körperlichen Erkrankungen, oder den Autoimmunerkrankungen?
Der Körper ist nicht mehr in der Lage, diesen Krankheiten zu trotzen und bricht irgendwann zusammen. Es folgen schwere Erkrankungen und /oder ein Burn-out und der wahre Autismus wird sichtbar!

Autismus lässt sich nicht durch Anpassung heilen! Auch nicht durch bloßes Bemühen, sich anzupassen. Er lässt sich höchstens kaschieren. Die Gefahr dabei ist, dass der betroffene Mensch seine Probleme oft nicht zeigen kann. Im Gegenteil, er bemüht sich immer mehr, nicht aufzufallen. Er nähert sich einer Gefahr, die auch tödlich enden kann!
Immer wieder landen hochfunktionale Asperger-Autisten in Psychiatrien oder nehmen sich schlimmstenfalls das Leben!
Warum?

Sie haben keine Hilfe gefunden, weil sie aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit bei Ärzten abgewiesen wurden. Dabei besteht das größte Problem darin, sich nicht angemessen mitteilen zu können. Ich z.B. habe gelernt, mich anders zu geben, als ich wirklich bin. Das Verhalten hat sich derart verselbstständigt, dass ich in Gegenwart anderer kaum noch mein wahres Ich abrufen kann, was mich sehr erschöpft. Und es macht mich oft sehr unglücklich.

Dieses antrainierte Verhalten wird bei Fachgesprächen oder Diagnoseverfahren vielmals unterschätzt, wie ich immer wieder durch Emails oder Nachrichten von zahllosen betroffenen Frauen erfahre.
Viele hochfunktionale Autisten könnten Fragen auf schriftlichem Wege besser beantworten, als durch das direkte Gespräch. Sie erhalten ausreichend Zeit zu antworten und erleiden nicht die Probleme der spontanen sozialen Interaktion. Schnelles und angemessenes Reagieren auf soziale fremde Situationen fällt ihnen schwer. Das ist doch so bekannt und wird doch nicht bei wichtigen Gesprächen berücksichtigt! Also greifen Betroffene auf die Anpassungsfähigkeit zurück und geben Antworten, die nicht zutreffen, weil sie derart verunsichert sind und nur noch der Situation entkommen möchten.

„Je geringer die Hochfunktionalität ist, desto geringer wird das Problem des körperlichen Zusammenbruchs.“ Das las ich kürzlich in einer Zeitung. Stimmt das? Dieser Asperger-Autist kann seine wahre Identität viel besser zeigen, leben und durchsetzten, benötigt dafür aber viel mehr Hilfe von außen. Und genau an dieser Stelle beginnt eine große Unterversorgung, was die ärztliche Hilfe bei hochfunktionalem Autismus betrifft. Je besser ich den Autismus zeigen kann, desto eher bekomme ich Hilfe.
Ich möchte hiermit keinesfalls etwas abwerten oder schönreden, denn jeder Betroffene ist in seiner Art ernst zunehmen…, nein, ich möchte etwas anderes damit verdeutlichen und damit einen Apell an Ärzte und Fachpersonal richten:

Wenn sich Menschen bei euch melden, die gerne in einem Diagnose-Verfahren wegen Hochfunktionalität im Rahmen der Autismus Spektrum Störung aufgenommen werden möchten, dann begegnet ihnen nicht nach Euren Kriterien, sondern lasst sie zuvor eine Liste erstellen, welche Anzeichen ihrer Meinung nach darauf hinwiesen. Schaut euch diese Liste an und besprecht genau diese Dinge mit den Menschen. Nur so könnt Ihr den Autismus in dessen Reichweite erfassen. Dieser Mensch schaut euch nämlich oft in die Augen, wirkt sortiert und zeigt keine stereotypischen Bewegungen. Ja, er hat sogar Mimik im Gesicht und kann euch in einem augenscheinlichen offenen Gespräch begegnen. Aber schaut doch mal hinter diese Fassade. Es ist doch nur die Hochfunktionalität, die euch blendet…

Meistens sind Frauen davon betroffen, weil sie das Asperger Syndrom anders zeigen.

Wenn Ärzte sich in diese Richtung mit Autismus befassen, werden sie sämtliche Kriterien hinter dieser Fassade oder Maske finden, denn kein Mensch, der am Ende seiner Kraft ist, geht auf die Pirsch nach einer „Mode-Diagnose“. Es ist das Unwort für jeden hochfunktionalen Asperger-Autisten und stigmatisiert ihn. Das verschlechtert seinen Zustand erheblich. Es ist oft typisch, dass sich diese Menschen niemals zuvor Hilfe gesucht haben, weil ihre Hochfunktionalität genau darin besteht, das NICHT zu tun, eben alles alleine zu schaffen.

Ich bin auch davon überzeugt, dass sich im Laufe eines Gesprächs, was der hochfunktionale Autist bestimmt, den Fachärzten deutlich zeigt, wenn es sich um eine andere Störung oder psychische Erkrankung/Belastung handelt.

Liebe Ärzte, ich bitte euch, lasst es doch einfach mal darauf ankommen…

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Umzug – wenn die Welt wieder zusammenbricht!

Struktur und Organisation sind die wichtigsten Bestandteile in meinem Leben. Pläne und Abläufe im Voraus zu beherrschen geben mir Sicherheit. Wenn ich auch manchmal überstürzte Entscheidungen treffe, weil sie mich nerven oder ich zu impulsiv bin, so sind große Entscheidungen bei mir doch arg durchdacht. Ich brauche oft sehr lange, bis ich sie treffen kann. Muss mich erst an sie gewöhnen, bis sie mir eine Art Sicherheit geben. Dann setzte ich sie um.

Nun ist es wieder soweit. Ich ziehe um! Menschen, die mich kennen, sind manchmal erstaunt, wie oft ich umziehe. Das passt doch gar nicht zu einem Menschen, der von Autismus betroffen ist. Doch wer hinter diese Entscheidungen schaut, wird sie verstehen. Da gab es einen betrügerischen Vermieter, der Jahresabrechnungen fälschte und seine hauseigene Sauna damit finanzierte (pfui Teufel!), und Familienzuwachs, so dass die Wohnung größer werden musste. Dann noch Arbeitslosigkeit, weswegen der Wohnort gewechselt werden musste. Also alles ganz normale Vorfälle. Diesmal ist es der Eigenbedarf des Hauses, der vom Vermieter angemeldet wurde. Ein neuer Umzug ist angesagt.

Für mich bricht jedesmal eine Welt zusammen, doch ich zeige es nicht. Ich versuche, mich den Herausforderungen so gut wie möglich zu stellen und Menschen von außen könnten nie den Eindruck gewinnen, dass ich ein Problem damit habe, denn ich bin ein Meister im Kaschieren und Probleme lösen. Habe oft innerhalb kurzer Zeit schon eine Idee parat, die ich in Angriff nehme. Es hat damit zu tun, dass ich nicht lange mit ungelösten Fällen leben kann. Sie bringen alles in mir durcheinander. Es muss so schnell wie möglich eine neue Struktur her, an die ich mich halten kann.

Problematisch wird es, wenn viele Menschen an der Organisation eines Umzuges beteiligt sind. Jeder hat seine Ansichten und seine Ordnung. Und das ist das größte Problem für mich, denn ich bin nicht in der Lage, ständig meine Ordnung umzuwerfen. Am liebsten möchte ich den Umzug ganz alleine organisieren, damit alles so läuft, wie ich es mir vorstelle. Gleichzeitig überfordere ich mich damit. Ein Teufelskreis. Diesmal kommt hinzu, dass zu meiner Umzugsplanung noch Pläne des Vermieters hinzukommen. Er will direkt nach unserem Umzug das Haus sanieren lassen, so dass mehrmals in der Woche Handwerker ein- und ausgehen, die begutachten und Angebote schreiben wollen. Baumaterialien werden zusätzlich in unserem Keller eingelagert. Ich versuche dem Vermieter mitzuteilen, dass es mich arg stresst, weil ich dadurch mit meinem eigenen Umzug nicht klarkomme. Ich fühle mich in die Enge getrieben und rausgeschmissen, obwohl ich noch viele Wochen in diesem Haus leben muss. Ich weiß aber auch, dass ich in viele komplizierte Interaktionen eingebunden werde, wenn ich mich gegen alles wehre. Also gebe ich nach und halte meinen Mund. Viele sagen: selbst Schuld. Ja, ich bin mal wieder selbst Schuld, weil ich nicht in der Lage bin, komplizierten Gesprächen standzuhalten? Das ist doch mein Problem!

Dies sind Momente, in denen ich wieder einmal völlig isoliert und unverstanden dastehe. Wieso, wird gefragt, ist doch alles bestens organisiert…. Wo ist das Problem?
Das Problem besteh darin, dass es nicht zu „meiner“ Organisation passt. Jeden Tag kommen neue Termine hinzu. Die Hölle für mich!

Das sind Punkte, an denen sich Menschen mit und ohne Autismus stark unterscheiden. Der ständige Wechsel von Abläufen ist für mich eine unerträgliche Situation und ich verharre in einem Zustand starker Verspannung. Spüre jeden Tag große Hitzewellen in mir aufsteigen und meine Freundlichkeit ist auch dahin. Alle sagen: „Es ist doch für alle schwer.“ Sicher. Aber dass es für mich um so vieles schwerer ist, das auszuhalten, stößt auch jetzt wieder auf wenig Verständnis.

Was bleibt mir? Auf den Tag zu warten, bis alles vorbei ist. Ich werde Wochen, wenn nicht sogar Monate brauchen, um wieder runterzukommen und in einen geregelten Alltag zu finden.
Das Bittere an der Sache ist, dass ich jedem so gut wie möglich zu helfen versuche. Doch wer hilft mir? Autismus misst sich am Mangel an Emapthie, wird gesagt. An dieser Stelle frage ich mich, ob es dem Autist oder dem NT an Empathie mangelt?

Bin wieder allein in meiner Welt in einen Raum gesperrt, hinter dem Fenster und schließe es für eine ganze Weile. Ich verstumme.
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Als Aspergerin beruflich erfolgreich – geht das?

Ich bin extrovertiert und war schon immer ein Mensch, der gerne die Leitung übernimmt, aber das brachte mir als Aspergerin auch viele Probleme ein. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerne nach eigenem Maßstab die Übersicht einer Sache behalten möchte. Meine Ansichten von Perfektion und Einsatz weichen oft von denen der NTs ab. Da bleibt eine Konfrontation nicht aus. Ich bin stets daran interessiert, miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten. Schon das alleine funktioniert nur in den seltensten Fällen. Konkurrenzdenken ist mir fremd. Ich neige aber dazu, stark auf Unfairness zu reagieren, was von vielen NTs als Neid oder Eifersucht gedeutet wird. Deswegen legte ich immer viel Wert darauf, entweder eine Gruppe zu leiten oder für mich allein zu arbeiten, obwohl ich ein großer Teamplayer bin. Aber, wie gesagt, ich kann meine Ansichten von Fairness und Perfektion nicht den NTs anpassen. Mir fehlt dazu die Gelassenheit oder auch Ignoranz. Es passt nicht in mein Systemdenken.

Bei mir hat es lange gedauert, bis ich den richtigen Beruf endlich ergriff. Habe eine Ausbildung als Erzieherin gemacht, in deren Berufssparte ich nie wirklich arbeiten wollte und schlug mich fast 25 Jahre mit Jobs herum, die ich immer wieder kündigen musste. Ich stieß an meine Grenzen oder mit Mitarbeitern zusammen, die mobbten. Alle 4 Jahre eine neue Arbeit, bis ich mich entschied, als freiberufliche Autorin zu arbeiten, weil mir das Schreiben schon von Kindheit an lag. Ich habe nichts in dieser Richtung studiert und startete mit vielen Rückschlägen. Zunächst wollte niemand meine Bücher lesen, weil nicht nur die Themen eigenartig waren, sondern auch der Schreibstil, den ich anwandte. Ich konnte anfangs keine Lektorin bezahlen und es hagelte viele schlechte Rezensionen. Doch Kritik kann auch sehr anregend auf mir wirken. Ich ging den konstruktiven Kritiken nach und verbesserte Stück für Stück meine Arbeit, bis ich die ersten Leser fand, die sich positiv meldeten. Das ermutigte mich enorm, so dass ich bei dieser Arbeit blieb. Es stellte sich plötzlich Erfolg ein.

Niemand macht mir jetzt Vorschriften oder bestimmt meine Arbeitsweise oder Arbeitszeiten. Inzwischen arbeitet auch eine Lektorin für mich.
Manchmal arbeite ich nachts, manchmal erst ab 11 Uhr morgens, je nach Kondition. An manchen Tagen kann ich gar nicht arbeiten. Das ist in normalen Jobs natürlich nicht möglich. Dafür arbeite ich an anderen Tagen 14-16 Stunden am Stück.
Ich benötige allerdings immer wieder Hilfe bei behördlichen Dingen. Das löst großen Stress in mir aus, da ich ständig dazu neige, es zu vermeiden. Das geht bei einer Freiberuflichkeit natürlich nicht. Aber ich habe gelernt zu delegieren und jemanden gefunden, der behördliche und auch technische Dinge für mich übernimmt. Das funktioniert gut.

Ich weiß, dass nicht jeder vom Asperger Syndrom betroffene Mensch so ein Glück hat, aber ich stelle immer wieder bemerkenswerte Fähigkeiten bei anderen fest. Das Internet ist für meine Arbeit eine ganz besondere Plattform, die mich nicht stresst. Vielleicht kann ich den einen oder anderen dazu anregen, darüber nachzudenken.

Es macht mich oft traurig, wenn ich lese, dass fast 80% von Autismus betroffene Menschen arbeitslos sind, weil ich weiß, dass viele sehr tüchtig und zielstrebig sind, wenn sie sich für etwas interessieren. Und ich freue mich, dass sich der Arbeitsmarkt für uns immer mehr öffnet.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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