Archiv für den Monat Juni 2016

Wie erkläre ich anderen, dass ich eine Betroffene des Aspergers Syndrom bin?

Eine fast unlösbare Aufgabe.
Ich bin immer wieder darüber bestürzt, wie schwer es Betroffenen des Asperger Syndroms haben, sich mitzuteilen. Das ist entsetzlich! Wenn nicht gerade ein Arzt eine Diagnose stellt, mit der man es beweisen kann, steht der Betroffene ziemlich alleine da, denn in den meisten Fällen wird ihm nicht geglaubt.
Warum ist das so?

Ich denke, dass Asperger von Kindheit an durch eine gewisse Andersartigkeit aufgefallen sind, sie also von den Mitmenschen als ein wenig merkwürdig wahrgenommen wurden, weil sie andere Ansichten, Interessen oder Regeln haben. Ich als Betroffene kann folgendes dazu schreiben:

Im Grunde habe ich mein ganzes Leben lang versucht herauszufinden, was und warum bei mir so vieles anders ist. Da mein Spezialinteresse die Psychologie ist, stieß ich immer wieder auf Möglichkeiten, die ich in Erwägung zog. Ich erklärte mich ständig und das nervte die anderen. Aber Erklärungen sind für mich sehr wichtig, um mit mir klarzukommen. Alles, was ich nicht erklären kann, macht mir Angst.
So lieferte ich im Laufe der Zeit immer wieder Entschuldigungen und Erklärungen an meine Mitmenschen für mein merkwürdiges Verhalten, so dass ein gewisses misstrauisches Bild über mich entstand. Schon früh hörte ich „mit der stimmt doch was nicht“ oder „die ist immer so komisch“ oder „was hat sie denn jetzt für eine Erklärung“. Solche und andere Reaktionen quälten mich ein lange Zeit, so dass es mich oft in die Verzweiflung trieb. Dabei wollte ich mich doch nur selbst verstehen lernen.

Da meine Mutter und meine Großvater mütterlicherseits durch einen Suizid in einer Psychiatrie verstarben, lag für viele klar auf der Hand, dass ich genauso bekloppt bin wie sie. Ein schwere Bürde, die mich selbst fast zerstört hätte. Niemand fragte, weshalb ein Teil meiner Familie in einer Psychiatrie landete. Da wird oft die einfachste Erklärung genommen: Geisteskrankheit.
In meiner Familie gibt es keine „Geisteskrankheiten“, denn sie lebte völlig normal, durchstand den 2. Weltkrieg nur durch eine aufreibende Flucht und war danach mit großer Bürde gefordert, zu überleben. Harte Zeiten, die Spuren hinterlassen, aber sie haben es geschafft und sind ein anerkannter Teil der Gesellschaft geworden. Niemand sagte ihnen einen Geisteskrankheit nach. Aber es sind noch härtere Zeiten, wenn man gleichzeitig mit einer Wahrnehmungsstörung lebt, die niemand erkennt oder benennen kann. Also wird alles in eine Schublade gesteckt und „Geisteskrankheit“ zum Schluss genannt, weil derjenige am Ende seiner Kräfte ist.

Ich wuchs völlig normal auf, ja, sogar als Kind und Teenager sehr glücklich, und doch kann ich mich an viele Momente erinnern, die ich anders wahrgenommen habe. Das waren keine Dinge, die mit einer Geisteskrankheit nichts zu tun hatten, sondern die ich über 40 Jahre später als Anzeichen vom Asperger Syndrom fand. Als ich nach langer Suche endlich fündig wurde und es mit Erleichterung mitteilte, kam die erste Reaktion: „Du hast dich solange mit dieser Krankheit beschäftig, dass du dir nun einbildest, sie zu haben.“ Diese Aussage war ein Schlag ins Gesicht für mich! Nein, in mein Herz! Es blutete! Das Asperger Syndrom ist keine Kankheit!

Niemand nahm wahr, wie befreiend für mich diese Suche endete. Im Gegenteil, selbst eine meiner Ärztinnen erklärte mir, dass ich mir alles nur einbilde. Von meiner großen Mühe, alles immer zu kaschieren, wollte niemand etwas wissen. Das schürte meine Einsamkeit, der ich all die Jahre entkommen wollte. Diese und ähnliche Reaktionen schmissen mich tiefer als zuvor. Meine freudige Erwartung, endlich eine Erklärung für mich gefunden zu haben, konnte ich mit so gut wie niemandem teilen. Im Gegenteil, ich wurde noch misstrauischer beäugt. Die Hölle für mich! Dann die Erlösung, die Diagnose! Doch sie hob meine Enttäuschung vielen Menschen gegenüber nicht mehr auf.

Heute kann ich sagen, dass mir immer wieder Menschen begegnen, die genau das gleiche erlebt haben. Sie bringen endlich den Mut auf sich mitzuteilen, was schon schwer genug ist, und dann kommt diese bittere Enttäuschung. Das Leben wird schwerer, als es je zuvor war. Ist das kurios?
Da fordern uns viele NTs ständig auf, uns mitzuteilen und wenn wir es tun, wird über uns hergefallen. Kann den niemand begreifen, wie wichtig uns eine positive Reaktion ist? Oder glaubt man uns nur, wenn man dieses blöde Papier mit einer Diagnose in der Hand hat?

Ich möchte hier gerne festhalten, dass ich als Betroffene mich keineswegs mit AS identifiziere, sondern mich viele Jahre damit intensiv beschäftig habe, weil es zu meiner Suche nach meinem Ich galt. Ich stieß zufällig auf dieses Syndrom, was alles erklärte, was ich gesucht hatte. Typisch für mich ist es, mich erst mitzuteilen, wenn ich auch sicher bin. Ich bin „kein psychisch kranker“ Mensch, sondern jemand der immer auf der Suche nach der Wahrheit ist. Meine größte Suche war die nach mir selbst, weil ich so viele Menschen um mich habe, die einfach anders sind. Ich möchte meine Natur verstehen und mit ihr leben, mich nicht mehr für andere verbiegen. Ich muss auch jetzt noch um vieles kämpfen, um zu meinem Recht zu kommen, aber ich habe gelernt, mich nicht mehr mit den Menschen zu beschäftigen, die mich runterziehen oder nicht verstehen wollen. Das hat mich zu einer ganz neuen Form von Community geführt, in der ich mich sehr wohl fühle und verstanden werde. Sie setzt sich nicht nur aus Mitbetroffenen zusammen, sondern auch aus NTs, die mir offen, liebevoll und vor allen Dingen mit viel Verständnis begegnen. Die mir einfach glauben. Meine Suche hat sich gelohnt! Danke!

Aber ich möchte an dieser Stelle auch meine große Trauer denjenigen aussprechen, die sich das Leben genommen haben, weil ihnen nicht geglaubt wurde…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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Wenn Überforderungen zu Depressionen führen

Ich möchte in diesem Blog nicht darüber schreiben oder diskutieren, ob das Thema doch jeden letztendlich betrifft, also Menschen mit Asperger Syndrom und NTs. Ich habe als Betroffene des Asperger Syndroms meine eigene Art von Depression kennengelernt, die sich von der normalen unterscheidet. Und damit meine ich, dass ich sie zunächst nicht einmal wahrgenommen habe…

Es gibt so vieles, das ich nicht rechtzeitig wahrnehme oder bemerke, oder zu spät bemerke, besonders, wenn es um meine Gefühle geht. Ich bin ein Mensch, der keine Grenzen in sich rechtzeitig bemerkt, sondern erst, wenn sich „der Karren bereits im Dreck“ befindet.
Durch meine Empfindung von alles oder nichts, schwarz oder weiß, nehme ich keine Grauzone wahr und damit auch keinen schleichenden Prozess in mir. Ich lasse den Motor solange laufen, bis der Sprit aufgebraucht ist. Und das ist fatal, denn dann geht oft gar nichts mehr!

Als vor nunmehr fünf Jahren mein „Fahrzeug“ plötzlich stand und ich den Motor nicht mehr angeworfen bekam, stand ich vor einem großen Rätsel, denn ich wusste nicht warum. Das Leben lief doch prächtig und niemand sah das Problem. Ich hatte das Bremsen und Auftanken vergessen, eines der wichtigsten Handlungen in meinem Leben. Vergesse ich das, übernimmt mein Körper die Reaktion.

Das große Problem bleibt immer wieder die Eigenwahrnehmung, die bei mir bedenklich schlecht funktioniert. Ich bin auf Menschen um mich herum angewiesen, dass sie für mich bremsen und mich auftanken lassen. Aber leider passiert das nur selten. Niemand stoppt mich. Immer wieder höre ich diese Sprüche: „Du musst wissen, wann du eine Grenze setzt.“ oder „Es liegt an dir, wenn du dich verausgabst.“ Solche und ähnliche Sprüche bekomme ich dann bei einem Zusammenbruch zu hören und kann nichts damit anfangen, denn genau diese Fähigkeiten fehlen mir. Eine „Mitschuld“ tragen meine Probleme bei der sozialen Interaktion. Ich kann mich nicht angemessen mitteilen, wenn es mir schlecht geht. Ich lächele immer. Immer! Solange ich eben kann. Ich kann die Grenze von „stop“ und „go“ nicht erkennen, bzw. wahrnehmen. Erst wenn der Körper „stop“ signalisiert, nehme ich wahr, dass ich mal wieder meine Grenze überschritten habe.

Das Thema „Medikamente“, also „Antidepressiva“ ist dann ein großes Thema, weil viele tatsächlich eine neue Starthilfe benötigen, um wieder in Schwung zu kommen. Doch bei mir zeigte sich die Depression ganz anders, weswegen ich nie zu Tabletten griff. Ich begann an Schlaflosigkeit und Erschöpfung zu leiden. Zunächst völlig unbekannte Zustände. Erst eine Psychologin wies mich darauf hin, dass ich inmitten einer Depression steckte. Mein Erstaunen war groß, denn ich verband eine Depression mit Stimmungen wie Lebensunlust bis hin zu Suizidgedanken. Eine solche Verstimmung hatte ich einmal vor acht Jahren verspürt, als ich in vielen Dingen sehr sehr überfordert war. Doch dieser Zustand zeigte sich erst nach der Schlaflosigkeit.

Die Sache mit dem Schlaf wurde für mich ein Signal, dass etwas nicht stimmt mit meiner Wahrnehmung. Dass ich mal wieder das Bremsen vergessen hatte. Bremsen heißt, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen, die einen belasten und diesbezüglich schnellstmöglich eine Veränderung herbeizuführen. Leider sind an solche Entscheidungen oft finanzielle Konsequenzen gebunden, denn nicht selten ist es die Arbeitsstelle, die eine große Belastung ausübt, oder die Verpflichtungen in der eigenen Familie. In diesem Fall ist der Partner eines Aspergers auf jeden Fall mit gefordert, eine Veränderung herbeizuführen und Unterstützung zu leisten. Und ich spreche aus eigener Erfahrung. Wenn mein Mann mich in meinen Entscheidungen, eine grundsätzliche Veränderung herbeizuführen, nicht unterstützt hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht aus meinem Zusammenbruch herausgefunden oder hätte mich schlimmstenfalls von ihm trennen müssen.

Es war immer eines meiner großen Ziele im Leben, genau das zu schaffen, was alle anderen um mich herum schaffen. Heute betrachte ich vieles rückblickend und stelle fest, dass ich dadurch weit mehr schaffte, als alle anderen. Ich hätte mir so sehr einen Menschen gewünscht, der mich mal festgehalten und „stop“ gesagt hätte. Mir fehlt der Blick und die Wahrnehmung dafür. Deswegen bin ich in diesen Sachen auf andere angewiesen.
Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen
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