Archiv für den Monat August 2016

Aushalten

Manchmal frage ich mich, wie ich mein altes Leben nur ausgehalten habe. Damit meine ich nicht, dass ich mein Leben als Mutter in meiner kleinen Familie nicht gemocht habe, sondern das ganze Drumherum.
Aushalten – ein Wort, das mein ganzes Leben bestimmt hat. Durch das Gefühl des Aushaltens kam ich nie in die wirkliche Entspannung. Jede Feier, jede Party und jede Veranstaltung war bei mir von dem Gefühl des Aushaltens bestimmt. Ich lachte und erzählte, doch im Grunde wartete ich immer nur darauf, dass es vorbei sein würde.

Schon Tage vor einem Termin sehnte ich mich nach dem Moment, wieder daheim und in totaler Stille sein zu können. NTs können dieses Gefühl vielleicht nachvollziehen, wenn sie an einen nervigen Zahnarztbesuch denken. Nur vorbei. Immer der Gedanke: morgen Abend ist es vorbei.
So flog mein ganzen Leben nur vorbei. Kaum Momente des Verweilens. Gespräche, die mich überforderten hielt ich aus, um mich Stunden später über meine verspätete Antwort zu ärgern, die ich nicht mehr geben konnte. Hilfszusagen, die ich machte, weil ich nicht nein sagen konnte, hielt ich ebenso aus, wie Erledigungen, die mich permanent überforderten. Immer nur der Gedanke gleich ist es vorbei. Ich „erledigte“ mein Leben regelrecht ohne es zu spüren. Ich war nie in der Lage, bei einer sozialen Interaktion Grenzen zu setzen, weil ich sie nicht erkannte. Ich erkenne sie heute immer noch nicht, aber ich habe meinen Bekannten- und Freundeskreis soweit sortiert, dass nur noch die übrig sind, die mich nicht mehr in unangenehme Situationen bringen oder mich ausnutzen. Hurra! Ein riesen Schritt, der mich viel Überwindung und Schmerz gekostet hat. Es schmerzte mich, dass plötzlich die Leute mir in den Rücken fielen, für die ich das meiste erledigte. Es schmerzte, nicht als die geliebt zu werden, die ich wirklich war, sondern nur als die, die allen half und immer dabei lachte. Die unermüdlich andere ermutigte, nicht aufzugeben und die, die möglichst noch unangenehme Erledigungen abnahm. Ich sah keine Grenze und erfuhr keinen Schutz.

Jetzt im Nachhinein bemerke ich, wie sehr es mir die Energie aus dem Leib gezogen hat. Ich kann mich kaum an Momente erinnern, in denen ich etwas wirklich gerne gemacht habe. Diese Momente beschränkten sich ausschließlich auf das Zusammensein mit meiner kleinen Familie, meinen Kindern. Sie kann ich fühlen und genießen. Mit ihnen backte, malte, sang und bastelte ich während ihrer Kindheit mit großer Freude. Wir waren unter uns und wurden von niemanden gestört. Doch wenn es hieß, dass im Kindergarten oder der Schule zusammen gebacken oder gebastelt wurde, lief mein Akku schon im Vorfeld heiß. Und doch sah ich es als wichtig an, mit den Kindern Gruppen und Veranstaltungen zu besuchen. Ich wollte sie integrieren und sich sozial wohlfühlen sehen. Eben dazugehören. Doch in mir entstand nie das Gefühl des Dazugehörens. Bei mir kam keine Gelassenheit auf, sondern immer nur die Bemühung, durchzuhalten und nicht aufzufallen.

Ja, heute, fast dreißig Jahre später habe ich nur noch das Gefühl des „Aushaltens“ in meiner Erinnerung. Man kann es auch „Durchhalten“ nennen. Ich konnte nie entspannt im Jetzt und Hier leben, war immer schon im Morgen oder dachte morgen an gestern. Woran hat es gelegen?

Meine Aufmerksamkeitsspanne ist nicht sehr groß. Ich bin immer zu 100% bei einer Sache und falle nach maximal 4 Stunden innerlich völlig erschöpft zusammen. Dadurch entstand das Gefühl des Aushaltens und Durchhaltens, was stets folgte.

Damals wusste ich nicht, dass ich dringend etwas in meinem Leben ändern musste, weil das Asperger Syndrom einfach nicht bekannt war, doch heute würde ich jeden Menschen, der betroffen ist raten, sein Leben so auszurichten, dass das Gefühl des Aushaltens nicht zu viel Raum einnimmt. Die Umgebung muss stimmen, ebenso der Arbeitsbereich. Des weiteren müssen die Anforderungen von außen entsprechend gebremst werden, so dass Erholung möglich ist.
Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, bekomme ich auch als Aspergerin das Gefühl hin, im Hier und Jetzt zu leben. Ich kann meine Umgebung fühlen und genießen. Der Trick war einzig und allein von 100% auf 20% zu fahren. Geschätzte 80% waren Überforderung durch das Gefühl, nicht gut genug für diese Welt zu sein.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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Das Tagebuch des „Wrong-Planet-Syndroms“

Immer wieder wird das „Wrong-Planet-Syndrom“ mit Autismus und/oder Asperger Syndrom zusammengebracht.
Schon als Jugendliche, als ich noch nichts von diesem Begriff und dieser Diagnose wusste, schrieb ich ununterbrochen den Satz „Ich bin nicht von dieser Welt“ in mein Tagebuch. Ich glaube, meine Niederschriften bestanden mehr aus Fragen, als aus Dokumentationen. Als ich mich erstmals mit dem Asperger Syndrom beschäftigte, kramte ich natürlich meine alten Tagebücher hervor und begann, darin zu lesen. Und tatsächlich, ich schrieb immer wieder auf, dass ich vieles nicht verstand oder am liebsten davongelaufen wäre, weil mir alles zu kompliziert, zu laut und zu schnell war. Ich fühlte mich ständig überfordert und zog mich mit Vorliebe in mein Zimmer zurück, wo ich ununterbrochen schreiben konnte und nicht gestört werden wollte. Meine Eltern empfanden das immer als sehr angenehm. Meine Mutter sagte: „Die Marion kann sich immer so schön allein beschäftigen.“

Ich erinnere mich: Schon als Kind und Jugendliche verspürte ich ein starkes Bedürfnis, mein Leben zu dokumentieren, als würde ich es verlieren, wenn ich es nicht niederschreiben würde. Ich wollte es irgendwie festhalten. Da waren zu viele Gedanken und Gefühle in dieser Zeit, die ich nicht speichern konnte. Das war mein Hauptmotiv für das Anlegen einer Tagebuch-Serie. Ich war immer von der Angst gefangen, ich könnte mein Leben vergessen. Oftmals erinnere ich mich nur durch Fotos an bestimmte Lebenssituationen. Schon als Kind fotografierte ich gerne und besah mir später in aller Ruhe die Fotos. Oftmals kann ich nur durch Fotos das Leben überhaupt spüren.
Doch zurück zum „Wrong-Planet-Syndrom“.

Ich fühlte mich früher nie an dem Platz, an dem ich lebte, wohl. Ist das kurios? Doch ich kam nie auf die Idee, es wäre der falsche Planet, auf dem ich lebte. Ich habe mir nie einen „Wunschplaneten“ in meinem Kopf gebastelt. Doch ich habe etwas anderes gebastelt: Schon von klein an war mein Wunsch, in einer Hütte in den Bergen zu wohnen, sehr stark ausgeprägt. Ich suchte immer die Einsamkeit, die Einfachheit und die Ruhe. Deswegen trieb ich mich oft in Wäldern herum. Das hat sich bis heute nicht geändert. Ich liebe die Natur, Tiere und Holz – wenig Besitztum und wenig Menschen um mich herum.
Wo auch immer ich wohnte, ich tapezierte Holztapete hinein und stellte mir auf diese Weise meine Welt ein wenig her. Holz gibt mir ein warmes und geschütztes Gefühl.

Über viele Jahrzehnte nahm ich mein Leben „in einem Zimmer gesperrt“ wahr. Ich fühlte mich isoliert und eingeschlossen, obwohl ich durch meine Kinder viel herausging und mit anderen Menschen redete. Doch meine Sehnsucht, zurück in mein Zimmer zu kommen, war unermesslich stark. Ich straffte jede Erledigung, um möglichst schnell in meinen „Bunker“ zurückzukehren. Das imaginäre Zimmer hatte ein Fenster aus Holz, das ich hin und wieder öffnete, wenn es mir gutging. Durch dieses Fenster sah ich in die Welt hinaus, die mir so fremd erschien. So stellt sich bei mir das „Wrong-Planet-Syndrom“ dar.

Viele Menschen behaupten immer, ich sei auf der Flucht. So mag es nach außen aussehen. Der Begriff „Flucht“ ist für mich negativ besetzt. Es stellt sich die Frage, vor was und vor wem ich flüchte? Und warum endete diese Flucht nie? Man warf mir vor, ich sei feige oder unfähig, der Realität ins Auge zu schauen. Ich bin weder feige noch blind vor der Realität. Ich habe viel mehr in meinem Leben gemeistert, als andere es je schaffen würden.
Meine Theorie ist eine andere: Ich befand mich schlichtweg auf der Suche.

Nach vielen Jahren hat sich die Suche ausgezahlt und ich habe mir Lebensbedingungen geschaffen, die ich brauche. Das war nötig und viel harte Arbeit. Der erste Schritt war, mich als den Menschen endlich anzunehmen, der ich wirklich bin und nicht der, den andere gerne in mir sehen würden. Meine Welt ist also kein fremder Planet, sondern nur eine Umgebung, die zu mir passt. Sie muss mir das Gefühl geben, in vollkommener Ruhe und Zurückgezogenheit leben zu können. So ungestört wie möglich. Dann kann ich auch genug Energie tanken, um mich hin und wieder unter die Leute zu begeben.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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