Archiv für den Monat Juni 2015

Vorurteile gegen Asperger-Autisten

(Ich bitte um Verständnis, wenn der folgende Beitrag nicht fachlich ausgereift ist. Ich schreibe dies, um einen oberflächlichen und gut verständlichen Überblick zu vermitteln. Korrekturen und Meinungen sind herzlich willkommen!)

Zur groben Klärung vorab: Es gibt frühkindlichen Autismus, verschiedene autistische Syndrome (Kanner, Savant…) und das Asperger Syndrom in verschiedenen hochfunktionalen Ausprägungen. Alles fällt unter den Begriff „Autismus“, wogegen der Begriff „Autismus Spektrum Störung“ (ASS) der zutreffendere Begriff ist, mit dem die Differenzierungen festgelegt werden.
Es gibt Fälle, die eine sehr starke Behinderung (meist bei frühkindlichem Autismus) aufweisen, bei der viel Hilfe nötig ist. Es gibt aber auch Fälle, die eine hochfunktionale Variante (Asperger Syndrom) zeigen, was bedeutet, dass diese Menschen zu ihrem Autismus die Fähigkeit besitzen, sich sozial in die Gesellschaft zu integrieren. Man muss all diese Fälle stark differenzieren.
Vorurteile beginnen dann, wenn diese Differenzierung wegfällt!

Ich wurde gefragt: Verletzt es dich, wenn du dir immer wieder Vorurteile anhören muss?
Ja klar! Wen verletzt es nicht? Vorurteile greifen die Ehre und den Stolz eines jeden Menschen an. Ich werde falsch definiert und wahrgenommen.
Als hochfunktionale Asperger-Autistin stecke ich in der Schublade des Oberbegriffs „Autist“.
Ahha!, sagen dann viele, die sich nie mit Autismus auseinandergesetzt haben. Allgemein ist „der Autist“ als jemand bekannt … und jetzt kommt es(!):
– er kann nicht richtig sprechen
– er kann keinen Blickkontakt halten
– er ist emotionslos, hat keine Gefühle
– er ist unsozial
– er grenzt sich von der Gesellschaft bewusst ab
– er lebt in seiner eigenen Welt
– er ist unfreundlich und verletzt damit andere Menschen
– er kann sich der Gesellschaft nicht anpassen
– er redet – wenn er mal redet – ohne Punkt und Komma
– er hat peinliche Macken
– er isoliert sich
– er nimmt andere Menschen und ihre Bedürfnisse nicht wahr, usw…

Das hört sich nach dem „Rainman“-Syndrom an, was es gar nicht gibt!!
Der Film Rainman zeigt eine Zusammensetzung vieler verschiedener Autismus-Formen und präsentiert einen Härtefall, den nur die wenigsten haben und die auch nicht selbstständig in der Gesellschaft leben. Er gehört dem frühkindlichen Autismus an, der mit dem klassischen, hochfunktionalen Asperger-Autisten fast nichts gemeinsam hat. Es existieren nur gewisse leichte Grundstrukturen, wie z.B.:
– Probleme mit der sozialen Interaktion
– Asperger pflegen sehr intensiv ein Spezialinteresse
– Probleme mit der Umwelt im sensorischen, akustischen und optischen Bereich

Ich könnte die Auflistung erheblich erweitern, aber ich bin kein Fachmann und möchte nur einen oberflächlichen Überblick geben.

Bei einer Diskussion unter Asperger-Autisten wurde das Thema „Vorurteile“ aufgegriffen und besprochen. Die Diskussion war sehr interessant, denn jeder in der Runde versuchte erst einmal fairerweise herauszufinden, ob diese Vorurteile zutreffen, denn dann wären es keine Vorurteile mehr. Jeder übertrug die Vorurteile auf sein privates Leben und seine Persönlichkeit. Hier das Ergebnis:

1. Können wir nicht richtig sprechen?
Doch! Das können wir!

2. Können wir keinen Blickkontakt halten?
Doch! Das können wir!

3. Sind wir emotionslos, haben keine Gefühle?
Doch! Im Gegenteil, viele Asperger leiden unter zu vielen Emotionen, die sie nicht mehr sortiert bekommen und darunter immer wieder zusammenbrechen. Sie leiden auch oft unter dem Problem, ihre Emotionen nicht mitteilen zu können.

4. Sind wir unsozial?
Nein! Wir definierten „sozial“ als ein Verhalten, das die Absicht verfolgt, niemandem zu schaden oder zu verletzen und anderen zu helfen.
Unsere Antwort: Wir sind alle sozial, zum Teil sogar sehr, weil einige in sozialen Berufen arbeiten. Ein Teilnehmer grenzte die Definition etwas ein und bekannte sich als nicht immer sozial. Er hat fair und ehrlich geantwortet.

5. Grenzen wir uns bewusst von der Gesellschaft ab?
Nein!

6. Leben wir in unserer eigenen Welt?
Nein! Wir leben in der Gesellschaft so gut es uns möglich ist (je nach hochfunktionaler Ausprägung/sozialer Anpassungsfähigkeit), aber wir benötigen einen Rückzugsort in unsere eigene Welt (eigenes Zimmer oder eigene Wohnung), um zur Ruhe zu kommen und uns zu erholen und die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Unsere Welt bezieht sich meistens auf unser Spezialinteresse.

7. Sind wir unfreundlich und verletzten andere Menschen?
Nein! Wir empfinden uns als freundlich, teilweise sogar als sehr freundlich, weil wir bestrebt sind, in Harmonie und ohne Streit zusammen zu leben. Wir empfinden weiterhin die Mitteilung der Wahrheit als freundlich und fair und können kaum verschleiern oder „durch die Blume“ etwas mitteilen. Wir verfolgen keine Absichten, jemanden zu hintergehen oder zu verletzten und können auch nicht verstehen, warum sich Menschen verletzt fühlen, wenn man ihnen wertfrei etwas mitteilt.

8. Können wir uns der Gesellschaft nicht anpassen?
Doch, das können wir! Wir befinden uns in einem ewigen Bestreben, es so gut wir möglich zu schaffen. Die Sehnsucht und Fähigkeit ist verschieden groß ausgeprägt. Wir alle möchten gerne dazugehören und sind bereit, durch die Hochfunktionalität (Fähigkeit zur sozialen Anpassung) alles zu tun, was uns möglich ist, um nicht aufzufallen. Doch wenn die Anpassung uns mit unseren sozialen Fähigkeiten auf Dauer überfordert, brechen wir zusammen.

9. Reden wir ohne Punkt und Komma, wenn wir „mal“ reden?
Es gibt natürlich extrovertierte und introvertierte Asperger. Doch diesem Vorurteil können wir uns nicht ganz verwehren, denn wenn wir auf unser Spezialinteresse angesprochen werden, laufen wir auch „Hochtouren“ und bemerken in der Tat oft nicht, wann wir unser Gegenüber überfordern oder langweilen.

10. Haben wir peinliche Macken?
Was ist peinlich? Ist es peinlich, wenn jemand (NT oder Autist) an den Fingernägeln kaut oder sich die Hände reibt? Wenn jemand sich verletzt fühlt, sich umdreht und eine Diskussion verlässt? Oder sich gerne auf einer Schaukel entspannt, weil dieses Gefühl einfach wohltuend ist? Hochfunktionale Asperger haben die gleichen Macken wie NTs.

11. Isolieren wir uns?
Nein! Das tun wir nur dann, wenn wir von unserer Umwelt überfordert werden und keine Möglichkeit mehr sehen, es auszuhalten. Isolation kann auch „Alleinsein“ und „Rückzug“ bedeuten, die notwendig sind, um Energie aufzutanken. Alleinsein (nicht verwechseln mit Einsamkeit) wirkt auf viele Asperger entspannend, wogegen Einsamkeit ein sehr trauriges und deprimierendes Gefühl bei ihm auslöst.

12. Nehmen wir andere Menschen und ihre Bedürfnisse wahr?
Ja! Mehr als es manchmal nötig ist.

Was lösen nun all diese Vorurteile gegen Asperger-Autisten aus?
Nun, ich kann nur von mir schreiben:

Ich bin hochfunktional, habe den Beruf der Erzieherin gelernt, bin seit 31 Jahren verheiratet, habe zwei erwachsene Jungen und arbeite seit vier Jahren freiberuflich. Ich war immer beruflich eingebunden und darum bemüht, so gut und freundlich wie möglich in dieser Welt zu existieren. Ich bin fröhlich, positiv und immer freundlich. Ich helfe meinen Mitmenschen wahnsinnig gerne, wobei ich immer wieder auf Menschen stoße, die mich ausnutzen. Ich habe einen so starken Anpassungsprozess hinter mir, dass ich kaum noch auffalle, aber deswegen sind meine autistischen Probleme nicht weg. Deswegen kam es vor zwei Jahren zu einem starken Zusammenbruch.

Die oben genannten Vorurteile sollten mich inzwischen nicht mehr treffen, aber sie machen mich sehr sehr traurig, wenn sie in der Allgemeinheit über Medien weiter verbreitet werden. Ich weiß, dass sich viele Asperger dadurch schwer verletzt fühlen und es sie in die Isolation treibt. Damit bestätigen sie zum Teil die Vorurteile in der Gesellschaft, obwohl sie es nicht wollen. Es findet also eine von der Gesellschaft verursachte Reaktion statt, die den Asperger zu einem Handeln zwingt, was er nicht will. Erst wenn die Aufklärung über das tatsächliche Leben (Wünsche, Sehnsüchte) und das Fühlen von hochfunktionalen Autisten soweit verbreitet ist, dass sie der Wahrheit entspricht, werden sich viele zurückgezogene Autisten wieder in die Gesellschaft (zurück)trauen und sich wohlfühlen. Dafür schreibe ich diese Blogs!

Meine Bitte an Medien und solche, die diese Vorurteile verbreiten: Autisten sind genauso vielfältig in ihren Fähigkeiten und Persönlichkeiten wie NTs. Wenn Ihr schreibt, berichtet oder über Autismus diskutiert, dann informiert Euch bitte vorher, über welche Form des Autismus‘ es geht. Dann verschwinden Vorurteile und wir alle fühlen uns viel wohler im Umgang miteinander!

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Die Anpassung – der Konflikt zwischen richtig und falsch

Ein soziales Miteinander/eine Anpassung ist nur möglich, wenn man Kompromisse eingeht und sich so verhält, dass man dem Anderen nicht schadet. Das weiß jedes Kind. Und doch stecken alle Menschen voller Konflikte, inwieweit die Anpassung richtig oder falsch ist.

Ich stecke noch viel tiefer in diesen Konflikten drin, weil meine Wahrnehmung anders und mein Anpassungsvermögen viel eingeschränkter ist, als das der NTs. Zudem kommt bei mir noch eine verhärtete Ansicht hinzu. Manchen mögen es Sturheit nennen, aber ich empfinde es als meine Pflicht mir gegenüber, bei bestimmten Ansichten oder Entscheidungen zu bleiben. Es gibt Dinge, die ich einfach nicht will, egal, ob es zu einer sozialen Anpassung dazugehört oder nicht. Das bezieht sich meistens auf das Phänomen der zwei Sprachen oder das Überschreiten meiner ethischen und moralischen Ansicht. Jetzt wird jeder sagen: Aber das ist doch bei allen Menschen gleich! Ist es das?

Bei mir werden bereits moralische Grenzen überschritten, wenn ich diplomatische Aussagen machen muss, um zu einem Ziel zu gelangen. Ich sage gerne direkt das, was ich meine. Es stecken dabei keinerlei Absichten dahinter, jemanden mit meiner Direktheit zu verletzen. Für mich ist die Sprache dafür da, sie zu benutzen. Ich frage mich, warum ich Menschen immer in „Watte gepackt“ auf Umwegen auf etwas aufmerksam machen muss, wenn doch die einfachen Worte reichen. Meine Antwort dafür: Weil eine klare Ansage einfach unsozial und verletzend erscheint. Und damit beginnt mein Problem:

Was ist eigentlich unsozial? Kann mir das jemand beantworten? Ist es unsozial, die Dinge so auszusprechen, wie sie sind? Ist es unsozial bei der Wahrheit zu bleiben? Ich finde es sehr sozial, wenn ich etwas vollkommen wertungsfrei mitteile. Muss ich denn immer erst um die Sympathie des anderen betteln, bevor ich das sagen darf, was ich will? Warum denken die Menschen immer, dass ich jemanden verletzen will, wenn ich etwas sage? Wo beginnen Verletzungen und wo hören sie auf?

Ich kann leider nur von meinen Verletzungen sprechen, weil ich die anderen nicht kenne oder häufig nicht bemerke.
Ich bin verletzt, wenn mich jemand mit verschleierten Gedanken anspricht. Wenn jemand versucht, bei mir etwas zu erreichen, was er mir nicht geradeaus mitteilt, steckt er kein Vertrauen in mich. Das irritiert mich und ich fühle mich belogen oder hintergangen.
Wenn ich es also richtig verstehe, bedeutet für mich Verschleierung Verletzung und Vertrauensbruch.
Für den anderen bedeutet es eine Art soziales Verhalten, um dem anderen etwas schonend beizubringen. Wenn ich den anderen nicht verletzen will, muss ich andere Worte benutzen, als ich meine, also einen anderen Gebrauch von Wörtern einsetzten. Damit bin ich wieder in der Welt der zwei Sprachen eines Aspergers.
Die Verletzbarkeit der Gefühle von Autisten und NTs ist demzufolge völlig anders gelagert, ja nahezu umgekehrt. Verstehe ich das so richtig? Was mich verletzt oder für mich unsozial klingt ist für den NT ein normales Verhalten, und was den NT verletzt oder für ihn unsozial klingt ist für mich normales Verhalten.
Wie können wir das ändern oder besser: Wie kann man eine „Zwischensprache“ finden? Schließlich ist es unser aller Ziel, besser miteinander auszukommen. Ich denke der erste Schritt besteht darin, dieses Prinzip der Verständigung erst einmal zu begreifen.

Hochfunktionale Asperger befinden sich im Vorteil, denn sie beherrschen mit der Zeit diese zwei Sprachen immer besser, um sich sozial in die Gesellschaft einzufinden. Doch diese zweite „verschleierte“ Sprache bedeutet für ihn noch lange nicht, dass sie richtig ist.
Für mich wird es immer eine falsche Sprache bleiben, egal, wie oft ich sie anwende.
Ich frage mich: Wird meine Sprache für NTs auch immer die falsche Sprache bleiben?

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Der Anpassungsprozess – Freude zeigen, wo keine ist

Ich frage mich: Wie konnte das nur passieren?
Wie konnte ich nur in diesen jahrzehntelangen Anpassungsprozess geraten, ohne etwas zu bemerken?
Die Antwort ist einfach: Weil ich es nicht besser wusste.

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Dieser Blog handelt von dem Moment, als ich begann, meine wahre Persönlichkeit abzugeben und in einen gesellschaftlichen Anpassungsprozess zu geraten.

Ich war 19 Jahre alt, als alles begann. Bis dahin lebte ich ein recht sonderbares, zum Teil auch rebellisches Leben. Ich hatte meine eigene Meinung und Vorstellung von allem, was nicht selten von denen anderer abwich. Deswegen sahen viele in mir den Rebell. Ich machte als Kind bereits viele Dinge anders und sonderte mich als Jugendliche auch von meinen Schulkameraden ab, weil mich völlig andere Interessen begeisterten. Ich litt bereits mit 10 Jahren unter Fernweh. Nicht ein bisschen, nein schmerzhaft! Ich wollte als Kind schon immer weg, weit weg – in die USA. Dahin, wo ich nicht auffiel, wo es viele „verrückte“ Menschen gab. Das Ziel ließ mich nicht los. Ich wollte Journalismus studieren oder Drehbücher für Filme schreiben. Mit 19 Jahren düste ich über den großen Teich und nahm eine AuPair-Stelle in Kalifornien an und durfte sogar in den Warner Brother Filmstudios einmal bei Dreharbeiten zusehen. Es erfasste mich eine große Faszination. Doch meine Mutter litt an schweren Depressionen und ich musste den Aufenthalt dort abbrechen.
Was geschah danach?

Ich muss nicht erwähnen, dass ich mich irgendwie nie dieser Welt zugehörig gefühlt habe, aber ich war immer davon überzeugt, dass mit mir irgendetwas nicht stimmte. Es lag also an mir. Ich musste mir mehr Mühe geben, damit mein Leben einfacher werden würde. Der Anpassungsprozess begann.

Ich kann mich erinnern, wie ich mit knapp 20 Jahren mein „Ich“ verlor. Das kann ich nicht beschreiben, es war ein rein mentaler Prozess. Ich begann, mein Innerstes zu verkapseln und eine neue Welt zu schaffen, die mir das Leben vereinfachen sollte. Und das tat es. Ich richtete mich immer öfters nach der Meinung anderer, weil ich meine weggeschaltet hatte. Ich erfüllte die Wünsche anderer, weil ich meine Wünsche weggeschlossen hatte. Je älter ich wurde, je einfacher erschien es mir, in diese Welt zu passen, denn ich brauchte nur darauf zu achten, was die anderen wollten. Das erfüllte ich dann und schon war ich ein anerkanntes Mitglied dieser Gesellschaft. Ich gab immer mehr von meinem „Ich“ auf, bis es plötzlich ganz verschwunden war, denn immer wenn ich ein bisschen von dem „Ich“ zeigte, gab es Ärger, dem ich nicht gewachsen war.

Da mir niemand erklären konnte, was ich in dieser Zeit erlebte, gab es auch keine Fragen meinerseits. Ich war sicher: Das ist der Weg, ein anstrengender und energieraubender Weg, denn ich stand ständig unter Höchstleistung, den Erwartungen des Alltags standzuhalten. Krankheiten meldeten sich und zwangen mich immer wieder in die Knie, doch sobald ich neue Kraft schöpfte, baute ich den Anpassungsprozess weiter aus. Ich erlaubte mir keine Erholung und keine Auszeit. Immer weiter, denn ich musste mir nur mehr Mühe geben.

Derzeit gab es noch keine Informationen über das Asperger Syndrom und ich habe nicht einen Moment daran gezweifelt, dass ich etwas falsch mache. Ich war immer die gewesen, die anders war. Deswegen oblag es meiner Aufgabe, mich anzupassen. Ich zeigte Freude, wo ich keine Freude empfand und lachte, wenn mir nicht nach Lachen zumute war. Ich sagte ja, obwohl ich nein meinte. Es gab „mich“ praktisch gar nicht mehr. Ich war unsichtbar geworden, bis der totale Zusammenbruch kam. Der TOTALE, von dem ich mich lange Zeit nicht mehr erholte. Mein Kopf ließ mich plötzlich ein Jahr lang nicht mehr schlafen. Es war die Hölle! Ich erholte mich nur noch stundenweise und fand kaum Kraft, meinen Alltag zu bewältigen. Irgendetwas wollten mein Geist und mein Körper mir sagen. Und ich dachte nach…

Ich fühlte mich zum letzten Mal richtig wohl, als ich alleine in die USA reiste. Das war meine letzte glückliche Erinnerung im Leben von meinen wahren „Ich“.
Ich beschloss, wieder alleine zu verreisen, um zu sehen, was passierte … und ich fand es wieder: mein altes „Ich“.

Es ist natürlich sehr schwer für alle Menschen, die mich nur in der Phase der Anpassung kennengelernt haben. Sie waren zum Teil sehr überrascht, als ich Monat für Monat begann, mein Kostüm fallen zu lassen. Ein Umkehrprozess begann: Viele fühlten sich schlechter und ich fühlte mich immer besser. Nach 30 Jahren der Anpassung genehmige ich mir die nächsten 30 Jahre für mein eigenes Leben, mein wahres „Ich“. Das erlaube ich mir einfach mal. Und es fühlt sich verdammt gut an!

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Das ist doch kein Autismus …

Kennt Ihr diese Gespräche?
Da überwindet man sich mit seinen Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen und beginnt mit den ersten Erklärungen, woran man Autismus erkennt. Doch nach nur wenigen Worten wird einem über den Mund gefahren: Das ist doch kein Autismus … das haben doch viele!
Und schon ist man an einem Punkt angekommen, an dem man den Faden verloren hat.

Es fällt mir immer wieder schwer, anderen zu erklären, was eigentlich mit mir los ist, weil es so komplex ist und sich nicht in wenige Worte packen lässt. Wo soll ich anfangen und wo aufhören? Jedes Detail in sich klingt so unscheinbar und unspektakulär … und so normal. Wie soll ich einem Gegenüber nun die Frage beantworten „Was ist Autismus?“ oder „Woran erkennt man Autismus?“

Eine schwere Aufgabe, vor allen Dingen, wenn der Gesprächspartner keinerlei Vorwissen darüber hat. Manchmal frage ich mich, ob ich es überhaupt noch erklären soll. Die meisten Versuche versickern eh im Nichts. Ich rede von übergroßem Stressempfinden und bekomme zur Antwort: „Dann musste du eben ruhiger werden. Lass die Dinge nicht immer so nahe an dich heran. Das ist doch kein Autismus.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär‘s, wenn ich das könnte.
Ich rede von einer Überwahrnehmung, dass ich zu viel wahrnehme, höre, sehe, rieche und fühle und bekomme die Antwort: „Sei doch nicht so empfindlich! Stell dich nicht so an, wir alle haben viel um die Ohren. Das ist doch kein Autismus.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s wenn ich das könnte.
Ich rede davon, dass ich oft nicht weiß, was ich sagen soll, wenn ich mit fremden Menschen zusammen bin und vor fremden Situationen große Angst habe und bekomme zur Antwort: „Dann sag doch einfach nichts. Ist das denn so schwer? Das ist doch kein Autismus.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Ich rede davon, wie wichtig mir klare Vereinbarungen und Regeln sind, damit ich mich sicher fühle und bekomme zur Antwort: „Du musst lernen, ein bisschen flexibler zu werden. Das hat doch mit Autismus nichts zu tun. Du musst dir nur Mühe geben.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Ich rede davon, dass man mich oft für gefühllos hält, obwohl in mir die Emotionen überkochen und bekomme die Antwort: „Dann lass die Emotionen doch mal raus und zeig den anderen, wenn es dir zuviel ist. Das ist doch kein Autismus. Es liegt doch an dir, wo du die Grenze setzt.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Ich leide oft unter Missverständnissen, Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen und bekomme zur Antwort: „Das bist du doch selber Schuld. Du musst dich über die anderen hinwegsetzen und selbstsicher werden. Das ist doch kein Autismus, du musste nur mehr an dir arbeiten.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Ich habe oft Probleme, das mitzuteilen, was ich meine, weil mir die Spontanität in vielen Bereichen fehlt und bekomme zur Antwort: „Dann musst du dir eben vorher gut überlegen, was du sagen willst. Das hat doch mit Autismus nichts zu tun. Das kannst du doch lernen. Es ist nur eine Frage des Willens.“
Ich lächle, wie immer. Schön wär’s, wenn ich das könnte.
Und dann sage ich mal etwas, was ich genauso meine und bekomme die Antwort: „Vielleicht habe ich Sie falsch verstanden, vielleicht ist es Ihnen aber auch einfach nicht gelungen, Ihr Anliegen RICHTIG vorzubringen.“
Dann lächele ich nicht mehr, sondern verlasse das Gespräch und freue mich, wieder allein zu sein, denn dann verschwindet mein Autismus tatsächlich …

Leider vergesse ich bei diesen Gesprächen immer wieder zu erwähnen, wie zuverlässig und kreativ ich bin. Dass ich mir von meinen Mitbürgern Ehrlichkeit, Genauigkeit und Klarheit wünsche und keine Absicht verfolge, andere zu verletzen, wenn ich etwas sage. Dass ich Hinterlist und Verschleierung ablehne, weil ich es nicht beherrsche. Dass ich ein besonderes Spezialinteresse pflege, perfektionistisch arbeite und damit sogar mein Geld verdiene. Ach ja … das ist ja auch kein Autismus. Das ist etwas, was sich alle Menschen wünschen.

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Ist eine Diagnose bei hochfunktionalem Asperger-Autismus im fortgeschrittenen Alter noch nötig?

Was passiert, wenn man erst im fortgeschrittenen Alter erfährt, dass man eine Betroffene des Asperger Syndroms sein könnte?

Als ich das vermutete begann ich viel darüber zu lesen, um das Gefühl zu bekommen, auf der richtigen Spur zu sein. Es liegt auf der Hand, dass man sich nur dann mit solchen Dingen beschäftigt, wenn man merkt, dass ein Leben lang irgendetwas nicht gestimmt hat und man nie so richtig in dem Leben, was die anderen führen, ankommt.

Zwei Jahre lang schwieg ich über meine Vermutungen, weil ich Angst hatte, ausgelacht oder stigmatisiert zu werden. Doch eines Tages traute ich mich an die Öffentlichkeit, begann über meine „unsichtbaren“ Probleme zu schreiben und erhielt eine überwältigende Resonanz von anderen Betroffenen. Das schenkte mir den Mut fortzufahren. Da ich mir die Probleme nicht ausdenke, sondern sie am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe und immer noch verspüre, wurde ich immer sicherer, dass ich tatsächlich betroffen bin. Doch warum merkte und merkt man das nicht? Weil ich gelernt habe meine Probleme in der Öffentlichkeit zu kaschieren und sie daheim mit mir alleine ausmache. So war es mein ganzes Leben lang. Deswegen redete ich mir immer ein, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt. Ich schämte mich bislang dafür.

Wenn es doch so viele Jahre funktioniert hat und ich mein Leben nun zusehends mehr darauf ausrichte, warum dann noch eine Diagnose? Ich könnte es doch als gegeben hinnehmen und das Beste daraus machen. Also, welchen Zweck soll eine Diagnose erfüllen?

Nun, ich bin ein Mensch, der gerne die Dinge verstehen möchte, die mit mir passieren. Gewissheit gibt mir Sicherheit. Da so viele psychische Störungen durch Traumata in der Gesellschaft existieren ist es auch für mich schwer, alles klar zu definieren und abzugrenzen. Ich glaube, dass sehr viele vom Asperger Syndrom Betroffene ein schweres Leben hinter sich haben oder immer noch führen. Es ist oft mit Depressionen, Ängsten und Krankheiten gezeichnet. Das ist bei mir nicht anders. Was liegt da mehr auf der Hand, als von einer psychischen Störung, einem Traumata oder einer Epigenetik zu reden? Epigenetik ist eine Zusammenkunft von Genen und der Umwelt und kann zu einer Fehlregulation der Stresshormone führen. Das alles kreuzt sich fast nahtlos mit einer Autismus-Diagnose. Wie bekomme ich nun diese vielen in Frage kommenden Auslöser und deren Folgen voneinander abgegrenzt, um zu wissen, was wirklich in mir passiert?

Im Grunde gar nicht, denn das gelingt in den meisten Fällen nur durch eine Psychotherapie, aufwendigen Tests oder langen Gesprächen mit Spezialisten. Während dieser wahrgenommen Möglichkeiten schafft man es, bestimmte Kriterien auszugrenzen und sich so einer Autismus-Diagnose zu nähern.
Ich kenne mittlerweile einige, die bei einer zuständigen Anlaufstelle um einen Diagnose baten, weil sie sich ziemlich sicher waren, davon betroffen zu sein. Doch 100%tig sicher ist sich im Grunde niemand, wenn es um hochfunktionalen Autismus geht.

Viele betroffene Frauen werden in den ersten Diagnosegesprächen abgewiesen oder derart verunsichert, dass ihr Druck wächst. Sie erleiden Ängste, sich blamiert zu haben und fühlen sich abgewertet und erneut irritiert. Mein erstes Gespräch war auch nicht prickelnd und ich fühlte mich durch die ersten Fragen sofort in die Irre geführt und stigmatisiert, aber als mein Mann einges Dinge belegte, fuhr man mit der Diagnose fort.

Tja, im Alter ist es nicht mehr so einfach, eine Diagnose zu stellen, weil man viele Situationen derart trainiert hat, dass man dem Arzt seine Probleme kaum noch vorführen kann. Trainiert bedeutet aber nicht, dass sie weg sind, sondern nur, dass man sie kaschiert und es „irgendwie“ weiter aushält damit zu leben. Das kann es nicht sein! Hinzu kommt die Schwierigkeit, nicht immer zur rechten Zeit die richtige Antwort parat zu haben. Einer meiner größten Probleme bei wichtigen Gesprächen und ein Merkmal des Asperger Syndroms. Ein Teufelskreis also.

Ich benötige die Gewissheit, um endlich mit mir ins Reine zu kommen. Ein Leben lang leide ich unter der Unruhe/Getriebenheit, ja, sogar Angst, was mit mir los ist. Ich möchte, dass eine Diagnose mir diese Angst nimmt. Ich will wissen, woran es nun tatsächlich liegt, dass ich so vieles anders wahrnehme oder reagiere als andere um mich herum. Um psychische Störungen, Traumata und Epigentik auszuschalten muss ich weit zurück in meine Kindheit gehen. Wie war ich als Kind und Jugendliche bevor die Krankheiten oder eventuelle Traumata begannen? Und genau das ist der Knackpunkt!
Aus meiner Sicht lässt sich eine Diagnose nur dann recht sicher stellen, wenn ich mich mit genau dieser Zeit auseinandersetze. Passen in diese Zeit immer noch autistische Merkmale? Wenn ja, befinde ich mich auf dem richtigen Weg. Und in der Tat, je mehr ich meine Kindheit durchleuchte und meine alten Tagebücher lese, desto klarer wird mir: Ich war nie normal! Ich wollte nur immer normal sein, doch es gelang mir nie! Ich wollte immer mit anderen Kindern spielen, doch es klappte nur selten. Ich wollte immer wie andere Mädchen sein, doch ich konnte mich nie in sie hineinversetzen. Ich wollte immer die gleichen Interessen haben wie meine Mitschüler, doch meine waren vollkommen anders. Alles war anders. So ist es heute noch und es wird nie anders sein.

Bei einem ersten Diagnosegespräch sollte man genau diese Themen auspacken, denn wenn man von seinem inzwischen angepassten und trainierten Verhalten erzählt, wird eine Diagnose schwierig.

Eine Diagnose ist für mich wichtig, damit ich endlich innerlich zur Ruhe kommen, gelassener reagieren und mich sortieren kann. Will das nicht jeder „normale“ Mensch auch?

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