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Echte Liebe

Woran mache ich als Aspergerin eigentlich echte Liebe fest?
Wie spüre ich sie und wie zeige ich sie?

Das sind häufig gestellte Fragen von NTs, damit sie sich überhaupt ein Bild davon machen können, wie ein Partner mit Asperger Syndrom seine Zuneigung und Liebe zeigt.

Zu meinen Blogs werden immer wieder Kommentare geschrieben, in denen NTs fast verzweifelt um die Liebe eines Asperger Betroffenen kämpfen.
Bei der Liebe stoßen tatsächlich zwei Welten aufeinander und ich möchte in diesem Blog gerne meine Sicht der Dinge darstellen.

Bei mir hat es nie die „Liebe auf den ersten Blick“ gegeben. Es war der „zweite Blick“, der entscheidend war. Ich habe meinen Lebenspartner nach anderen Kriterien gewählt, als es sicherlich üblich sein sollte. Natürlich gehörte bei mir Sympathie und Zuneigung bei der Auswahl dazu, auch das äußerliche Erscheinungsbild. Doch als dieses Dinge stimmten, ging ich in die Analyse, ob dieser Partner überhaupt meine Erwartungen erfüllen kann und somit eine Partnerschaft auf Dauer erfüllt.
Dazu sollte man wissen, dass ich ein Mensch bin, der nur einmal einen Partner fürs Leben wählt. Meine Treue ist allumfassend und tief, wenn ich mich einmal entschieden habe. Das schließt nicht aus, dass es eines Tages zur Trennung kommen kann, wenn etwas Erhebliches zwischen uns schiefläuft oder der Partner diese Bindung lösen möchte.
Doch zunächst gilt: Ich wähle nur einen Menschen im Leben und damit ist es gut.

Um diese Wahl so perfekt wie möglich zu machen, verließ ich mich nicht auf oberflächliche Eindrücke, die mich zunächst sicherlich emotional binden, nein, ich lotete den Menschen aus, wollte alles über seine Musikrichtung, Lebenseinstellung, Kinderwunsch und soziale Einstellung wissen. Sollten bei dieser Analyse schon Defizite zu meinen auftauchen, war für mich die Partnerschaft auf Dauer zum Scheitern verurteilt und ich hätte die Finger von diesem Menschen gelassen.

Für mich besteht die Liebe mehr aus pragmatischen als emotionalen Dingen, was nicht bedeutet, dass ich keine Emotionen habe. Doch in Sachen Liebe laufen meine Gefühle eher an der Oberfläche, was bedeutet, ich muss sie nicht ständig mit Worten bekunden. Die sogenannte „Liebe“, wie sie im Allgemeinen bekannt ist, existiert nicht in mir. Ich setze die Bausteine dafür aus anderen Dingen zusammen, als der Mensch ohne Autismus. Für mich ist nicht das Bauchgefühl entscheidend, sondern das Vertrauen, der Respekt und die Treue. Da ich kaum Instinkt oder eine Intuition in mir anderen gegenüber verspüre, ist dies die einzige Art, mit der ich eine Partnerschaftswahl treffen kann. Wenn mein Bauch auf einen Menschen reagiert, verbirgt sich dahinter meist nur ein ganz kurzes Gefühl, was sich sehr schnell wieder verliert, wenn ich diesen Menschen analytisch auslote.

Was spüre ich also, wenn es um die wahre Liebe geht?
Ich teile dem Menschen mit, dass ich ihn auf „meine mögliche“ Art und Weise liebe. Ich bekunde meine Liebe nicht jeden Tag neu oder muss sie beweisen. Wenn ich es einmal mitgeteilt habe, ist die Sache für mich klar. Es ist wie eine Mahlzeit, die ich zu mir genommen und gut verdaut habe. Sie bleibt im Leib und tut mir gut. Punkt. Aber meine Liebe ist tief und unfassbar stark, was ich dem NT nicht mitteilen kann. Nicht so, wie ich sie in mir spüre.

Ich spüre die wahre Liebe in so vielen anderen Dingen als Worten und Geschenken. Wenn der Partner neben mir schweigend auf einer Bank sitzt und ich mich gut dabei fühle. Wenn mein Gefühl grundsätzlich angenehm ist, wenn er in meiner Nähe ist. Das beruhigt mein Herz enorm und lässt mich tiefe Zuneigung spüren. Ich muss das nicht nach außen zeigen, indem ich Küsschen gebe oder immerzu verliebt Händchen halte. Ich mag auch keine Geschenke, die dies bekunden sollen. Meine Liebe ist einfach da, wenn wir im Sommer abends draußen sitzen und schweigend in die Stille der Nacht lauschen. Ich könnte viele Momente aufzählen, bei denen ich Liebe spüre, aber nicht „zeige“. Zeigen bedeutet für NTs, es ständig mit Worten und Gesten zu bekunden.

Eines sollte der Partner jedoch von vornherein wissen. Ich brauche in meinem Leben viele Rückzugsmöglichkeiten, weil ich durch meine Anderswahrnehmung und Andersverdrahtung des Gehirns viel mehr von Umwelteindrücken gefordert werde, als Menschen ohne Autismus. Mein Motor läuft täglich nicht auf 100%, sondern 200%. Ich brauche Ruhezeiten, das Alleinsein und den Rückzug, um mich zu erholen. An diesem Punkt wird es für NTs schwer, weil sie oft glauben, dass dies ein Zeichen ist, an dem die Liebe endet. Irrtum! Sie wächst in dem Moment, in dem mein Partner mir genau das genehmigt.
In mir sind autistische Eigenschaften, die ich nicht ändern kann. Ich gehe soweit Kompromisse ein, wie es mir möglich ist, aber meine Grenzen sind andere als die der NTs. Sollten diese Grenzen überschritten werden, weil der Partner mehr verlangt, stoße ich an das Gefühl der Abneigung. Es wird gefährlich! Stoße ich mehrmals oder immerzu an diese Grenzen, beginnt das Vertrauen zu leiden und ich begebe mich in den emotionalen Rückzug. Das bedeutet, mein Verlangen nach Auszeiten vom Partner wächst. Daran erkennt er, dass er mich überfordert. Je mehr er meine Nähe fordert oder meine Eigenschaften verändern will, desto stärker wird die Abneigung.

Grundsätzlich: Wenn ich als autistischer Mensch einmal meine Liebe mitgeteilt habe, dann kann sie als lebenslang verstanden werden. Und es wird lebenslang, wenn man mich mit meinen Eigenschaften leben lässt. Ich gebe immer alles was ich kann, mache Eingeständnisse, soweit sie mir möglich sind, und lebe mit Kompromissen, die mir nicht schaden. Ich teile dem Partner mit, wenn ich nicht mehr kann, aber ich teile es nur einmal oder zweimal mit und nicht andauernd. Nimmt er meine Mitteilung nicht wahr, verändert sich meine Analyse ihm gegenüber und ich lasse von ihm los. Ganz. Danach gibt es kein zurück. Meine Entscheidungen sind hart und unwiderruflich, weil ich keine Sinn in einer Wiederholung sehe. Ich betrachte immer wiederkehrende Auseinandersetzungen als nicht lösbare oder nicht veränderbare Zustände.

NTS brauchen von Asperger-Partnern grundsätzlich keine Angst haben, wenn sie ihnen gut zuhören und das respektieren, was sie mitteilen. Wird der Asperger jedoch ständig über das, was er gibt, hinaus gefordert, bzw. soll ständig Kompromisse machen, die er einfach nicht machen kann, ermüdet er von der Partnerschaft.

Ich für meinen Teil wiederhole mich nicht gerne. Ich kann mich nur nicht in dem Maße einer Partnerschaft anpassen, wie es NTs vielleicht können, weil es mir durch die Andersverdrahtung des Gehirns nicht möglich ist. Gerade die steuert die soziale Interaktion.
Kleiner Tipp zum Schluss an NTs:
Wenn wieder einmal ein Situation entsteht, mit der Ihr nicht klarkommt, dann fragt nach. Gebt dem Asperger Partner Zeit, darauf zu reagieren und hört dann gut zu, was er sagt. Er wird klar und deutlich seine Grenzen mitteilen. Die kann er nicht überschreiten. Es ist wie eine Sehschwäche, die er nicht selbst korrigieren kann. Bitte verlangt nichts Unmögliches von einem Menschen mit Autismus. Sie werden es euch danken!
(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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Liebe atmen, Liebe schenken

Liebe ist für mich ein Gefühl, das mir Tränen in die Augen treibt. Ich spüre sie tief aus meinem Herzen aufsteigen, wenn mir etwas sehr gefällt. Mit dieser Liebe verbinde ich eine große Dankbarkeit. Alles was ich liebe, pflege ich mit großem Dank.

Die kleinsten Dinge können in mir Liebe auslösen: die Flamme einer Kerze, eine nette Karte, das Knistern eines brennenden Ofens, ein schönes Buch, der Blick auf eine wunderschöne Landschaft oder der Sonnenaufgang am Morgen bei einer Tasse Tee. Es kann ein Tier auf einer Lichtung sein oder das Rauschen des Meeres.
Ich bin demzufolge schnell und einfach glücklich zu machen. Wer dies erkennt, wird meine Liebe schnell spüren.

Doch ich trenne Liebe. Es gibt für mich die Liebe zu Menschen und Tieren und die Liebe zu allem, was die Natur mir bietet.

Meine Liebe zu Menschen und Tieren:
Ich habe viel über die Liebe gelesen und festgestellt, dass viele Menschen sie auf Personen oder Tiere reduzieren. Für mich wird dadurch nur ein kleiner Teil meiner Liebeswahrnehmung bedient. Ich könnte auch sagen, ich fühle mich nicht auf einen Bereich der Liebe fixiert. Sie ist für mich allumfassend.
Wie ich bereits in einem älteren Beitrag schrieb, verbinde ich Liebe zu Menschen mit dem Gefühl der Annehmlichkeit oder Zuneigung. Der andere muss sich gut in meiner Nähe anfühlen. Ich muss in ihm ruhen können und mich sicher fühlen. Menschen, die meine Energie unablässig aufsaugen, kann ich dieses Gefühl nicht schenken. Für mich bedeutet eine glückliche Partnerschaft oder Freundschaft ein Geben und Nehmen im Gleichgewicht. Fordert ein Partner oder Freund ständig mehr ein und ich erfahre keine Gegenenergie, erschöpft mich dieser Zustand auf Dauer so sehr, dass ich mich zurückziehe. Ändert sich der Zustand nicht, geht es in Ablehnung über bis hin zur Abneigung.

Ich mag inspirierende Menschen. Das sind Menschen, die gerne unabhängig leben, über ihre eigene Energiequelle verfügen und nicht die Energie anderer Menschen zum Leben benötigen. Bei ihnen fühle mich sicher, meine Kraft für mich behalten zu können. Ich beobachte gerne, wie sie ihr eigenes Glück leben und sich nicht in die Abhängigkeit vom Glück anderer begeben. Sie stehen stabil im Leben und klammern nicht. Klammern ist für mich ein unerträglicher Zustand und kann nie meine Liebe erreichen.

Eine normale Partnerschaft sieht vor, eine Art Abhängigkeit voneinander zu pflegen. So erlebe ich es zumindest bei Freunden und in der Familie. Das schreckt mich ab. Abhängigkeit fühlt sich für mich schlimm an. Für mich bedeutet Partnerschaft einen Menschen an meiner Seite zu haben, der in sich selbst ruht, für den ich keine Verantwortung tragen muss und auf den ich mich immer verlassen kann. In diesem Fall ist derjenige meiner Liebe sicher. Umgekehrt genauso. Ich kann sehr gut in mir selbst ruhen, möchte nicht dass mein Partner für mich Verantwortung tragen muss und bin treu und zuverlässig. Doch ich muss es nicht immer durch Gesten, Worte oder Geschenke zeigen. Es ist ein Mechanismus, der sich von alleine in Gang hält. Gerät dieser Mechanismus auf Dauer ins Ungleichgewicht, löst sich mein Gefühl für den anderen auf.
Tiere sind erstaunlicherweise in der Lage, ein Leben lang mit ihren Besitzern in diesem Gleichgewicht zu bleiben. Vielleicht weil sie keine Eigensucht oder Besitzsucht verspüren. Ich liebe Tiere.

Meine Liebe zur Natur:
Dies ist die zweite Form von Liebe, die ich verspüre, und sie ist enorm und vollendet das allumfassende Gefühl meiner Liebe. Die Natur inspiriert mich in einer Form der Größe, die ich nicht selten mit Tränen in den Augen aufnehme. Ich weine mehr vor Glück als vor Kummer in meinem Leben. Ich weine fast nie in Gegenwart von Menschen. Weinen ist ein Ausdruck meiner privaten Gefühle, die ich mit niemandem teilen möchte.
In der Natur teile ich diese Gefühle, weil sie mich nicht auffordert, mich zu erklären. Sie gibt ohne zu nehmen. Ich schenke ihr dafür meine Aufmerksamkeit und nach bestem Wissen meinen Schutz und Respekt. Ich kann mich jederzeit auf sie verlassen und bekomme Geschenke in Form einer Größe des Daseins, die mich oft überwältigt. Naturgeräusche lösen in mir ein großartiges Lebensgefühl aus. Ich wäre nie in der Lage, in einer großen Stadt zu leben.

Je älter ich werde, desto mehr verspüre ich das Gefühl, tief in der Wildnis verschwinden zu wollen. Viele Menschen suchen im Alter die Nähe von sicherer Infrastruktur (Ärzte, Geschäfte, Familie). Ich funktioniere umgekehrt. Ich suche nicht die Abhängigkeit von der Zivilisation, sondern die Unabhängigkeit in der Natur. Das begründet sich darauf: Je bequemer man im Alter lebt, als desto unglücklicher empfindet man sein Leben. Sieht man sich jedoch herausgefordert, mehr denn je im Leben zu bewältigen, indem man zum Beispiel sehr naturnah lebt und vieles im Alltag selbst vollbringt, kann dies ein großes Glück bis zum Lebensende bedeuten. Es hält Körper und Herz gesund. Ich möchte gerne mit 80 Jahren auf meiner Bank vor dem Haus sitzen und auf einen Garten blicken, den ich selbst instand halte.

Man kann „an meiner Seite“ leben, aber nur schwer „mit mir“. Ich atme Liebe in der Natur und schenke sie allem und jedem, der sie annimmt. Doch wer mich versteht und mich so anzunehmen weiß, wie ich bin, der kann auch durchaus „mit mir“ leben.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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Wichtige Fragen eines NTs an Menschen mit autistischem Spektrum

Vielen Dank für die Gedanken und Fragen eines sehr netten Kommunikationspartners zu einem Blog in WordPress! Ich lese immer mit großem Interesse seine Kommentare. Zu meinem Beitrag „Widerstand und Sehnsucht zugleich oder ,das offene Fenster‘ “, hatten mich einige der mit Abstand wichtigsten Fragen erreicht, die ein NT an Autisten stellen kann. Danke dafür! Ich möchte sie hier in Form eines neuen Beitrages beantworten, so dass auch andere Interessierte vielleicht davon profitieren können.

Ich kann nur für mich sprechen, weil der Autismus so vielseitig ist, wie das Verhalten der NTs. Für mich ist die schriftliche Mitteilung eine begnadete Art, das sagen zu können, was ich möchte. Papier ist geduldig, und das ist genau das, was ich brauche. Ich benötige Geduld, also Zeit, um mich mitzuteilen. Das ist mir bei direkten persönlichen Gesprächen leider nicht möglich, weil meine Gedanken bei der sozialen Interaktion viele Umwege gehen müssen, um zum Ziel zu gelangen. Das verhindert spontanes richtiges Reagieren. Anhand des Beispiels mit dem Essen und dem Übergewicht im vorhergehenden Beitrag möchte ich deutlich machen, dass es für mich erheblich leichter gewesen wäre, wenn ich mehr Zeit für eine Antwort gehabt hätte. Dann hätte ich ihr mit viel einfühlsameren Worten erklären können, dass sie nicht persönlich damit gemeint war, sondern meine Bemerkung nur eine allgemeine, wissenschaftlich fundierte Feststellung wiedergeben sollte. Ich hätte mich direkt bei ihr höflich entschuldigt und damit einen harmonischen Fortgang des Gesprächs erreicht. Aber ich war nicht in der Lage, diese Worte abzurufen, weil ich im Gehirn keine „direkte Leitung“ zu solchen Reaktionen besitze. Mit anderen Worten, ich bemerke nicht immer, wenn ich jemanden verletze, weil meine Worte nie diese Absicht verfolgen. Stattdessen verstricke ich mich immer tiefer in das Desaster, weil mein Gehirn in solchen Situationen eine Art Panik abruft und nicht mehr entspannt reagieren kann. Es ist sicherlich großartig, wenn alle Menschen viel entspannter, nachsichtiger und offener miteinander umgehen könnten, aber das wird niemals möglich sein, solange der autistische Mensch immer wieder auf uninformierte und fremde Menschen im Leben stößt. Das ist bei einem normalen sozialen Miteinander aber unvermeidlich. Der Autist kann seine Gehirnkonstruktion nicht verändern, sondern immer nur dazulernen und sich trainieren genau wie der NT.

In Web-Foren und Blogs bin ich in der Lage, genau das mitzuteilen, was ich meine und denke, was mir bei einem persönlichen Gespräch oft nicht möglich ist. In der Tat würdest du mir im realen Leben als einem ganz anderen Menschen begegnen, als der Person, die du hier durch meine Beiträge erlebst. Aber, wenn du mir persönlich begegnest, wirst du das Hintergrundwissen meiner Gedanken haben und mich dadurch viel besser einschätzen und verstehen können. Das wirkt wie ein Neutralisationsprozess, den diejenigen nicht durchleben, die mich nicht aus meinen Blogs kennen. Dann wirke ich oft unbeholfen, merkwürdig oder gar dumm, wenn es um soziale Interaktion geht. Aber der Informierte wird erkennen, wie und wer ich wirklich bin und mir großes Vertrauen schenken, während die anderen über mich lachen, tuscheln oder mich gar verspotten.
Bei meinen Spezialthemen laufe ich natürlich zur Höchstform auf, deswegen kann ich als Autorin sehr sicher bei Lesungen auftreten. Aber im Alltag sieht das völlig anders aus. Ich gehe kaum raus, und wenn, dann meistens nur in die Natur, weil mich dort niemand fordert. Wenn die Presse um ein Interview bittet, wird es kompliziert für mich, sofern sie mir andere Fragen stellen als die, die mit meiner Arbeit zusammenhängen. Nach über 50 Jahren habe ich genug Erfahrung und Übung, das zu sagen, was üblicherweise gehört werden will, um Anerkennung und Sympathien zu gewinnen.

Nun zu den interessanten Fragen eines NTs:
Wie viel Annäherung ist möglich?

Sobald ich das Gefühl habe, bei dir mit meinen Gedanken und Gefühlen gut aufgehoben zu sein, ist jederzeit Annäherung möglich. Doch du fragst nach „Wie viel?“. Ich unterscheide klar, ob du eine partnerschaftliche, freundschaftliche oder fachliche Annäherung suchst. Dass will ich zuvor abgeklärt wissen, denn das ruft völlig unterschiedliche Reaktionen in mir hervor. (Durch deine Art der Fragestellung gehe ich von einer fachlichen Annäherung aus.) Wenn ich das geklärt habe, beginne ich anhand einer schriftlichen Kommunikation das „Wie viel?“ auszuloten. Es ist abhängig von dem Vermögen des anderen, mich so zu nehmen wie ich bin. Sobald er mich angreift, ungerecht mir gegenüber wird oder ich mich denunziert fühle, weiche ich von der Annäherung merklich zurück, weil ich mich kaum wehren kann. Dann verursacht der andere Schuldgefühle und eine Abneigung in mir, die schlimmstenfalls in Wut und Zorn übergehen kann. Danach hat derjenige kaum noch eine Chance, sich je wieder mir anzunähern. Ich würde jeden Kontakt nur noch mit größter Vorsicht behandeln oder ihn ohne weitere Erklärungen abbrechen.

Wie viel Abstand wird bleiben?

Ich halte immer Abstand, ich bin nicht in der Lage, mich einem Menschen vollkommen mitzuteilen oder zu öffnen. Ich wünsche mir auch, dass mein Gegenüber meinen Abstand respektiert, weil ich viel persönlichen Freiraum benötige, den ich nur mit mir selbst teilen möchte. Doch die Frage hier stellt sich nach dem „Wie viel?“.
Ich mag es nicht, wenn jemand alles von mir wissen will. Es liegt also nicht in meiner Natur, Menschen komplett an mich heranzulassen. Dazu müsste ich das Gefühl einer Seelenverwandtschaft oder gar Symbiose verspüren. Wenn das passiert, darf derjenige/diejenige weit mehr in mein Lebensspektrum hineinschauen als andere. Ich habe viele Freunde, die ich unterschiedlich weit oder tief an meine Gedanken heranlasse. Meine Beiträge sind nur eine oberflächliche Wiedergabe meiner autistischen Probleme. Zudem: Ich mag Abstand. Er macht mich sicher und gibt mir ein gutes Gefühl. Wenn der andere das zu verstehen weiß, kann er dieses Gefühl auch für sich als positiv verwerten und sicher sein, dass er mich damit sehr glücklich macht. Er bekommt meine Wertschätzung und meine Aufmerksamkeit.
Das beantwortet auch gleich die nächste Frage:

Wie viel Distanz muss bleiben?

Ich weiß, dass sich viele NTs wünschen, in vollkommender Enttabuisierung miteinander zu leben, also keine Geheimnisse voreinander zu haben. Für mich kommt es einer Vergewaltigung meiner Gefühle gleich. Ich möchte es so formulieren:

Wenn jemand neben mir auf einer Bank vor meinem Haus sitzt, schweigend mit mir in die Natur schaut und ich dieses Schweigen und Zusammensitzen als sehr angenehm empfinde, hat derjenige alles bei mir erreicht, was er emotional aus mir herausholen kann. Die betreffende Person hat meine volle Zuneigung, die ich weit tiefer empfinde, als NTs Liebe empfinden. Damit weiß ich, dass derjenige meine Distanz und meinen Abstand respektiert und annimmt. Einen größeren Gefallen kann man mir nicht machen. Ich glaube, das ist oft genau der Knackpunkt bei einer Partnerschaft. Ich liebe auf einer anderen Ebene und zeige es anders als ein NT und teile mich nicht immerzu mit den Worten „ich liebe dich“ oder „ich mag dich“ mit. Wenn ich zu jemandem einmal sage „ich mag dich“, kann derjenige sich meiner Sympathie und Integrität sicher sein. Aber auch die unterteilt sich in partnerschaftliche und freundschaftliche Sympathie. Ich empfinde beides auf einer anderen Ebene. Die partnerschaftliche Sympathie kommt von so weit unten und schweigend aus meinem Inneren, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Deswegen ist meine Reaktion auch stark überzogen, wenn ich in diesem Bereich verletzt werde.
Wenn der NT dies erst einmal begreift und wertschätzt, kann er ein großes Glück mit mir empfinden. Manchmal ist es hilfreich, einfach nachzufragen, wie ich mich in verschiedenen Situationen fühle, um abschätzen zu lernen, was mir guttut und was nicht. Ich bin seit 31 Jahren verheiratet und weiß, wie schwer es einem NT als Partner fällt, diesen Abstand einzuhalten und anzunehmen. Er leidet, weil seine Gefühle nicht auf gleicher Ebene der Intensivität erwidert werden, wie er sie verspürt. Doch wenn er erst einmal die Form meiner Liebe begriffen hat, erlebt er eine Intensität, die weit größer ist, als die, die er bisher kannte. Wenn er das nicht kann, ist die Beziehung zum Scheitern verurteilt, weil der NT auf Dauer zu viel vermissen würde.
Wenn ich zu einem Freund oder einer Freundin sage „ich mag dich“, bedeutet es einen ersten Schritt der Annäherung. Wenn ich sage „ich mag dich sehr“, dann bedeutet es, dass ich Zuneigung empfinde. Ob es eine partnerschaftliche Zuneigung bedeutet, würde ich denjenigen dann wissen lassen, wenn ich sicher bin. Dazu gehört unbedingt das persönliche Kennenlernen.
Ich hoffe, ich konnte mit diesen Antworten meine Gefühlswelt etwas transparenter machen!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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