Schlagwort-Archive: Asperger und Arbeit

Das Tagebuch des „Wrong-Planet-Syndroms“

Immer wieder wird das „Wrong-Planet-Syndrom“ mit Autismus und/oder Asperger Syndrom zusammengebracht.
Schon als Jugendliche, als ich noch nichts von diesem Begriff und dieser Diagnose wusste, schrieb ich ununterbrochen den Satz „Ich bin nicht von dieser Welt“ in mein Tagebuch. Ich glaube, meine Niederschriften bestanden mehr aus Fragen, als aus Dokumentationen. Als ich mich erstmals mit dem Asperger Syndrom beschäftigte, kramte ich natürlich meine alten Tagebücher hervor und begann, darin zu lesen. Und tatsächlich, ich schrieb immer wieder auf, dass ich vieles nicht verstand oder am liebsten davongelaufen wäre, weil mir alles zu kompliziert, zu laut und zu schnell war. Ich fühlte mich ständig überfordert und zog mich mit Vorliebe in mein Zimmer zurück, wo ich ununterbrochen schreiben konnte und nicht gestört werden wollte. Meine Eltern empfanden das immer als sehr angenehm. Meine Mutter sagte: „Die Marion kann sich immer so schön allein beschäftigen.“

Ich erinnere mich: Schon als Kind und Jugendliche verspürte ich ein starkes Bedürfnis, mein Leben zu dokumentieren, als würde ich es verlieren, wenn ich es nicht niederschreiben würde. Ich wollte es irgendwie festhalten. Da waren zu viele Gedanken und Gefühle in dieser Zeit, die ich nicht speichern konnte. Das war mein Hauptmotiv für das Anlegen einer Tagebuch-Serie. Ich war immer von der Angst gefangen, ich könnte mein Leben vergessen. Oftmals erinnere ich mich nur durch Fotos an bestimmte Lebenssituationen. Schon als Kind fotografierte ich gerne und besah mir später in aller Ruhe die Fotos. Oftmals kann ich nur durch Fotos das Leben überhaupt spüren.
Doch zurück zum „Wrong-Planet-Syndrom“.

Ich fühlte mich früher nie an dem Platz, an dem ich lebte, wohl. Ist das kurios? Doch ich kam nie auf die Idee, es wäre der falsche Planet, auf dem ich lebte. Ich habe mir nie einen „Wunschplaneten“ in meinem Kopf gebastelt. Doch ich habe etwas anderes gebastelt: Schon von klein an war mein Wunsch, in einer Hütte in den Bergen zu wohnen, sehr stark ausgeprägt. Ich suchte immer die Einsamkeit, die Einfachheit und die Ruhe. Deswegen trieb ich mich oft in Wäldern herum. Das hat sich bis heute nicht geändert. Ich liebe die Natur, Tiere und Holz – wenig Besitztum und wenig Menschen um mich herum.
Wo auch immer ich wohnte, ich tapezierte Holztapete hinein und stellte mir auf diese Weise meine Welt ein wenig her. Holz gibt mir ein warmes und geschütztes Gefühl.

Über viele Jahrzehnte nahm ich mein Leben „in einem Zimmer gesperrt“ wahr. Ich fühlte mich isoliert und eingeschlossen, obwohl ich durch meine Kinder viel herausging und mit anderen Menschen redete. Doch meine Sehnsucht, zurück in mein Zimmer zu kommen, war unermesslich stark. Ich straffte jede Erledigung, um möglichst schnell in meinen „Bunker“ zurückzukehren. Das imaginäre Zimmer hatte ein Fenster aus Holz, das ich hin und wieder öffnete, wenn es mir gutging. Durch dieses Fenster sah ich in die Welt hinaus, die mir so fremd erschien. So stellt sich bei mir das „Wrong-Planet-Syndrom“ dar.

Viele Menschen behaupten immer, ich sei auf der Flucht. So mag es nach außen aussehen. Der Begriff „Flucht“ ist für mich negativ besetzt. Es stellt sich die Frage, vor was und vor wem ich flüchte? Und warum endete diese Flucht nie? Man warf mir vor, ich sei feige oder unfähig, der Realität ins Auge zu schauen. Ich bin weder feige noch blind vor der Realität. Ich habe viel mehr in meinem Leben gemeistert, als andere es je schaffen würden.
Meine Theorie ist eine andere: Ich befand mich schlichtweg auf der Suche.

Nach vielen Jahren hat sich die Suche ausgezahlt und ich habe mir Lebensbedingungen geschaffen, die ich brauche. Das war nötig und viel harte Arbeit. Der erste Schritt war, mich als den Menschen endlich anzunehmen, der ich wirklich bin und nicht der, den andere gerne in mir sehen würden. Meine Welt ist also kein fremder Planet, sondern nur eine Umgebung, die zu mir passt. Sie muss mir das Gefühl geben, in vollkommener Ruhe und Zurückgezogenheit leben zu können. So ungestört wie möglich. Dann kann ich auch genug Energie tanken, um mich hin und wieder unter die Leute zu begeben.

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Wenn ich den Überblick verliere

Den Überblick einer großen Sache zu behalten: Fehlanzeige!

Ich wurde einmal beim Diagnosegespräch gefragt, ob ich einen guten Gesamtüberblick über Dinge/Situationen habe. Ich verneinte sofort, denn ich bin schon seit jeher eine Detailseherin. In meiner Kindheit erhielt ich einen Fotoapparat, mit dem ich nicht wie andere große Landschaften fotografierte, sondern nur kleine Details. Blumen, Fenster, Laternen, Kamine…
Später begann ich natürlich auch Aufnahmen von größeren Landschaften zu machen, aber das hatte einen anderen Grund. Damals und auch heute schaue ich mir gerne meine Reisen und Ausflüge auf Fotos an, weil ich nie den Gesamtüberblick einer Stadt oder Gegend erhalte. Den verschaffe ich mir über Fotos. Manchmal bringe ich bis zu 1000 Fotos mit und sehe sie mir in aller Ruhe daheim an. Erst dann erfasse ich die gesamte Schönheit der Umgebung oder die Komplexität einer Stadt.

Als ich vor einigen Jahren Würzburg bereiste, sah ich nur die vielen schönen Details und Stuckarbeiten der wundervoll gebauten Häuser. Die Laternen auf der Brücke zur Festung Marienburg und die bunten Holzläden an den Fenstern der Marienburg. Erst später erfasste ich die gesamte Schönheit der Burg und der Stadt durch Bilder.

Große Städte machen mir Angst. Ich könnte niemals in einer großen Stadt leben. Ich erinnere mich, als wir als Familie 2007 nach Calgary/Alberta in Kanada auswanderten. Ich kannte die Millionenstadt nicht und als wir den Flughafen verließen und mitten durch diese wahnsinns Stadtmetropole fuhren, überkam mich eine immense Angst! Es fühlte sich an, als würden sich alle Angsthormone, die mein Organismus zu bieten hat, in meinem Kopf sammeln. Mir war heiß und kalt, ich zitterte und konnte nichts mehr wahrnehmen. Die absolute Reizüberflutung! Wir lebten dort nur 5 Monate, dann brach ich zusammen. Obwohl ich in dieser Zeit einen festen Weg zur Arbeit hatte, konnte ich ihn mir nie merken. Jeden Tag durchströmte mich die gleiche Angst, ob ich je wieder nach Hause finden würde. In dieser Zeit hatten wir noch kein Navi, sondern mussten uns mit Stadtkarten behelfen. Eine Katastrophe für mich. Der Stress wurde so groß, dass ich die Arbeitsstelle kündigen musste. Erst Monate später, als ich mir ein Fotobuch von Calgary ansah, bekam ich eine Idee von der Größe der Stadt, die ich nicht einen einzigen Tag während meiner Aufenthaltszeit überblickte.

Auch das Thema „Party“ fällt in den Bereich „den Überblick verlieren“ hinein. Ich bin nicht in der Lage, größere Partys oder Veranstaltungen zu überblicken. Es beginnt schon mit der Anzahl der Gäste, deren Namen ich mir einfach nicht merken kann. Nicht mal einen einzigen, außer ich kenne diese Person bereits länger. Gesichter sind gänzlich nicht zuzuordnen. Wenn mich jemand zweimal anspricht, kann es passieren, dass ich mich an das erste Mal nicht erinnere. Ich sehe aber die oft liebevoll hergerichtete Deko, die Kerzen, das wunderschön angerichtete Buffet. Kleinigkeiten, die die Atmosphäre erst gemütlich machen. Kleine Details bei der Verpackung von Geschenken… Das sind meine Blickpunkte.

Als ich früher in meiner großen Familie eine Feier veranstaltete und noch nichts von meinem Autismus wusste, stand ich oft tagelang vorher unter großem Stress. Immer wieder ging ich Details, Abläufe und Erledigungen durch. Es raubte mir die Nächte zuvor und Tage danach meine Energie. Eine Feier war immer Schwerstarbeit für mich. Ich konnte oft den Überblick nicht behalten und wurde hektisch oder gar aggressiv.

Die Technik ist eines der größten Desaster für mich in der heutigen Zeit. Ich habe schlichtweg überhaupt keinen Überblick mehr! Meide Technik woimmer es geht und bemerke, wie ich den Anschluss an die Welt da draußen verliere. Es beginnt am Bahnsteigautomat, also fahre ich keine Bahn. Ich gehe an keine elektronische Kasse und telefoniere niemals an einem öffentlichen Telefonding. Ich besitze auch kein Handy oder Smartphone, habe mir das telefonieren gänzlich abgewöhnt und bin nur daheim über Festnetz zu erreichen. Selbst dort habe ich keinen Anrufbeantworter an.

Am schlimmsten wurde es, als ich vor einigen Jahren den Überblick über mein Leben und meine Gesundheit verlor. Die Angst, die ich verspürte, war so groß, dass ich den Moment gekommen sah, etwas grundlegendes verändern zu müssen. Es war klar, dass ich den Rückschritt anstatt den Fortschritt wagen musste. Alles musste weniger und kleiner werden. Ich schaffte die großen Feiern ab, begann Partys und Veranstaltungen zu meiden, reduzierte meine Freunde und suchte mir einen Lebensraum in einer klitzekleinen Stadt in England in einem Nationalpark, in den ich in Kürze komplett hinziehen werde. Derzeit wohne ich noch in einer deutschen Kleinstadt, aber selbst die macht mir immer so zu schaffen, dass ich keine Märkte besuche oder einfach nur durch die City bummle. Weniger Menschen, weniger Reize und viel freundlichere Bedienungen sind mein Ziel. Ich liebe Städte, die nur eine kleine Straße als Zentrum haben. Dort kann ich alles überblicken und genießen. Ich liebe Geschäfte, die ihr Sortiment nicht ständig umräumen. Sobald sich meine Produkte nicht mehr am gewohnten Platz befinden, bricht in mir die Panik aus. Nur unter großem Stress muss ich mir alles neu zusammensuchen. Ich bekomme oft wochenlang keinen Überblick über das neue Sortiment. Es dauert sehr lange, bis ich alle Produkte und ihren Platz wieder auswendig gelernt habe.

Die Langsamkeit und die Überschaubarkeit sind nun meine Ziele im Leben geworden, die ich suche… und finde. Nur damit werde ich meinem Leben mit dem Asperger Syndrom gerecht!

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Das Phänomen Schlafstörung

Schwer auszuhalten, kann ich nur sagen.

Schon als Kind und Jugendliche hatte ich einen unregelmäßigen Schlaf. Als kleines Kind wurde ich oft von Albträumen geweckt und hatte regelrechte Fieberzustände, die aber kein Fieber waren. Als Schülerin lernte ich Schreiben und nutzte die Nachtzeit, um Geschichten zu verfassen. Zudem schrieb ich oft Tagebuch.
In dieser Zeit kam der mangelnde Schlaf tagsüber kaum zur Geltung. Es verging kaum eine Nacht, in der ich vor vier Uhr einschlief. Es machte mir einfach nichts aus. Es gab Zeiten, in denen schlief ich nur von vier bis sechs Uhr am Morgen. Danach war ich putzmunter und voller Energie und nahm es deswegen überhaupt nicht als eine Schlafstörung wahr. Meine Mutter war immer sehr besorgt und versuchte, einen Schlafrhythmus in mich hineinzubringen, doch sie schaffte es nicht. Und doch, wenn ich heute über diese Zeit nachdenke, fällt mir etwas auf, was ich gerade wieder erlebe. Es gab und gibt immer wieder Nächte, in denen ich tief und fest durchschlafe. Wie kann das sein und was löst diesen erholsamen Schlaf plötzlich aus? Nun kann man sagen: okay, irgendwann holt sich der Körper den Schlaf, den er braucht. Nein, nein, damit hatte es wenig zu tun. Es handelt sich bei mir um ein völlig anderes Phänomen, was ich gerade wieder erlebe! Ich versuche es zu schildern:

Sobald ich Menschen und Geräusche um mich habe, löst es bei mir eine Aufmerksamkeit aus. Aber nicht nur eine kleine, wie es bei NTs der Fall ist, nein, ich fahre direkt auf Hochtouren. Bei mir sind direkt alle Synapsen auf Empfang geschaltet und startbereit zum zünden! Auch die kleinsten Vorfälle, die von vielen ignoriert werden, landen bei mir in der Kammer der vollen Aufmerksamkeit. Mir fehlt der Filter für das Unwichtige. Bei mir ist alles wichtig. Je mehr Menschen und Geräusche ich um mich habe, je mehr Gas muss mein Hirn geben. Ich nehme alles wahr! Alles! Deswegen kann ich öffentliche Plätze oft kaum aushalten. Manchmal fährt mein Gehirn den ganzen Tag über im Vollgas, obwohl gar nichts Dramatisches oder Beunruhigendes passiert ist. Was ist das nur? Warum kann ich bei unwichtigen Dingen nicht einfach mal abschalten und mich erholen? Ich denke, das ist eines der ungelösten Geheimnisse des Autismus‘. In diesem Moment wird der Rückzug wichtig. Wenn ich keine Rückzugsmöglichkeit habe, kann ich den Motor im Gehirn nicht abschalten. Das kuriose ist gleichzeitig, dass mein Rückzug so aussieht, dass ich mich mit meinem Spezialthema intensiv in einem ruhigen Raum beschäftige. Werde ich dabei gestört, werde ich echt grantig! Menschen, die keinen Autismus haben, würden sagen: Aber dieses intensive Arbeiten mit dem Spezialthema ist doch viel anstrengender, als in einem Cafè zu sitzen und Kaffee zu trinken. Nicht bei mir! Bei mir ist es genau umgekehrt. Das zurückgezogene Arbeiten entspannt mich mehr als jede Freizeitbeschäftigung eines NTs.

Nun betrachte ich einmal meinen Tag:
Wenn ich tagsüber alleine bin und in Ruhe arbeiten kann, finde ich Nachts in einen guten Schlaf hinein. Ich stelle es mir so vor: In meinem Gehirn befindet sich Hirnwasser, dass sich zu drehen beginnt, sobald ich aktiv werde und Reize aufnehme. Je mehr Reize ich aufnehme, je schneller dreht sich das Hirnwasser. Es kommt also richtig in Fahrt.
Wenn ich nun den ganzen Tag von Menschen und Reizen umgeben bin, auch wenn der Tag noch so ruhig war, spüre ich eine enorme Drehzahl im Kopf. Es fühlt sich wie Hitze an. Und dann kommt die Nacht. Das Hirnwasser kann nicht so schnell stoppen, weil es zu stark auf Touren läuft. Die Gedanken, die sich darin durch die Reize tummeln, drehen sich also weiter und es dauert oft stundenlang, bis ich zur Ruhe komme. Besonders stark bemerke ich es nach abendlichen Veranstaltungen oder Partys, die ich nur mit großer Mühe durchstehe. Oder wenn ich den ganzen Tag hindurch mit Menschen zusammen sein muss.

Je älter ich werde, desto offensichtlicher zeigt sich dieses Phänomen. Als Jugendliche nahm ich es nicht wahr.

Die einzige Möglichkeit, einen erholsamen und langen Schlaf zu finden, ist also die Vermeidung von Reizen. Da ich keinen gut funktionierenden Filter dafür besitze, muss ich mir die reizfreie Umgebung schaffen, mitunter auch erzwingen, was nicht immer allen gefällt. Ich muss mich also auch von Menschen befreien, die ich im Grunde gerne um mich habe.
Das bringt mich oft in einen Konflikt. Ich sehne mich nach Kontakten und leide gleichzeitig unter ihnen. Das ist in einer Partnerschaft sehr schwer. Gemeinsamer Urlaub ist für mich zum Beispiel Höchstarbeit, weil ich den ganzen Tag mit meinem Partner verbringe und ihm Aufmerksamkeit schenke. Ebenso gemeinsame Ausflüge. Ganz zu schweigen von Wochenenden. Das ist richtig anstrengende Arbeit für mich!

Seit meine Kinder ausgezogen sind, geht es mir viel besser, obwohl meine Kinder keine Schuld tragen. Ich liebe sie sehr, aber ich bemerke auch, wie gut es gerade ihnen tut, ebenfalls von den Reizen, die ein Familienleben mit sich bringt, befreit zu sein. Nun arbeite ich an einer Balance zwischen meinem Ehepartner und mir. Es bedarf einer großen Ehrlichkeit und Toleranz, um einen Tagesablauf zu finden, der beiden guttut.

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Zusammenarbeit? Die perfekte Zahl wäre 4 ½!

Immer wieder versuche ich mit anderen zusammenzuarbeiten, doch es scheitert regelmäßig nach einer bestimmten Zeit. Es hat nichts damit zu tun, dass ich nicht mit diesen Menschen zusammenarbeiten möchte, im Gegenteil. Doch meine Vorstellung von Zusammenarbeit deckt sich oft nicht mit denen anderer. Und umgedreht. Das will ich näher beleuchten:

Ich bin sehr zuverlässig, pünktlich, genau, ehrgeizig und anspruchsvoll. Das allein reicht schon aus, um eine Zusammenarbeit mit anderen als gescheitert anzusehen, es sei denn, der andere ist genauso wie ich. Doch da jeder dieser Eigenschaften einer eigenen Interpretation unterliegt, werden auch die Grenzen unterschiedlich festgelegt und wahrgenommen. Nur selten treffe ich auf Menschen, die fast genauso ticken wie ich. Doch es dauert nicht lange, und ich finde die ersten Unterschiede.

Mein Wunsch mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten ist groß, doch eine Zusammenarbeit hat immer etwas mit Erwartungen zu tun. Da ich sehr perfektionistisch veranlagt bin, ist in mir eine Art von Egoismus vorhanden, der sich negativ auf eine Zusammenarbeit auswirkt. Ich arbeite nach dem Prinzip Alles oder Nichts. Doch nichts ist perfekt im Leben und fordert ständig Kompromisse ein. Ein schwer auszuhaltendes Gefühl für mich. Ich möchte es gerne an einem Beispiel festmachen, was vor sechs Jahren passierte:

Ich schrieb ein Buch und fand einen Verlag, der es verlegen wollte. Zunächst freute ich mich, dass der Verlag viel von meiner Arbeit abnehmen würde (Lektorat, Coverentwurf, Druck, Vertrieb…) In diesem Moment sagt jeder Mensch: „Na, dann sei doch dankbar und etwas nachsichtig, wenn alles nicht genauso läuft, wie du es dir vorstellst. Lass doch mal die Geister anderer entscheiden“. Und genau da scheiden die Geister.

Ich habe die Vorstellung von einem Produkt und wurde natürlich fündig, als ich mich auf Fehlersuche begab. Und tatsächlich, ich fand viele Schreibfehler, die nicht vom Lektorat beseitigt wurden und bat den Verlag, dieses zu korrigieren, da es mir das Gefühl gibt, ein schlechtes Produkt zu veröffentlichen. Das kann ich kaum aushalten. Man sagte mir die Beseitigung der Fehler zu, führte sie aber nicht durch. Daraufhin war ich irritiert. Sollte ich noch einmal nachhaken? Wie wirkt sich das auf unsere Zusammenarbeit aus? Wirke ich aufdringlich und nörgelnd? Ich wurde sehr unsicher und ließ es schließlich, weil in mir die Angst entstand, in eine Diskussion verwickelt zu werden oder Vorwürfe gemacht zu bekommen, denen ich spontan nicht gewachsen war. Ich dachte immer, dass es Feigheit von mir sei, doch heute weiß ich, dass es mein Problem mit der sozialen Interaktion ist. Mir fehlt oft die spontane angemessene Reaktion.
Das Buch wurde mir daraufhin fortan fremd und ich konnte mich nicht mehr damit identifizieren. Ein Produkt von mir läuft nur dann konform, wenn es nach meinem Ermessen fertiggestellt ist. Alles andere stoße ich ab.
Des weiteren kam es zu diversen Vertragspunkten, die nicht eingehalten wurden. Es betraf die Werbung und Lesungsveranstaltungen, um die sich der Verlag trotz meiner Bitten nicht kümmerte. Dazu sollte ich schreiben, wenn ein Autor unter Vertrag steht, dürfen Lesungen an bestimmten Orten (z.B. Buchhandlung) nur vom Verlag eingerichtet werden. Ebenso hat nur der Verlag das Recht auf gewisse Werbung, weil ich die Rechte abgegeben habe.
Ich hakte diesbezüglich ganz mutig nach. Der Verlag war genervt und zeigte keinerlei Interesse mehr, mit mir zusammen zu arbeiten. Das Buch wurde ein großer Misserfolg. Das führte dazu, dass ich begann, mich selbst um diese Arbeit zu kümmern und wurde Selfpublisher. Es funktionierte. Ich konnte die ersten Erfolge verbuchen und meinen Perfektionismus und Anspruch ausleben.
Dennoch…

Ich versuchte es vor kurzem erneut und es geschah fast genau das Gleiche wie beim ersten Mal.
Liegt das Scheitern jetzt an mir? Sehe ich die Vereinbarungen „zu eng“?
Es gibt einen Vertrag, eine Abmachung und klare Regeln und doch werden sie nicht eingehalten oder nur oberflächlich eingehalten. Ich frage mich, wozu man solche Verträge macht? Ich bekomme den Begriff „kleinkariert“ zu hören, dazu den Spruch „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“. Ich bin irritiert und weiß nicht mehr, wem oder was ich vertrauen soll und entschließe mich, alles wieder alleine zu machen. Das funktioniert.

So sieht eine typische Zusammenarbeit bei mir aus.

Das Schlimme an solchen Situationen ist, dass tatsächlich in der Öffentlichkeit ein Bild über Autisten entstehen kann, das vermittelt, dass man mit diesen Menschen nicht zusammen arbeiten kann. Sprüche wie „die lässt nicht mal eine fünf gerade sein und hat immer etwas auszusetzen“ hörte ich ständig in meiner Vergangenheit, dabei ist es nichts weiter als das Anstreben nach einer guten und möglichst fehlerfreien Arbeit. Sollte das nicht Ziel einer jeden Tätigkeit sein? Nein, nicht so im Leben von vielen NTs. Durch ihre Fähigkeit „die fünf gerade sein zu lassen“ gehen sie viel leichter durchs Leben. Ich wünschte, ich könnte das auch, aber ich kann es nicht.

Arbeitgeber sollten also wissen, dass viele Autisten sehr viel Wert auf „ordentliche“, ja nahezu perfekte Arbeit legen, also auch auf die Bereitschaft, dies anzustreben. Ich hege keinerlei Groll oder Absichten, meinen Arbeitgeber anzugreifen, zu schaden oder ihm das Leben schwer zu machen, sondern verfolge nur die Absicht des bestmöglichen Ergebnisses. Doch genau das ist das Problem, wenn ich mit anderen zusammenarbeite. Ich nerve sie einfach solange, bis sie keine Lust mehr haben, mit mir zu arbeiten, oder umgedreht und ich verliere die Lust an der Arbeit.

Ich weiß, dass mittlerweile immer mehr Stellen für Autisten eingerichtet werden, die genau solche Punkte berücksichtigen. Die Arbeitgeber stellen sich auf diese Menschen ein und arbeiten zum Teil mit Mediatoren (Vermittlern).
Doch die Frage bleibt: Wer ist jetzt unfähig sich auf wen einzustellen? Haben wir nicht alle die gleichen Probleme, nur umgedreht? Auch den Starrsinn? Ist letztendlich nicht die Zusammenarbeit eines Autisten mit einem NT die perfekte Zusammenarbeit? Der NT muss die fünf eben etwas ungerader sein lassen und der Autist eben etwas grader. Die perfekte Zahl wäre 4 ½!

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Vom Mobben und Scheitern – eine schmerzhafte Erinnerung

Ich bin schon von Kindesbeinen an ein Flüchtling.
Als Kind hat man keinen großen Radius zum flüchten, aber die angrenzenden Wäldern boten mit derzeit genug Möglichkeiten, allein zu sein.

In meiner frühen Jugend entwickelte ich den Drang, das Land zu verlassen und in die USA zu reisen. Dort ist es groß, weit, anders, frei und eine Form der Natur vorzufinden, die mich ansprach, z.B. die Rocky Mountains. Ich träumte von einer Trapperhütte und stundelangen Wanderungen neben „Dem Mann aus den Bergen“. Ich sah mich schreiben und lesen.

Nun, ich will die Geschichte etwas kürzen, weil ich bereits über mein immer präsentes Fernweh schrieb.

2007 passierte dann etwas, dass ich nie vergessen werde und das mich in ein großes, erstes und wirkliches Trauma warf.

Wir hatten es als Familie mit zwei Kindern endlich geschafft, von der kanadischen Botschaft das Okay zu erhalten in Calgary/Alberta arbeiten und leben zu dürfen, weil die Zentralstelle für internationale Arbeitsvermittlung (ZAV) dringend Elektriker in Calgary suchte und mein Mann eine Stelle erwarb, weil er gerade arbeitslos geworden war. Unser primäres Ziel, in den USA zu leben kam näher, denn wer sich 5 Jahre legal in Kanada aufhält, bekommt eine Genehmigung, danach in den USA leben zu dürfen. Yeah!, dachten wir und ich steckte all meine Energie in diese großartige Auswanderung. Endlich! Es gab nicht einen Tag, an dem ich zweifelte, das Richtige zu tun.
Um auch hier abzukürzen, will ich von einem Ereignis schreiben, das die ganze Auswanderung zerstörte und von dem ich derzeit nicht wusste, woher es kam:

Wir waren durch zwei Arbeitsstellen in Calgary wirtschaftlich sehr gut abgesichert. Ich fand eine Stelle bei „Control Inovation“, einer Handelsfirma, im Büro, wo ich Bestellungen und Lieferungen und die üblichen Assistenzarbeiten erledigen musste. Im Grunde eine Arbeit, die ich mit links schaffe. Dachte ich!
Ich wurde in ein Großraumbüro gesetzt und bekam von meiner Vorgesetzten das Programm und die ersten Arbeiten erklärt. Soweit, so gut, denn dazu konnten wir uns in einen Nebenraum zurückziehen. Alles klar!
Dann musste ich an meinen Arbeitsplatz mitten im Geschehen und konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ununterbrochen hörte ich meine Kollegen reden, lachen, diskutieren und zur Toilette oder Kaffeemaschine gehen. Derzeit wusste ich natürlich nicht, wo mein Problem liegt, aber es wurde schnell klar, dass ich zu langsam war, denn ich kontrollierte immer wieder meine Arbeit, weil ich Fehler fand. Zudem wurde ich von Kollegen ständig angesprochen und aus dem Konzept gebracht. Nun darf man nicht vergessen, dass noch eine zusätzliche Konzentration zur eigentlichen sozialen Interaktion hinzukam: die Sprache. Die kanadische Sprache hat viele „Eigenwörter“ und ich beherrschte nur die Basis-Sprache. Also hieß es doppelte Konzentration. Als Systemmensch legte ich mir eine Liste an und schrieb alle neuen Worte jeden Tag auf und versuchte sie abends nach der Arbeit zu lernen. Schon schnell bemerkte ich, dass ich mir nicht ein Wort merken konnte. Ich konnte plötzlich nicht mehr lernen!! Das war mir noch nie passiert.
Trotz allem Stress, den ich derzeit empfand, erhielt ich schnell Lob von meiner Vorgesetzten, dass ich zwar noch etwas langsam sei, dafür aber weitaus korrekter als meine Kollegen. Mir unterliefen so gut wie keine Fehler und auch die manuellen Kundenordner erhielten plötzlich eine Ordnung, die man nicht kannte. Und genau damit begann der Schlamassel!

Es begann damit, dass eine Kollegin mich ständig nach Büroartikel fragte, mit denen ich ihr aushelfen sollte: Büroklammern, Heftklammer, Locher… Das tat ich natürlich gerne, weil ich es als ein soziales Miteinander hielt. Ich erkannte nicht die Schikane und die Hinterlist dahinter, mit der diese Frau gegen mich vorzugehen schien. Doch als sie begann meine Pinwand, die ich vor mir aufgebaut hatte und die mit Infos für Kunden vollgeheftet war, zu verändern, mir also die Zettel während meiner Abwesenheit entfernte und sie auf meinen Schreibtisch legte, weil sie mal wieder Heftzwecken brauchte, zog sich die Sache hoch. Zunächst reagierte ich gelassen, indem ich ihr schlussendlich all meine Sachen schenkte und sagte, ich bestelle mir dann eben alles bei „Staples“ neu, denn ich hatte die Verwaltung über den Einkauf von Büroartikeln. Das muss meine Kollegin verärgert haben und sie wurde nachdrücklicher.

Eines Mittags ging ich in den Pausenraum und als ich wiederkam, war mein Locher verschwunden. Wie suchten überall und diese Kollegin zog weitere Kollegen voller Sorge hinzu. Sie sagte, bei ihr seien auch Artikel verschwunden und plötzlich griff sie in meine Tasche, die seitlich am Schreibtisch stand und holte all die vermissten Artikel heraus.

Ich erlitt einen starken Overload und fühlte ein starkes Knacken im Kopf. Zunächst dachte ich, es sei ein Schlaganfall, doch ich hatte keinerlei Anzeichen diesbezüglich. Dass man mich als Diebin zu bezichtigen versuchte, brachte mich nicht nur eine Situation, die ich nicht bewältigen konnte, sondern löste einen Overload nach dem anderen in mir aus.
Viele Kollegen trösten mich, ich solle mich nicht ärgern lassen, weil sie mir vertrauten und das nur ein blöder typischer Scherz dieser Frau gewesen sei, doch es änderte nichts mehr. Ich bin solchen Scherzen nicht gewachsen und war ab diesem Moment im Netz von Overloads gefangen, entwickelte eine Kontrollsucht und notierte mir jeden Abend den Bestand meiner Büroartikel, um festzustellen, ob ich wieder bestohlen worden war. Der Stress, der in mir entstand, war derart groß, dass ich die Kontrolle über meine Diabetes (Typ 1 mit Insulin) verlor und an starken Unterzuckerungen litt. Ich verlor fast 20 Kilo Gewicht, weil ich nichts mehr zu mir nehmen konnte. Der Clou war, als diese Kollegin sich in mein Programm häckte und eine Bestellung manipulierte. Das war der Tag, an dem ich zusammenbrach. Natürlich erfuhr ich keinerlei Schuld, aber ich konnte der Situation nicht mehr standhalten. Ich kündigte nach acht nur Wochen und begann daheim an Wein- Angst- und Panikattacken zu leiden. Ich isolierte mich im Haus, konnte keinen Wagen mehr fahren und das Haus nicht mehr verlassen. Die Depression wurde so stark, dass ich beschloss, nach fünf Monaten wieder zurück nach Deutschland zu reisen. Wir brachen mit der ganzen Familie die Auswanderung ab.

Heute weiß ich woran es gelegen hat. Heute weiß ich, worin das Problem bestand. Doch damals litt ich an der zusätzlichen Angst, geisteskrank zu werden. Ich sah nur noch eine Rettung: die Flucht. Zurück in die alte Umgebung und in die alten Gewohnheiten. Die Rückwanderung hat in uns allen ein Trauma ausgelöst. Wir kann man nach solch einem banalen Vorfall direkt ein so großes Projekt abbrechen? Ich hätte nur die Stelle wechseln müssen. Aber nein, ich konnte nicht mehr arbeiten gehen, weil mich die Psychoattacken derart gefangen hielten, dass sich sogar Knoten an der Schilddrüse bildeten. Man wollte mich in Calgary sogar in eine geschlossene Psychiatrie einweisen und mit Psychopharmaka versorgen. Das war der Moment, als ich abbrechen musste, denn ich spürte, dass dies alles falsch war! Schon damals spürte ich innerlich immer wieder, dass mit mir irgendetwas mit der Wahrnehmung nicht stimmte.

Heute weiß ich Bescheid. Ich konnte es damals in Calgary nicht schaffen, weil ich mich selbst nicht verstand. Das wiederum löste eine große Angst gegen mich selbst aus und verschlimmerte der Zustand sehr stark.

Der Fluchtgedanke ist geblieben. Ich depersonifiziere mich immer noch gerne, wenn alles zu viel wird. Seit drei Jahren flüchte ich regelmäßig nach England an die Küste. Dort schreibe und lese ich. Doch diesmal ist es anders, diesmal weiß ich, warum ich das brauche und was ich auf keinen Fall mehr zulassen kann … und das gibt mir ein gutes Gefühl!

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Inselbegabt oder Fachidiot?

Oh, wie mich der Begriff „Fachidiot“ ärgert!

Schublade auf, Begriff rein, Schublade zu.
Zerlegen wir beide Begriffe des Beitrags in positiv und negativ.

Positiv:

Ich erzähle einmal von einem Menschen, den ich kennengelernt habe. Er ist inselbegabt. Das hat man schon während seiner Grundschulzeit bemerkt. Er hat sich früh für Mathematik interessiert und viel mit Lego-Technik gebaut und konstruiert.
Mathematisch hochbegabt. Fotografisches Gedächtnis in Bezug auf Formeln und Codierung. Blitzschnelle Erfassung von Bau- und Konstruktionsplänen. Fast jeder technischen Herausforderung gewachsen, neugierig, wissensdurstig, perfektionistisch und … sehr sozial! Introvertiert, überpünktlich, immer hilfsbereit, immer zur Stelle, immer lächelnd, immer verlässlich, sich selbst organisierend, nie fordernd, kann nicht nein sagen, kann sich nicht schützen, schluckt Schelten, Vorwürfe und Ungerechtigkeiten. Ein junger Mann auf dem Weg ins Leben. Er befindet sich unter Umständen auf dem Weg in die Stigmatisierung.

Warum?

Weil er mit dieser „Inselbegabung“ als Asperger eine große Last trägt. Er hat überdurchschnittliche Fähigkeiten zu bieten und ist manipulativen Menschen und machtgierigen Firmen schutzlos ausgeliefert, die ihn problemlos benutzen und ausnutzen können, wenn er keine Hilfe bekommt. Würde er nicht unter dem Asperger Syndrom leiden, befände er sich auf dem Weg zum Millionär, nicht wahr? Aber diesen Weg wird er nie beschreiten, weil er kein Millionärsleben anstrebt, sondern einfach nur in Ruhe seiner Arbeit als IT-Spezialist nachkommen möchte. Für ihn ist es Lohn und Brot zugleich, wieder einmal seine eigenen Erwartungen erfüllen zu können. Und die sind wahrlich hoch genug! Der Asperger trägt den Perfektionismus als eigenen Feind im Kopf mit sich herum.

Der besagte junge Mann hat jedoch einen schlauen Weg gewählt: Er hat eine kleine überschaubare Agentur ausgewählt, um seine Fähigkeiten einzubringen. Er hat wenige Kollegen, mit denen er sich verständigen muss und fühlt sich in der überschaubaren Arbeitsatmosphäre sehr wohl. Sein Lohn ist bei weitem nicht so hoch wie bei einer großen Agentur. Dafür ist die Konkurrenz innerhalb des Betriebs geringer. Doch mittlerweile profitiert die Agentur so stark von seinen Fähigkeiten, dass sie zu expandieren beginnt. Der junge Mann hat auch dafür einen Ausweg gefunden: er hat sich ein Homeoffice eingerichtet, um sich dem immer größer werdenden Team nicht täglich aussetzen zu müssen. Das behindert seine Arbeit enorm, weil er immer mehr Geräusche und Bewegungen um sich aushalten muss. Er wird öfters angesprochen und aus seiner Konzentration gerissen. Das kann er nur unter großem Stress aushalten und schürt seine Angst, Fehler zu machen, was zu nahezu unerträglichem Stress führt.

Nun gehe ich einmal in den Negativbegriff eines Inselbegabten, der sich „Fachidiot“ nennt. Ein Fachidiot ist nur in einem bestimmten Bereich sehr gut, dafür in vielen anderen Bereichen eben ein „Idiot“! Dieses Vorurteil ist weit verbreitet. Mir kam dieser Spruch öfters zu Ohren. Definieren wir „andere Bereiche“. Das sind alle Bereiche außerhalb seiner Fähigkeiten. Sie sind oft durchschnittlich bis schlecht ausgebildet. Was stellt man sich darunter vor?

  • Er kann vielleicht nicht einmal seine Kleidung morgens alleine raussuchen.
  • Er kann seine Wohnung nicht in Ordnung halten
  • Er kann seine Papiere nicht ordentlich führen
  • Er kann sich kein vernünftiges Essen zubereiten
  • Er kann der körperlichen Hygiene nicht ausreichend nachkommen
  • Er kann, er kann, er kann … nichts! Außer einer einzigen Sache – eben ein Fachidiot!

Alles falsch!!

Ein Inselbegabter ist kein „Fachidiot“, wie ihn viele NTs gerne betiteln, er ist in sämtlichen Bereichen genauso fähig, sein Leben zu organisieren wie andere. Er zeigt aber auch in manchen Bereichen Schwächen genau wie andere. Die werden jedoch im Zusammenhang mit seiner Begabung gerne abgewogen, um ihn abzuwerten. Aber er besitzt eine Hochbegabung in einem Bereich. Das macht ihn besonders. Darum wird er in der Gesellschaft von vielen beneidet und Eltern mit hochbegabten Kindern, die sich kümmern, erfahren schnell Isolation oder Mobbing. Sie werden sarkastisch als „die wollen wohl was Besseres sein“ betrachtet. Dabei ist es gerade für diese Eltern und Kinder eine große Bürde, mit der Hochbegabung in der Schule und im Leben klarzukommen. Hochbegabte angemessen zu fördern ist sehr, sehr anstrengend und erfordert viel Zeit, Zuwendung und Engagement. So manche Eltern wünschen sich, „normale“ Kinder, um all diese zusätzlichen Forderungen nicht mehr machen zu müssen.

Ich habe vor 20 Jahren als Erzieherin in meiner Kleinkindergruppe einige hochbegabte Kinder entdeckt und die Eltern darauf hingewiesen, wo und wie sie Hilfe bekommen. Damals konnte ich nicht beurteilen, ob es Asperger-Kinder waren, weil ich dieses Syndrom nicht kannte, aber sie waren auffällig. Für mich angenehm auffällig, weil sie eine Neugier und Wachsamkeit im Leben zeigten, die ich sehr mag. Nur die wenigsten Eltern ließen sich auf Hilfe ein, weil sie keine „Fachidioten“ haben wollten. Das bedeutete für viele Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Es gab spezielle Gruppen für Eltern mit hochbegabten Kindern damals in meiner Stadt, die nicht gut besucht waren. Man wollte doch nicht protzen! Also schämte man sich, hielt das Kind zurück, bremste es aus und ließ es in seiner Not, unterfordert zu sein, allein.
Unterforderung kann starke Auffälligkeiten hervorbringen. Nicht selten zeigt es sich durch starkes Desinteresse in der Schule. Dadurch kommt das Kind schnell in den Ruf eines „Dummkopfes“. Es wird herabgestuft und das Desinteresse verstärkt sich. Das Kind kann depressiv werden und schlimmstenfalls Todessehnsüchte entwickeln. Es kann das Kind ebenso aggressiv machen ohne offensichtlichen Grund natürlich, ganz zu schweigen von sozialer Isolation und Flucht in Traumwelten. Man will keine Schuld, also schiebt man alles auf das Kind. Es wäre eben ein Problemkind. Dabei steht vor den Eltern vielleicht der nächste Wissenschaftler für einen Nobelpreis und er würde durch seine Begabung Millionen von Menschen das Leben retten.

Wenn ich heute in meiner Stadt einige dieser „vernachlässigten“ Kinder als Erwachsene treffe, erzählen sie oft vom Scheitern im Beruf, Depressionen, Haut- und Nervenkrankheiten, Psychiatrien und sogar Suizidversuchen. Ich weiß nie, wie ich ihnen begegnen soll. Macht es noch Sinn, nach den Eltern zu fragen, was sie für dieses Kind getan haben? Ich erinnere mich an diese Menschen, soweit es mir möglich ist, an ihre früheren Begabungen, und was aus ihnen geworden ist. Dabei hoffe ich insgeheim, dass diese Erinnerung als Anstoß gesehen wird, sich wieder aktiv damit zu beschäftigen. Das scheint mir der einzige Weg aus der Belastung heraus.
Ist es nicht so, dass man einen Menschen genau dadurch zu einem „Fachidioten“ macht, wenn man seine Begabungen „nicht“ erkennt und fördert?

Wenn Eltern wegschauen und Kinder nicht die Hilfe bekommen, die angemessen ist, dann werden ihre Kinder sehr unglücklich und krank. Daran sollte man immer denken, wenn ein Kind in irgendeine Richtung ein auffällig starkes Interesse entwickelt, was sich von den Interessen anderer abgrenzt. Also: Augen auf! Es gibt überall Hilfe zu finden, man muss sie nur in Anspruch nehmen.

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Arbeitsstellen im Vier-Jahres-Rhythmus

Hahaha … jetzt muss ich direkt lachen, denn bei Arbeitsstellen denke ich immer direkt an eine Sache, die keiner wirklich glaubt, die sich aber genauso zugetragen hat.

Ich bügle für mein Leben gern. Wirklich! Habe ich schon als Kind getan, wenn meine Mutter arbeiten war. Ich bügelte mit großer Freude die Hemden meines Vaters für die Arbeit.

Nun kam eine Zeit, in der meine Kinder größer wurden, meine Aufmerksamkeit nicht mehr so sehr beansprucht wurde und mein Mann sich gerade mit einem Betrieb selbstständig machte. Ich übernahm daheim die Stellung am Telefon mit diversen Bürotätigkeiten. Doch das füllte meine Zeit nicht genug aus und es gibt nichts Schlimmeres für mich als Langeweile. Also dachte ich, ich könnte doch ein bisschen für andere Familien zwischendurch bügeln und gab eine kleine Anzeige in der Zeitung auf. Und tatsächlich meldeten sich vier Haushalte, die mir ihre gereinigte Wäsche zum Bügeln vorbeibrachten. Ich meldete die Tätigkeit beim Finanzamt an und legte los.
Es dauerte nicht lange, als sich mein Bügelservice herumsprach, und bald hatte ich acht Haushalte, dann zwölf und zum Schluss achtzehn! Jeden Tag wurde Wäsche vorbeigebracht und ich hatte meine eigene Arbeitsstelle zu Hause eingerichtet! Mir machte es höllisch Spaß, weil ich die Zeit selbst einteilen konnte und unsere Urlaubskasse damit füllte. Wir wollten wieder mal in die USA reisen. Die Arbeit war perfekt für mich, denn ich wurde von niemanden gestört, hörte derweil meine Lieblingsmusik, konnte auch oft draußen im Garten arbeiten und hatte durchweg freundlichen und dankbaren Kundenkontakt. Perfekt.

Da ich oft meine Grenzen überschätze, meldet sich häufig mein Körper. Nach vier Jahren bekam ich an beiden Händen das Karpaltunnel-Syndrom. Der Nerventunnel im Handgelenk verengte sich durch das ständige Abknicken des Gelenks und meine Hände schliefen in der Nacht immer häufiger ein. Als der Zustand unerträglich wurde, ließ ich beide Handgelenke operieren und musste das Bügeln für andere beenden.
Diese Situation war ganz typisch für mich. Wenn ich etwas mache, dann ufert es aus.
Zudem habe ich festgestellt, dass ich einen Vier-Jahres-Rhythmus im Wechsel von Arbeitsstellen habe. Das scheint eine Zeitgrenze zu sein, in der ich zusammenbreche oder eine neue Herausforderung brauche.

Ich habe den Beruf der Erzieherin gelernt, aber nach meiner Ausbildung keine freie Stelle gefunden. Also begann ich in einer Transformatorenfirma an einer Wickelmaschine zu arbeiten. Dort perfektionierte ich meine Arbeit dermaßen, dass man mich zur Vorarbeiterin der Abteilung machen wollte. Doch dann bekam die Abteilung eine Mitarbeiterin, die einige Kolleginnen zu mobben begann. Damit kann ich gar nicht umgehen und lehnte den angebotenen Posten ab. Wenn ich etwas nicht mag, dann sind es Ungerechtigkeit, Lügerei und verschleiertes Handeln. Zum Glück wurde ich in dieser Zeit mit meinem ersten Sohn schwanger und konnte die Firma nach vier Jahren verlassen. Ich hätte die Position als Vorarbeiterin niemals ausfüllen können, da mir die soziale Kompetenz im Umgang mit solchen Menschen fehlt. Ich hätte kündigen müssen.

Als mein erster Sohn anderthalb Jahre alt war, übernahm ich als Erzieherin die erste Kleinkindergruppe über das Bildungswerk Mettmann in unserer Stadt und leitete dort vier Jahre lang Eltern-Kind-Gruppen mit großem Erfolg. Danach arbeitete ich freiberuflich als Erzieherin und bot eine Kleinkindergruppe ohne Eltern an, die ein richtiger Renner in unserer Stadt wurde. Kreative und musikalische Förderung standen auf dem Programm, ebenso Förderung von Begabungen und Hochbegabungen. Auch diese Gruppe leitete ich genau vier Jahre lang.
In dieser Zeit begann ich mit dem Bücherschreiben und eröffnete einen Verlag und später eine Literaturgruppe. Auch das dauerte vier Jahre. Danach bügelte ich vier Jahre und arbeitete knapp vier Jahre für eine ambulante Sozialstation im Bereich der Demenzbetreuung.

Immer wieder zeigt sich dieser Vier-Jahres-Rhythmus. In dieser Zeit arbeite ich nahezu perfektionistisch und erziele immer großen Erfolge. Dann beginne ich mich zu langweilen oder breche körperlich zusammen.

Jetzt schreibe ich seit vier Jahren Bücher als freiberufliche Autorin. Ich hoffe, dass dies mein letzter Beruf bleibt, denn er fühlt sich richtig gut für mich an … ich kann meine Zeit wieder frei einteilen, habe niemanden um mich und brauche mich nach niemanden richten. Ein Hochgenuss für meine Gefühle!

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