Selbstzerstörung

Rückblickend auf einen jahrelangen Prozess finde ich erstmals den Mut, über meine Selbstzerstörung zu schreiben.
Es gibt Themen, die ich einfach nicht näher beleuchten will, doch ich weiß, bei meiner Selbstreflexion darf ein Thema, das so bedeutungsvoll ist wie die Selbstzerstörung, nicht fehlen.

Wann hatte es eigentlich begonnen? In meiner Kindheit und Jugend kann ich mich nicht erinnern, jemals etwas getan zu haben, was sich selbstzerstörerisch anfühlte. Ich lebte in einem selbstbestimmten Schutzraum meiner Gefühle und Interessen und öffnete diesen Raum nicht für andere. Doch dann verließ ich meine Jugend und damit meinen Schutzraum. Die Selbstzerstörung begann.

Sie begann schleichend. Innerlich. Zehrend. Erschöpfend. Unwiderruflich. Tag für Tag kämpfte ich gegen meine eigene Wahrnehmung an und forderte mein Innerstes heraus, sich eine neue Betrachtungsweise auf die Welt anzueignen. Ich begann fremdgesteuert zu leben und zu entscheiden. Achtete stets darauf, andere zu imitieren und mich der Gesellschaft anzupassen.
Soweit der innere Prozess.

Ich bemerkte jahrelang nichts, denn es spielte sich ja innerlich ab. Ich bemerkte nicht, wie sich mein Körper mehr und mehr mit der Abwehr meiner eigenen Empfindungen beschäftigte und sein eigenes Hab und Gut vernachlässigte. Ergebnis: Krebs. Keine Immunität mehr. Innerliche Selbstzerstörung vollzogen.
Ein Wendepunkt in meinem Leben. Endlich durfte ich „langsamer“ werden. Doch wer erst einmal mit der Selbstzerstörung begonnen hat, kann sie kaum bremsen.

Wieder einmal schleichend kehrte ich zurück in die alte Welt. Da ich mein Innerstes nicht zu steuern vermochte, wendete ich mich der äußeren Schicht zu – der Haut. Ich kratzte sie zum ersten Mal an einer rauen Stelle auf. Ich wusste bereits aus vielerlei Berichten von dem Borderline-Syndrom, sah mich aber keineswegs als Betroffene. Doch da war immer dieses Jucken und das Verlangen, überall zu kratzen. Je ruhiger ich im Sessel saß, desto stärker spürte ich den Juckreiz. Es gab keinen medizinischen Grund, außer dass meine Nerven auf der Haut ständig rotierten. Alles schien zu kribbeln und eine wahre Jagd nach Beruhigung begann mich zu plagen. Nach der ersten aufgekratzten Stelle fand ich die zweite. Ich war bemüht, Stellen zu finden, die man nicht auf Anhieb sah. Meistens waren es die Arme oder die Schulterblätter. Große wunde Stellen zeigten sich und ich konnte nicht aufhören, sie immer wieder aufzukratzen. Dann der Kopf. Auch dort gab es bereits die ersten blutigen Stellen. Die Selbstzerstörung schritt voran. Innerlich kämpfte mein Immunsystem weiter um Kraft und Abwehr, doch es kamen Diabetes Typ 1 und eine Schilddrüsenüberfunktion dazu. Das ließ meine Haut noch mehr rotieren, denn jeder hohe Zuckerwert löste Trockenheit auf der Haut aus und gab mir einen neuen Grund zu kratzen.

Es gab Zeiten, an denen ich neun blutige Stellen am Körper hatte. Es waren Zeiten, in denen ich mich extrem viel verbog, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen. Je mehr Mühe ich mir gab, desto stärker wurde die Selbstzerstörung.

An dieser Stelle möchte ich an einen Punkt kommen, den viele Betroffene kennen: Die Scham!
Ich schämte mich, auch nur ansatzweise darüber zu sprechen. Ich schämte mich, meinem eigenen Körper etwas so Ekelhaftes anzutun. Ich kenne Menschen, die schnitten sich die Haut mit Messern auf oder ritzten sich mit Glasscherben. Ich verstehe ihre Motivation, denn ich hatte die gleiche: Der innere Druck muss irgendwo raus. Ich kannte oftmals ihre Hintergründe wie Vergewaltigungen oder traumatische Erlebnisse, doch ich hatte keine solchen Erlebnisse hinter mir. Selbst der Tod meiner Mutter erscheint mir bis heute nicht als Trauma. Es musste also einen anderen Grund geben. Ich las unzählige psychologische Berichte und konnte mich nirgends einordnen. Woher stammte dieser innere Druck, der mich über Jahre nicht losließ? Es war inzwischen zu einer Art Zwang geworden, mich zu verletzen.

Als ich erstmals vom Asperger Syndrom las, ließ der Wunsch nach Selbstzerstörung plötzlich in mir nach. Es wurde besser. Tag für Tag las ich Bücher, die heilend auf mich wirkten. Jede Zeile heilte mich ein wenig mehr …

Heute, rückblickend auf diese Zeit, kann ich behaupten, dass der Körper und meine Natur mir schon von Beginn der Zeit, als ich meine wahre Natur zu verbiegen begann, mitteilten, dass etwas nicht stimmte. Dass der Weg, den ich einschlug, falsch war. Mein Körper hat die ganze Zeit um meine Aufmerksamkeit gekämpft und sie nicht bekommen. Warum nur? Ich fand damals keine Antworten. Als ich durch meine ersten Blogs begann, nach weiteren Betroffenen des Asperger Syndroms zu suchen, bemerkte ich den Prozess, der mich immer weiter in mein ursprüngliches Leben, das ich als Jugendliche verlassen hatte, zurückholte.
Nun, nach einigen Jahren der Selbstfindung und damit der Selbstheilung habe ich meinem Körper etwas versprochen: Ich werde jedes Signal, wenn er Unbehagen empfindet oder sich nicht wohlfühlt, ernst nehmen. Doch auch heute gibt es immer noch die eine oder andere verletzte Stelle an meinem Körper, denn ich werde nie ganz in meiner Welt leben können. Hin und wieder muss ich sie eben verlassen, um zu überleben. Aber das kann ich inzwischen gut aushalten.

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Gut, dass Sie es nicht wussten … sagte der Psychologe

Wer hält das für möglich! Da soll ich froh sein, dass ich über all die Jahre nichts vom Asperger Syndrom wusste und doch „so gut“ durchgekommen bin. Ich schrieb bereits einmal über dieses leidige Thema, aber es ärgert mich immer wieder, so etwas zu hören. Vor allen Dingen in Zusammenhang mit betroffenen Eltern, die jahrelang unter großer Ungewissheit litten und die mit ihren vom Asperger Syndrom betroffenen Kindern Hilfe suchen und den pfleglichen Tipp bekommen: „Sie sind doch auch gut durchgekommen. Dann bekommen Sie das Kind auch gut durch.“
Entschuldigung, aber mir wird bei solchen Empfehlungen kotzübel!!
Mein Tipp: Diesen Ratgeber sofort at acta legen!
Warum?

Sind wir wirklich gut durchgekommen? Nein!
Ging es uns all die Jahre wirklich gut? Nein!
Wollen wir, dass alles so bleibt? Nein!
Wollen wir Klarheit? Ja!
Wollen wir Gewissheit? Ja!
Wollen wir, dass sich etwas ändert? Ja!
Wollen wir, dass es unseren Kindern gutgeht? Ja!
Nur deswegen suchen wir Hilfe auf. Ich suche doch keine Hilfe, wenn ich mit der Situation zufrieden bin. Also, Ärzte, die solche Aussagen machen, haben aus meiner Sicht ihren Beruf verfehlt.

Ich würde jeder Familie und überhaupt jedem Menschen empfehlen, sich die Hilfe zu suchen, die sich auch auf deren Seite stellt. Wir wollen einen doch keinen Krieg gegen unseren eigenen Arzt führen? Umgedreht erscheint es mir oft so. Ja, ich empfinde es als richtig gemein und unprofessionell, wenn mich der Arzt mit meinen Sorgen nicht ernst nimmt und meine Probleme schönredet.
Ich liebe es, in solchen Fällen die „Umkehrformel“ anzuwenden. Wie würde sich der Arzt fühlen, wenn er Hilfe bei einem Kollegen sucht und dieser ihm sagte: „Sie sind doch bis jetzt ganz gut durchgekommen. Dann schaffen Sie das auch weiter.“ Ich würde fragen: „Na, wie fühlt sich das an?“

Es macht mich so wütend, dass ich immer wieder von diesem Problem lese. Da wird von manchen Ärzten der Begriff „Kaschieren“ mit „Wohlfühlen“ verwechselt. Wir brauchen mehr Duden in den Arztpraxen, um die Begriffe neu zu klären.

Das größte Problem und gleichzeitig eine große Gefahr beim Asperger Syndrom oder dem Hochfunktionalen Autismus ist doch genau die Anpassung, die gänzlich gegen die Natur desjenigen arbeitet. Dann liegt es doch auf der Hand, dass derjenige früher oder später erkrankt, entweder körperlich oder mental. Wie hätten Sie es denn gerne, Herr Doktor! Na, vielleicht kommt auch ein kleiner Suizidversuch dazwischen, damit die Suppe auch köstlich schmeckt.
Schluss mit dem Sarkasmus, der mich bei diesem Thema immer wieder einholt.

Jeder Betroffene von Autismus, egal, welche Art von Autismus es ist, sollte so schnell wie möglich beraten und diagnostiziert werden. Nur das garantiert dem Betroffenen eine Entwicklung, die ihn sich gut fühlen lässt. Jeder Mensch mit Autismus kann nämlich durchaus glücklich und im guter Balance in unserer Gesellschaft leben. Er muss nur das richtige Umfeld gestaltet bekommen. Und genau dabei benötigt er Hilfe. Das Umfeld sollte so früh wie möglich angepasst werden und nicht der Betroffene an das Umfeld. Und ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich habe dreißig Jahre meines Lebens darauf gewartet, „mein Leben“ leben zu dürfen, weil es mir als Kind weggenommen wurde. Das wünsche ich keinem anderen Menschen auf dieser Welt.

Meine Bitte an Eltern von betroffenen Kindern: Ihr spürt, wenn etwas nicht stimmt, wenn eure Kinder plötzlich aus unerfindlichen Gründen Probleme bekommen, Prüfungsangst erleiden, soziale Interaktionsprobleme zeigen oder sich einfach nicht in ihrer Rolle oder Haut wohlfühlen. Dann stecken sie vielleicht in einer Haut, in die sie reingepresst wurden aber nicht gehören. Redet mit euren Kindern, auch wenn sie jugendlich oder gar schon erwachsen sind. Gebt ihnen die Chance oder Möglichkeit, herauszufinden was los ist. Ich rede dabei nicht von Bagatellen. Ich rede davon, wenn Ihr das Gefühl habt, dass sich ein ernstes Problem anbahnt.
Und dann könnte Ihr sagen: „Gut, dass wir es wussten…“
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Bin ich in der Lage Verständnis aufzubringen?

Immer wieder werde ich durch interessante Beiträge zu neuen Blogs inspiriert. Es werden Themen angesprochen, die ich noch nie näher bei mir betrachtet habe. So das Thema „Verständnis“. Eine Reaktion, die autistischen Menschen gerne abgesprochen wird. Hier mein Beitrag dazu:

Mit Verlaub, ich habe in meinem Leben noch nie so vieles aufgebracht wie das Verständnis für andere Menschen. Kaum zu glauben als Autistin, würden vielleicht viele sagen. Eigentlich hat mein ganzes Leben nur aus Verständnis, Verstehen, Empathie und Kompromissen bestanden. Ich habe immer überall, bei jedem und für alles Verständnis aufgebracht, weil ich gedacht habe, das muss so sein, um miteinander klarzukommen. Oder verwechsel ich gerade das Verständnis mit Anpassung? Nein, eigentlich nicht.

Verständnis bedeutet für mich, dass ich die Meinungen, Gefühle und Wünsche anderer gelten lasse, sie akzeptiere, toleriere und respektiere. Das beginnt von der Äußerlichkeit, zieht sich über die Rolle in der Gesellschaft bis zu einer persönlichen Ansicht hin. Es gab kaum einen Menschen, den ich in diesen Bereichen beschnitten oder angegangen bin, solange er mich nicht angriff oder meine moralischen und ethischen Grenzen überschritt.

Ich zeigte Verständnis, wenn jemand zu spät kam.
Ich zeigte Verständnis, wenn mir jemand seine Sorgen erzählte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Hilfe wollte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand verärgert war.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Ansichten kritisierte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Pläne durchkreuzte.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Erziehungsmethoden angriff.
Ich zeigte Verständnis, wenn jemand meine Ehe angriff.
Ich zeigte Verständnis, wenn sich jemand ein anderes Verhalten von mir wünschte.
Ich war ständig darum bemüht, keinen Unfrieden zu verursachen.
Heute stelle ich mir die Frage, ob dieses Verständnis ein falsches Verständnis war und warum ich es aufgebracht habe.

Wieder einmal zwei klare Antworten:
Ja, es war falsches Verständnis.
Warum habe ich es aufgebracht? Weil ich jedes Mal, wenn ich dieses Verständnis nicht aufgebracht hätte, mich einer sozialen Interkation hätte stellen müssen, der ich nicht gewachsen war. Eines habe ich im Laufe meines Lebens gelernt: Menschen ohne Autismus können die soziale Interaktionsfähigkeit anders einsetzen. Sie können innerhalb von Sekunden so viele Argumente abrufen, dass ich darin, ehe ich reagieren kann, vollkommen ertrinke und sich dadurch eine immense Wut in mir aufbaut.

Nun gibt es aber auch andere Formen des Verständnisses, nämlich die, die innerhalb von Partnerschaften oder Beziehungen wichtig sind. Damit komme ich auf das Thema „Funkstille“ zu sprechen. Wenn sich diese Form des Rückzuges bei mir einstellt, dann ist eine Grenze bei mir überschritten worden, in der ich kein Verständnis mehr aufbringen kann. Warum?

Zuvor ist festzustellen, was die Funkstille ausgelöst hat. Meistens handelt es sich um ein Thema innerhalb der Beziehung/Partnerschaft. Von mir wird etwas erwartet, dem ich nicht nachkommen kann und ich versuche es zu erklären. Kommt das Thema wieder auf, versuche ich es erneut zu erklären, diesmal intensiver. Gibt mein Partner aber nicht auf und besteht auf ein Verhalten, dem ich nicht nachkommen kann, kommt es zu der sogenannten Funkstille. Warum? Weil ich Tage, Wochen oder Monate zuvor schon so viel zu erklären versucht habe, was der andere entweder nicht versteht oder verstehen will. Der andere will mich in eine Richtung drängen, der ich nicht nachkommen kann. Ist die Funkstille erreicht, kann ich auch kein Verständnis mehr aufbringen. Vorerst nicht. Kompromisse sind gänzlich unmöglich.

Doch warum wird immer wieder darauf gepocht, nachzugeben? Warum gesteht man gerade autistischen Menschen diese Reaktionen nicht mal ganz kompromisslos und verständnisvoll zu? Was ist daran misszuverstehen, wenn ich sage: „Ich will das nicht“, oder „ich kann das nicht.“ Warum muss immer weitergebohrt und erklärt werden? Ich bin die Erklärungen so satt.

Nun betrachte ich die Sache von der anderen Seite. Ein Mensch ohne Autismus sagt zu mir: „Ich will das nicht.“ Weißt du was ich darauf antworte? Ich sage: „Okay“, und nehme die Antwort als das hin, was sie aussagt. Wenn mir jemand sagt: „Ich kann das nicht“, dann kann ich das sehr gut akzeptieren und lasse denjenigen in Ruhe.

Es gibt Stationen im Leben von Autisten, in denen sie sich nichts sehnlicher wünschen, als in Ruhe gelassen zu werden. Und manchmal muss sich der nicht autistische Mensch fragen, ob ER nicht zu weit mit seinem Verhalten gegangen ist und das Verständnis einfach verspielt hat.
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Funkstille

Oh Mann, wenn ich daran denke, wie sehr mein Mann darunter leidet und ich diesen Zustand einfach nicht bei mir abstellen kann.

Ich frage mich, was diese Funkstille in mir auslöst.

Eigentlich lässt sich die Situation ganz einfach erklären: Die Funkstille wird bei mir ausgelöst, wenn ich mit einer Situation nicht mehr klarkomme. Über mein Regel- und Plan-Denken habe ich schon oft berichtet. In meinem Kopf sind feste Strukturen verankert, nach denen ich lebe, fühle, reagiere und … jetzt kommt‘s (!) … mich auch abschalte. Nämlich dann, wenn eine Situation entsteht, auf die ich keine Reaktionsstrategie abrufen kann. Es fühlt sich an, als wenn die Situation in mir drin ins Leere läuft, also verpufft! Wenn der andere dann nachsetzt und mich drängt, endlich zu reagieren, entsteht in mir diese Funkstille. (Es kann auch ein Overload oder ein Meltdown sein, aber darüber schrieb ich bereits) Sie zeigt sich sehr unangenehm dem Partner gegenüber, denn sie kommt einer Art Wut gleich, die ich verströme. Früher nannte man es „beleidigt sein“, aber es ist so vieles mehr in mir, das dann stattfindet, als nur beleidigt zu sein. Ich spüre in mir drin einen starken Widerstand, der sich nach außen wie eine Stichwaffe zeigt. Der andere hat danach keine Chance mehr, mich zu erreichen. Ich will dann stundenlang oder tagelang nicht mehr mit der verursachenden Person sprechen. Ich will nur noch, dass sie mich in Ruhe lässt, weil sie meine innere Ordnung durcheinander gebracht hat und nicht aufhört, weiter Unordnung in meinem Leben zu schaffen.

Bei mir gibt es die leichte, mittlere und starke Funkstille.

Die leichte lässt zu, dass ich innerhalb eines Tages wieder von der Person angesprochen werden und mit ihr über das Problem reden kann.

Die mittlere lässt mich tage- oder wochenlang in Kriegen und Kämpfen versinken und erst dann wieder auf Empfang gehen.

Die starke ist die Schlimmste. Dann hat der andere mich in einer Art und Weise bedrängt oder etwas verursacht, dass mich nie wieder den Kontakt herstellen lässt. Das kommt fast nie vor, ist aber dann die totale Funkstille.

Wie kann sich der andere/oder Partner jetzt am besten verhalten?

  1. Regel: lass mich bitte solange in Ruhe, bis ich von alleine wieder bereit bin, mich dir zu nähern.
  2. Regel: sie ergibt sich aus der 1. Regel: setze auf keinen Fall nach oder versuche mich aus der Funkstille zu holen, denn dadurch machst du es nur schlimmer.
  3. Regel: bitte lasse den Kontakt zu mir erst mal nicht abbrechen, denn ich weiß meistens selbst nicht einmal, wie stark meine Funkstille ist.

    4. Regel: Wenn ich wieder mit dir ins Gespräch komme, dann höre dir sehr aufmerksam an, was mir zu schaffen gemacht hat. Unter Umständen tut mir auch eine Entschuldigung gut, weil du meine Grenze überschritten hast. Du kanntest sie vielleicht nicht, aber es sollte nicht noch einmal vorkommen.

Die Beseitigung der Funkstille ergibt sich dadurch, ob oder wie schnell mein Gehirn das Chaos, das in mir entstanden ist, in der Lage ist zu beseitigen. Ob es dafür eine Regel oder eine Ordnung herstellen kann. Der andere sollte wissen, dass es Dinge gibt, die ich nicht lernen oder annehmen KANN. Es gibt dafür kein Programm auf meiner Festplatte. Beispiel: Mein Partner möchte, dass ich mit einem bestimmten Verhalten aufhöre, z.B. einer Macke (Händereiben) oder eine Sache (ständig Schreiben). Für alle, die es nicht wissen: solche Verhaltensweisen sind Beruhigungstechniken für mich, wenn ich aufgeregt oder durcheinander bin, oder es sind im Falle von Schreiben Spezialinteressen für mich, die mir ebenfalls dazu verhelfen, mich zu beruhigen und wohl zu fühlen. Was für nicht Betroffene des Asperger Syndrom manchmal „unmöglich“ oder „übertrieben“ erscheint, kann für mich pure Erholung bedeuten. Ich besitze weit weniger Konzentrationsfähigkeit als nicht Betroffene, wenn es um soziale Interaktionen oder Dinge geht, die mich stressen. Das lässt mich viel eher zusammenbrechen oder eben diese Funkstille in mir entstehen. Ich nehme nämlich viel mehr wahr und muss viel mehr durch meinen Autismus verarbeiten, als es normale Menschen können.

Also Funkstille ist wichtig in meinem Leben. Ich brauche sie, um wieder klarzukommen.

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Die Ignoranz als Freund?

Wie einfach würde mein Leben doch verlaufen, wenn ich die Ignoranz als Freund hätte. Nein, als besten Freund! Mir wäre alles und jeder egal und ich könnte ganz mit meinen Belangen und Wünschen leben. Ich hätte andere Freunde, die ignorant wären und die auch mich ignorieren, wenn ich etwas tue, was ihnen nicht gefällt.

Was so einfach klingt ist gewiss nicht das Non plus Ultra im Leben und doch steckt ein Funken Wahrheit in diesem Gedanken. Es scheint, als würde es das Leben irgendwie einfacher machen.

Als Mensch von schwarz und weiß gibt es auch in meinem Leben nur ganz ignorant oder gar nicht ignorant, wobei ich zugeben muss, dass mir die erste Variante erheblich besser bekommt, ich sie aber nicht beherrsche. Es ist für mich einfach keine Grundlage für ein Leben in der Gesellschaft. Oder doch? Ist genau DAS die Grundlage, die ich einfach nur falsch einschätze?

Was genau ist Ignoranz eigentlich? Und jetzt erschrecke ich, als ich lese:
Unwissenheit
Dummheit
Unkenntnis
Missachtung
Unwissen

Und was heißt ignorieren?
nicht wissen wollen
absichtlich übersehen
nicht beachten
nicht kennen wollen
absichtlich nicht erkennen wollen

Das stimmt doch etwas nicht!!! Die Ignoranz läuft mit dem Ignorieren irgendwie nicht konform und doch sollen es die gleichen Aussagen sein? Der erste Begriff weist auf „unabsichtliches“ Verhalten hin und der zweite Begriff auf „absichtliches“ Verhalten. Nanu!!
Für mich war die Ignoranz immer schon ein „absichtliches“ Verhalten. Ein Verhalten, das ich bewusst zeige, um zu signalisieren, dass ich nichts von der Sache „wissen will“. Es hat durchaus nichts mit der Ignoranz zu tun, wie sie im Duden steht, wobei der Begriff „Missachtung“ der einzige ist, den ich in diesem Zusammenhang gelten lasse.

Doch ich möchte gerne etwas ganz anderes damit aussagen. Der Autismus ist ein weiter Begriff und wird im Rahmen der Autismus Spektrum Störung im Detail erklärt, definiert und diagnostiziert. Der bekannte Autist, den ja viele im „Rainman“ sehen wollen, wäre der Mensch, der anderen Menschen vollkommen ignorant begegnet und nur in seiner Welt der Mathematik und Relativitätstheorien lebt. Um es noch einmal klarzustellen: Den Autist „Rainman“ gibt es nicht in der Form, wie er dargestellt wird. Er setzt sich aus vielen Varianten des Autismus´ zusammen und vermittelt der Gesellschaft ein verwirrendes Bild von Autisten. Wenn man dem gegenüber Betroffene des Aspergers Syndrom stellt, werden sich viel Fragen: „Wo ist denn da der Autismus zu erkennen?“

Gute Frage!!!

Was Rainman nach außen zeigt, findet bei vielen im Inneren statt, aber sie zeigen es nicht. Ja, Rainman verkörpert Gefühle und Reaktionen, die im Film praktisch sichtbar gemacht werden sollen. Und das im übertriebenen Sinne, damit es jeder kapiert.
Rainman ist nämlich durchaus nicht ignorant! Er ist nur ständig verwirrt, wenn jemand seine Regeln und Pläne durcheinanderbringt und er beruhigt sich mit seinem Spezialthema, die Mathematik. Das zeigt doch, dass die Ignoranz ein sehr schwer zu findender Freund bei Menschen mit Autismus ist. Besonders bei Betroffenen des Asperger Syndroms, die ständig darum bemüht sind, sich anzupassen oder nicht aufzufallen. Wie kann da die Ignoranz noch Platz haben?
Der Fall stellt sich anders dar, wenn es um den Begriff „egal“ geht. Ja, und jetzt wird es spannend!

Ich kann nur mit größter Mühe mit Ignoranz reagieren, nein falsch, ich habe ja keine „Dummheit oder Unkenntnis“ in mir. Ich kann kaum meine Umwelt ignorieren. Und jetzt komme ich auf den Punkt: Wie schaffe ich es trotzdem, mich zu schützen, wenn ich doch nicht ignorieren kann? Wenn bei mir ständig unangemessene Reaktionen stattfinden, weil ich mich veranlasst sehe zu reagieren, obwohl ich ignorieren will?
Ich entwickelte über die Jahre ein neues Verhältnis zu dem Gefühl „egal“, weil ich bemerkte, dass es meine Gedankengänge Stück für Stück beruhigte und meine Gefühle nicht mehr so oft aufwallen lässt. Ich habe mir das „egal“ förmlich antrainiert, indem ich begann es auszuhalten. Ich habe mich bewusst vor Situationen und Kontakten geschützt und es solange ausgehalten, bis der Kontakt nachgab und mich nicht mehr forcierte. Das war kein schönes Gefühl, weil es eine künstliche Reaktion in mir hervorrief und es funktionierte nur solange, wie ich mich von allem und jedem fernhielt, also isolierte. Und jetzt sind wir beim wahren Autismus angekommen, der vielen Aspergern so sehr zu schaffen macht: die Isolation als Freund. Nicht für jeden gut, aber für manche der einzige Weg, wieder mit dem Leben klarzukommen.
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Wenn Familie und Freunde die Diagnose aberkennen

Wie kann das sein? Endlich habe ich meine lang ersehnte Diagnose erhalten und traue mich offen darüber zu reden und schon schauen mich viele zweifelnde Blicke an. Ich wedel mit dem Papier, doch es nützt nichts. Ich ernte ein mitleidiges Räuspern und spüre, wie hinter meinem Rücken getuschelt wird. Ich versuche zu erklären, dass ich mit vielen Dingen große Probleme hatte und sie immer mit einem Lächeln kaschiert habe. Mein Optimismus und meine gute Laune, die ich täglich zeigte, entpuppen sich plötzlich als Feinde.

Das ist der Moment, in dem ich große Entscheidungen treffen muss.
Lege ich wirklich noch Wert auf all die Menschen, die sich mir entgegenstellen? Was ist mit deren Mitgefühl, das ich ihnen immer bei ihren Problemen entgegengebracht habe? Ein schmerzlicher Gedanke überkommt mich: Ich werde all diese Menschen verlieren! Oh nein! Halte ich das überhaupt aus? Eine andere Frage stellt sich mir: Halte ich es überhaupt noch aus, mich weiter für andere zu verbiegen?
Zwei Fragen, die eine schwere Entscheidung von mir abverlangen. Ich hätte nie gedacht, dass ich an den Punkt komme, bei dem ich mich frage: Sie oder ich? Und wieder entsteht ein neuer Kampf. Hört das denn nie auf? Auch diesen Kampf muss ich wohl oder übel durchstehen. Meine Gedanken laufen Amok. Ist das das Ergebnis einer Diagnose? Dass mein Leben noch mehr zerrüttet wird? Was bleibt mir?

Erst mal Flucht, denke ich und ziehe mich für viele Wochen weit entfernt von allen zurück. Ich lasse das Gefühl auf mich wirken, wie sich mein Leben ohne all diese Menschen anfühlt. Das Ergebnis erschreckt mich! Es fühlt sich gut an. Ich erschrecke wahrlich vor meinem eigenen Wohlbefinden. Wie kann das sein? Seit zig Jahren habe ich mich nicht mehr wohlgefühlt oder habe es mir nicht mehr erlaubt und plötzlich bricht dieses Gefühl mit einer Intensität über mich herein, dass ich vor Glück weinen muss. Jaaa, ich spüre wieder Glück! Ein Gefühl, das ich all die Jahre gesucht habe und nicht finden konnte. Es war untergegangen von zu vielen Geräuschen, Menschen, Farben, Eindrücken und Aufgaben, denen ich nicht gewachsen war. Nachdem ich das Gefühl eine Weile auf mich habe wirken lassen, treffe ich die Entscheidung zur Frage „Sie oder ich?“.

„Ich“ ist das klare Ergebnis. Zum ersten Mal seit vielen Jahren entdecke ich wieder die Welt, in die ich gehöre. Und in die kann ich leider nur wenige Menschen mitnehmen. Ich lade zwar alle ein, aber nur wenige sagen zu und treten in meine autistische Welt ein. Im Grunde ist sie nicht viel anders, als die Welt draußen auch. Doch sie ist geprägt von der Schönheit der Natur, den Tieren und der Ruhe. Keine Machtspiele und keine Hinterhältigkeit mehr. Ich bin dieser Dinge überdrüssig. Mich fängt eine ehrliche, mentale Schönheit ein, die ich so nicht kannte. Menschen, die mir folgen, sind keine fordernden Menschen, sondern solche, die sich für diese Welt öffnen können und wollen. Sie sind ehrlich, freundlich, respektvoll und willkommen.

Ich kehre nur kurz in die alte, für mich verwirrende, Welt zurück, um allen, die mich nicht so annehmen wie ich bin, den Kontakt zu kündigen. Schmerz, Wut, Druck und Zorn beben in mir, weil ich die Verurteilung spüre, die sich draußen breitmacht. Doch ich halte die Türe geschlossen, gehe nicht mehr ans Telefon und nicht mehr in die Stadt. Ich verbringe die Zeit damit, ein Buch zu schreiben und packe so unendlich viel Wut hinein. Nebenbei suche ich nach neuen Zielen und einer neuen Umgebung. Ich kann hier nicht mehr bleiben, wenn der Krieg täglich vor meiner Tür stattfindet. Ich will mich neu definieren und suche Menschen, die mich nicht kennen und einen Ort, der mich nie anderes kennenlernen wird, als der Mensch, der ich in Wahrheit bin.

Einige Jahre später.
Man fragt mich, warum ich nicht alles beim Alten gelassen und es einfach nur erklärt habe. Ich lächele auf diese Frage und schaue in den Himmel, unter dem ich nun im Einklang mit Natur und Tieren lebe und Bücher schreibe… Ich brauche hier nichts mehr erklären. Ich bin angekommen!

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Die langersehnte Diagnose!

Klingt das paranoid?
Wer ersehnt sich schon eine Störung? (wobei ich anzweifle, dass das Asperger Syndrom eine Störung ist.) Doch es geht um etwas ganz anderes.

Es ist erschreckend, wie viele Menschen mit dem Bewusstsein leben, dass in ihrem Leben irgendetwas nicht stimmt. Wenn Lernprozesse erfolglos bleiben und man immer wieder stigmatisiert wird. Wenn andere sagen, dass man zu dumm für diese Welt ist oder sich nicht genug Mühe gibt. Man fragt sich ständig, warum kann ich das nicht? Die Selbstzweifel wachsen ins Unermessliche. Ein Kampf auf ganzer Linie bricht im Leben aus. Dann immer wieder die Frage: Was stimmt nicht mit mir? Hinzu kommt die Angst, in eine Psychiatrie eingewiesen zu werden, wenn man am Ende seiner Kraft ankommt. Die Nerven gehen durch und der Körper rebelliert. Aber der Arzt findet nichts, weil nur der Kopf verrückt spielt. Der erste Eindruck entsteht, man sei ein Simulant … oder noch schlimmer: einfach nur faul, … oder gar psychisch krank? Nichts von dem entspricht der Wahrheit.

Mit Faulheit hat das Asperger Syndrom rein gar nichts zu tun. Und der Kopf spielt auch nicht verrückt. Man ist weder ein Simulant noch psychisch krank. Nur, um das mal klarzustellen. Es ist die Unwissenheit, die all diese Gedanken in einem hervorlockt.

Ich kenne keine andere Gruppierung von Menschen, denen eine Diagnose so wichtig ist. Oftmals reicht das einfache Wissen nicht aus, weil es in der Gesellschaft nicht anerkannt wird. Nein, die Menschen brauchen ein Papier, auf dem steht, was mit einem los ist. Dann die Erlösung: Die Anerkennung! Die ersehnte Diagnose.

In den letzten fünf Jahren habe ich so viele Emails, Briefe und Facebook- Nachrichten erhalten, in denen genau diese Dinge geschildert wurden. Vorrangig die Angst, die Diagnose nicht zu erhalten. Nicht nur betroffene Frauen beklagen viele falsche Vorgehensweisen bei der Diagnose, sondern inzwischen auch Männer, die sich doch oft auf der sicheren Seite befanden. Was ist es, was das ganze Verfahren so „verfahren“ macht? Was in den Betroffenen eine so große Angst auslöst, dass sie sich lieber an Communities oder andere Betroffene wenden? Muss denn immer eine langjährige Psychotherapie vorangehen, bevor die Diagnose erfolgt? Was ist mit den Betroffenen, die über viele Jahre versucht haben, das Krankensystem zu schützen und dem Staat immense Kosten eingespart haben? Ach ja, wer spart wird bestraft! War ja immer schon so. Deswegen auch keine Belohnung.
Für mich eine verkehrte Welt. Aber die Welt da draußen war mir schon immer ein Rätsel.

Inzwischen laufen Betroffene mit Büchern von Diagnostizierten zu Gesprächen und sagen: Ich bin genauso. Hallo? Wie stigmatisiert und verängstigt sind solche Menschen, die nicht einmal mehr die Kraft haben, sich selbst darzustellen? Total verängstigt, kann ich nur sagen und ich spreche aus Erfahrung.

Es macht mich immer wieder traurig, wie viele von Angst Getriebene sich bei mir melden und um Rat bitten. Ich kann leider immer nur ermutigen, ein Diagnosegespräch anzustreben und sich gut vorzubereiten. Was bedeutet vorbereiten?
Ich würde aus heutiger Sicht empfehlen, so viele Auffälligkeiten wie möglich aus der Kindheit und Jugend zu notieren. Und ebenso die heutigen Auffälligkeiten. Vieles haben die Betroffenen vielleicht gelernt zu kaschieren, aber wenn man ganz tief in sich hineinhorcht, kann man die eigentlichen Probleme deutlich spüren. Da es bei den Diagnosegesprächen häufig um die Beantwortung von Fragen geht, wird nicht immer die Möglichkeit angeboten, sich selbst darzustellen. Hinzu kommt oftmals das Problem, nicht spontan auf eine Frage richtig antworten zu können. Dann ist es besser, man reicht mit dem ersten Fragebogen direkt eine Eigendokumentation ein. Wenn der diagnostizierende Arzt dies liest, kann er sich vielleicht besser auf das Gespräch einstellen.
Eine zusätzliche Hilfe ist es, wenn Psychologen eine Überweisung zum Diagnosearzt ausstellen. Ist aber nicht zwingend notwendig.

Ich wünsche allen Betroffenen, dass sich die Diagnoseverfahren in Zukunft bessern und dem Patienten mehr Glauben geschenkt wird, denn er gibt für einen Betroffenen nichts Schlimmeres, als mit großer Angst das Gespräch gesucht zu haben und mit noch mehr Frustration und Demütigung nach Hause zu kommen.

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