Archiv für den Monat August 2015

Die Angst vor dem Alleinsein

Seit einigen Tagen beschäftigt mich dieses Thema wieder, weil ich von anderen Betroffenen des Asperger Syndroms von dieser Angst lese. Es sind Menschen, die stehen in einer intimen Partnerschaft zu einem Menschen – Ehe oder Freundschaft.

Da ich diese Angst kenne, kann ich auch die Nöte nachvollziehen, die sie mit sich bringen.

Wie war das bei mir mit der Angst vor dem Alleinsein?
War es nicht eher die Angst vor dem Verlassenwerden?

Nun, ich bin seit 31 Jahren verheiratet und habe diese Angst zum ersten Mal verspürt, als mir bewusst wurde, dass ich eine Betroffene des Asperger Syndroms sein könnte. Was hat diese Angst ausgelöst?

Durch die Anpassung an die Gesellschaft über viele Jahre, habe ich mich nie mit mir und meinen Gefühlen beschäftigt, sondern alles hingenommen, wie es war und war immer bemüht, mich bestmöglich zu zeigen. Keine Frage, ob es mir gefällt oder ob ich es mag. Selbstaufgabe als Aufgabe, in der Gesellschaft zu existieren.

Als ich vor knapp vier Jahren begann, über das Asperger Syndrom erstmals zu lesen und die ersten Infos einzuholen, setzte sich in mir parallel zur Erleichterung auch eine Angst in Gang, die ich nicht kannte. Ich las plötzlich von Schwächen, die ich nie an mir wahrgenommen habe, weil ich sie mit Bravour bislang kaschierte. Nun lagen sie vor mir: all die Dinge die ich mit großer Anstrengung bewältigte und im Grunde doch nie beherrschte. Bereiche, die ich glaubte zu überblicken, die ich jedoch nie überblickte. Die große Anstrengung als Motor, nicht unter zu gehen. Nach über 30 Jahren war mein Motor jedoch plötzlich defekt. Er war verschlissen, abgenutzt und nicht mehr zu reparieren. Ich besaß nur noch die verbeulte Karosserie – die Hülle, den Körper.
Das war der Moment, in dem sich die Angst zum ersten Mal zeigte. Ich begegnete mir selbst mit der schmerzhaften Feststellung, dass ich Hilfe brauchte. Endlich! Ich war in der Lage, um Hilfe zu bitten. Gleichzeit fühlte ich mich den Menschen ausgeliefert. Und genau das hat eine riesengroße Angst in mir ausgelöst. Ich war plötzlich abhängig. Ich hasse Abhängigkeit!
Obwohl ich fast mein ganzes Leben lang von anderen Menschen abhängig war, weil ich es ihnen immer Recht zu machen versuchte, erkannte ich plötzlich eine andere Abhängigkeit:

Was, wenn die anderen erfahren würden, dass ich autistisch bin? Wie werden sie reagieren, mich sehen, empfinden oder, werden sie mich überhaupt noch akzeptieren?

Damit begann die Angst vor dem Verlassenwerden in mir hochzukriechen. Ich hegte keinerlei Absichten, mich von meinem Partner, meiner Familie oder den Freunden zu trennen, doch ich erkannte, dass ich viel mehr Entlastung, Rückzug und Ruhe brauchte, als ich bisher eingefordert hatte. Was würden diese Bitten bei den anderen auslösen?

Als ich Krebs hatte, war die Bitte nach mehr Ruhe klar zu erkennen. Krebs ist sichtbar. .., aber Autismus?

Wie sollten die anderen nun einen unsichtbaren Grund erkennen? Wie sollte ich erklären, dass ich die ganze Zeit eine Rolle gespielt hatte, von der ich nicht wusste, dass ich sie spielte, weil mir die Anstrengung so normal vorkam.

Ich war ab dem Moment, als ich mitteilte, mein Leben ändern zu müssen, allen Menschen um mich herum zunächst ausgeliefert. Das löste eine enorme Angst in mir aus! Mit den Entscheidungen und Meinungen der anderen fiel oder stieg ich auf. DACHTE ICH! Die anderen entscheiden, was aus mir wird. DACHTE ICH!
Das löste eine Depression mit starken Schlafstörungen in mir aus. Und tatsächlich, die ersten wichtigen Menschen um mich herum begannen sich zurückzuziehen oder mich nicht zu verstehen. Nur wenige fragten nach oder interessierten sich für meine „neuen“ Probleme. Und wenn ich versuchte, sie zu erklären, fühlte ich mich abgewürgt oder missverstanden. Viele versuchten meine Argumente zu entkräften und baten mich darum, einfach so weiter zu machen wie bisher. Ein Teufelskreis! Den musste ich durchbrechen. Ich musste direkt in meine Angst, verlassen zu werden, hineinarbeiten und tat es. Das war ein hartes Stück Arbeit und Überwindung!

Ich verreiste zum ersten Mal alleine und suchte die Einsamkeit. Ich suchte mich und meine Wünsche und Sehnsüchte. Ich war nicht in der Lage, in meinem bisherigen Alltag darüber nachzudenken. Die Angst, wie sich das Alleinsein anfühlen würde, war enorm. Doch es geschah etwas völlig Unerwartetes: Ich bemerkte, dass ich VON NIEMANDEM abhängig war! Dass es nur meine Einbildung und eine irrationale Angst in mir war, die mir dies zu suggerieren versuchte. Doch ich musste dieses Gefühl der Unabhängigkeit erst wahrnehmen und spüren lernen, um dann mein weiteres Leben darauf aufzubauen und diese Angst vor dem Alleinsein zu verlieren.

Heute habe ich keine Angst mehr, verlassen zu werden oder allein zu sein. Es sind eher die anderen, die nun unruhig werden, dass ich sie verlassen könnte…
Ich habe eine neue Kontrolle über mich gewonnen…

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Wie ich Glück empfinde

Glück ist gelb für mich und fühlt sich wie ein Feld voller blühender Sonnenblumen an. Ich spüre das warme Gelb der Blüten, diese anmutige Form und die Lebensfreude, die diese Blume ausstrahlt. Je mehr Sonnenblumen ist erblicke, desto glücklicher fühle ich mich. Ein Meer von Licht für meine Gefühle. Der Anblick nimmt mir jede Traurigkeit und jede Träne, die gerade noch meine Wange hinunterlief.

Glück verspüre ich nur, wenn ich alleine bin.

Glück bedeutet für mich, morgens allein auf der Verandatreppe meiner Hütte in England zu sitzen und den ersten heißen Tee bei einem Sonnenaufgang zu trinken.

Glück fühle ich, wenn ich abends nach einem guten Schreibtag die Sonne untergehen sehe und im Hintergrund Lieder mit meinen Lieblingsinterpreten höre.

Glück bedeutet für mich, allein an der Küste zu sitzen und das Rauschen des Meeres zu hören und dabei die Augen zu schließen.

Glück empfinde ich, wenn ich mich auf der Fahrt nach England befinde und volle Kanne Musik im Wagen plärren lassen kann.

Glück fühle ich, wenn ich an besondere Menschen denke und denke, sie denken auch gerade an mich.

Glück bedeutet für mich, allein Gitarren- und Klavierklänge zu hören.

Glück fühle ich, wenn ich allein in Wäldern herumwandere und die Sonnenstrahlen durch die Baumkronen auf den Weg fallen sehe.

Glück fühle ich, wenn mir ein guter Text für mein neues Buch gelungen ist.

Glück fühle ich, wenn ich abends allein meinen Lieblingsbaum ansehen kann.

Ich könnte noch unzählige Momente des Glücks aufzählen und jeder könnte denken, aber das empfinden die NTs doch genauso!
Stimmt!
Was unterscheidet jetzt mein Glücksgefühl von dem anderer?

Zwei wesentliche Punkte:

Ich kann nur dann tiefes Glück empfinden, wenn ich allein bin. Das bedeutet, ich kann in Gegenwart von Menschen dieses Gefühl nicht in mir verspüren. Ich bin zu viel mit deren Wahrnehmung und damit verbundenen Reizen abgelenkt, so dass ich nicht zu einem intensiven Gefühl von mir kommen kann.
Das ist besonders für die Menschen traurig, die mich lieben und die so gerne ihr Glück mit mir teilen wollen, aber ich kann es nicht. Doch ich kann ein Gefühl von großer Freude in Gegenwart der Menschen verspüren. Auch Spaß. Aber Glück? Nein. Nicht dieses tiefe, reine und ehrliche Gefühl.

Es fühlt sich an, als würde die Anwesenheit eines Menschen einen Schleier über dieses Gefühl legen, den ich nicht wegziehen kann. Ich weiß, es ist da, aber es kommt durch diesen Schleier nicht hindurch. Doch sobald ich allein bin, ist es da.

Ich wurde einmal gefragt, ob mir das Alleinsein keine Angst mache. Nein, im Gegenteil, es ist der einzige Zustand, in dem ich mich fühlen kann. Das hat nichts mit Einsamkeit zu tun.

Ein zweiter wesentlicher Punkt ist, dass ich Glück nur bei nicht materiellen Dingen empfinden kann. Kein Schmuck, kein Autor, kein Kleidungsstück oder anderes Materielles dieser Welt kann mich glücklich machen. Materielle Dinge sind für mich Notwendigkeiten, die ich zum Leben brauche. Das Gefühl von Luxus kenne und fühle ich nicht. Ich spüre jedoch Überfluss und Vergeudung.
Glück steckt bei mir in der Ruhe, die mir die Natur und ihre unzähligen schönen Augenblicke schenkt und nicht der Besitztum oder eine Anschaffung.

Ich freue mich über jeden, der mir Glück schenken möchte und mich ab und zu allein lässt, der aber nicht in meinem Leben verschwindet.
Ich bin den Menschen in meinem Leben näher, wenn ich weit weg bin. Ist das kurios? Nähe als Stress und Distanz als Glück? Ist das der Unterschied zu Menschen, die nicht vom Autismus betroffen sind und Glück in der Zweisamkeit suchen und empfinden?

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Autismus und Denksysteme – wenn das Bild aus dem Rahmen fällt

Das Denken und Wahrnehmen ist ein zentrales Thema bei Autismus. Ich denke in Bildern und versuche häufig, mein Denken mithilfe von Bild-Geschichten zu erklären. Ich nutze also eine Art Bild-im-Kopf-Strategie.
Wie funktioniert mein Gehirn eigentlich?

Stellt euch mein Gehirn wie ein Feld voller Sektionen vor. Oder voller kleiner Kästchen, das ist vielleicht einfacher.
Es gibt bei mir eine Gehirnregion, die ist voller Kästchen der Vergangenheit, eine der Gegenwart und eine der Zukunft. Alles klar? Also die VGZ-Kästchen.
Die Kästchen der Vergangenheit sind bereits mit festen Erinnerungen gefüllt, und zwar mit denen, wie ich sie wahrgenommen, bzw. erlebt habe. Das muss nicht unbedingt die Wahrnehmung der anderen gewesen sein. Es passiert häufig, dass Gespräche über die Vergangenheit stattfinden und ich sage: „Weißt du noch, das war doch so und so…“. Darauf bekomme ich öfters folgende Antwort: „Nein, das war nicht so, sondern so…“.
Beispiel: Ich habe in Erinnerung, dass ein Mädchen ein weißes T-Shirt trug, aber es war hellgelb. Nun passiert folgendes. Ich kann in meinem Kästchen keine Erinnerung mehr korrigieren und rufe immer die gleiche ab. Sie hat sich manifestiert. Der NT ist in der Lage, seine Erinnerung zu korrigieren und dies beim nächsten Mal auch abzurufen. Ich nicht. Bei mir bleibt das T-Shirt immer weiß, egal, wie oft ich die Erinnerung abrufe und korrigiert werde.

Nun gehe ich in das Kästchen der Gegenwart.
Es kam letzte Woche zu einem Vorfall, an dem ich das G-Kästchen gut erklären kann.
Ich arbeitete an dem Cover meines neuen Buches. Darauf ist ein Gesicht abgebildet, dass sich fest in meinem G-Kästchen platziert hat. Ich sehe es innerlich wie ein Bild in einem Rahmen, habe das Gesicht gespeichert und erkenne es überall wieder. Dann ist folgendes passiert: Mein Mann passte das Cover an ein Druckformat an und musste es ein wenig verändern, sprich, er musste es ein wenig in die Länge ziehen, so dass das Gesicht gering schmaler wurde. Einem NT macht es vielleicht nichts aus, aber in mir entstand eine Art Overload. Jemand hatte mein G-Kästchen zertrümmert!
Es passierte folgendes:
Ich erkannte das Gesicht zunächst nicht wieder und sprach ihn aufgebracht an, dass dies nicht das Gesicht sei, was ich ausgesucht habe. Er sah mich verdutzt an. Ich erkannte zwar die Farben wieder, aber nicht den Gesichtszug, den ich in meiner Erinnerung gespeichert hatte. Das Bild war also förmlich aus dem Rahmen gefallen. Stell dir vor, du klebst ein Foto völlig asymmetrisch vorne auf einen Rahmen. Dann passt es nicht mehr und du magst es so auch nicht ansehen. Es entspricht nicht deiner Vorstellung von einem gerahmten Foto.
Mit diesem verzerrten, für mich fremden Gesicht, war das Cover völlig inakzeptabel. Ich bekam einen leicht cholerischen Anfall, der meinem Mann die Röte ins Gesicht trieb. Ich verließ das Zimmer und sagte, dass ich mein altes Bild wiederhaben wollte, sonst würde ich das Buch nicht drucken lassen. In mir tobte unbändiger Stress, den ich nur in den Griff bekam, indem ich das Zimmer verließ.

Schon die kleinsten Veränderungen entfremden meine Vorstellung. Meine Erinnerung kann nicht mit dem kompatibel werden, was ich dann sehe. Dazu muss ich ein neues Kästchen eröffnen und es damit füllen. Ich kann mental keine Korrekturen durchführen. Auf diese Art und Weise muss ich immer und vieles ständig neu lernen. Ich besitze kein Anpassungs- oder Korrekturdenken.
Als mein Mann das Gesicht wieder in den Ursprungszustand versetzte und anpasste, war wieder alles in Ordnung. Für mich hatte das Gesicht, als er es schmaler machte, nicht nur die Aussagekraft, sondern auch den Charakter verloren. Meinen Mann sah keinen Unterschied.

Nun zu meinen Kästchen der Zukunft.
Ich habe eine Vorstellung von dem, was morgen oder in weiterer Zukunft passieren soll, also einen Plan. Ich eröffne eine Menge neuer Kästchen oder Rahmen und fülle sie mit Bildern. Ich erstelle also neue Systeme in meinem Gehirn, womit es in den nächsten Stunden, Tagen oder Wochen arbeiten kann. Nun liegt es doch auf der Hand, dass es immer Veränderungen gibt. Was passiert nun mit meinen Denksystemen? Alle meine Bilder in den Rahmen verrutschen oder … die Kästchen sind zertrümmert. Ich muss sie neu erstellen. Das löst großen Stress in mir aus. Das erklärt auch, warum mich Veränderungen so aus der Fassung bringen. Für mich bedeutet es viel Arbeit, diese Kästchen zu erstellen, weil ich kaum Intuition besitze. Ich kann nur schwer eine Situation auf mich zukommen lassen und spontan angemessen reagieren. Deswegen versuche ich diese Situation vorher gut zu planen und mir einzuprägen.

Ein Mensch, der dieses Problem nicht hat, kann sich nicht vorstellen, wie anstrengend und erschöpfend es für mich ist, ohne Intuition zu leben. Das erklärt auch meine Ängste vor fremden Menschen und Situationen. Wenn ich nicht vorbereitet bin, trete ich gerne ins Fettnäpfchen, weil mein Gehirn anders verdrahtet ist und oft länger braucht, um etwas zu verstehen. Deswegen baue ich ständig diese Kästchen vorher in meinem Kopf.

Es gibt natürlich auch Veränderungen, die ich gut akzeptieren und umsetzten kann, aber das sind eher für mich unbedeutende Veränderungen, bei denen es mir egal ist, wie etwas wird. Aber die wichtigen lösen in mir Stress, Zorn oder eine Art Desorientierung aus. Das kann so weit gehen, dass ich in eine Erstarrung falle, nicht mehr rede oder mich nicht mehr bewegen kann. Das fühlt sich an, als hätte jemand meine ganzen Kästchen zerstört oder die Rahmen zerbrochen.

Was unterscheidet nun mein Gehirn von dem eines nicht autistischen Menschen? Meine Anpassungsfähigkeit in vielen Bereichen ist gestört.
Es tut mir gut, wenn ich vorher gut planen kann und wenn ich diese Planungen auch einhalten kann. Das Erstellen von immer neuen Kästchen und Rahmen kosten mich viel Mühe. Deswegen lebe ich nach strengen Regeln und Systemen.

Der NT erlebt eigentlich in gleicher Weise Stress, z.B. wenn er den Einkommenssteuerbescheid am Wochenende erledigen möchte. Nun kommt aber unerwarteter Besuch oder irgend etwas anderes dazwischen. Der Bescheid bleibt in einer Art Warteschleife im Gehirn und das stresst den NT. Doch er empfindet den Stress nicht in der Dimension wie ein Mensch mit Autismus. Die sogenannte Warteschleife in meinem Gehirn fühlte sich wie eine Höllenfahrt an. Sie nimmt meine ganzen Emotionen und Launen in Beschlag. Ich lebe streng nach dem Motto: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.
Viele NTs leben entspannter, frei nach dem Motto: Kommst du heute nicht, kommst du morgen…
DAS KANN ICH NICHT! Ich komme heute, weil ich für morgen bereits neue Kästchen gefüllt habe.

Heute ist mein Kästchen mit Gartenarbeit gefüllt. Und das werde ich jetzt tun … Schüss!

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Meine Reise zum Autismus – ein Rückblick

Dieser Blog ist ganz sicherlich keine Anleitung zur Heilung, denn Autismus kann man nicht heilen. Nein, ich schreibe diesen Blog aus einem ganz anderen Grund. Die meisten stoßen rein zufällig auf das Asperger Syndrom und erleben eine Art Erleichterung und Verwirrung zugleich. Ja, das Gefühl kenne ich! Vielleicht hilft dieser Blog allen, die gerade erst erfahren, dass sie autistisch sein könnten oder sind, dass eine gewisse – ich nenne es mal Desorientierung – dazugehört. Keiner, der gerade erfährt, dass er autistisch sein könnte, schreit laut „Hurra“…

Meine Geschichte: Der Weg zum Autismus

Seit drei Jahren weiß ich nun von meinem Autismus und es hat mich anfangs so manche schlaflose Nacht gekostet und viele verwirrte Gefühle in mir hochgejagt. Als ich zum ersten Mal von dem Asperger Syndrom las, wollte und konnte ich nicht glauben, dass ich eine Betroffene sein sollte. Mein Verstand und meine Gefühle wehrten sich eine lange lange Zeit dagegen. Wie kam es nun dazu, dass ich zuließ, mich als die zu akzeptieren, die ich wirklich bin?

Zunächst einmal ging ich mit allen Mittel gegen das Gefühl, eine Störung in mir zu haben, an. Kämpfte ich nicht jeden Tag darum, in der Gesellschaft dazuzugehören, mich anzupassen, nicht aufzufallen? Verdammt, sollten diese Kämpfe etwa umsonst gewesen sein? Doch warum hörten sie niemals auf? Ich begann jeden Tag aufs neue bestimmte Verhaltensregeln zu lernen, Dinge zu verstehen und Reize bewusst zu filtern, ohne wirklich weiter zu kommen. Hört das denn nie auf? Wie blöd bin ich eigentlich?

Ja, „blöd“, so fühlte ich mich ständig. Zu dumm für diese Welt. In mir entstand schon während meiner Kindheit ein großes Schamgefühl und ich begann immer wieder von neuem darum zu kämpfen, nicht als blöd angesehen zu werden.

Ein Mensch, der nicht von Autismus betroffen ist, kann sich nicht vorstellen, wie immens die Anstrengung ist, jeden Tag zu den alltäglichen Dingen hinzu auch noch ein Verhalten abzurufen, das nicht angeboren, sondern jeden Tag neu erlernt werden muss. In meinem Kopf gibt es für gewisse Verhaltens- und Reaktionsstrategien keinen Speicher. Dazulernen? Fehlanzeige. Viele Dinge, die ich tue, löschen sich innerhalb kurzer Zeit wieder aus meinem Gedächtnis. Warum? Studien haben ergeben, dass Autisten in bestimmten Bereichen nicht lernfähig sind, weil es die Gehirnstruktur nicht zulässt. Eine fehlende Hand wird immer eine fehlende Hand bleiben. Zum Glück gibt es Handprothesen, aber leider keine Gehirnprothesen!

Wie gelang es mir nun nach all den Jahren – ja fast vergeblicher Mühe – mich so anzunehmen, wie ich wirklich bin? Endlich mit dieser ständigen Anpassung zu stoppen und auch anderen zu zeigen, wie ich von Natur aus bin.

Ich lernte, mich auf mich einzulassen. Ich las zunächst viel über das Asperger Syndrom, um sicher zu sein, dass es bei mir zutraf. Dann ließ ich den ganzen Stoff in mir wirken. Ich war fasziniert, aber auch gleichzeitig abgestoßen oder sehr verwirrt. Es fühlte sich an, als würde sich meine ganze Lebensstruktur, die ich so schwer erarbeitet habe, löschen und nichts mehr passen. Man könnte auch sagen: Ich war eine lange Zeit durch den Wind. Ich bekam fast nichts mehr einsortiert, weder Gefühle noch Dinge, die früher in meinen Alltag gehörten. Es fühlte sich fast wie eine Amnesie an. Es war eine anstrengende Zeit, weil ich zusehends mehr meine Alltagsstruktur verlor. Ich verlor mein ganzes altes Leben. Plötzlich passten meine Gefühle und Gedanken nicht mehr in das Leben, was ich bisher gelebt habe.
Da wurde mir klar, dass ich „anders“ bin, als die anderen um mich herum, obwohl ich immer dachte, ich wäre genauso wie sie, müsste mir nur mehr Mühe geben. Aber nein, diese Tatsache tat zunächst weh. Einerseits wusste ich immer, dass ich nicht als 0-8-15-Nummer durch die Gegend lief, aber dass ich eine Störung in mir haben sollte, klang für mich absurd. Ich fühlte mich nie unnormal, nur eben irgendwie anders. In mir kam große Angst auf, dass ich viele Kontakte verlieren würde, wenn ich jemanden davon erzählen würde. Viele viele Monate lang sprach ich mit niemandem darüber. Hatte auch Angst, ausgelacht zu werden, weil ich den Autismus einfach nicht zeigen konnte. Und erklären schon gar nicht!

Nach einem Jahr begann eine Zeit, in der ich plötzlich verspürte, alleine verreisen zu müssen, um Klarheit zu bekommen. Wollte darüber nachdenken, wer ich wirklich bin und was ich will. Diese Reise wurde zum Durchbruch meiner Selbsterkenntnis. Ich spürte plötzlich, dass ich für niemandem mehr funktionieren musste und konnte alles tun, was mir Spaß machte. Ich musste keinem Aufmerksamkeit schenken oder mich anpassen. In mir entstand eine neue unbekannte große Lebensfreude. Ich hatte mein Ich wiedergefunden und vermisste nichts aus meinem alten Leben!

Ab diesem Moment beschloss ich, regelmäßig allein zu verreisen und meiner Leidenschaft, dem Schreiben, zu frönen. Bei jeder weiteren Reise entdeckte ich mehr Anzeichen von Autismus in mir, und ich begann diese Blogs darüber zu schreiben, weil es mich faszinierte. Meine Reisen begannen sich über 5-7 Wochen hinzuziehen und jedesmal entdeckte ich neue Dinge an mir, die ein großes Wohlgefühl in mir auslösten. Ich kam dem Gesamtbild einer Autistin immer näher und fragte mich, wie ich das all die Zeit nur ausgehalten habe. Ich fand auch dafür eine Antwort: ich bin hochfunktional. Ich verfüge über eine große soziale Kompetenz zur Anpassung, trotz viele autistischer Merkmale. Zudem ist die Psychologie mein Spezialinteresse, was mir sicherlich auch noch bei der Anpassung half.

Die Erkenntnis-Zeit dauerte ein weiteres Jahr. Solange ertrug ich den Übergang von meinem alten Leben in das neue. Es wurde im Laufe diesen Jahres immer besser. Ich fühlte mehr und mehr Stabilität aufkommen und mich bereit, mehr auf meine Bedürfnisse zu achten und es den anderen mitzuteilen.
Nun befinde ich mich im dritten Jahr der Erkenntnis und habe den ersten Schritt in die Gelassenheit gefunden. Ein Gefühl, das ich bisher kaum kannte. Ich bemerke, wie gut es tut, manchmal die Dinge fließen zu lassen. Dadurch, das ich viel auf meine Bedürfnisse zu achten gelernt habe, schaffe ich es ganz langsam, die Dinge mehr auf mich zukommen zu lassen, wo ich früher immer alles planen musste. Dieser Drang wird weniger, weil ich nicht mehr so viel Wert darauf lege, was andere von mir denken oder von mir erwarten. Manchmal fühlt es sich regelrecht egoistisch aber gut für mich an. Ich erkenne die Richtigkeit an der Sache. Ich DARF sein! Ich brauche mich nicht mehr verstecken. Alle Dinge, die plötzlich passieren, passen so gut zusammen und fühlen sich so richtig an! Die Erschöpfung vom Alltag lässt etwas nach. Ich komme immer öfters in längere Erholungsphasen.
Jetzt lebe ich immer mehr im Hier und Heute, was ich nur als Kind schaffte.

Und doch nehme ich immer wieder mein Systemdenken in mir war, denn auch Dinge, die fließen, können ein System haben… Ich erkenne andere Zusammenhänge!

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Vom Mobben und Scheitern – eine schmerzhafte Erinnerung

Ich bin schon von Kindesbeinen an ein Flüchtling.
Als Kind hat man keinen großen Radius zum flüchten, aber die angrenzenden Wäldern boten mit derzeit genug Möglichkeiten, allein zu sein.

In meiner frühen Jugend entwickelte ich den Drang, das Land zu verlassen und in die USA zu reisen. Dort ist es groß, weit, anders, frei und eine Form der Natur vorzufinden, die mich ansprach, z.B. die Rocky Mountains. Ich träumte von einer Trapperhütte und stundelangen Wanderungen neben „Dem Mann aus den Bergen“. Ich sah mich schreiben und lesen.

Nun, ich will die Geschichte etwas kürzen, weil ich bereits über mein immer präsentes Fernweh schrieb.

2007 passierte dann etwas, dass ich nie vergessen werde und das mich in ein großes, erstes und wirkliches Trauma warf.

Wir hatten es als Familie mit zwei Kindern endlich geschafft, von der kanadischen Botschaft das Okay zu erhalten in Calgary/Alberta arbeiten und leben zu dürfen, weil die Zentralstelle für internationale Arbeitsvermittlung (ZAV) dringend Elektriker in Calgary suchte und mein Mann eine Stelle erwarb, weil er gerade arbeitslos geworden war. Unser primäres Ziel, in den USA zu leben kam näher, denn wer sich 5 Jahre legal in Kanada aufhält, bekommt eine Genehmigung, danach in den USA leben zu dürfen. Yeah!, dachten wir und ich steckte all meine Energie in diese großartige Auswanderung. Endlich! Es gab nicht einen Tag, an dem ich zweifelte, das Richtige zu tun.
Um auch hier abzukürzen, will ich von einem Ereignis schreiben, das die ganze Auswanderung zerstörte und von dem ich derzeit nicht wusste, woher es kam:

Wir waren durch zwei Arbeitsstellen in Calgary wirtschaftlich sehr gut abgesichert. Ich fand eine Stelle bei „Control Inovation“, einer Handelsfirma, im Büro, wo ich Bestellungen und Lieferungen und die üblichen Assistenzarbeiten erledigen musste. Im Grunde eine Arbeit, die ich mit links schaffe. Dachte ich!
Ich wurde in ein Großraumbüro gesetzt und bekam von meiner Vorgesetzten das Programm und die ersten Arbeiten erklärt. Soweit, so gut, denn dazu konnten wir uns in einen Nebenraum zurückziehen. Alles klar!
Dann musste ich an meinen Arbeitsplatz mitten im Geschehen und konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ununterbrochen hörte ich meine Kollegen reden, lachen, diskutieren und zur Toilette oder Kaffeemaschine gehen. Derzeit wusste ich natürlich nicht, wo mein Problem liegt, aber es wurde schnell klar, dass ich zu langsam war, denn ich kontrollierte immer wieder meine Arbeit, weil ich Fehler fand. Zudem wurde ich von Kollegen ständig angesprochen und aus dem Konzept gebracht. Nun darf man nicht vergessen, dass noch eine zusätzliche Konzentration zur eigentlichen sozialen Interaktion hinzukam: die Sprache. Die kanadische Sprache hat viele „Eigenwörter“ und ich beherrschte nur die Basis-Sprache. Also hieß es doppelte Konzentration. Als Systemmensch legte ich mir eine Liste an und schrieb alle neuen Worte jeden Tag auf und versuchte sie abends nach der Arbeit zu lernen. Schon schnell bemerkte ich, dass ich mir nicht ein Wort merken konnte. Ich konnte plötzlich nicht mehr lernen!! Das war mir noch nie passiert.
Trotz allem Stress, den ich derzeit empfand, erhielt ich schnell Lob von meiner Vorgesetzten, dass ich zwar noch etwas langsam sei, dafür aber weitaus korrekter als meine Kollegen. Mir unterliefen so gut wie keine Fehler und auch die manuellen Kundenordner erhielten plötzlich eine Ordnung, die man nicht kannte. Und genau damit begann der Schlamassel!

Es begann damit, dass eine Kollegin mich ständig nach Büroartikel fragte, mit denen ich ihr aushelfen sollte: Büroklammern, Heftklammer, Locher… Das tat ich natürlich gerne, weil ich es als ein soziales Miteinander hielt. Ich erkannte nicht die Schikane und die Hinterlist dahinter, mit der diese Frau gegen mich vorzugehen schien. Doch als sie begann meine Pinwand, die ich vor mir aufgebaut hatte und die mit Infos für Kunden vollgeheftet war, zu verändern, mir also die Zettel während meiner Abwesenheit entfernte und sie auf meinen Schreibtisch legte, weil sie mal wieder Heftzwecken brauchte, zog sich die Sache hoch. Zunächst reagierte ich gelassen, indem ich ihr schlussendlich all meine Sachen schenkte und sagte, ich bestelle mir dann eben alles bei „Staples“ neu, denn ich hatte die Verwaltung über den Einkauf von Büroartikeln. Das muss meine Kollegin verärgert haben und sie wurde nachdrücklicher.

Eines Mittags ging ich in den Pausenraum und als ich wiederkam, war mein Locher verschwunden. Wie suchten überall und diese Kollegin zog weitere Kollegen voller Sorge hinzu. Sie sagte, bei ihr seien auch Artikel verschwunden und plötzlich griff sie in meine Tasche, die seitlich am Schreibtisch stand und holte all die vermissten Artikel heraus.

Ich erlitt einen starken Overload und fühlte ein starkes Knacken im Kopf. Zunächst dachte ich, es sei ein Schlaganfall, doch ich hatte keinerlei Anzeichen diesbezüglich. Dass man mich als Diebin zu bezichtigen versuchte, brachte mich nicht nur eine Situation, die ich nicht bewältigen konnte, sondern löste einen Overload nach dem anderen in mir aus.
Viele Kollegen trösten mich, ich solle mich nicht ärgern lassen, weil sie mir vertrauten und das nur ein blöder typischer Scherz dieser Frau gewesen sei, doch es änderte nichts mehr. Ich bin solchen Scherzen nicht gewachsen und war ab diesem Moment im Netz von Overloads gefangen, entwickelte eine Kontrollsucht und notierte mir jeden Abend den Bestand meiner Büroartikel, um festzustellen, ob ich wieder bestohlen worden war. Der Stress, der in mir entstand, war derart groß, dass ich die Kontrolle über meine Diabetes (Typ 1 mit Insulin) verlor und an starken Unterzuckerungen litt. Ich verlor fast 20 Kilo Gewicht, weil ich nichts mehr zu mir nehmen konnte. Der Clou war, als diese Kollegin sich in mein Programm häckte und eine Bestellung manipulierte. Das war der Tag, an dem ich zusammenbrach. Natürlich erfuhr ich keinerlei Schuld, aber ich konnte der Situation nicht mehr standhalten. Ich kündigte nach acht nur Wochen und begann daheim an Wein- Angst- und Panikattacken zu leiden. Ich isolierte mich im Haus, konnte keinen Wagen mehr fahren und das Haus nicht mehr verlassen. Die Depression wurde so stark, dass ich beschloss, nach fünf Monaten wieder zurück nach Deutschland zu reisen. Wir brachen mit der ganzen Familie die Auswanderung ab.

Heute weiß ich woran es gelegen hat. Heute weiß ich, worin das Problem bestand. Doch damals litt ich an der zusätzlichen Angst, geisteskrank zu werden. Ich sah nur noch eine Rettung: die Flucht. Zurück in die alte Umgebung und in die alten Gewohnheiten. Die Rückwanderung hat in uns allen ein Trauma ausgelöst. Wir kann man nach solch einem banalen Vorfall direkt ein so großes Projekt abbrechen? Ich hätte nur die Stelle wechseln müssen. Aber nein, ich konnte nicht mehr arbeiten gehen, weil mich die Psychoattacken derart gefangen hielten, dass sich sogar Knoten an der Schilddrüse bildeten. Man wollte mich in Calgary sogar in eine geschlossene Psychiatrie einweisen und mit Psychopharmaka versorgen. Das war der Moment, als ich abbrechen musste, denn ich spürte, dass dies alles falsch war! Schon damals spürte ich innerlich immer wieder, dass mit mir irgendetwas mit der Wahrnehmung nicht stimmte.

Heute weiß ich Bescheid. Ich konnte es damals in Calgary nicht schaffen, weil ich mich selbst nicht verstand. Das wiederum löste eine große Angst gegen mich selbst aus und verschlimmerte der Zustand sehr stark.

Der Fluchtgedanke ist geblieben. Ich depersonifiziere mich immer noch gerne, wenn alles zu viel wird. Seit drei Jahren flüchte ich regelmäßig nach England an die Küste. Dort schreibe und lese ich. Doch diesmal ist es anders, diesmal weiß ich, warum ich das brauche und was ich auf keinen Fall mehr zulassen kann … und das gibt mir ein gutes Gefühl!

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Erwartungen – ein Basis-Problem zwischen Asperger und NTs?

Wenn ich nicht den Erwartungen entspreche werde ich ausgeschlossen?
Ist das nicht ein Basis-Problem zwischen allen Menschen?
Ich möchte es gerne aus meiner Sicht schildern:

Sosehr ich mich auch bemühe, mich der Gesellschaft anzupassen und die Erwartungen anderer weitgehend zu erfüllen, sosehr misslingt es mir. Viele Kontakte sind nur von kurzer Dauer, weil ich ihnen nicht standhalten kann.
Es ist mir wichtig, auf der einen Seite zur Gesellschaft dazuzugehören, aber auf der anderen Seite verspüre ich enormen Widerstand, weil es mich sehr anstrengt und erschöpft. Warum ist das so?

Ich freue mich immer über jeden neuen Kontakt, den ich finde und bemühe mich sofort, den anderen in seiner Gesamtheit zu verstehen. Meist sind es nicht autistische Menschen, also NTs. Es ist weitgehend bekannt, dass das Wort „bemühen“ in dem Zeugnis einer Firma immer bedeutet: „Er/sie hat es versucht, aber nicht geschafft“. Eine Art Code für eine Niederlage.
Ich weiß, wie wichtig der Gesellschaft Erwartungen sind. Erwartungen sind für mich wie Regeln. Was erwartet der andere nun von mir, wenn ich mit ihm/ihr in Kontakt bleiben möchte? Welche Regeln muss ich erfüllen? Er erwartet, dass ich mich für seine Belange interessiere und das zeige. Und ich erwarte das gleiche. Damit entstehen schon die ersten Missverständnisse.
Ich möchte es gerne anhand von Facebook erklären:

Es kommt eine Freundschaftsanfrage herein oder ich sende eine ab, weil ich z.B. durch Veranstaltungen oder Verbindungen einen Menschen getroffen habe, zu dem ich gerne Kontakt hätte.
Ich bin ein Mensch, der Kontakte als einträgliches, aufrichtiges, konstruktives und unterstützendes Gut im Leben betrachtet. Doch entspreche ich mit diesem Denken den allgemeinen Erwartungen?

Es ist für mich immer wieder schwer zu erkennen, was der andere nun von mir erwartet. Ich bin sehr konstruktiv veranlagt und halte mich nicht gerne mit nebensächlichen Dingen auf. Und doch mag ich einen gewissen Humor und zeige Interesse an außergewöhnlichen Sachen, die man in FB oft findet. Leider mache ich oft die Erfahrung, dass sich meine Erwartungen nicht mit denen vieler anderen decken. Ich kann kaum auf Dinge reagieren, die vielen sehr wichtig erscheinen. Es passiert folgendes:

Mein „neuer Kontakt“ lässt mich nun an seinem privaten Leben teilhaben. Ich sehe, wie viele Selfies erscheinen, Getränke, Teller voller Essen, das Haustier, der Garten, die Oma und und und. Das sind alles wichtige Dinge im Leben eines nicht autistischen Menschen und die er gerne zeigt, ist doch klar. Und ich like sie anfangs, weil es mir richtig und wichtig erscheint. Genauso werden meine Postings auch mit Likes beantwortet. Und genauso lange funktioniert das Spiel auch. Doch nach einiger Zeit werde ich müde von diesen Bildern und stelle meine Likes langsam ein. Ich bin es dann überdrüssig, immer die gleichen Sachen zu sehen und stelle fest, dass der Kontakt nicht das bietet, was ich mir erhofft habe. Meine Erwartungen lagen also völlig anders. Ich stellte z.B. einen Kontakt über die Literatur her und erwartete in diesem Bereich eine gewisse konstruktive Kommunikation zwischendurch. Der andere aber hegte andere Erwartungen. Ihm geht es oft um das spaßige soziale Miteinander.
Nun scheiden sich die Geister.
Ich kann in diese Form des sozialen Miteinanders nur kurze Zeit hineinfinden. Dann beginnt sie mich stark zu erschöpfen, sodass ich mich immer mehr zurückziehe. Zum Schluss endet dieser neue Kontakt so, dass auch der andere mich nicht mehr mit meinen Postings wahrnimmt, wir uns also gegenseitig nicht mehr wahrnehmen. So fließen viele Kontakt wieder davon und irgendwann lösche ich sie.
Das ist nicht böse gemeint, nein, das ist nur meine andere Art der Wahrnehmung. Ich bleibe munter, wenn man mich fordert und anregt zum Denken und Handeln. Ich kann kaum in Spaß und Entspannung, wie es viele NTs empfinden, verweilen. Das bedeutet für mich Stress. Mich entspannt die Herausforderung und das Entstehen konstruktiver Ideen und deren Umsetzung. Demzufolge empfinden wir fast gegensätzlich. Was vielen NTs als Arbeit erscheint entspannt mich und was vielen NTs als Entspannung dient ist für mich Arbeit. Ist das kurios?

Damit möchte ich verdeutlichen, dass es keine falschen Erwartungen gibt, sondern nur andere Wahrnehmungen.

Nun zum Kontakt zu autistischen Menschen in FB:

Schnell erkenne ich konstruktive Beiträge und Bilder. Ich sehe kaum etwas vom Privatleben, sondern lese viele Berichte, Gedanken, interessante Sprüche und Probleme, über die man diskutiert und die helfen, sich besser zurecht zu finden, bei denen so mancher NT ermüden oder erschöpfen würde. Natürlich tauschen wir untereinander auch Witzbilder und dumme Sprüche aus, aber das ist eher die Seltenheit.
Mir fällt bei diesen Kontakten immer auf, dass sie viel langlebiger sind, als meine Kontakte zu nicht autistischen Menschen. Wir bleiben immer in einem Austausch von wichtigen Themen für uns. Ich lerne viel über die Spezialinteressen des anderen. Es kommt bei mir nie das Gefühl von „Zeitvergeudung“ auf. Damit möchte ich niemanden beleidigen, sondern nur darüber informieren, dass ich auf Dauer vielen gesellschaftlichen und sozialen Anforderungen und Erwartungen nicht gewachsen bin. Ich begebe mich immer nach einer gewissen Zeit bei einem Kontakt zu einem NT in den Rückzug, wenn für mich nichts Konstruktives zurückkommt.

Inzwischen habe ich das Problem „Kontakt“ anders geregelt: Ich habe insgesamt fünf FB-Seiten eingerichtet, die sich thematisch trennen. Seitdem fällt es mir viel leichter, Kontakt zu halten, weil es mein Systemdenken unterstützt und die Erwartungen der anderen besser erfüllt.

Das Thema „Erwartungen“ kann in vielerlei Bereiche übertragen werden. Gerade an diesem Punkt können die unterschiedlichen Wahrnehmungen deutlich gemacht werden.

Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen
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