Archiv für den Monat Oktober 2015

Und plötzlich war alles anders!

Heute noch mittendrin im Geschehen einer Großfamilie und dann der Zusammenbruch. Ganz plötzlich!
Hallo?, sagten die anderen, die keine Ahnung davon hatte, was mit mir los war. Ich hatte alles! Ja! Eine tolle Familie, einen liebenden Ehemann, tolle Kinder, Schwiegereltern, die mich liebten, Freunde, die mich mochten, keine Schulden und lebte in einem tollen Haus in einer gemütlichen Stadt in einer Gesellschaft, die mich anerkannte. Ich hatte alles erreicht.
Hallo?, fragt sich jetzt jeder. Mehr kann man im Leben doch nicht erreichen! Ich hatte mein Leben optimiert! Mein Leben? Oder war es das der anderen?

Andere Szene:
Ich stehe auf einer Party und fühle mich wie in einer Blase. Ich bin abgekapselt und doch mittendrin. Ich höre die anderen lachen und frage mich, wie alle so ausgelassen und fröhlich sein können. Mich stressen die vielen Stimmen, die Fragen, die auf mich einströmen, das künstliche Gelächter, die Komplimente, die gelogen sind und die vielen Nebengeräusche. Musik, die ich nicht mag und mich zusätzlich aggressiv macht. Doch ich lache mit, ich verteile Komplimente, die gelogen sind und fühle mich so deplatziert und falsch. Kann nicht aus meiner Blase heraus, sondern fühle mich abgetrennt von dieser Welt. Ich hasse es zu lügen und Dinge zu sagen, die einfach nicht stimmen. Doch was soll ich tun? Was bleibt mir? Zuhause falle ich in eine tiefe Erschöpfung, die zwei Tage von meiner Kraft frisst…

Andere Szene:
Ich stehe beim Arzt. „Sie haben Brustkrebs“, sagt er. „Sie brauchen eine Chemo und eine Bestrahlung. Aber das bekommen wir hin. Sie sind so positiv und fröhlich, das schaffen Sie.“
Einige Monate später:
Ich stehe wieder beim Arzt. „Sie haben Diabetes Typ 1. Sie müssen ab sofort Insulin spritzen. Aber das bekommen Sie hin. Sie haben so viel geschafft.“
Einige Jahre später.
Ich stehe wieder beim Arzt. „Sie haben Knoten an der Schilddrüse. Brauchen eine Radiojod-Bestrahlung. Aber das bekommen Sie hin. Sie haben ….“
Stop!

Warum arbeitete mein Körper ununterbrochen gegen mich? Was passierte zwischen meinem Verstand und meinem Körper? Sie waren über 30 Jahre lang voneinander abgetrennt. Arbeiteten nicht miteinander, sondern zerstörten sich gegenseitig. Der Körper war zugrunde gerichtet. Nun beginnt der Verstand.
Nun wieder zum Anfang:

Heute noch mittendrin im Geschehen einer Großfamilie und dann der Zusammenbruch. Ganz plötzlich!

Dann die Diagnose: Autismus.

Ich bleibe in meiner Blase, wohne darin. Immer. Wird auch so bleiben. Ich fühle mich der Welt nicht zugehörig. Aber die Partys hören auf. Vieles hört auf. Zum ersten Mal beginnt mein Verstand Kontakt zum Körper aufzunehmen. Es funktioniert. Der Körper stabilisiert sich, doch meine Krankheiten bleiben eine Art Mahnmal, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Ihr braucht mich nicht verstehen, denn Autismus ist schwer zu verstehen. Ihr braucht mich nur so zu nehmen, wie ich bin.
Wenn ich allein sein will, dann lasst mich allein.
Wenn ich nicht auf eine Feier will, dann ladet mich nicht ein.
Wenn ich Shopping-Malls meide, dann fragt mich nicht, ob ich mitkommen will.
Holt mich nicht immer in eine Welt, die ich nicht verstehe.

Ich kann nicht „nein“ sagen und überschreite ständig meine Grenzen. Will es allen recht machen. Aber ich hege die Hoffnung, dass immer mehr Menschen mich verstehen lernen und das viele Fragen aufhören. Wenn ich etwas möchte und die Kraft dazu habe, dann melde ich mich…

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Das Phänomen Schlafstörung

Schwer auszuhalten, kann ich nur sagen.

Schon als Kind und Jugendliche hatte ich einen unregelmäßigen Schlaf. Als kleines Kind wurde ich oft von Albträumen geweckt und hatte regelrechte Fieberzustände, die aber kein Fieber waren. Als Schülerin lernte ich Schreiben und nutzte die Nachtzeit, um Geschichten zu verfassen. Zudem schrieb ich oft Tagebuch.
In dieser Zeit kam der mangelnde Schlaf tagsüber kaum zur Geltung. Es verging kaum eine Nacht, in der ich vor vier Uhr einschlief. Es machte mir einfach nichts aus. Es gab Zeiten, in denen schlief ich nur von vier bis sechs Uhr am Morgen. Danach war ich putzmunter und voller Energie und nahm es deswegen überhaupt nicht als eine Schlafstörung wahr. Meine Mutter war immer sehr besorgt und versuchte, einen Schlafrhythmus in mich hineinzubringen, doch sie schaffte es nicht. Und doch, wenn ich heute über diese Zeit nachdenke, fällt mir etwas auf, was ich gerade wieder erlebe. Es gab und gibt immer wieder Nächte, in denen ich tief und fest durchschlafe. Wie kann das sein und was löst diesen erholsamen Schlaf plötzlich aus? Nun kann man sagen: okay, irgendwann holt sich der Körper den Schlaf, den er braucht. Nein, nein, damit hatte es wenig zu tun. Es handelt sich bei mir um ein völlig anderes Phänomen, was ich gerade wieder erlebe! Ich versuche es zu schildern:

Sobald ich Menschen und Geräusche um mich habe, löst es bei mir eine Aufmerksamkeit aus. Aber nicht nur eine kleine, wie es bei NTs der Fall ist, nein, ich fahre direkt auf Hochtouren. Bei mir sind direkt alle Synapsen auf Empfang geschaltet und startbereit zum zünden! Auch die kleinsten Vorfälle, die von vielen ignoriert werden, landen bei mir in der Kammer der vollen Aufmerksamkeit. Mir fehlt der Filter für das Unwichtige. Bei mir ist alles wichtig. Je mehr Menschen und Geräusche ich um mich habe, je mehr Gas muss mein Hirn geben. Ich nehme alles wahr! Alles! Deswegen kann ich öffentliche Plätze oft kaum aushalten. Manchmal fährt mein Gehirn den ganzen Tag über im Vollgas, obwohl gar nichts Dramatisches oder Beunruhigendes passiert ist. Was ist das nur? Warum kann ich bei unwichtigen Dingen nicht einfach mal abschalten und mich erholen? Ich denke, das ist eines der ungelösten Geheimnisse des Autismus‘. In diesem Moment wird der Rückzug wichtig. Wenn ich keine Rückzugsmöglichkeit habe, kann ich den Motor im Gehirn nicht abschalten. Das kuriose ist gleichzeitig, dass mein Rückzug so aussieht, dass ich mich mit meinem Spezialthema intensiv in einem ruhigen Raum beschäftige. Werde ich dabei gestört, werde ich echt grantig! Menschen, die keinen Autismus haben, würden sagen: Aber dieses intensive Arbeiten mit dem Spezialthema ist doch viel anstrengender, als in einem Cafè zu sitzen und Kaffee zu trinken. Nicht bei mir! Bei mir ist es genau umgekehrt. Das zurückgezogene Arbeiten entspannt mich mehr als jede Freizeitbeschäftigung eines NTs.

Nun betrachte ich einmal meinen Tag:
Wenn ich tagsüber alleine bin und in Ruhe arbeiten kann, finde ich Nachts in einen guten Schlaf hinein. Ich stelle es mir so vor: In meinem Gehirn befindet sich Hirnwasser, dass sich zu drehen beginnt, sobald ich aktiv werde und Reize aufnehme. Je mehr Reize ich aufnehme, je schneller dreht sich das Hirnwasser. Es kommt also richtig in Fahrt.
Wenn ich nun den ganzen Tag von Menschen und Reizen umgeben bin, auch wenn der Tag noch so ruhig war, spüre ich eine enorme Drehzahl im Kopf. Es fühlt sich wie Hitze an. Und dann kommt die Nacht. Das Hirnwasser kann nicht so schnell stoppen, weil es zu stark auf Touren läuft. Die Gedanken, die sich darin durch die Reize tummeln, drehen sich also weiter und es dauert oft stundenlang, bis ich zur Ruhe komme. Besonders stark bemerke ich es nach abendlichen Veranstaltungen oder Partys, die ich nur mit großer Mühe durchstehe. Oder wenn ich den ganzen Tag hindurch mit Menschen zusammen sein muss.

Je älter ich werde, desto offensichtlicher zeigt sich dieses Phänomen. Als Jugendliche nahm ich es nicht wahr.

Die einzige Möglichkeit, einen erholsamen und langen Schlaf zu finden, ist also die Vermeidung von Reizen. Da ich keinen gut funktionierenden Filter dafür besitze, muss ich mir die reizfreie Umgebung schaffen, mitunter auch erzwingen, was nicht immer allen gefällt. Ich muss mich also auch von Menschen befreien, die ich im Grunde gerne um mich habe.
Das bringt mich oft in einen Konflikt. Ich sehne mich nach Kontakten und leide gleichzeitig unter ihnen. Das ist in einer Partnerschaft sehr schwer. Gemeinsamer Urlaub ist für mich zum Beispiel Höchstarbeit, weil ich den ganzen Tag mit meinem Partner verbringe und ihm Aufmerksamkeit schenke. Ebenso gemeinsame Ausflüge. Ganz zu schweigen von Wochenenden. Das ist richtig anstrengende Arbeit für mich!

Seit meine Kinder ausgezogen sind, geht es mir viel besser, obwohl meine Kinder keine Schuld tragen. Ich liebe sie sehr, aber ich bemerke auch, wie gut es gerade ihnen tut, ebenfalls von den Reizen, die ein Familienleben mit sich bringt, befreit zu sein. Nun arbeite ich an einer Balance zwischen meinem Ehepartner und mir. Es bedarf einer großen Ehrlichkeit und Toleranz, um einen Tagesablauf zu finden, der beiden guttut.

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Stalken – fühlen sich Autisten schneller gestalkt als NTs?

Diesen Begriff kennen alle und verbinden kriminelle Handlungen damit. Ich auch. Es ist kriminell, wenn ein Mensch den anderen bedroht, ihn erpresst, ihm nachstellt und schlimme Ängste in ihm hervorruft. Es entstehen Todesängste.

Nun, ich habe nie in meinem Leben jemanden bedroht, ihn erpresst, ihm nachgestellt, doch ich habe einmal schlimme Ängste in einem Menschen hervorgerufen und bin daraufhin mit dem Begriff „stalken“ konfrontiert worden. Ich war geschockt! Noch nie war mir in den Sinn gekommen, dass ich stalke. Es hat mich monatelang emotional zu Boden gerissen. Was war passiert?

Etwas, womit ich nie gerechnet hätte.
Ich lege großen Wert darauf, zu allen Menschen, die mir freundlich begegnen, mit der gleichen Freundlichkeit zu antworten. Als Autistin weiß ich aber manchmal nicht wirklich, wo die Grenze der Freundlichkeit endet und wann es aufdringlich wird. Oder missverständlich. Grenzen erkennen ist eines meiner größten Probleme.
Wie viele, die in Facebook mit mir befreundet sind, wissen, antworte ich immer gerne auf Kommentare oder nehme gerne an Internetdiskussionen teil. Das klappt gut. Da kann ich entscheiden, wie lange ich für eine Antwort brauche und wann ich mich ausklinke. Zu manchen habe ich auch Kontakt per Email.

Als ich noch nichts von Autismus und dem Asperger Syndrom wusste, kam über meine private Facebookseite ein alter Kontakt zustande, der mich sehr freute. Wir tauschten sofort alles aus, was sich in den letzten 30 Jahren in unserem Leben zugetragen hatte. Ich bemerkte, dass wir einige Interessen teilten und schrieb mit großer Freude immer zurück. Er teilte mir mit, dass er das Asperger Syndrom habe und ich besorgte mir sofort das erste Buch darüber, um besser mit diesem Menschen kommunizieren zu können. Durch das Lesen dieses Buches kam ich allmählich dahinter, dass ich auch eine Betroffene sein könnte. Ich begann dem anderen viele Fragen zu stellen. Und das brachte mich in eine fatale Situation. Während ich mit Freude und Freundlichkeit Interesse an dem Asperger Syndrom bekundete, empfand der andere es wohl als Annäherung oder Aufdringlichkeit. Ich erkannte nicht seine Grenze. Er brach den Kontakt in FB ab und erst nach mehrmaligen Anfragen, was passiert sei, bekam ich eine bitterböse Email, ich sei ein Stalkerin.
Diese Nachricht fühlte sich an, als habe mich jemand außer Betrieb gesetzt. Ich soll eine Stalkerin sein? Ich konnte monatelang nicht auf diesen Vorwurf reagieren, war zutiefst verletzt und betrachtete den Kontakt als absolut zerbrochen.

Stalken.
Wann beginnt ein Autist, sich gestalkt zu fühlen?
Ich las im großen Buch von Tony Attwood nach:
„Während die Person mit Asperger Syndrom den Ausdruck von Liebe auf einem niedrigen Level genießt und selbst ausdrücken kann, kann es zu Problemen kommen, wenn derjenige sich in seiner Jugend oder als junger Erwachsener in jemanden „verguckt“. Dann kann der Ausdruck der Liebe und die Handlungen, mit denen Zuneigung ausgedrückt werden, zu intensiv sein. Die nett gemeinten Handlungen eines anderen können so interpretiert werden, dass mehr in sie hineingelesen wird, als mit ihnen gemeint war. Die beeinträchtigten Theory-of-Mind-Fähigkeiten können dazu führen, dass die Person mit Asperger Syndrom annimmt, dass die andere Person sich ebenfalls verliebt hat und dass sie ihr dann folgt und weiter mit ihr reden will. Das kann dazu führen, dass man ihr Stalking vorwirft.“

Damit hatte ich eine Erklärung und versuchte den Kontakt wieder herzustellen. Und tatsächlich, es gelang. Ich erfuhr auch, dass diese Missinterpretation dem anderen leid tat. Doch dann setzte sich bei mir etwas anderes in Gang. Ich bekam Angst, diesem Menschen weiterhin freundlich zu begegnen. Stellte mir die Frage, wann er sich wieder gestalkt fühlt und wann nicht. Wann war eine Frage aufdringlich, wann nicht? Ich brach von meiner Seite den Kontakt ab, doch er kam nach wenigen Monaten wieder zustande. Ich war immer noch derart verunsichert, dass ich nie wieder zu der alten Gelassenheit zurückfand und brach erneut ab. Ich kann diesen Vorfall einfach nicht einsortieren. Ich weiß einfach nicht mehr, wo jetzt die Grenze sein soll. Vergeben und Vergessen funktioniert bei mir nicht.

Fühlen sich Autisten schneller gestalkt als NTs?
Dass bei Autisten das Gefühl von stalken schneller zustande kommt, kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Es gab auf meiner FB-Seite einen Vorfall, der mir äußerst unangenehm war. Da begann ein neuer Kontakt plötzlich, für mich aufdringliche Bemerkungen auf meine Chronik zu posten. In mir entstand direkt das Gefühl, einen Stalker an Land gezogen zu haben. Das machte mir Angst. Doch dann erinnerte ich mich an diesen besagten Vorfall. Wie schnell sich der andere durch mich verfolgt gefühlt hatte. Ich beschloss, diesem aufdringlichen Kontakt meine Ängste zu erklären. Dass er diese Postings bitte aufhören solle. Würde er reagieren? Vielleicht wollte er auch nur freundlich sein. Und tatsächlich, es kam eine große Entschuldigung zurück und die Postings hörten auf. Der Kontakt besteht bis heute in einer Form von Respekts, die ich gut aushalten kann und bin froh, so besonnen reagiert zu haben.

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