Erste Erfahrung mit einer Selbsthilfegruppe (SHG)

Die ewigen Zweifel an sich selbst sind schwer auszuhalten. Sicherheit und Unsicherheit liefern sich oft einen unerbittlichen Kampf. Wer bin ich und was bin ich? Was tut mir gut und was nicht? Was ist richtig, was ist falsch? Was kann ich in der Öffentlichkeit zeigen und was nicht?
Es gibt Zeiten, in denen ich mir ziemlich sicher bin. Dann gibt es Zeiten, in denen ich alles wieder in Frage stelle und die Sicherheit verliere. Es gibt noch keine endgültige Antwort auf mein Dasein. Und so machte ich mich auf die Suche nach einer Selbsthilfegruppe, um zusätzliche Antworten zu finden.

Es ist eigenartig, wenn man immer nur mit Betroffenen des Asperger Syndroms schreibt und chattet, aber nie einem real begegnet. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ein Asperger auf mich wirkt, wenn ich ihm gegenüberstehe. Erkenne ich ihn? Ist er hochfunktional und soweit angepasst, dass er kaum noch auffällt? Oder begegne ich einem Betroffenen, den ich nicht im Gespräch erreichen kann? Wie wirke ich auf ihn? Was haben wir gemeinsam? Mögen wir uns überhaupt als Betroffene oder lehnen wir uns eher ab?
Diese Neugierde trieb mich in die erste Selbsthilfegruppe.

Eigentlich bin ich eher der Typ, der sich keiner Gruppe anschließen kann und möchte und konnte mir auch nicht vorstellen, was mich dort erwartet. In mir schlummerten blöde Gedanken. Kannte ich doch diese Verstellungsrituale: „Hallo, ich bin Heinz und ich bin ein Alkoholiker.“
Ich sah mich in einem Kreis sitzen und sagen : „Hallo, ich bin Marion und eine Aspergerin.“
Schon alleine diese Vorstellung fand ich doof.
Doch ein sehr erfreuliches Gespräch bei einer Beratungsstelle für Autismus brachte mich dazu, diesen Schritt zu wagen. Schon alleine, um mit anderen Betroffenen direkt ins Gespräch zu kommen.

Wie immer versuchte ich mich mit unzähligen Vorbereitungsritualen zu wappnen, um einen ersten Kontakt möglichst sicher zu überstehen. Dann kam alles anders!

Es gab keinen „Stuhlkreis“, sondern ein sehr angenehmes Treffen in einem hellen Raum an einem großen Tisch, auf dem verschiedene Getränke bereitstanden. Es kamen Männer wie Frauen, die nicht anders wirkten als ich selbst. Huch! Jeder einzelne war mir sofort sympathisch. Es erschien mir wie eine Runde interessanter Leute, die endlich mal alle über ein Thema sprachen, was mich interessierte! Wo bekam ich so etwas schon geboten?
Und in der Tat, wir wurden elf Leute und begannen uns ohne großes Vorstellungsritual auszutauschen. Wer mochte, konnte kurz etwas zu sich sagen. Wir brauchten keine „Bekenner-Sprüche“. Wozu auch? Wir alle hatten etwas gemeinsam: Wir alle mögen keinen Smaltalk, was ein beträchtlicher Vorteil im Gespräch wurde. Jede Aussage war konstruktiv und wurde mit persönlicher Ansicht erklärt und respektiert. Es gab Tipps und Lösungsvorschlage, aber auch einfach nur Zustimmung.

Ich begann nach Auffälligkeiten zu suchen, die meinen ähnlich waren, und tatsächlich, als ich vorsichtig anfragte: „Hat jemand auch das Problem mit ….?“ Egal was ich fragte, es gab sofort Zustimmung und interessante Beiträge, so dass ich mich verstanden und sicher fühlte. Endlich hatte ich eine Gruppe gefunden, in der ich mich wohlfühlte. Es entstanden interessante Diskussionen zum Thema „soziale Interaktion“. Inwieweit ist sie überhaupt von einem Autisten zu bewältigen und gewollt. Wo sind seine Grenzen? Jeder in der Gruppe zeigte andere Grenzen auf und doch verband uns alle die Gemeinsamkeit, Probleme damit zu haben. Die Diskussion war konstruktiv und wertfrei. Wir erläuterten zusätzlich die Themen Wettbewerb, Statussymbol, Wortwörtlichkeit, Alleinsein und vieles mehr. Egal was wir ansprachen, es traf auf Zustimmung und Verständnis.

Ich gewann den Eindruck, dass sich jeder im Gespräch angeregt und wohl fühlte. Auch, dass wir alle Probleme mit uns herumtragen, die wir niemanden in unserem näheren Umkreis wirklich mitteilen möchten, aus Angst, missverstanden, denunziert oder stigmatisiert zu werden. In dieser Gruppe funktionierte die Mitteilung sehr gut.

Ich glaube, das macht eine Selbsthilfegruppe auch aus. Sie bietet eine Plattform unter Gleichgesinnten, endlich über das zu reden, was einen bedrückt und keine Angst zu haben, ausgelacht, verbessert oder abgewertet zu werden.
Zum Schluss des Treffens sagte die Leitung der SHG zu mir: „Ich habe den Eindruck, Sie haben sich wie ein Fisch im Wasser gefühlt.“
Stimmt!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)
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