Archiv für den Monat April 2015

Die Überwahrnehmung

„Was ist das“, fragte mich jemand, als ich stöhnte, schon wieder zu viel auf einmal wahrzunehmen, wie so oft. Ich erklärte, dass ich häufiger zu wenig Filterstoff im Gehirn produziere. Das sind Momente, in denen ich in meiner Umgebung und in meinem Denken, Sehen und Fühlen viel mehr wahrnehme als ich verarbeiten kann. Es könnte an dem Botenstoff Serotonin liegen. Das führt zu weniger gefilterter Wahrnehmung von Sinneseindrücken.
Um dies an einem Beispiel festzumachen, beschreibe ich mal einen Gang in den Keller meines Hauses:

Ich gehe in den Keller, um Wäsche zu waschen.
Auf dem Weg sehe ich, dass die Treppe mal wieder geputzt werden müsste. Das Geländer könnte auch mal wieder gewischt werden, denke ich. Dann sehe ich plötzlich neue Spinnweben an der Decke, obwohl ich letzte Woche erst alles weggefegt habe. Im Waschmaschinenraum denke ich, ich müsste mal wieder den gesamten Keller absaugen. Wenn ich die Wäsche in die Maschine stecke sehe ich, dass ich die Waschmittelschublade auch mal wieder reinigen könnte. Außerdem wäre mal wieder ein Maschinenreiniger nötig.
Auf dem Weg nach oben schaue ich auf ein Kelleregal und denke, ich könnte dort auch mal wieder aufräumen. Ach ja, die Sommerschuhe könnten langsam wieder ausgepackt werden. Es müsste grundsätzlich mal wieder im Keller aufgeräumt werden. Eigentlich auch wieder gestrichen. Ich sollte eine Liste anlegen, was alles weg könnte, um den Sperrmüll zu bestellen. Habe ich vielleicht auf dem Dachboden auch noch Sperrmüll? Mensch, da müsste ich auch mal nachschauen. Es müsste auch dort unbedingt mal wieder alles gereinigt werden. Wer weiß, wie es dort aussieht …

Das alles denke ich, während ich im Keller bin. Dann überlege ich, ob ich direkt einen Kasten Wasser mit nach oben nehmen sollte. Der alte ist fast leer. Dann spare ich einen Weg. Und den Staubsauger könnte ich auch gleich mitnehmen. Muss heute noch Putzen. Ach herrje, es wäre auch mal wieder nötig, Staub im Wohnzimmer zu wischen, bevor ich putze. Ich sah heute eine Grauschleier auf dem Sideboard. Dann könnte ich auch gleich überall im Erdgeschoss staubwischen. Auch auf den Fensterbänken, wobei ich auch gleich die Fenster putzen könnte. Das Bücherregal könnte ich in diesem Zuge sortieren. Habe einige Bücher in letzter Zeit einfach nach dem Lesen reingestopft. Ach ja, in diesem Zusammenhang wollte ich noch eine Rezension schreiben. Und wenn ich gerade am Computer sitze, könnte ich auch gleich einige Emails beantworten. Und Facebook nachschauen. Mal sehen, was es dort alles Neues gibt. Wahrscheinlich viele neue interessante Berichte. Ich könnte auch gleich die Lektoratsarbeit weiter erledigen und mein neues Buch weiter eintippen.
Dann fällt mir ein, dass ich noch nichts gegessen habe und in der Küche die Spülmaschine ausräumen muss. Könnte auch mal wieder mir Reiniger durchlaufen. Vielleicht sogar mal die Schranktüren wieder abwischen. Vorgestern sah ich dort einige Flecken. Außerdem wäre der Kühlschrank vielleicht mal wieder dran. Das könnte ich im Zuge der Küchenreinigung auch gleich erledigen. Ich sehe auf die Tapeten und überlege, ob mal wieder eine Renovierung vonnöten wäre. In den Ecken färbt sich die Tapete langsam etwas dunkel. Ach, dort gibt es wieder neue Spinnweben…

So in etwa kann meine Wahrnehmung aussehen, wenn ich nur die Wäsche in den Keller bringe. Ich kann einfach nicht die Abläufe filtern. Ich sehe alle Arbeiten auf einmal, obwohl das Haus im Ganzen sehr sauber und ordentlich ist. Genauso ergeht es mir, wenn ich einfach nur staubsauge. Ich sehe die kleinste „Baustelle“ während dem Saugen und überlege ständig, was ich in diesem Zuge noch alles erledigen könnte. Es hat auch etwas mit meinem rationellen Denken zu tun. Ich versuche immer möglichst viel auf dem Weg zu erledigen, um zusätzliche Wege zu sparen.

Das kuriose an der Sache ist, dass mich dieses Denken so erschöpfen kann, dass ich im Endeffekt gar nichts mache, weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll.

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„Das habe ich nicht von dir erwartet!“

Es waren die Worte, die alles in meinem Leben veränderten. Sie wurden in dem Zusammenhang erwähnt, als ich vor einigen Jahren zusammenbrach und mitteilte, dass ich am Ende meiner Kräfte sei. Ich pflegte und versorgte derzeit vier Menschen aus meiner Familie, die ich mehrmals darauf hinwies, dass ich entlastet werden müsse. Doch wie gewohnt hörte niemand hin oder wollte meine Bitte nicht wahrnehmen. Ich bat darum, endlich eine Pflegestufe einzurichten und einen Pflegedienst einzuschalten, doch es funktionierte alles aus andere Sicht prima. Ich übernahm alle anfallenden Arbeiten und erledigte, was jeder sich wünschte. Geht doch!

Am Tag des Zusammenbruchs reagierten alle entsetzt. Was denn los sei? „Das habe ich nicht erwartet“, habe ich mehrfach zu hören bekommen. Wie auch, wenn ich doch jeden Tag lächelte und mir nichts anmerken ließ, was darauf hinwies. Freundliche Worte und freundliche Bitten wirkten nicht genug. Ich hätte stöhnen, jammern, schimpfen und meckern müssen. Ich hätte meinen Unmut lautstark vorbringen müssen.
Leider bin ich nicht der Typ, der sich Belastungen anmerken lässt oder herumjammert. Wenn mich jemand fragt „Wie geht es dir“, lautet meine Antwort stets „gut“. Warum soll ich anderen Menschen meine Probleme aufbürden?

Tja, nach diesem Zusammenbruch gab es vieles, was man „nicht erwartet hatte“.
Man erwartete zum Beispiel nicht, dass ich mich vollkommen zurückzog und mit niemanden mehr reden wollte. Ich wollte einfach nur noch in Ruhe gelassen werden und mich nicht immer erklären müssen.
Man erwartete nicht, dass ich den Pflege- und Hilfsarbeiten in der Familie nie mehr nachkommen würde.
Man erwartete nicht, dass ich mich meiner privaten Leidenschaft, dem Schreiben, zuwenden und damit all meine Zeit verbringen würde.
Man erwartete nicht, dass ich mich nie wieder nach dem Wohlbefinden in der Familie erkundigen würde.
Man erwartete nicht, dass ich so ein kaltherziger Mensch geworden war.

„Das habe ich nicht von dir erwartet!“
Mich trafen diese bösen Worte aus der Entfernung. Sie erreichten mich wie Messerstiche und ich begann, mir ein Schutzschild zu bauen, die die Stiche abfangen sollten.
Niemand wollte hören, weshalb ich zusammenbrach. Ich sollte nur zurückkommen und alles wie gehabt weitermachen. Schließlich war es meine eigene Schuld, die dies verursachte. Ich hätte viel früher die Bremse treten müssen. Doch was mache ich, wenn das Bremspedal nicht reagiert? Was mache ich, wenn der andere nicht bemerkt, wie verzweifelt ich bereits seit langer Zeit bremse?

Ehrlich gesagt, ich hätte auch „nicht von bestimmten Menschen erwartet“, dass man derart abweisend auf mich reagiert.
Der Traum von einer großen harmonischen Familie und Zusammenhalt bis zum Tod zerbrach. Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass es nicht meine Schuld war. Es hat meine Ansicht zum Thema „Hilfe im Alter“ ziemlich verändert.
Man sollte nie zu viel erwarten…

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Haareschneiden beim Friseur? Unmöglich! Helm oder Mütze tragen? Noch unmöglicher!

Jeder normale Mensch besucht regelmäßig den Friseur und lässt sich das Haar abschneiden oder eine neue Frisur machen.

Bei diesem Gedanken überkommt mich das wahre Grauen! Ich kann es überhaupt nicht vertragen, wenn fremde Hände in meinen Haaren herumwühlen. Ich habe bereits zweimal versucht, mir bei einem Friseur die Haare schneiden zu lassen. Wo andere Kunden sich entspannt das Haar waschen und die Kopfhaut massieren lassen, überkommt mich totale Verspannung. Schon das Gefühl, dass fremde Hände meine Kopfhaut berühren, lässt mich in einen versteiften Zustand fallen. Alle Muskeln verkrampfen sich, und ich warte sehnsüchtig, dass dieser Prozess endet. Es überkommt mich Ekel, wenn ich ein Handtuch um den Kopf gewickelt bekomme und dann Wassertropfen in den Nacken laufen spüre. Völlig versteift nehme ich Platz auf dem Frisierstuhl und muss nun der Arbeit des Friseurs vertrauen. Schwer!

Meine Erfahrungen bei nur zwei Besuchen sahen folgendermaßen aus:

Nach dem ersten Friseurbesuch, den ich wegen meiner Hochzeit machte und mir eine Dauerwelle richten ließ, schnitt ich zwei Tage später mein ganzes Haar ab. Ich sah aus wie ein unter Strom gesetzter Pudel!
Nach dem zweiten Besuch, der eine pfiffige Kurzhaarfrisur hervorbringen sollte, sah ich aus wie eine toupierte Madonna. Auch dieser Frisur begegnete ich mit einer Schere und anschließender Radikaltherapie.

Ich ärgerte mich nicht nur über das Ergebnis, sondern auch darüber, dass sich meine Überwindung, einen fremden Menschen an mein Haar zu lassen, nicht auszahlte.
Wenn man nun von zwei Friseurbesuchen innerhalb von 51 Jahren ausgeht, kann man sich vorstellen, wie oft ich mein Haar selbst schneide.
Ich kann langes Haar nicht aushalten, weil mir eine sensorische Überempfindlichkeit im Gesicht sehr zu schaffen macht. Schon die kleinste Berührung der Haarspitzen im Gesicht löst in mir einen großen Juckreiz aus und ich kratze mich regelrecht wund.

Es gibt noch einen weiteren Bereich, der mir sehr zu schaffen macht: Das Helm- und Mützetragen.

Mein Mann ist ein leidenschaftlicher Motorradfahrer.
Er bat mich natürlich darum, mitzufahren und ich ging mir voller Stolz eine Motorradkluft und einen Helm kaufen. Dann nahte der besagte Tag: Ich musste nun alles anziehen. Die Kleidung war kein Problem, doch als ich den Helm anzog, auf das Motorrad aufstieg und die Fahrt begann, passierte etwas sehr Schreckliches mit mir. Ich hatte es beim Anprobieren des Helms nicht bemerkt, aber nun musste ich ihn über längere Zeit auf dem Kopf behalten. Das löste in mir plötzlich Atemschwierigkeiten aus. Ich verspürte einen derart starken Druck auf meinen Kopf, dass ich keine Luft mehr bekam. Gut passende Helme müssen stamm sitzen und drücken das Gesicht unangenehm zusammen. Es löste eine Art Raumangst/Phobie in mir aus. Ein gefühltes Eingesperrtsein vor der bloßen Tat, den Kopf vollkommen in diesen Helm gepresst zu haben.

Das gleiche Gefühl des Eingesperrtseins überkommt mich, wenn ich einen Fahrradhelm trage. Ich kann diese Kopfbedeckung nicht vertragen und drücke und schiebe beim Radfahren ständig daran herum. Ich kann keinen Druck auf meine Kopfhaut aushalten. Selbst eine banale Mütze macht mit zu schaffen. Ich trage deswegen bei großer Kälte nur Stirnbänder oder Ohrwärmer. Die Kapuze einer Jacke ziehe ich nur dann über, wenn das Wetter mich wirklich dazu auffordert. Doch auch das kann ich nur kurz aushalten.

Tja, das sind wieder diese kleinen Problemchen im Alltag einer Aspergerin …

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Vom Gefühl der falschen und richtigen Richtung

Alle Menschen unterliegen einem Plan des Lebens und jeder hat eine Richtung, in die das Leben ihn treibt. Das hat mit Autismus nichts zu tun.

Leider weiß man vorher nicht, wohin eine veränderte Richtung einen führt. Das nennt man eine Herausforderung. Man stellt sich die Frage, ob die Richtung, die einem das Leben plötzlich anbietet, richtig oder falsch ist. Es kommen Fragen auf, die man sich stellt:
Soll ich diesen Schritt wagen?
Welche Konsequenzen zieht dieser Schritt mit sich?

Es gibt unzählige Fragen, vor die das Leben einen stellt, wenn eine Veränderung ansteht. Die Wege zweigen sich. Gehe ich links oder rechts? Behalte ich die Gewohnheit bei oder bringe ich den Mut auf, mich ins Unbekannte zu stürzen? Wer gibt mir dann Sicherheit?

Zu der Hausforderung gesellen sich nun Zweifel.
Zweifel sind die schlimmsten Gegner der Herausforderung. Sie ringen miteinander, bis einer siegt.
Nun liegt es an der Persönlichkeit eines jeden einzelnen Menschen, wem er nachgibt. Das hat meiner Meinung nach mit einer optimistischen oder pessimistischen Grundeinstellung zu tun.

Bis hierhin klingt immer noch alles völlig normal.
Was hat diese These nun mit Autismus zu tun?

Für mich als Betroffene des Asperger Syndroms verändern sich ständig die Lebensumstände, je mehr ich mich selbst annehme und damit zu leben versuche. Es öffnet neue Horizonte und bildet neue Grenzen zugleich.
Dazu gehören große Entscheidungen zu treffen und Veränderungen auszuhalten. Beides fällt mir sehr schwer. Es ist die Hölle für mich, wenn ich vor grundlegenden Entscheidungen stehe, weil ich zu viele Komponenten hinzuziehe, die mich über lange Zeit beschäftigen. Am schlimmsten fühlt es sich an, wenn andere Menschen von meinen Entscheidungen betroffen oder abhängig sind. Dann neige ich dazu, immer den Fokus auf diese Menschen zu legen, meine eigenen Interessen und Wünsche in den Hintergrund zu schieben und die Entscheidungen zugunsten des Anderen zu treffen. Das verursacht ein großes Chaos in meinem Inneren – ein Ungleichgewicht – denn ich spüre sehr stark, dass ich mich in die falsche Richtung begebe. Ich gehe sozusagen mit der Entscheidung unter, dem anderen zum Wohle zu verhelfen. Warum entscheide ich nicht zu meinem Wohl? Die Antwort ist einfach.
Ich kann es nicht aushalten, wenn ich einen Menschen, der mir wichtig ist, verletze oder übergehe. Also beginne ich „zu basteln“. Was bedeutet „basteln“?

Ich bin ein unverbesserlicher und vom Leben getriebener Optimist und entscheide mich meistens für die Herausforderung, also die Veränderung, weil ich mich immer auf der Suche nach „meinem Platz im Leben“ befinde. Ich schiebe vehement jede Zweifel beiseite, auch wenn sie angebracht wären. Ich suche nach Möglichkeiten und nicht nach Unmöglichkeiten.
Nun beginne ich den betroffenen Menschen mit allen Mitteln zu überzeugen, dass die Herausforderung der richtige Weg ist. Ich übergehe die Zweifel und Bedenken des Anderen und bin schnell verärgert, wenn man mich ausbremst. Ausbremsen löst in mir Aggressionen aus. Das steht in Verbindung mit meiner Impulsivität und meinem Temperament.
Was mir als die richtige Richtung erscheint, erscheint dem anderen als die falsche. Was nun? Ist meine eigene Intuition richtig oder falsch? Täuscht mich mein Instinkt?

Es ist bekannt, dass die Empathie anderen gegenüber, der Instinkt und die Intuition dem Menschen mit Asperger Syndrom sehr zu schaffen machen. Sie bekommen nie das Gefühl der vollkommenen Sicherheit, weil sie viele Situationen durchleben, in denen sie falsch lagen. Das prägt! Und es verunsichert!

Als Aspergerin stehe ich in einem solchen Fall vor einem riesen Problem. Ich bin neugierig, entscheidungstüchtig und schnell zu begeistern. Aber ich verspüre auch ständig große Ängste dabei, falsch zu entscheiden. Immense Angst!

Worauf will ich hinaus?

Es gibt Entscheidungen im Leben, die eine grundlegende Veränderung bedeuten, sowie existentielle und örtliche. In mir entsteht eine große Zerrissenheit, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Richtung stimmt, aber die Richtung des anderen, der mit davon betroffen ist, nicht stimmt. Auch wenn der andere sich für meine Richtung letztendlich nach unzähligen „Bastelversuchen“ und Überzeugungshymnen entscheidet, löst es in mir kein gutes Gefühl aus. Im Gegenteil, es widerstrebt mir zutiefst, andere Menschen und ihre Gefühle zu übergehen. Da ich selbst gerne so angenommen werden will, wie ich bin, mache ich das auch bei anderen. Doch was passiert, wenn sich bestimmte Ziele und Richtungen nicht mehr vereinbaren lassen? In mir beginnt die Hölle zu toben. Mein Wunsch nach Harmonie und niemanden verletzen zu müssen, ist unermesslich hoch. Doch … gibt es dieses Gefühl überhaupt?

Mit dem Asperger Syndrom unterliege ich ein Leben lang dem Gefühl falsch zu sein. Ich kämpfe seit Jahren um das Gegengefühl, doch das alte kommt immer wieder durch. Es fühlt sich wie ein Trauma an. Bei großen Entscheidungen verspüre ich die Last, die Verantwortung für alles und jeden zu tragen, der davon betroffen ist. Wenn etwas schief läuft, löst es große Ängste bis hin zu Depressionen aus, so dass ich alles wieder abbreche und rückgängig mache. Ich hasse mich dafür, weil ich nie zu meinen Zielen und Wünschen gelange.

Dieses lebenslange Gefühl, falsch zu sein, löst in mir den Wunsch aus, nur noch für mich alleine verantwortlich zu sein, um nicht immer diese Entscheidungsängste zu verspüren. Doch gleichzeitig entstehen auch Ängste des Versagens in mir, weil ich weiß, dass ich in einigen Bereichen Hilfe benötige, die ich im Falle des Alleinseins nicht bekomme. Ein Teufelskreis!

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Mein Thema zum Welt-Autismustag 2015: Das Fehlen einer angemessenen Reaktionstechnik

Heute ist Welt-Autismustag, und ich finde viele Beiträge im Internet, die Zeichen setzen und um ein besseres Miteinander kämpfen. Das freut mich sehr! Aufklärung ist der Weg zum Verstehen! Verstehen bedeutet Respekt. Respekt bedeutet sich gegenseitig anzunehmen. Sich gegenseitig anzunehmen bedeutet Glücklichsein!

Mein Thema zum Weltautismustag ist das Fehlen einer angemssenen Reaktionstechnik, denn ich glaube, dies ist eines der Hauptsymptome bei mir, weshalb ich zum Rückzug aus der Gesellschaft neige, das Alleinsein sehr entspannend finde und viele Dinge anders wahrnehme und reagiere.

Bereits vielfach nieder- und umschrieben sind die Probleme der Andersverdrahtung des Gehirns bei Menschen mit dem Asperger Syndrom. Die Direktleitungen zu spontanen Reaktionen sind gestört und werden durch Umleitungen ersetzt, was die benötigte Zeitspanne bei der Reaktion auf eine fremde oder neue soziale Situation erklärt. Gewohnte oder geübte Situationen stellen daher kein Problem dar, genau wie bei NTs. Alles, was der Asperger geübt hat, kann er problemlos abrufen. Je mehr er übt und trainiert, je weniger fällt er auf. Wo liegt nun das Problem? Daher die Frage: Kann er überhaupt alles üben? Dann wäre das Syndrom ja kein Problem mehr! Antwort:
Nein, er kann nicht alles üben!!
Damit möchte ich auf das Fehlen einer angemessenen Technik zu sprechen kommen.

Jeder NT hat in seinem Gehirn angeborene Techniken, um mit starker Wut, Trauer, Freude und Glück umzugehen, also diese Gefühle recht schnell zu überwinden.
Diese Techniken fehlen mir gänzlich. Ich fühle mich von meiner Impulsivität oft sehr gequält. Bekomme sie nicht in den Griff, wenn sie wie ein Vulkan ausbricht und Alltagsituationen zu außergewöhnlichen Situationen werden lässt. Ein Beispiel:

Ich sitze in fröhlicher Familienrunde bei einer Geburtstagfeier und höre den anderen beim Diskutieren eines Themas zu. Solange ich keine Meinung dazu habe, verhalte ich mich ruhig und zurückhaltend. Nähert sich die Diskussion aber einem Bereich, in dem ich mich auskenne und dem ich nicht zustimmen kann, beginnt der Spießrutenlauf mit meiner Impulsivität und meinen fehlenden Techniken, mich angemessen mitzuteilen. Innerliche Gefühlsaufwallungen entstehen – überdrehte Erregung. Mir wird heiß, und ich beginne, die Kontrolle zu verlieren. Zunächst schildere ich meine Ansicht recht kontrolliert, nur als Mitteilung, dass es noch eine andere Sicht der Dinge gibt. Doch innerlich stehe ich bereits in den Löchern zum Sprint. Nun wäre es gut, wenn man meine Ansicht schlichweg akzeptiert. Das würde mich den Sprint vergessen und zur Ruhe kommen lassen. Aber diese Reaktion ist bei einer Diskussion häufig nicht der Fall. Demzufolge beginnt ein Angriffsverfahren, dem ich schutzlos wegen meiner fehlenden Techniken ausgeliefert bin. Nun fragt sich jeder, warum ich nicht einfach den Mund halte. Nun … das kann ich nicht! Ich bin impulsiv! Ich besitze keine Technik, mich zurück zu halten. Mir fallen viele Argumente ein, die ich nicht zurückhalten kann und demzufolge vorbringe. Aber das Problem zeigt sich auf einer ganz anderen Ebene.
Es dreht sich um das „Wie“. Wie unterstütze ich meine Argumente in einem angemessenen Ton und bringe sie dementsprechend vor? Meine Impulsivität sucht sich nun Wege, die alles andere als angenehm sind. Es geht wieder einmal um Alles oder Nichts. Ich werde laut und aufdringlich. Stoße ich nicht auf eine Form der Toleranz oder Akzeptanz, entsteht Wut über die Respektlosigkeit. Ich muss dazu erwähnen, dass ich den Anderen immer wissen lasse, dass ich seine Ansicht verstehe und respektiere. Stößt das nicht auf eine Gegenreaktion, sondern unterliege ich Denunzierung und Degradierung, beginnt bei mir ein Stigma. Ich kann keinerlei Technik abrufen, um das Problem zu überwinden und meine Gefühle auf ein erträgliches Maß herunter zu fahren.
Es kam vor, dass ich die Feier verließ und stundenlang in der Gegend herumlief, um mich zu beruhigen. Das kann mitunter sehr lange dauern, so dass selbst mein Mann unruhig wird, weil ich nicht heim komme. Meine Gefühle laufen förmlich Amok. Es kann vorkommen, dass ich sogar tagelang keine Technik für eine Beruhigung abrufen kann und völlig erschöpft meinen Alltag bewältige.

Während NTs innerhalb kurzer Zeit ihre Gefühle durch angeborene Techniken wieder unter Kontrolle haben, wütet in mir ein Krieg gegen mich und die Welt. Dies sind Momente, in denen mich viele nicht verstehen. Es kommen Fragen auf:
Was hat sie denn?
Warum ist sie denn so komisch?

Ich habe durch die fehlende Technik, meine Gefühle runter zu fahren, das Problem, mich nicht beruhigen zu können. Das lässt mich komisch auf andere wirken. Wenn ich es zu erklären versuche, stoße ich auf wenig Verständnis, weil die anderen es nicht nachvollziehen können.

Meine Bitte:
Wenn man die Gefühle eines Menschen mit Asperger Syndrom nicht nachvollziehen kann, dann lasst ihn wenigstens solange in Ruhe, bis er sich wieder im Griff hat.

Toleriert,
akzeptiert und
respektiert
seine Probleme!

Bitte setzt ihm in solchen Momenten nicht noch mehr zu, indem man ihn zusätzlich verurteilt. Das kann seine Gefühle zur Explosion bringen und in eine Erstarrung jagen. Ein furchtbares Gefühl!
Die Folge: Der Wunsch nach sozialer Isolation.

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