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Als Einzelgänger in einer Ehe… geht das?

Ich war immer schon ein Einzelgänger, auch wenn ich seit vielen Jahren verheiratet bin. Es hat an meiner innerlichen Wahrnehmung nichts verändert.

Als Kind mochte ich keine anderen Kinder um mich haben, es sei denn, sie interessierten sich für meine außergewöhnlichen Hobbies. Doch das war eher selten. Ich hatte fast nur Kontakt zu Jungen oder älteren Mädchen, weil deren Interessen anders als die meiner Klassenkameradinnen waren. Es kam aber nie zu festen oder längeren Freundschaften, die ich außerhalb dieser Interessen pflegte.
Schon damals fiel mir auf, wie langweilig viele Menschen um mich herum auf mich wirkten. Während in mir die fantastischsten Welten entstanden, die ich in Geschichten niederschrieb, gackerten die anderen Mädchen um mich herum über Schminke, Petting und Partys. Ich fand keinen Anschluss.

Mit 19 Jahren beschloss ich, allein in die USA zu reisen und dort eine Aupair-Stelle anzutreten. Viele waren entsetzt, weil ich aus deren Sicht viel zu jung für eine solche Reise alleine sei. Doch für mich war es genau das, was ich suchte. Zunächst verbrachte ich drei Wochen alleine in Colorado und verschwand stundenlang zum Wandern in den Rocky Mountains. Ich vermisste nichts und niemanden. Das Alleinsein löste in mir große Gefühle aus. Selbst als sich einige Leute mich anzuschließen versuchten, wich ich zurück und fertigte sie mit Lügen ab, damit sie mich allein ließen. Danach trat ich meine Aupair Stelle in Kalifornien an. Ich lernte Hollywood und eines seiner Studios kennen. Das war einer meiner Schlüsselmonente in meinem Leben, weil dort die fantastischsten Welten entstanden. Es löste in mir den späteren Wunsch aus, Bücher zu schreiben. Ich wollte Geschichten mit großen Kulissen und einer Menge unheimlicher Dinge erfinden.

Ich machte mir damals keine großen Gedanken darüber, weil ich es immer schon als normal empfand, meinen eigene Welt für mich allein zu haben. In dieser Welt war für mich alles bunt und sehr aufregend. Die Welt der anderen wirkte immer grau und nebelig auf mich. Ich konnte durch diesen Nebel nichts erkennen, was mich interessierte. Und doch musste ich mich damals dieser Welt nähern, als ich älter wurde. Ungern. Sehr ungern, aber meine Welt reichte nicht aus, um Geld für mein Leben zu verdienen. Ich verlor den Schutz des Elternhauses, nachdem sich meine Eltern getrennt hatten und meine Mutter starb. Ein Schock! Gewohnheiten, Regeln und Sicherheit waren auf einen Schlag weg. Meine ganzen Systeme, in denen ich lebte, kamen durcheinander. Ich erlitt für wenige Monate eine Amnesie und zeigte merkwürdige Verhaltensweisen. Schottete alles um mich herum ab und wartete darauf, dass es endlich vorbei sein würde.

Als mein Mann in mein Leben trat, stellte er meine Systeme wieder her. Ich bekam von ihm Sicherheit und Gewohnheit zurück und erlebte eine Geborgenheit, in der ich neue Regeln für mein Leben fand. Und doch existierte in mir immer diese andere Welt, die ich aus Scham nicht mit anderen teilen wollte. Sie war so anders und ich konnte mich in schlimmen Momenten immer in sie hineinflüchten.

Trotz Ehe, Kinder und großer Familie lebte ich immer nur am Rande mit. Ich konnte emotional nie in diese Welt hineinfinden, auch wenn es für andere den Anschein hatte, denn eines hatte ich im Laufe meines Lebens gelernt: das Theaterspielen. Der Anpassungsprozess. Ich konnte nie die Zärtlichkeit empfinden, die mein Mann für mich empfand und doch versuchte ich, sie zu zeigen. Es war mir wichtig, dass er glücklich war. Ich spielte die Herzlichkeit vor, die mir seine Familie zeigte, doch ich empfand sie nie. Und doch war es mir wichtig, dass alle glaubten, ich würde sie empfinden.

Nur zu meinen Kindern kann ich eine starke echte Liebe empfinden. Sie leben in meiner Welt und ich kann all ihre Emotionen verstehen und nachvollziehen. Sie zeigen ähnliche Emotionen wie ich und betrachten die Welt auf vielerlei Hinsicht wie ich. Ich bewundere ihre positive und neugierige Haltung und ihre Zuversicht, mit der sie ihr Leben meistern. Nur eines möchte ich nicht: dass sie sich für andere verbiegen. Auch wenn ich ihnen in den ersten Jahren eine Art Anpassung beizubringen versucht habe, so musste ich schnell hinnehmen, dass es nicht funktionierte. Sie leben authentisch, anders und manchmal auffällig und das macht mich sehr glücklich.

Bis heute bin ich das Gefühl des Einzelgängers nicht losgeworden. In meine Welt findet keiner hinein, es sei denn, er lebt in der gleichen Welt. Wer einen Blick in mein Bücherregal wirft, wird viele außergewöhnliche Bücher entdecken, die mich interessiert haben. Es handelt sich durchweg um Geschichten von Einzelgängern oder außergewöhnlichen Menschen und dazu gehören kaum die Bestseller der Gesellschaft. In meinen Geschichten, die ich schreibe, sind die Protagonisten auch alle Einzelgänger, weil ich einfach nicht in der Lage bin, aus einer anderen Sicht zu schreiben.

Ist es möglich, für mich als Einzelgänger in einer Ehe zu leben? Ja, ist es, solange man mich in meiner Welt lässt. Ich brauche zwischendurch immer die Flucht in meine bunte, positive und glückliche Welt, um aufzutanken. Mit Ehrlichkeit, Respekt und einer Menge Toleranz von beiden Seiten schaffen wir das. Sagen wir mal … wir schaffen das bis heute. Was morgen sein wird, wissen wir nicht. Aber es wird nie zu einer perfekten Form einer Partnerschaft führen, weil immer einer etwas vermissen wird. Ich vermisse einen Menschen in meiner Welt und mein Mann vermisst einen Menschen in seiner Welt. Das wird sich nie ändern. Und doch wissen wir, was wir aneinander haben.

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Der Blick fürs Außergewöhnliche

Schon von Kindheit an besaß ich einen Blick für das Außergewöhnliche. Ich kann mich an mein 5. Lebenjahr erinnern, als mich bestimmte Treppen zu faszinieren begannen. Die Symmetrie oder Asymmetrie ihres Verlaufs. Je höher die Treppe verlief, desto faszinierter war ich vom Anblick, wenn ich von unten nach oben sah. Ebenso faszinierten mich immer schon Bilder, in der die Mitte eine große Rolle spielt. Kennt Ihr die Bilder, auf denen eine Straße mitten durch eine Baumallee führt, oder der Steg, der viele Meter weit vom Strand ans Meer führt? Die Symmetrie in diesen Bilder begeistert mich noch heute.
Ebenso erkannte ich in Hausfassaden schnell Gesichter. Traurige, lachende und staunende. In der Dunkelheit machten sie mir Angst. Ich fühlte mich von ihnen beobachtet und verfolgt, wenn früh Morgens oder Abends an ihnen vorbeilaufen musste. Diese Gesichter fand ich auch vorne an den Autos, wenn ich auf die Stoßstange mit den Abblendlichtern sah. Immerzu schauen mich Gesichter an, ob in den Wolken, im Wald oder auf Gegenständen. Das ist heute noch so.

Als Kind fand ich die einzige Mohnblume inmitten eines Weizenfeldes, die keiner beachtet hatte. Oder das vierblättrige Kleeblatt unter tausenden von dreiblättrigen.

In meiner frühen Jugend begeisterten mich die Handarbeiten der Indianer. Sie erstellen Schmuck mit den schönsten Mustern, ganz zu schweigen, wenn sie Gewänder besticken. Überall fand ich symmetrische Muster, die mich beruhigten und faszinierten zugleich.

Ich begann schon früh mit dem Fotografieren, doch meine Fotos waren immer anders. Ich lichtete mit Begeisterung kleine Details ab. Die Biene auf der Blume, die keiner sah oder einen Teil der Straßenlampe, wenn sie ihr Licht geheimnisvoll durch den Nebel auf die Straße warf. Die Schnitzerei an einer Holztür, ein besonders schön arrangierter Pflanzkübel vor einer Haustür oder die Spitze eines Kirchturms. Viele Menschen versuchten mir zu erklären, dass man mit einem Fotoapparat in erster Linie Großaufnahmen von Landschaften machte, doch mich interessierten solche Aufnahmen nicht. Erst später entdeckte ich diese Form der Fotografie. Bis heute jedoch dominieren in meiner Sammlung Detailaufnahmen.

Der Blick für das Außergewöhnliche zeigt sich auch in einem anderen Bereich. Schon immer interessierte ich mich für Menschen, die anders waren. Die, die durch irgendein Verhalten auffielen. Ihnen schenkte ich meine besondere Aufmerksamkeit. Dazu will ich einige Beispiele nennen:
Ein Junge in meiner 7. bis 9. Klasse erweckte meine Aufmerksamkeit, weil er von vielen Mitschülern geärgert und gehänselt wurde. Er sprach sehr deutlich und drückte sich oft altklug aus. Wir bekamen einmal die Aufgabe, aus 5 Wörtern eine Geschichte zu schreiben. Dieser Junge formulierte nur einen Satz und brachte darin alle Wörter unter. Ja, der Satz ergab sogar eine kleine Geschichte. Ich war begeistert, während die anderen ihn auslachten. Er wurde vom Lehrer gescholten und bekam eine sechs dafür. Daraufhin verließ der Junge den Klassenraum. Aus seiner Sicht hatte er alles richtig gemacht. Ich sah das genauso und bewunderte diesen Jungen heimlich.

Während meiner ganzen Schulzeit hatte ich nie eine feste Freundin, weil es einfach niemanden gab, für den ich mich interessierte oder die sich für mich interessierte. (Meine eher lockeren Freundschaftsverbindungen oder Kontakte pflegte ich eher mit älteren Schülern.) Das änderte sich, als ich in der 10. Klasse der Hauptschule meinen Realschulabschluss nachholte. Wir wurden aus vier Klassen zusammengewürfelt. Ich lernte Rosie kennen. Sie war gebürtige Italienerin und lebte in einem Kinderheim meiner Stadt. Sie wurde von vielen Mitschülern geärgert und ausgestoßen, doch ich mochte sie. Sie besaß eine blühende Fantasie und konnte herrliche Geschichten erzählen. Allerdings hatte sie tatsächlich einige Suizidversuche hinter sich. Sie zeigte mir ihre Arme und Handgelenke, die im Bereich der Hauptschlagader mit Narben übersät waren. Wir wurden für ein Jahr beste Freundinnen und verloren uns nach der Schule aus den Augen.

In meiner Ausbildung zur Erzieherin zeigte sich wieder das Interesse an außergewöhnlichen Kindern. Kinder, die mir durch ihr auffälliges Verhalten interessant erschienen. Der Junge, der sich ständig bellend unter dem Tisch verkroch und lieber ein Hund war als ein Kind. Das Mädchen, das andere grundlos schlug, weil es zu Hause Prügel bekam. Diese Kinder bekamen meine Aufmerksamkeit und ich verstand mich stets gut mir ihnen, im Gegensatz zu den leitenden Erzieherinnen. Ich kam eher mit den anderen Kindern nicht klar, die mir oft frech und ungerecht erschienen.

Als ich später einige Kleinkindergruppen leitete, entwickelte ich immer wieder Sympathien für auffällige Kinder. Bewegungsauffällig oder einfach nur anders. Kinder, die ein Bild anders gestalteten als andere und Materialeien zweckentfremdeten erhielten mein Lob für ihre Kreativität. Ich mochte es, wenn ein Kind eine eigene Idee entwickelte.

Als ich mit 30 Jahren begann, Bücher zu schreiben, verspürte ich immer den Drang, eines Tages über einen autistischen Menschen zu schreiben und konnte mir diese Idee nie erklären. Damals wusste ich nichts von meinem Autismus. Heute stelle ich fest, dass fast all meine Protagonisten autistische Anzeichen haben, ich also immer schon ein Gefühl für das Denken und Handeln dieser Menschen hatte, weil es selbst in mir drinsteckt. Leser, die Rezensionen zu meinen Büchern schreiben, erwähnen oft meinen Blick für Details und das Außergewöhnliche. Selbst mein Schreibstil ist außergewöhnlich. Leser fühlen sich mit in die Welt der Protagonisten gezogen und erleben sehr detailliert und hautnah alles mit. Ich beziehe mich gerne auf das Wesentliche und nicht auf unwichtige Dinge drumherum. Eben der Blick für das Außergewöhnliche…

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Motorische Probleme

Ich stoße überall an und das meine ich nicht im übertragenen Sinne! Ich stoße tatsächlich überall mit meinen Händen, Füßen und Schultern an. Deswegen kommt es häufig zu Verletzungen, über die andere nur den Kopf schütteln. Sie nennen es Tollpatschigkeit. Für mich ist es Alltag.

Schon drei Mal musste ich zum Optiker, um meine Brille richten zu lassen. Ständig stoße ich mir den Kopf an irgendwelchen Schränken und verbiege mein Brillengestell dabei. Nicht selten erleide ich kleine Verletzungen am Auge, so dass ich schon Angst bekam, man könnte annehmen, mein Mann würde mich schlagen. Nein, das tut er nicht, hat er nie getan und wird es auch nie tun. Aber wenn man öfter mit solchen Verletzungen gesehen wird, könnte es zu Spekulationen führen. Also ging ich zum Augenarzt und ließ mein Sichtfeld prüfen, ob es eingeschränkt wäre. Nein, ist es nicht. Alles in Ordnung.

Immer wieder rutsche ich mit dem Messer ab und schneide mich. Immer wieder stoße ich Dinge um oder vom Tisch oder renne mit der Schulter gegen den Türrahmen, wenn ich das Zimmer verlasse. Meine Ungeschicktheit wäre ein Comic-Buch wert. Ich verschätze mich bei Treppenstufen und habe ständig blaue Flecken am Schienenbein, weil ich mal wieder abgerutscht bin.

Als Jugendliche versuchte ich auf einem Turnbalken zu gehen. Keine Chance! Ich konnte das Gleichgewicht nicht halten. Folglich kann ich auch nur kurz auf einem Bein stehen. Sportlich war ich deswegen nie die Beste. Nur Schwimmen funktionierte, aber auch dabei beanstandete mein Schwimmtrainer ständig eine falsche Beinbewegung, die ich nie wegtrainiert bekam.

Grazie? Fehl am Platz! Ich meine, ich renne nicht wie ein Trampeltier durch die Gegend, aber ich bewege mich auch nicht sehr galant… Ich könnte niemals High-Heels tragen! Schon der bloße Gedanke daran lässt mich erschaudern! Ich trage deswegen immer schon bequeme flache Schuhe. Geschäfte voller Glas und Porzellan meide ich tunlichst. Warum? Ich kann einfach nicht abschätzen, wann ich etwas an- oder umstoße.

Kennt Ihr das Problem als Jugendliche, wenn man ungeschickt wird, weil Arme und Beine wachsen und das Gehirn manchmal nicht mitkommt, die Abstände abzuschätzen? Nun, bei mir ging diese Zeit nie vorbei. Doch ich entwickelte eine Menge Humor dadurch. Muss immer über mich selbst lachen. Mein Gehirn gibt mir irgendwie keine rechtzeitigen Signale in dieser Richtung.

Oder kennt ihr das Problem, mit dem Ärmel an der Türklinge hängen zu bleiben? Herrje, ich weiß nicht, wie viele Blusenärmel ich deswegen zerrissen habe…
Seit langer Zeit laufe ich nur noch mit hochgekrämpelten Ärmeln rum. Ich ziehe einen Pulli direkt beim Anziehen bis zur Armbeuge hoch, nur um beim Zimmerverlassen nicht wieder hängenzubleiben. Ich kann die Dinge, die ich deswegen schon fallen lassen habe nicht mehr zählen. Es stört mich grundsätzlich, Stoff an den Handgelenken zu spüren. Muss immer die Ärmel hochziehen, wenn sie runterutschen. Es irritiert mich sonst.

Es scheint eine Kombination aus zu schnellen Bewegungen/Hektik und Fehleinschätzungen bei der Wahrnehmung zu sein, die ich bis heute nicht in den Griff bekommen habe. Was ich aber im Griff habe ist, darüber einfach immer wieder zu lachen…

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Mut

Was ist Mut?
Mut ist ein kurzes Wort mit einer großen Bedeutung.
Ich habe viel in meinem Leben gewagt und war bis vor einigen Jahren doch ziemlich tollkühn in meinen Aktionen, doch ich konnte es nie unter Mut verbuchen.

Ist es mutig, das Land zu verlassen und in einem fremden Land ganz neu anzufangen?
Ist es mutig, gegen den Krebs zu kämpfen?
Ist es mutig, vor einem großen Publikum zu lesen?
Ist es mutig, allein mit dem Wagen quer durch Europa zu reisen, obwohl ich mich ständig verirre?

Viele würden sagen, ja, das ist Mut.
Für mich war und ist es alltäglich, bestimmte Aktionen im großen Stil durchzuführen. Sachen, die sich andere vielleicht nie im Leben trauen. Und doch fühlt es sich für mich nicht mutig an.

Mut bedeutet, mich Dingen zu stellen, für die ich mich überwinden muss. Und die haben oft nichts mit großen Aktionen zu tun. Im Gegenteil, für mich sind es die kleinen Dinge im Leben, die bei mir großen Mut einfordern. Viele Jahre lang war ich feige. Ich benutze einfach mal dieses negative Wort, weil mir kein anderes dazu einfällt.
Ich war feige zu sagen, wann es mir reichte.
Ich war feige zu sagen, was mich verletzt.
Ich war feige, nein zu sagen.
Ich war feige, den Menschen die Wahrheit zu sagen.
Ich war feige, mich gegen Dinge zu wehren, die ich nicht wollte.
War ich feige, unfähig oder ängstlich?

Für mich beginnt Mut an einer ganz anderen Stelle, nämlich bei der sozialen Interaktion. Meine sogenannte Feigheit war im Grunde meine Angst vor den Reaktionen der anderen, wenn sie mich mit ihren Gegenargumenten bombardierten. Dass meine Reaktion darauf nicht die beste war, stellte ich schon in jungen Jahren fest. Warum konnte ich nie spontan ehrliche Reaktionen abrufen und mitteilen? Warum kamen mir immer alle möglichen Ausreden in den Sinn, für die ich mich später hasste?
Ich konnte mich viele Jahre lang nicht überwinden, die Wahrheit zu sagen. Damit bekam das Wort „Mut“ eine neue Dimension für mich.

Doch…stopp! Es gab eine Zeit, als ich mutig war, nämlich als Kind. In dieser Zeit machte ich meinen Unmut deutlich und es bescherte mir immerzu Ärger. Ich galt als launisch, unerträglich und komisch.
Ein Kind lernt schnell. Schneller als ein Erwachsener, weil es noch keine Strukturen in sich verspürt, die es ändern muss. Es legt seine Strukturen im Leben erst an. Damit auch die Regeln und Verhaltensweisen. Mein feiges Leben begann als junge Erwachsene, damit ich überhaupt in die Gesellschaft fand. Feigheit und Lüge wurden zu Strategien und Regeln, die ich widerlich aber unumgänglich fand. Es funktionierte 30 Jahre lang. Dann machte der Körper nicht mehr mit. Ich ging auf die Suche nach meinem alten Mut aus meiner Kindheit und frühen Jugend und fand ihn.

Mut ist gleich einer Überwindung für mich.
Überwindung kostet viel Kraft. Es ist, als würde ich an einer Klippe stehen und jeder wartet auf meinen Sprung in die Tiefe. Überwindung ist bei mir immer mit immenser Angst verbunden. Ich springe nicht gerne in die Tiefe ohne zu wissen, was dann passiert.

Die Überwindung hat mich in den letzten Jahren meiner Veränderung immer mehr beschäftigt. Ohne Überwindung wird sich nichts verändern. Ich musste lernen, mutig in meinem Sinne zu werden, also Worte auszusprechen, die ich kaum über die Lippen bekam. Auch auf die Gefahr hin, einen Krieg auszulösen. Ich bin kein Stratege und auch nicht diplomatisch, deswegen kommen meine Worte oft ungebremst heraus und werden schnell missverstanden. Meine Impulsivität tut ihr Übriges. Doch ehe ich die Gelegenheit bekomme, es zu erklären, sehe ich mich besiegt am Boden liegen.

In den letzten Jahren ist mir immer klarer geworden, dass ich Mut üben musste, auch auf die Gefahr hin, anfangs zu verlieren. Ich musste also lernen, immer wieder von der Klippe zu springen, solange, bis ich den Sprung beherrschte.
Nun, ich werde solche Sprünge nie wirklich lernen und es kostet mich immer wieder viel Überwindung, mutig zu sein, doch ich habe bemerkt, dass sich durch Mut die Dinge positiv für mich verändern. Der Gewinn ist oft größer als der Verlust. Ich muss aushalten lernen, anders, als ich früher aushielt. Jetzt muss ich FÜR MICH aushalten lernen und nicht für andere. Das gibt dem Wort eine neue Dimension in meinem Leben. Und das wiederum gibt mir neuen Mut…

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Wie viel Nähe kann ich aushalten?

Ich kann Nähe nur sehr schwer aushalten. Dabei rede ich nicht unbedingt von körperlicher Nähe, nein, es geht mehr um die Nähe zu meinen tiefen Gefühlen und Gedanken. Sicherlich lässt sich das eine vom anderen nicht immer trennen, aber bei mir gibt es durchaus zwei verschiedene Wahrnehmungen. Zunächst zur körperlichen:

Schon als Kind mochte ich kein Händegeben und keine Umarmungen. Der bloße Hautkontakt löste in mir eine Art Übelkeit oder großes Unwohlsein aus. Aber als Kind ließ ich diese Gesellschaftsregeln eben zu, weil ich es nicht besser wusste. Als Jugendliche verstärkte sich die Wahrnehmung noch einmal und ich konnte Hautberührungen kaum noch aushalten. Ich suchte, wo immer ich war, einen „gediegenen“ Abstand zu meinen Mitmenschen, wenn ich mit ihnen sprach oder in ihrer Nähe saß. Bloß keine Berührungen! Schon alleine der unabsichtliche Kontakt mit den Knien unter dem Tisch, wenn es mal wieder zu eng war, löste in mir ein starkes Zucken aus, selbst durch die Berührung der Kleidung. Ich konnte das Zucken nie ablegen. Es ist mir peinlich, weil es dem anderen eine Art Abneigung signalisiert, also vermeide ich Nähe wo immer ich kann. Wenn mir eine Tischrunde zu eng wird, denke ich mir Ausreden aus, weshalb ich nicht dazwischen sitzen kann. Ich helfe dann in der Küche aus oder schiebe belanglose Kleinigkeiten dazwischen.
In den USA und in Kanada existiert eine Gesellschaftsregel: Bitte nähern Sie sich wenn möglich einer fremden Person nicht näher als einen Meter. Das gefällt mir! Es hat mir Respekt zu tun, erklärte man mir, als ich einmal in einer Immigrationsschule nachfragte.

Als ich Mutter wurde, halfen mir die Kinder, mehr körperliche Nähe zuzulassen. Zu ihnen konnte ich problemlos Hautkontakt aushalten. Das wiederum verhalf mir dazu, auch Umarmungen mehr zuzulassen, auch wenn es mir bis heute unangenehm ist. Doch es ist bei weitem nicht mehr so schlimm. Ich habe über die letzten Jahrzehnte gelernt, dass diese Form der Begegnung zu gesellschaftlichen Abläufen dazugehört. Ebenso das Händegeben. Ich vollziehe diese Berührungen aber völlig emotionslos.

Die zweite, und damit viel wichtigere Nähe, ist die Nähe zu meinen Gefühlen und Gedanken. Schon immer empfand ich eine Art Raum um mich herum, in den niemand eintreten durfte. In diesem Raum lebe, atme und fühle ich. Es ist mein alleiniges Reich. Es geht niemanden etwas an. Ab und zu öffne ich ein Fenster zu meinem Raum, um mich in die Welt hinauszulehnen oder andere kurz hineinsehen zu lassen. Auch wenn ich inmitten vieler Menschen lebe, so lebe ich völlig isoliert mit meinen Gefühlen. Ich möchte und kann sie zum Teil auch nicht mitteilen, weil sie mir als eine Art Gut erscheinen, das keinen etwas angeht. Ich bin sehr gerne alleine, auch wenn man es mir nicht anmerkt, aber sobald ich niemanden mehr um mich habe, hole ich immer tief Luft, als würde ich jetzt erst richtig atmen und meine Lungen mit Sauerstoff füllen können.

Wie viel Nähe kann ich aushalten?

Je älter ich werde, desto weniger Nähe ist mir angenehm. Ich will auch nichts mehr aushalten, was mir unangenehm ist. Ich kann auf Entfernung mehr empfinden, als bei direkter Nähe. Es ist, als bekomme ich durch Entfernung erst Raum für meine Gefühle. Doch sobald sich mir jemand nähert, verstummen sie und ich bin nur noch auf den anderen fixiert, was mich enorm viel Energie kostet.
Wenn ich mich heute zurück entsinne, wie mein Leben emotional verlaufen ist, kann ich mich an so gut wie gar nichts erinnern. Kennt Ihr das? Ihr schaut in eine alte Fotokiste und könnt euch erst dann an all die gelebten Situationen erinnern. So ist es mit meinen Gefühlen. Erst durch Fotos kann ich mich erinnern und fühlen. Deswegen fotografiere ich auch so viel. Es sind oft die Gefühle, die ich festhalte, weil ich sie in meinem Inneren kaum wahrnehme.

Die stärksten Gefühle verspüre ich beim Alleinsein und in der Stille der Natur. Die kann ich später auch abrufen. Es fühlt sich an, als könne ich mich nur durch das Alleinsein bewusst spüren. Warum ist das so? Warum schalten sich alle tiefen Emotionen ab, wenn jemand in meine Nähe kommt?

Mein eigener Wohnbereich ist inzwischen zu einem wichtigen Bestandteil in meinem Leben geworden. Er gibt mir Ruhe und inneren Frieden. Dorthin ziehe ich mich zurück, wenn mir wieder alles zu viel wird. Dort darf mich niemand stören. Ich bestimme, wann ich wieder Nähe zulasse und nicht die anderen. Nur so kann ich relativ störungsfrei leben.

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Hass auf Geräusche – Misophonie

Ehrlich gesagt musste ich lachen, als ich zum ersten Mal von der Misophonie las. Das ist eine selektive Geräuschintoleranz.
Ich bin wirklich nicht auf der Suche nach neurotischen Störungen oder weiteren Überempfindlichkeiten, aber dieser Hass auf Geräusche kommt mir irgendwie sehr bekannt vor…

Es begann, als ich mit fünf Jahren bei meinen Großeltern übernachtete und zum ersten Mal meinem Opa beim frühstücken zusah. Nichts bewegendes. Aber als er seinen Kaffee laut schlürfend aus der Tasse trank und ihn mit einem harten Schluckgeräusch herunterschluckte, wurde mir zum ersten Mal schlecht. Nicht ein bisschen, nein, in mir kam regelrechter Ekel hoch. Es wurde so schlimm, dass ich aufstand und die Küche verließ. Dieses Schluckgeräusch wirkte derart ekelig auf mich, dass ich nicht anders konnte, als mich zu entfernen. Ich wollte meinen Opa ja nicht anschreien, aber ich konnte dieses Geräusch einfach nicht aushalten.
Damals verband ich es nicht mit Wut, Zorn oder gar Hass, nein, es war einfach nur ekelig. Doch im Laufe meines Lebens veränderte sich diese Reaktion nicht, im Gegenteil, es wurde schlimmer. Ich hatte und habe immer noch große Mühe mit Menschen an einem Kaffeetisch zu sitzen, weil man dort das Schluckgeräusch besonders laut hört. Beim Mittagstisch ist es nicht ganz so schlimm, weil es durch die ständigen Geräusche auf den Tellern abgemildert wird.

Ich weiß, dass diese Menschen nichts dafür können, aber das Geräusch verursacht irgendetwas in meinem Kopf.

Später kamen noch zwei weitere Geräusche hinzu, die sicherlich auch viele kennen und nicht mögen. Eins davon war das Knacken mit den Fingerknöcheln. Es gab eine Zeit in meiner Jugend, in der es viele Jungs ganz cool und aufregend fanden, mit ihren Gelenken zu knacken. Ich erinnere, dass es während der Spencer/Hill-Filme zu einer Art Kult wurde. Man präsentierte damit Stärke und wollte den Gegner abschrecken oder Angst machen. In mir verursachte es Ekel. Viele fanden das Geräusch furchtbar, aber sie taten nicht das, was ich tat: Ich ging diesen Menschen regelrecht aus dem Weg und konnte keinen Kontakt zu ihnen halten, weil sich der Ekel für mich furchtbar anfühlte.

Einige Jahre später gesellte sich ein drittes Geräusch dazu: Das Kiefernknacken. Manche Menschen haben eine leichte Kiefernfehlstellung und benötigen eine sogenannte Schlafschiene. Wenn sie ihren Kiefer z.B beim Gähnen öffnen, knackt es. Wenn die Fehlstellung stärker ausgeprägt ist, knackt es sogar beim Kauen oder Essen. Ich bin nicht in der Lage, mit solchen Menschen an einem Tisch zu sitzen.

Liegt es an der Art des Geräusches, der Tonlage, die irgendetwas in meinem Gehirn auslöst?

Jetzt frage ich mich, ist es wirklich ein Hass auf Geräusche? Hass ist ein hartes Wort, aber es kommt meinem Gefühl sehr nahe, weil ich sogar Kontakte dafür aufgebe. Diese Gluck-und Knackgeräusche lösen in meinem Gehör irgendetwas aus, das ich nicht in den Griff bekomme. Das ist einer der Gründe, weswegen ich ungern in Gesellschaft speise. Ich bekomme es einfach nicht in den Griff, egal, wie sehr ich mich bemühe.

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Der Weg in die Unabhängigkeit

Die Abhängigkeit ist ein Zustand, der mir sehr viel Angst macht und doch muss ich mir eingestehen, niemals die völlige Unabhängigkeit zu erlangen. Dafür habe ich zu viele Baustellen, bei denen ich auf andere angewiesen bin. Aber das hindert mich nicht, mich in vielen Bereichen unabhängig zu machen.

Für mich ist es wichtig, auf so wenig Hilfe wie möglich im Leben angewiesen zu sein. Das beginnt schon bei banalen Alltagssituationen wie Wohnen und allen dazugehörigen Arbeiten. Ich kann meinen Alltag komplett allein organisieren und doch benötige ich Hilfe bei einigen technischen Angelegenheiten, weil ich überhaupt kein technisches Knowhow besitze. Alles, was ich mit dem Computer mache, musste ich unter großer Mühe lernen. Ich besitze kein Handy oder Smartphone und kann weder einen Fernseher noch ein Telefon programmieren. Der Stress, der dabei in mir entsteht, ist so groß, dass ich eher darauf verzichte, als es zu machen. Zur Not kann ich jedoch Fremdhilfe in Anspruch nehmen.

Was Menschen ohne Autismus oft alleine bewältigen, ist für mich immer eine große Errungenschaft. Wo ich mit Stolz auf meinen gut organisierten Haushalt schaue, zucken andere nur die Schultern. Na und? Das ist doch nichts besonderes. Doch, für mich schon! Es kostet mich viel Planung und Kraft, weil bei mir der natürliche Instinkt und die spontane Intuition nicht gut ausgeprägt sind.

Ich lege viel Wert darauf, andere nicht mit meinen Problemen zu belasten. Auch in diesem Bereich ist mir die Unabhängigkeit sehr wichtig. Es gibt mir ein gutes Gefühl, nicht in der Schuld anderer zu stehen, weil mir diese Abhängigkeit sehr zu schaffen macht. In mir spielt sich immer der Gedanke ab, wie ich dem anderen eine –Gegenleistung bieten könnte und müsste. Es setzt also einen Denkprozess in mir in Gang, den ich nicht ausblenden kann, auch wenn er nicht nötig ist.

Ich legte viel Wert darauf, unsere Kinder ohne die Hilfe anderer groß zu ziehen und doch genoss ich die Abhängigkeit des Einkommens meines Mannes in dieser Zeit. Ich verdiente zwar immer ein wenig dazu, doch es hätte niemals ausgereicht. Dafür erbrachte ich viele Gegenleistungen, erfüllte Ehrenämter und Hilfe in der Familie. In mir arbeitete ständig das Gefühl, nicht genug getan zu haben, dabei war es mehr als ausreichend, was ich leistete. Doch das bemerkte ich erst viele Jahre später. Heute bin ich sehr stolz auf meine damaligen Leistungen.

Heute bin ich auch finanziell unabhängig, weil unsere Kinder den Weg in ein eigenes Leben gefunden haben und ich beginnen konnte, meine eigenen beruflichen Ziele Stück für Stück umzusetzen. Das war und ist immer noch harte Arbeit, aber es gibt mir ein sehr gutes Gefühl. Ich fragte mich vor einigen Jahren, was ich gerne tun würde und genau das tat ich. Zu allen, die versuchten, mich davon abzuhalten, brach ich ganz langsam den Kontakt ab. Ich wollte mich nicht mehr von ihnen bestimmen lassen und somit abhängig machen.

Doch mit Unabhängigkeit meine ich auch etwas anderes.

Es ist die Gewissheit, auch alleine und unabhängig leben zu können, obwohl ich verheiratet bin. Der Gedanke, von meinem Mann abhängig zu sein, macht mir immer wieder große Angst. Es beginnt schon damit, dass er oft die gemeinsamen Fahrten mit dem Wagen übernimmt. Das habe ich geändert. Ich bin genauso in der Lage, große Strecken mit dem Wagen zu schaffen wie er. Das habe ich mir mühselig in den letzten Jahren beigebracht. Dabei musste ich anfangs gegen meine Angst arbeiten, weil ich durch die Gewohnheit immer abhängiger von meinem Mann wurde, obwohl er das nicht beabsichtigte. Er meinte und meint es immer gut, wenn er mir hilft, doch je älter ich werde, desto wichtiger erscheint mir die Unabhängigkeit.
Ebenso ergeht es mir bei bürokratischen Angelegenheiten, die ich immer öfter alleine regel, um die Beamtensprache besser zu verstehen. Das ist sehr anstrengend, aber es macht mir Angst, auch in diesem Bereich abhängig zu sein.

In den letzten Jahren, nachdem ich weiß, eine Betroffene des Asperger Syndroms zu sein, habe ich nach einem Zusammenbruch gelernt, mich aus den Fängen anderer Menschen zu befreien. Ihnen nicht mehr gefallen zu wollen oder ein Leben vorzugaukeln, das nicht meins ist. Der Zusammenbruch resultierte letztendlich aus dieser Abhängigkeit. Ich schwor mir, nie wieder um die Gunst oder die Aufmerksamkeit von Menschen zu buhlen, die meine Schwäche, nicht nein sagen zu können, ausnutzten. Die mich immer tiefer in die Abhängigkeit und damit in ein großes Schuldbewusstsein trieben.

Es ist nicht vielen Menschen mit Autismus gegeben, unabhängig zu leben, aber jeder kleine Baustein, den ich alleine für mein Leben dazugebe, ist ein Hochgenuss. Und jede Hilfe, mich so unabhängig wie möglich leben zu lassen, ist ein großes Glück für mich. Vielleicht bin ich auch einfach nur in der Lage, mein selbstständiges Leben viel mehr zu wertschätzen als andere, wenn man mich so sein lässt, wie ich bin. Jeder Mensch trägt eine Vollkommenheit in sich, die manchmal erst entdeckt werden muss… auch wenn er hin und wieder Hilfe braucht!

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