Archiv für den Monat März 2019

Die Überforderung

Gestern war wieder ein ganz typischer Tag, an dem ich die Überforderung, die mich im Alltag oft einholt, gut darstellen kann.
Viele Nicht-Autisten werden jetzt wahrscheinlich die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sagen: „Das ist nicht wahr…“
Doch, es ist wahr!

Ich hatte nur einen einzigen kleinen Termin in einer etwas größeren Stadt. Der Termin drehte sich um meine Insulinpumpe. Ich brauche eine neue und der Hersteller lud mich zu einem einstündigen Info-Vortrag am Abend ein, um mir das neueste Pumpen-Modell vorzustellen.
Meine Alltagsplanung war dahin, und das für nur gerade mal 1 Stunde.

  1. Problem:
    Wenn ein Termin gegen Abend in einer größeren Stadt stattfindet, muss ich sehr gut planen, wie früh ich bereits in der Stadt anreise, um nicht in den Abendverkehr zu kommen und eventuell den Termin zu verpassen. Ich hasse es, zu spät zu kommen. Also plane ich die Anreise am frühen Nachmittag ein, um sicher zu sein, auch zeitig zum Termin zu erscheinen.
  2. Problem:
    Ich muss meinen Arbeitsablauf komplett abändern und die ganze Tagesarbeit in den Vormittag schieben. Also ist höchste Konzentration gefordert.
  3. Problem:
    Ich muss mein Mittagessen, das ich immer gegen Nachmittag einnehme, in den Mittag verschieben. Habe dann aber noch keinen Hunger, also verzichte ich vorsichtshalber auf das Frühstück.
  4. Problem:
    Ich komme in einer Großstadt an und muss mich einige Stunden dort unter vielen Menschen irgendwie aufhalten, obwohl ich schon erschöpft bin von der veränderten Arbeits- und Essenszeit. Ich suche ruhige Orte, um Lautstärke und Bewegungen um mich herunterzufahren.
  5. Problem:
    Kurz vor dem Termin bin ich komplett ermüdet und schlafe am Tisch eines Cafés ein.
  6. Problem:
    Nun muss ich eine Stunde einem Vortrag folgen, bei dem ich so gut wie nichts mehr wahrnehme. Also konzentriere ich mich mit letzter Kraft. Viele Menschen sitzen um mich herum, rascheln und flüstern. Ich kann die Worte des Vertreters der Pumpe deswegen kaum verstehen.
  7. Problem:
    Der Vertreter der Insulinpumpe nimmt die Bestellung einer neuen Pumpe anschließend direkt auf, doch da sich so viele andere Menschen zu dem Vortrag eingefunden haben und noch im Raum diskutieren, wird die Geräuschkulisse für mich so groß, dass ich die Erklärungen des Herstellers nicht verstehe. Meine Augen brennen, ich habe Ohrensausen und bekomme ein Gefühl, das sich wie Fieber anfühlt. Ich nicke nur noch zu allem, um möglichst schnell der Situation zu entkommen.
  8. Problem:
    Im Parkhaus ist der Zahlungsautomat kaputt, er nimmt kein Bargeld an. Ich muss mit der Giro-Karte zahlen. Neuer Stress entsteht, weil ich noch nie mit einer Karte dort bezahlt habe.
  9. Problem:
    Ich entnehme die Karte nach dem Zahlungsvorgang und vergesse das Parkticket im Automaten, weil ich es gewöhnt bin, immer nur eine Karte zu entnehmen. Diesen Vorgang habe ich ja schon mit der Giro-Karte erledigt, also führe ich den weiteren Vorgang nicht mehr aus. An der Schranke bemerke ich das vergessene Ticket und renne zum Automaten zurück. Doch es ist weg.
  10. Problem:
    Ich muss Kontakt zu einer fremden Person über die Hilfe-Taste aufnehmen und ihr meine Situation erklären, damit man mir die Schranke öffnet. Ich bringe alles durcheinander und frage mich, ob man meine Erklärung überhaupt versteht. Lacht man mich jetzt aus?
  11. Problem:
    Ich finde kaum durch den Verkehr, weil sich alles um mich herum dreht.
  12.  Problem:
    Als ich wieder daheim ankomme, sind beide Augen so stark überreizt, dass ich kaum noch etwas sehen kann. Ein immer wiederkehrendes Problem bei mir bei Überforderungen. Ich kann den Alltag am nächsten Tag nicht mit der gewohnten Arbeit am Computer aufnehmen.

Was sich wie ein Krieg anhört, ist für mich oft Alltag. Dabei handelte es sich nur um einen kurzen Termin am Abend. Zu dieser Zeit kann ich so gut wie nichts mehr aufnehmen. Deswegen werden solche Termine für mich oft zu einer Art Höllentour, doch sie lassen sich leider nicht immer verschieben, weil es öffentliche Termine sind. Als Autistin bin ich dann oft „raus aus dem Spiel“. Was für Menschen ohne Autismus nur ein geringer Kraftaufwand ist, bringt bei mir ganze Welten durcheinander. Das ist der Grund, weshalb ich nicht einer regulären Arbeit mit einem Arbeitgeber nachgehen kann. Wie sollte ich ihm dieses Problem erklären, wenn er sich nicht gerade mit Autisten auskennt?

Wie gut, dass ich freiberufliche Autorin bin. Das Glück haben nur wenig Betroffene. Ich kann den Tag beginnen, wann immer ich will und werde jetzt erst mal die überreizten Augen wieder „entreizen“. Neuer Stress entsteht, denn ich muss die fehlende Arbeitszeit aufholen, die mir mein Perfektionismus vorgibt. Ein weiteres Thema, über das ich bereits schrieb…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
DSCN3960

Werbeanzeigen