Archiv der Kategorie: Asperger und Liebe

Einspruch gegen Fehldiagnose

Nach langen Überlegungen möchte ich Teile meines Einspruchs gegen eine Fehldiagnose von mir veröffentlichen, weil ich denke, dass es einigen Mut machen könnte, sich zu wehren. Vor allen Dingen dann, wenn Diagnosegespräche sehr „schief“ verlaufen, sage ich mal salopp. Schaut doch mal, was ich geschrieben habe…

Hiermit möchte ich Einspruch gegen die Diagnose „Kein Anhalt für ein Asperger Syndrom“ einlegen. Frau Dr. X hatte vier Termine zu jeweils einer Stunde dafür eingeräumt.
Begründung:
1. In der Beschreibung der Anamnese sind erheblich inhaltliche Fehler aufgeführt

  1. In der Störungsspezifischen Eigenanamnese sind erhebliche inhaltliche Fehler aufgeführt
  2. In der Familienanamnese fehlt eine wichtige Erläuterung
    4. In der Biografie sind erhebliche inhaltliche Fehler aufgeführt
    5. Fehlendes Gespräch mit Angehörigen (wurde von Dr. X nicht gefordert, bzw. als
    nicht nötig befunden)Zu näheren Erläuterung:

    Punkt 1

    Ich habe nach Gesprächen mit der Autismus-Ambulanz Wuppertal und der Leitung der SHG Düsseldorf und Wuppertal die Zusage bekommen, trotz nicht vorhandener Diagnose zu einem Treffen kommen zu dürfen. Dort haben sich in der Gesprächsrunde schnell Übereinstimmungen mit diagnostizierten Teilnehmern gezeigt, so dass ich zu den Gruppen zugelassen wurde. Das Problem mit Diagnosen bei Frauen im fortgeschrittenen Alter sei dort allgemein bekannt und wird oft diskutiert.

    Ich habe nicht gesagt, dass ich nie das Gefühl habe, dass mein Leben nicht schön sei, sondern dass mein Leben sich sehr anstrengend anfühlt und ich oft aus unerklärlichen Gründen erschöpft bin. Auch dazu neige, bei Überforderung in eine Verstummung oder Erstarrung zu fallen. Das habe ich von Kindheit an.

Feiern oder Treffen mit vielen Menschen erschöpfen mich sehr. Immer wieder falle ich durch unangemessene Beiträge auf (dann befinde ich mich noch im eben besprochenen Thema und konnte dem Wechsel nicht folgen) oder werde sogar ausgelacht, weil ich vieles falsch verstehe. Das macht mich später sehr aggressiv und mich plagt ein schlechtes Gewissen oder sogar Schuldgefühle. Das teilte ich im Gespräch mit und wurde nicht wahrgenommen.

Meine berufliche Situation ist völlig falsch dargestellt worden.
Ich konnte nach meiner Lehre als Erzieherin nicht in einem Kindergarten arbeiten, weil ich mit den vielen Menschen, Geräuschen und Situationen nicht klarkam. Ich wurde dort gemoppt, weil ich vieles falsch verstand. Ich fühlte mich jedoch immer zu „auffälligen“ Kindern hingezogen – Einzelgänger oder mit auffälligen Verhaltensweisen. Zu diesen Kinder bekam ich guten Kontakt, so dass ich mich schnell auf sie konzentrierte und den Überblick über die Gruppe verlor. Das hatte eine Kündigung zur Folge. Zu der Leitung von Gruppen folgt später noch eine Darstellung.

In meinen Tagebüchern aus meiner Jungend berichte ich immer wieder über meine Außenseiterposition. Dass ich nicht in die Welt meiner Mitschüler hineinfand. (Typischer, sich immer wiederholender Satz: Ich bin nicht von dieser Welt) Ich konnte keine Empathie für sie entwickeln, zog mich immer schon in mein Zimmer zurück, schrieb viele Geschichten und kam merkwürdigen Interessen nach, die niemand interessierten. Ich hatte in meiner Kindheit und Jugend keine Freunde im üblichen Sinne und empfand nur meinen Wellensittich als einzigen Freund. Ich konnte mich als Kind sehr gut mit mir selbst beschäftigen, was meinen Eltern immer gut gefiel.

Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass ich nie mit Nachdruck meine Meinungen durchsetzen wollte und konnte (und schon gar nicht bei Eltern)  und die Betitelung „extrem“  aus dem Zusammenhang gerissen wurde, weil ich Dr. X zwischendurch mitteilte, dass ich unter einem Schwarz/Weiß-Denken leide.  Doch das erwähnte ich in einem anderen Zusammenhang.

Punkt 2

Blicksteuerung: Ich wurde nicht in meiner Kindheit zum Blickkontakt aufgefordert, sondern später von meiner Psychologielehrerin in der sozialpädagogischen Fachschule, weil ich Erzieherin lernte und der Blickkontakt ein unerlässlicher Kommunikationsfaktor ist. Die Lehrerin übte dieses Verhalten mit mir über mehrere Wochen. Allerdings kann ich mich bei einem Gespräch nicht gut konzentrieren, wenn ich den anderen ansehe, weil ich ständig auf die veränderte Mimik achte, die mich ablenkt. Das macht mich nervös und dadurch entgeht mit oft 50% des Gesprächsstoffs.

Ich habe mitgeteilt, dass ich nach einem Umzug meine direkten Nachbarn viele Wochen nicht erkennen konnte, obwohl ich sie öfter sah. Sie kamen mir immer wieder wie Fremde vor und erst nach ca. 2 Monaten prägten sich die Gesichter bei mir ein. Das ergeht mir häufig so. Selbst nach 7 Jahren in einer Reihenhaussiedlung erkenne ich nicht alle Nachbarn, sondern nur die engsten. Alle anderen erscheinen mir fremd, obwohl ich sie hin und wieder sehe.

Soziale Einbindung, soziale Bedürfnisse
: Viele Menschen suchen meinen Kontakt, weil ich ihnen sehr interessant erscheine. Ich weiß aber nicht warum. Man teilte mir öfters mit, dass ich als „unnahbar“ erscheine und das viele neugierig macht. Dadurch habe ich viele sogenannte „Bekannte“. Ich habe keine „festen Freunde oder eine Freundin“.  Ich helfe gerne, kann meine Grenzen aber oft nicht finden und werde viel ausgenutzt. Solange, bis ich zusammenbreche. Deswegen musste ich nach 4 Jahren einmal meine Arbeit bei einer ambulanten Sozialstation aufgeben.

Ich ging als Jugendliche in keine Disco im üblichen Sinne. Ich fand durch Zufall eine Nachbarin, die mit mir in eine Rock-Disco fuhr. Ich mochte dort die extrem laute Heavy Metall Musik, die mich sehr beruhigte. Und außerdem kam dadurch kein fremder Kontakt zustande, was mir sehr angenehm war. Ich bin zwar sehr geräuschempfindlich (kann mich bei Geräuschen nicht konzentrieren) , aber gefällt mir die Musik, kann ich sie extrem laut hören. Ich mag überhaupt keine Feiern, Partys oder Diskotheken sonst und mied/meide sie wo immer es mir möglich war/ist. Zudem höre ich stereotypisch Musik, immer die gleiche CD. (Ich esse auch stereotypisch, ändere selten meinen Speiseplan)

Sprachpragmatik, interaktionelle Fantasie: Ich habe sehr starke Routinen und Rituale, gerade was den morgendlichen Ablauf betrifft. Ich werde sehr aggressiv, wenn man ihn unangemeldet durcheinanderbringt. Ich sagte, das ich keine Probleme habe, wenn sich der Ablauf „geplant“ verändert.  Ich arbeite freiberuflich als Autorin und wenn sich meine Aufgabengebiete verändern, dann kann ich auch meine morgendlichen Rituale verändern.
Ich werde allerdings sehr ungehalten, wenn jemand meine Abläufe ungeplant durcheinanderbringt, z.B. der Einkauf dauert länger als geplant, oder der Besuch bleibt länger als angekündigt, oder ich werde im Garten durch Nachbarn bei der Arbeit aufgehalten, die ich zeitlich exakt eingeplant habe.
Ich lebe sehr stereotypisch, allerdings verschiebe ich gerne Möbel, weil ich, je nach Jahreszeit, immer die optimale Möbelstellung suche. Das hat mit dem Blick aus dem Fenster oder mit der Heizung zu tun. Meine Bedürfnisse verändern sich diesbezüglich. Im Sommer kann ich nicht durch ein sonnendurchflutetes Fenster sehen und stelle das Sofa vor die Heizung, im Winter mache ich es umgedreht. Wärme ist mir ganz wichtig, da ich ständig friere, und das Licht in meiner Wohnung ist stets gelb (farbige Glühbirnen, Lampen, Gardinen), weil ich kein weißes Licht vertragen kann.

Ich habe sehr wohl Sonderinteressen, nämlich die Psychologie und das Schreiben. Ich schreibe Psychothriller.

Punkt  3
Den Punkt möchte ich gerne näher erläutert wissen.
Meine Mutter hatte zwei Suizidversuche verübt und suizidierte sich in der offen Psychosomatik der Klinik Galkhausen. Die Ärzte dort wussten nicht, weshalb sie an Depressionen litt. Ihr Vater war durch sein merkwürdiges Wesen oft auffällig und suizidierte sich in der geschlossenen Klinik Grafenberg.

Punkt 4

Mein Vater hatte sich von meiner Mutter getrennt, weil er mit ihrem Wesen nicht mehr klar kam. Er beklagte, dass sie nicht über ihre Probleme reden könnte und sich oft verstummt im Schlafzimmer zurückgezogen hatte. Sie hat sich nie als Mutter an Aktionen in der Schule mit anderen Müttern beteiligt und nie Kontakt zu Nachbarn gesucht oder aufgebaut. Sie hatte keine Freundin oder Bekannte, mit der sie sich traf oder austauschte. Sie hatte nur Kontakt zu ihrem Bruder und dessen Frau. Sie wollte jedoch nie auffallen und war stets um Anpassung in dem Bereich bemüht, der ihr möglich war.
Das war der Grund, weshalb mein Vater sich nach eigenen Aussagen eine neue Lebenspartnerin nach 18 Ehejahren suchte.

Ich bin drei Jahre sehr gerne in die Grundschule gegangen und habe bis zu diesem Zeitpunkt immer gerne gelernt. Das endete durch einen Vorfall Anfang der vierten Klasse: Mein Lehrer schlug mir einmal unfairerweise auf den Kopf, weil ich meine Mitschülerin, die bei einer Zweierreihenaufstellung neben mir stand, aufforderte, endlich still zu sein. Ich empfand den Schlag als ungerecht und wahrscheinlich stärker, als er war und konnte fortan nicht mehr von diesem Lehrer lernen. Mein Abschlusszeugnis wurde so schlecht, dass ich mein Ziel, das Gymnasium zu erreichen, verfehlte. Das machte mich sehr wütend. Der Lehrer sagte, ich könne nicht gut lernen und könne höchstens zur Realschule. Ich ging ungern hin. Dort fassten mich zwei Lehrer immer wieder ungefragt an. Einer fasste mich im Sommer immer an den nackten Schultern an, schüttelte mich und fragte: Was ist nur mit dir los? Und eine Lehrerin kniff mir immer in der Hals und demütigte mich wegen meinen merkwürdigen Geschichten, die ich schrieb, ständig vor der ganzen Klasse. Ich teilte meinen Eltern mit, dass meine Lehrer mich anfassten und mich vor anderen lächerlich machten, doch sie reagierten nicht. Daraufhin verlor ich weitgehend das Vertrauen in meine Eltern.
Ich konnte auf der Realschule nicht mehr lernen, schrieb nur noch fünfen und sechsen und wurde auf die Hauptschule abgestuft. Dort wurde ich Klassenbeste. Es fasste mich niemand mehr an und ich konnte den Realschulabschluss machen, indem ich mich für die 10. Klasse qualifizierte. Ich wollte immer Journalismus studieren, was ich nicht mehr schaffte. Ich lernte widerwillig den Beruf der Erzieherin, weil meine Eltern das wollten. Danach war ich so wütend über meine misslungene Zukunft, dass ich in die USA reiste, um eine Aupairstelle in Kalifornien anzutreten. (Die USA war von meinem 10. Lebensjahr an mein Spezialthema) In dieser Zeit wurde meine Mutter depressiv, was ich kaum aushielt. Ich wollte mich in Hollywood wegen einer Arbeit als Drehbuchautorin umschauen. Ich schrieb als Jugendliche Tag und Nacht Krimis und Geschichten.

Ich habe nie einen Kindergarten geleitet, sondern nur 4 Monate eine Kiga-Gruppe. Verlor aber die Stelle, weil ich den Überblick verlor und gemobbt wurde (siehe Kommentar am Anfang).
Ich habe danach 4 Jahre lang über das kath. Bildungswerk Mettmann Kleinkindergruppen mit Eltern geleitet. Das konnte ich überblicken. Und dort fielen mir hin und wieder einige Kinder auf, die besondere Begabungen oder Verhaltensweisen zeigten, so dass ich die Eltern um Abklärung bat und ihnen Anlaufstellen gab. Das entsprach aus meiner Sicht auch der Aufgabe einer Erzieherin. Leider kamen die Eltern meinem Rat nicht nach, so dass ich erlebte, wie diese Kinder immer auffälliger wurden(sich die Haut aufkratzten, andere schlugen oder generell nicht in die Aufmerksamkeit der Gruppe fanden. Später traf ich zwei von den Mütter, die mir in Nachhinein mitteilten, dass sich eine Hochbegabung bei ihren Kindern zeigte. Ein Kind musste sogar einige Zeit in einer Psychiatrie verbringen. Das bewies, dass ich nicht falsch lag). Das machte mich innerlich wütend, aber ich zeigte es nicht, blieb stets freundlich. Ich habe aus diesem Grunde die Gruppe nicht verlassen, sondern weil ich unabhängiger arbeiten wollte. Die Auflagen des Bildungswerkes wurden mir zu kompliziert. (Es wurden zu viele Berichte, Ablaufdokumentationen und Reflexionen verlangt, die mich überforderten.)

Danach eröffnete ich freiberuflich eine Kleinkindergruppe von 10 Kindern ohne Eltern in der Gemeinde St. Josef in Langenfeld, die sehr erfolgreich lief. Diese kleine Gruppe überblickte ich noch besser. Sie war sehr beliebt und hatte eine lange Anmeldeliste. Allerdings gab ich die Arbeit auf, als ich einen Konflikt mit meiner Kollegin (Thema Rauchen auf der Toilette mit den Kindern) nicht in der Griff bekam und keine neue Mitarbeiterin fand. Ich musste die Gruppe schließen. Ich arbeite sehr zielgerichtet und erfolgsorientiert und konnte in der Gruppe meine Ziele nicht mehr erreichen.

Punkt 5
Auf meine Frage, ob Frau Dr. X nicht mit Angehörigen sprechen möchte (Mein Mann war sogar zweimal deswegen mitgekommen), reagierte sie ablehnend. Es sei nicht nötig.
Mein Bruder, meine Söhne und auch mein Mann hätten zu der Diagnose aus meiner Sicht beitragen müssen. Mein Vater (77) möchte sich nicht mehr damit auseinandersetzten und ist nach 4 Schlaganfällen nicht mehr belastbar. Aber er teilte mir mit, dass ich erst mit 2-3 Jahren gesprochen habe. Das wäre sehr auffällig gewesen. Auch, dass ich immer sehr gerne und viel geschaukelt habe,  mich von allem und jedem zurückgezogen habe und oft schlecht gelaunt reagierte, wenn man mich aus meinem Zimmer vom Schreiben wegholen wollte.

Ich leide an keinerlei struktureller Störung, denn mein Tag ist stark durchstrukturiert. Ich litt kurzzeitig daran, als ich die Mutterrolle verlor (vor 2 Jahren), habe aber inzwischen meine Alltagsstruktur wieder hergestellt.

Frau Dr. X meinte, es wäre unüblich, dass ich so oft meinen Wohnort wechsle. Das stimmt so nicht, denn ich wechselte nicht oft. Ich bin lediglich einmal mit meiner Familie nach Kanada gezogen, weil ich immer dort leben wollte. Dort brach ich aber vollkommen zusammen, weil ich mit der Großstadt Calgary und dem vielen Fremden nicht zurechtkam und reiste wieder zurück in meine Heimatstadt, in der ich seit 8 Jahren wieder lebe.

Abschließend:
Aufgrund dieser Korrekturen stelle ich die Diagnose „Kein Anhalt für ein Asperger Syndrom“ in Frage. Und es gibt noch viele weitere Punkte, die nie besprochen wurden.
Ich empfand die Fragen, die mir gestellt wurden, als kontraproduktiv und nicht detailliert, so dass ich kaum gezielt antworten konnte. Frau Dr. X machte mich mehrmals darauf aufmerksam, dass sie nur wenig Zeit habe, die Fragen abzuarbeiten. Es blieb kein Raum für persönliche Gespräche oder Zeit, mich näher mit den Fragen zu beschäftigen.  Das verunsicherte mich und ich konnte mich nicht gut konzentrieren. Ich kann mich am besten schriftlich mitteilen und bot an, schriftliche Antworten geben zu dürfen, doch das wurde abgelehnt. Ich hätte zu viel Zeit, die Fragen verfälscht zu beanworten, doch genau das Gegenteil ist bei mir durch die Hochfunktionalität der Fall. Meine extrovertierte Persönlichkeit ist so angelegt, dass ich oft zu schnell antworte und meine Nervosität/Verwirrung überspiele, um der Situation möglichst schnell zu entkommen.  So konnte ich oft nur das mitteilen, was mir auf Anhieb einfiel, ohne es näher zu erklären.

Ich finde, dass in dem Diagnoseschreiben und in meiner Darstellung viele Dinge aus dem Zusammenhang gerissen werden.

Der Bericht wirkt auf mich konstruiert und verletzt durch Begriffe wie „Sie vermutet, sie ist überzeugt und sie identifiziert sich“ meine Persönlichkeit, weil mir unterstellt wird, dass ich mir alles nur einbilde oder ich bewusst täusche, um eine Diagnose zu erlangen. Von diesen Aussagen nehme ich Abstand. Ich kann all meine Aussagen, die ich hier niedergeschrieben habe, belegen. Und ich habe noch eine ganze Menge mehr Anhaltspunkte, die für eine Diagnose wichtig wären.
Es fanden viele für mich unerklärliche Falschdarstellungen statt und Inhalte wurden aus dem Zusammenhang gerissen, so dass es mir vorkam, das sie stimmig mit der Epikrise klingen sollen.

Ich vertraute der Ärztin dennoch während des Gesprächs und nahm die Anfahrt von 150 km dafür in Kauf. Das Vertrauen ist hiermit zerstört.

Ich bitte darum, die Diagnose noch einmal zu überdenken und mich zu informieren.
Vielen Dank und viele Grüße…

Es dauerte 4 Monate, bis ich ein Antwortschreiben darauf bekam. Mir wurde schlicht mitgeteilt, dass es der Klinikleitung leid täte, dass alles so verlaufen sei, und sie bereit wäre, ihre Unterlage für eine neue Diagnose in einer anderen Klinik zur Verfügung zu stellen. Sie wünschten mir viel Glück.
Ich nahm das Angebot nicht an, weil es kontraproduktiv für mich gewesen wäre.
6 Monate später erhielt ich in einer anderen Klinik die Diagnose…
(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)DSCN3960

Advertisements

Wenn Diagnoseverfahren krank machen

Dieser Blog ist schon lange überfällig, denn seit Jahren bekomme ich Emails oder Kommentare unter meine FB-Postings, wie schlimm viele Diagnoseverfahren für Frauen verlaufen.

Ich will kurz von meiner eigenen berichten.
Zuerst meldete ich mich in der ersten Klinik in meiner Umgebung mit Schwerpunkt Autismus an. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nahe?
Das Gute!
Es war eine Klinik, die sich speziell mit dem weiblichen AS, auch mit Hochfunktionalität, beschäftigt.
Topp, dachte ich. Ich wartete 1 Jahr auf den ersten Termin.

Schon im Vorgespräch machte mir eine sehr junge Ärztin klar, dass hier wohl viele Frauen Modediagnosen anstreben und sie direkt sehen könnte, dass ich keine Betroffene von Autismus sei. Mein Mann war dabei und bemerkte, dass sie doch noch gar nicht richtig mit mir geredet habe. Die schriftlichen Vortests wiesen jedoch soweit darauf hin, dass ich eingeladen wurde.
Die Ärztin war eine Vorhut und sollte streng aussortieren. Also, wer auch nur ein wenig hochfunktional ist: keine Chance.
Erst ein Gespräch der Ärztin mit meinem Mann allein führte dazu, dass ich eine „2.Chance“ bekommen sollte. Ich war wohl zu doof, oder soll ich sagen, zu normal dafür? Ich sagte diesen 2. Termin ab, weil ich kein Vertrauen mehr in das Ärzteteam hatte und mich nicht demütigen lassen wollte.
Daraufhin meldete ich mich in der nächsten Klinik an. Die war schon 120 km entfernt. Dort würde man sicher erkennen, dass ich eine solche Strecke nicht zum Spaß auf mich nahm.
Die schriftlichen Vortests waren wieder wegweisend, sodass ich einen Termin erhielt, wartete wieder 1 Jahr und fuhr hin. Das erste Gespräch verlief sogar gut, und ich bekam 3 weitere Termine zur endgültigen Diagnose. Die Fragen waren komisch und hatten mit dem Asperger Syndrom so gut wie nichts mehr zu tun. Ich brachte Aufzeichnungen mit, die nicht im Mindesten diskutiert wurden, und sagte, dass ich mich sonst schlecht darstellen könnte, weil ich immer nur gelernt habe, mich anzupassen. Die Ärztin wies meine Aufzeichnungen zurück, weil sie sonst keine Zeit für Fragen mehr hätte. Die Fragen waren verwirrend. „Wünschen Sie sich Freunde um sich zu haben?“ Ich nickte. Sie schrieb in ihre Unterlagen: „Frau Schreiner hat viele Freunde um sich“. Das war falsch! Nächste Frage: „Sie haben eine Kiga-Gruppe geleitet?“ Ich nickte, wollte erklären, dass ich es nicht lange geschafft habe und den Job kündigen musste, weil er mich überforderte. Alles zu laut und zu viel durcheinander. Sie wies mich darauf hin, keine Zeit für Erklärungen zu haben, und jetzt kommt es, sie schrieb in ihre Unterlagen: „Frau Schreiner leitete einen Kindergarten.“
!!!???? So was von falsch!
Und so ging es die ganze Zeit über. Diese Ärztin schrieb Dinge über mich auf, die ich nie so gesagt oder gemeint hatte. Damit will ich nur verdeutlichen, wie es bei Diagnosegesprächen zu Missverständnissen kommt.
Der „heilige Brief“ kam dann 2 Monate später an, in dem fast alles, aber auch wirklich fast alles anders niedergeschrieben war, als ich es gesagt oder gemeint hatte. Diagnose: kein Autismus zu erkennen!
Ich war fassungslos und schrieb einen 9 Seiten langen Einspruchbrief, schickte ihn an die Klinik, meine Hausärztin und meine Krankenkasse. 4 Monate später meldete sich die Klinik, dass ich gerne in einer anderen Klinik eine Diagnose anstreben könnte, wenn ich der Meinung wäre, dass die Ärztin falsche Notizen gemacht hätte.
Wie blöd muss man sein, um das zu vertreten?
Klarer Fall: Ärztin unfähig.
Die nächste Klinik war dann der Durchbruch. Man hörte mir zu, besprach meine Kriterien, an denen ich eine Diagnose festmachen würde, und hatte nach nur einem sehr ausführlichen Gespräch eine ganz klare Diagnose: Asperger Syndrom

Ich bin kein Einzelfall!

Und deswegen schreibe ich diesen Blog. Solche Verfahren können Betroffene furchtbar krank machen und ich kann die, die sich mit ähnlichen Fällen bei mir melden, immer nur trösten, dass sie kein Einzelfall sind.
Viele Frauen, die wirklich verzweifelt am Ende ihrer Kräfte sind und nur Klarheit suchen, werden durch Fehldiagnosen noch kranker. Ich finde das so bitter und schlimm.
Frauen, aber auch Männer mit Hochfunktionalität, die mehrere Jahrzehnte lang gelernt haben, nicht mehr aufzufallen, sind besonders gefährdet, sehr stark nach Fehldiagnosen zu erkranken. Da ist dringend Handlungsbedarf angesagt!
Ich dachte, dass sich in den letzten Jahren etwas geändert hätte, neue Kriterien für Frauen festgelegt würden. Leider ist das nicht geschehen.

Mein Tipp: Macht euch Aufzeichnungen von der Kindheit, Jugend und er letzten Zeit, welche Auffälligkeiten dem Autismusspektrum zuzuordnen sind. Besteht darauf, dass diese Punkte mit euch abgearbeitet werden. Holt euch Verstärkung aus der Familie dazu. Mann, Bruder, Schwester, Eltern, Freunde, die euch helfen. Bringt soviel Beweise mit wie möglich, wenn es euch schwerfällt, euch mitzuteilen.
Die Mitteilung ist das Schwerste an der ganzen Diagnose und meine persönliche Schwäche. Ich konnte noch nie meine Gefühle angemessen mitteilen, außer über den schriftlichen Weg.

Ignoriert die Klinik, die euch direkt abweist.
Ich habe es nur geschafft, weil ich mich erst zweimal „warmfahren“ musste.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960

Das Asperger Syndrom ist kein Leid

Vorweg möchte ich gleich mitteilen, dass dieser Blog in keinster Weise Rollstuhlfahrer angreifen oder denunzieren soll, nur weil ich versuche, ein Beispiel bildhaft zu machen. Ich habe oft die Angewohnheit, eine Art Bildsprache anzuwenden, weil ich keine passenden Worte für meine Gedanken finde. Also, nicht falsch verstehen. Los geht’s…

Ich kann nicht sagen, wie oft ich den Spruch „Sie leidet an dem Asperger Syndrom?“ schon gehört habe. Dann stelle ich mir immer vor, wie ich gebeugt, blass, voller Pocken und dem Ende nahend durch die Welt laufe.
Dann höre ich wiederum: „Man sieht Ihnen das Asperger Syndrom gar nicht an.“
Was denn nun? Leide ich oder lebe ich ein unsichtbares Leid?
Oder bin ich gar nur eine Spinnerin und glaube denen, die sagen: „Das Syndrom gibt es gar nicht, genau wie ADHS. Das ist alles nur ein Hirngespinst von Menschen, die Aufmerksamkeit suchen oder ihren Problemen einen Namen geben möchten.“
Tja, den Begriff Asperger Syndrom haben doch Ärzte ins Leben gerufen und nicht die Betroffenen.

Wenn man etwas nicht sieht, existiert es nicht. Ein alter Hut.
Ach herrje, es gibt so viele Dinge in Inneren eines Menschen, die man „nicht sieht“ und trotzdem sind sie da. Und es gibt so viele Dinge, die wirklich einem Leid gleichkommen, wenn ich nur mal an Depressionen denke.

Doch…
das Asperger Syndrom ist im Grunde kein Leid.

Nein!

Was es für mich zum Leid macht, ist vielfach die Situation, in die ich durch andere Menschen gebracht werde. Ich versuche es mal mit einem Beispiel:

Nicht jeder Rollstuhlfahrer leidet, nein, es gibt sehr, sehr viele lustige, optimistische , unternehmenslustige und neugierige Betroffene, solange man sie in der Gesellschaft so aufnimmt, wie sie sind, nämlich mit all ihrem Handycaps. Sie leben eben nur anders. Man nennt sie meist „behindert“. Ich gebe dem Zustand mal ein anderes Wort: verhindert. Na, wie hört sich das an? Nicht mehr so schlimm, nicht wahr? Indem ich den Begriff auf diese Weise verändere bekommt er eine andere Perspektive. Das möchte ich erklären:

Wenn ein Mensch behindert ist, dann bleibt sein „Leid“ ihm zu geschoben. Wenn ein Mensch verhindert ist, kommen plötzlich Außenfaktoren dazu, nämlich, dass andere daran beteiligt sind. Verstanden?
Ein Beispiel:

Der Rollstuhlfahrer kann mit seinem Rollstuhl überall hinfahren, solange er keine Barrieren hat, richtig? Doch steht er plötzlich vor einer Treppe oder einer hohen Bordsteinkante, ist er „verhindert“ weiterzukommen. Wer hat die Treppe oder den Bordstein gebaut? Die Gesellschaft. Der Rollstuhlfahrer ist also durch andere „verhindert“ geworden. Baut man ihm eine Rollstuhlauffahrt oder eine flache, überwindbare Bordsteinkante, kann er überall hin.

Genauso betrachte ich das Asperger Syndrom. Ich sehe mich als vielfach verhindert in vielen Dingen, weil mein innerer „Rollstuhl“ oft vor Barrieren steht, die ich nicht überwinden kann. Ich leide nicht, weil ich einen inneren Rollstuhl fahre, sondern, weil man mir Barrieren baut.
Wenn ich den Menschen erkläre, welche Dinge bei mir im Kopf anders laufen, werde ich oft lächelnd angesehen, weil ich es zu verbergen versuche. Vielleicht ist das ein Fehler. Nun gut, dann habe ich versucht, meinen inneren Rollstuhl nach außen zu zeigen, indem ich sagte, ich kann zu deiner Einladung nicht kommen, weil dort zu viele Menschen sind, die mich stressen, und ich den Überblick verliere und nicht angemessen kommunizieren kann, dann wird gesagt: „Das kann ich gar nicht verstehen. Du bist doch sonst so munter und lustig.“ Warum sagt man das zu mir? Ganz einfach: Weil man mir die Probleme nicht ansieht. Ich spüre kein Leid in mir, nein, das Leid wird von außen an mich herangetragen, indem man mir nicht glaubt und meine Anmerkungen nicht ernst nimmt. Man vergisst oft meinen inneren Rollstuhl.
Ich leide keineswegs, im Gegenteil, ich liebe das Leben, die Welt, die Natur und die Farben. Ich habe gelitten, früher, als ich noch nichts von meiner Andersartigkeit wusste. Ich verbrachte viele Stunden damit, darüber nachzudenken, was bei mir nicht stimmt. Warum ich oft müde und erschöpft bin und mit vielen Menschen nicht zurecht kam, obwohl ich ein unglaublich energiegeladener positiver Mensch bin. Doch heute habe ich mir eine Lebensqualität geschaffen, die das Leid, das vielfach von außen an mich herangetragen wurde, beseitigt habe, indem ich zurückgezogen lebe und selbstständig arbeite. Damals, als ich versuchte unter Menschen zu arbeiten, litt ich wirklich. Ich litt daran, dass ich vieles nicht verstand, weil es mir unlogisch erschien. Dazu gehören für mich Begriffe wie Fairness, Ehrlichkeit und aufrichtige Hilfe. Doch mir begegneten bereits in der Schule und später im Berufsleben: Unfairness, Hinterlist und Schauspiel. Ja, unter diesen Dingen litt ich unentwegt, weil ich sie nicht einsortieren kann. Doch ist das wirklich ein Leid, das „in mir“ steckt oder ist es ein Leid, dass die Menschen da draußen sich selbst schaffen und ich zu spüren bekomme? Sobald ich Fairness, Aufrichtigkeit und ehrliches Miteinander durchzusetzen versuchte, bekam ich Ärger. Ich litt darunter, dass man meine Ansichten oft in Frage stellte, meine Veränderungswünsche, damit ich klar kam, nicht akzeptierte, geschweige denn umsetzte, und weil ich im Laufe meines Lebens zu viele Barrieren vor die Nase gestellt bekommen habe. Mir blieb nur noch der Rückzug, so, wie ein Rollstuhlfahrer sich nicht mehr außer Haus traut, weil er nirgends mehr hin kann.
Mir blieb nur die eigene Veränderung, und damit meine ich nicht meine innerliche, weil man Autismus nicht verändern kann, sondern meine Lebensumgebung zu verändern. Es wurde Zeit, mich an einen Ort zu begeben, an dem man mir keine Barrieren mehr bauen kann.

Ich sage es noch einmal klar und deutlich: Ich leide nicht am Asperger Syndrom, nein, ich schätze alle Gaben und Wahrnehmungen, die dadurch habe sogar sehr, und möchte sie mir nicht verstümmeln lassen, sondern erhalten.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960

Der Stress mit dem Unvorhersehbaren

Der Stress mit dem Unvorhersehbaren

Es gibt Dinge, die sich selbst unter optimalen Lebensbedingungen nicht ändern, nämlich der Stress mit dem Unvorhersehbaren.
Ich kann gar nicht in Worten fassen, wie sehr ich unvorhersehbare Dinge verabscheue, ich meine Dinge, die mich aus meinem geplanten Alltag werfen. Besonders, wenn jemand meine Vorstellung von Arbeit durchkreuzt oder  verändert. Wo nur soll ich anfangen?

Mein Alltag sieht durch meine Arbeit als hauptberufliche Schreiberin immer etwas anders aus und doch hat er eine Art Struktur, die ich strengstens einhalte. Ich lege strenge Schreibphasen und sogenannte „Bürophasen“ ein, in denen ich die Verwaltung erledige, die zu meiner Arbeit gehört. Und doch existiert, wie bei jedem Menschen, auch eine zwangsläufige pragmatische und gesellschaftliche Existenz: Miete, Versicherungen, Auto, Internet, Einkauf…
Das sind die Dinge, die mich oft aus der Bahn werfen und mich sehr wütend machen. Kennt ihr die Briefe, in denen die Jahresabrechnungen für Strom, Gas, Wasser eintreffen und ihr seht direkt, dass damit etwas nicht stimmt? Oder ein unerwarteter Besuch kündigt sich plötzlich an, Internet macht Probleme und ein Fachmann muss her? Ein Arztbesuch, der nicht geplant aber nötig ist?
Es gibt viele solcher Situationen, die im Grunde als eine Art Kleinigkeiten von nicht autistischen Menschen wahrgenommen werden und einfach zum Alltag gehören. Also nicht weiter aufregend sind. Doch mich können sie derart aus dem Konzept bringen, dass ich den ganzen Tag über meine Arbeit nicht mehr erledigen kann. Es hat mit meinen Emotionen zu tun, die ich nicht gebremst bekomme. Ich kann „Ungeplantes“ in keine Schublade tun und die erst mal zuschieben, nein, es beschäftigt mich unentwegt, besonders wenn ich es nicht direkt lösen kann. Mittlerweile habe ich mir den Trick angewöhnt, bestimmte Briefe nicht direkt zu öffnen. Ich muss sie ein bis zwei Tage liegen lassen, um mich daran zu gewöhnen, dass etwas Außerplanmäßiges auf mich zukommt. Dann geht es. Ich muss diese Briefe in einem Moment der Ruhe öffnen, den ich nur habe, wenn meine Arbeit mit Zufriedenheit beendet ist. In dieser Zeit, ich nenne es mal Phase, fahren meine Emotionen nicht so hoch. Ich habe sie unter Kontrolle, weil sich mein Unterbewusstsein auf eine unangenehme Nachricht vorbereitet hat. Ich plane es also ein und damit verliert es die Wirkung, mich wütend zu machen.

Ähnlich geht es mir, wenn sich spontan Besuch ankündigt. Das bringt meinen ganzen Arbeitsalltag durcheinander. Meine Wut über mich, es nicht in den Griff zu bekommen, steigt. Ich kann mich einfach nicht mehr konzentrieren, weil ich die ganze Zeit damit beschäftigt bin, wie die soziale Interaktion ablaufen wird. Reagiere ich richtig? Habe ich alles gut vorbereitet? Habe ich genug Energie, um jemandem auch aufgeschlossen zu begegnen? Schaffe ich es, mein Unwohlsein auch gut zu kaschieren? Das alles sind Gedanken, die mich einnehmen und meinen Alltag außer Kontrolle bringen.

In meinem Kopf existieren Unmengen von Plänen und Abläufen, die ich im Vorfeld schon geregelt wissen will. Desto mehr ich mit Menschen in Kontakt trete, umso mehr werde ich aus dem Tritt gebracht. Das ist der Hauptgrund, weshalb ich in meinem näheren Umfeld keine Kontakte und Freunde mehr suche. Jeder neue bedeutet auch neue Verpflichtungen.

Mein liebster Alltag besteht darin, wenn mich niemand stört und ich meine Arbeit planmäßig erledigen kann. Meine Arbeit hängt mit meinem Spezialinteresse Psychologie und Schreiben zusammen. Wenn ich das geschafft habe, habe ich Energie gewonnen. Dann öffnet sich ein Zeitfenster, in dem ich genug „Ruhe“ habe, anderen zu begegnen. Aber die Entscheidung, es zu tun, muss spontan von mir kommen. Ich entscheide praktisch jede Stunde und Minute, wie groß meine Bereitschaft ist, anderen Menschen zu begegnen. Die meiste Zeit möchte ich jedoch gerne alleine für mich sein. Das lässt mich gut fühlen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960

Kein Schritt zurück!

Ich las soeben den Spruch „Wenn sich im Leben eine Türe schließt, sollte man sich manchmal lieber Hammer und Nägel schnappen und sicher stellen, dass das scheiß Teil auch zu bleibt“.

Dieser Spruch passt absolut zu meinem neuen Leben, das ich seit 1 ½ Jahren führe und wozu ich mich mit viel Kraft und Überwindung entschlossen habe. Ich habe Türen geschlossen, durch die früher jeder jederzeit hindurch konnte, um mich zu erreichen. Ich bot praktisch „Sprechstunde“ zu jeder Zeit an. Selbst wenn ich in Urlaub war, ließ ich es zu, mich übers Internet oder Telefon zu erreichen. Ich hatte nie diesen Hammer und diese Nägel dabei, um mich mal für eine Weile abzuschotten. Ehrlich gesagt, ich bin nie auf die Idee gekommen, andere jederzeit erreichen zu wollen, geschweige denn im Urlaub jemanden zu stören. Doch bei mir selbst war alles möglich. Ich kannte keine Grenzen.

Eine Türe zu schließen und sie geschlossen zu halten ist für mich Schwerstarbeit, denn das Leben hat mich doch über viele Jahre in einer Gewohnheit gehalten, die ich erlernt aber nie gewollt habe. Es war diese Anpassung und der Wunsch, das Richtige zu tun. Doch ist es richtig, für jeden immer erreichbar zu sein? Wann muss ich eine Türe schließen? Eine Frage, die ich mir als Autistin nicht selbst beantworten kann. Mir fehlt das Werkzeug dafür.

Ich konnte noch nie klar und deutlich anderen meine Grenze mitteilen, weil ich nicht weiß, wie das geht und auch nicht bemerke, wann sie erreicht ist. Es fehlt mir zudem an Einfühlungsvermögen, meine Mitteilungen so zu verpacken, dass es andere nicht verletzt. Immer gab es Diskussionen, wenn ich auch nur andeutungsweise mitteilte, nicht mehr zu wollen oder zu können. Und sozialen Diskussionen bin ich überhaupt nicht gewachsen. Sie führen immer dazu, mich noch schlechter zu fühlen, weil ich sie fast immer verliere.

Ich stehe also an diesen Türen meiner Vergangenheit und drücke sie immer wieder zu, wenn sie jemand aufzustoßen versucht. Ich fühle mich oft schlecht dabei. So kam es kürzlich wieder zu einem Vorfall, der zeigt, wie schwer es ist, bestimmte Türen geschlossen zu halten.

Ich wohne, wie viele inzwischen wissen, fast 1000 km von Familie und Freunden entfernt in England, um auf diese Weise erst einmal Schutz zu finden.
In meinem jetzigen Nachbarhaus wohnt ein ganz nettes altes Ehepaar, das gesundheitlich schwer zu kämpfen hat. In mir versucht sich natürlich wieder dieses erlernte Helfersyndrom durchzusetzen und es kam tatsächlich schon zu einigen Begebenheiten, in denen ich schwer zu kämpfen hatte. Dieses Ehepaar benötigt Hilfe im Garten, bei Fahrten zum Krankenhaus und im Haushalt. Bei ihnen kommt kaum jemand vorbei. Das teilen sie mir auch mit. Und das sind genau die Momente, in denen ich innerlich schwer mit mir kämpfe. Sollen diese Hinweise versteckte Aufforderungen sein, auszuhelfen, oder nur eine reine Mitteilung sein? Ich kann das nicht unterscheiden, weil mir der Instinkt und die Intuition dafür fehlen. Soll ich helfen? Und wenn ja, wo endet diese Hilfe wieder? Bin ich nicht nach England gekommen, um genau diese Tür geschlossen zu halten und mich endlich um meine eigene Gesundheit und mein Wohlbefinden zu kümmern?

Meine Einschätzung für fremde Menschen und Situationen ist nach wie vor schlecht ausgebildet.

Ich fühle mich immer schlecht, wenn ich Menschen meine Hilfe versagen muss, aber ich weiß einfach nicht, wie weit sie meine Hilfsbereitschaft nutzen oder gar ausnutzen. Meine Erfahrungen sind leider nicht die besten. Besonders bei fremden Menschen. Sage ich direkt nein oder später? Es ist im Grunde genommen egal. Was Menschen ohne Autismus vielleicht leicht fällt, weil sie besser ihre Grenzen mitteilen können, ist für mich kaum umsetzbar. Ich finde spontan oft nicht die Worte zu erklären, warum ich nicht mehr helfen möchte. Ich habe immer das Gefühl, mich erklären zu müssen und finde keine Argumente, die sozial und empathisch zugleich klingen. Am Schwersten ist für mich die Situation, abschätzen zu können, wann ich meine Hilfe noch anbiete und wann nicht. Einmal getoppt, nicht mehr gestoppt. Ein altes Spiel, das ich nicht mehr spielen möchte.

Ich habe mich für das Schweigen entschieden. Es ist meine Tür, die ich symbolisch zuhalte. Das bedeutet das Nicht-Reagieren. Das fällt mir leichter als zu reagieren. Auf diese Weise halte ich die Türen geschlossen. Im Notfall bin ich natürlich immer für andere da. Und für meine kleine Familie sowieso…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960

Echte Liebe

Woran mache ich als Aspergerin eigentlich echte Liebe fest?
Wie spüre ich sie und wie zeige ich sie?

Das sind häufig gestellte Fragen von NTs, damit sie sich überhaupt ein Bild davon machen können, wie ein Partner mit Asperger Syndrom seine Zuneigung und Liebe zeigt.

Zu meinen Blogs werden immer wieder Kommentare geschrieben, in denen NTs fast verzweifelt um die Liebe eines Asperger Betroffenen kämpfen.
Bei der Liebe stoßen tatsächlich zwei Welten aufeinander und ich möchte in diesem Blog gerne meine Sicht der Dinge darstellen.

Bei mir hat es nie die „Liebe auf den ersten Blick“ gegeben. Es war der „zweite Blick“, der entscheidend war. Ich habe meinen Lebenspartner nach anderen Kriterien gewählt, als es sicherlich üblich sein sollte. Natürlich gehörte bei mir Sympathie und Zuneigung bei der Auswahl dazu, auch das äußerliche Erscheinungsbild. Doch als dieses Dinge stimmten, ging ich in die Analyse, ob dieser Partner überhaupt meine Erwartungen erfüllen kann und somit eine Partnerschaft auf Dauer erfüllt.
Dazu sollte man wissen, dass ich ein Mensch bin, der nur einmal einen Partner fürs Leben wählt. Meine Treue ist allumfassend und tief, wenn ich mich einmal entschieden habe. Das schließt nicht aus, dass es eines Tages zur Trennung kommen kann, wenn etwas Erhebliches zwischen uns schiefläuft oder der Partner diese Bindung lösen möchte.
Doch zunächst gilt: Ich wähle nur einen Menschen im Leben und damit ist es gut.

Um diese Wahl so perfekt wie möglich zu machen, verließ ich mich nicht auf oberflächliche Eindrücke, die mich zunächst sicherlich emotional binden, nein, ich lotete den Menschen aus, wollte alles über seine Musikrichtung, Lebenseinstellung, Kinderwunsch und soziale Einstellung wissen. Sollten bei dieser Analyse schon Defizite zu meinen auftauchen, war für mich die Partnerschaft auf Dauer zum Scheitern verurteilt und ich hätte die Finger von diesem Menschen gelassen.

Für mich besteht die Liebe mehr aus pragmatischen als emotionalen Dingen, was nicht bedeutet, dass ich keine Emotionen habe. Doch in Sachen Liebe laufen meine Gefühle eher an der Oberfläche, was bedeutet, ich muss sie nicht ständig mit Worten bekunden. Die sogenannte „Liebe“, wie sie im Allgemeinen bekannt ist, existiert nicht in mir. Ich setze die Bausteine dafür aus anderen Dingen zusammen, als der Mensch ohne Autismus. Für mich ist nicht das Bauchgefühl entscheidend, sondern das Vertrauen, der Respekt und die Treue. Da ich kaum Instinkt oder eine Intuition in mir anderen gegenüber verspüre, ist dies die einzige Art, mit der ich eine Partnerschaftswahl treffen kann. Wenn mein Bauch auf einen Menschen reagiert, verbirgt sich dahinter meist nur ein ganz kurzes Gefühl, was sich sehr schnell wieder verliert, wenn ich diesen Menschen analytisch auslote.

Was spüre ich also, wenn es um die wahre Liebe geht?
Ich teile dem Menschen mit, dass ich ihn auf „meine mögliche“ Art und Weise liebe. Ich bekunde meine Liebe nicht jeden Tag neu oder muss sie beweisen. Wenn ich es einmal mitgeteilt habe, ist die Sache für mich klar. Es ist wie eine Mahlzeit, die ich zu mir genommen und gut verdaut habe. Sie bleibt im Leib und tut mir gut. Punkt. Aber meine Liebe ist tief und unfassbar stark, was ich dem NT nicht mitteilen kann. Nicht so, wie ich sie in mir spüre.

Ich spüre die wahre Liebe in so vielen anderen Dingen als Worten und Geschenken. Wenn der Partner neben mir schweigend auf einer Bank sitzt und ich mich gut dabei fühle. Wenn mein Gefühl grundsätzlich angenehm ist, wenn er in meiner Nähe ist. Das beruhigt mein Herz enorm und lässt mich tiefe Zuneigung spüren. Ich muss das nicht nach außen zeigen, indem ich Küsschen gebe oder immerzu verliebt Händchen halte. Ich mag auch keine Geschenke, die dies bekunden sollen. Meine Liebe ist einfach da, wenn wir im Sommer abends draußen sitzen und schweigend in die Stille der Nacht lauschen. Ich könnte viele Momente aufzählen, bei denen ich Liebe spüre, aber nicht „zeige“. Zeigen bedeutet für NTs, es ständig mit Worten und Gesten zu bekunden.

Eines sollte der Partner jedoch von vornherein wissen. Ich brauche in meinem Leben viele Rückzugsmöglichkeiten, weil ich durch meine Anderswahrnehmung und Andersverdrahtung des Gehirns viel mehr von Umwelteindrücken gefordert werde, als Menschen ohne Autismus. Mein Motor läuft täglich nicht auf 100%, sondern 200%. Ich brauche Ruhezeiten, das Alleinsein und den Rückzug, um mich zu erholen. An diesem Punkt wird es für NTs schwer, weil sie oft glauben, dass dies ein Zeichen ist, an dem die Liebe endet. Irrtum! Sie wächst in dem Moment, in dem mein Partner mir genau das genehmigt.
In mir sind autistische Eigenschaften, die ich nicht ändern kann. Ich gehe soweit Kompromisse ein, wie es mir möglich ist, aber meine Grenzen sind andere als die der NTs. Sollten diese Grenzen überschritten werden, weil der Partner mehr verlangt, stoße ich an das Gefühl der Abneigung. Es wird gefährlich! Stoße ich mehrmals oder immerzu an diese Grenzen, beginnt das Vertrauen zu leiden und ich begebe mich in den emotionalen Rückzug. Das bedeutet, mein Verlangen nach Auszeiten vom Partner wächst. Daran erkennt er, dass er mich überfordert. Je mehr er meine Nähe fordert oder meine Eigenschaften verändern will, desto stärker wird die Abneigung.

Grundsätzlich: Wenn ich als autistischer Mensch einmal meine Liebe mitgeteilt habe, dann kann sie als lebenslang verstanden werden. Und es wird lebenslang, wenn man mich mit meinen Eigenschaften leben lässt. Ich gebe immer alles was ich kann, mache Eingeständnisse, soweit sie mir möglich sind, und lebe mit Kompromissen, die mir nicht schaden. Ich teile dem Partner mit, wenn ich nicht mehr kann, aber ich teile es nur einmal oder zweimal mit und nicht andauernd. Nimmt er meine Mitteilung nicht wahr, verändert sich meine Analyse ihm gegenüber und ich lasse von ihm los. Ganz. Danach gibt es kein zurück. Meine Entscheidungen sind hart und unwiderruflich, weil ich keine Sinn in einer Wiederholung sehe. Ich betrachte immer wiederkehrende Auseinandersetzungen als nicht lösbare oder nicht veränderbare Zustände.

NTS brauchen von Asperger-Partnern grundsätzlich keine Angst haben, wenn sie ihnen gut zuhören und das respektieren, was sie mitteilen. Wird der Asperger jedoch ständig über das, was er gibt, hinaus gefordert, bzw. soll ständig Kompromisse machen, die er einfach nicht machen kann, ermüdet er von der Partnerschaft.

Ich für meinen Teil wiederhole mich nicht gerne. Ich kann mich nur nicht in dem Maße einer Partnerschaft anpassen, wie es NTs vielleicht können, weil es mir durch die Andersverdrahtung des Gehirns nicht möglich ist. Gerade die steuert die soziale Interaktion.
Kleiner Tipp zum Schluss an NTs:
Wenn wieder einmal ein Situation entsteht, mit der Ihr nicht klarkommt, dann fragt nach. Gebt dem Asperger Partner Zeit, darauf zu reagieren und hört dann gut zu, was er sagt. Er wird klar und deutlich seine Grenzen mitteilen. Die kann er nicht überschreiten. Es ist wie eine Sehschwäche, die er nicht selbst korrigieren kann. Bitte verlangt nichts Unmögliches von einem Menschen mit Autismus. Sie werden es euch danken!
(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960