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Auffälligkeiten während der Anpassungsphase

Wer nicht weiß, was ich mit Anpassungsphase meine, hier eine kurze Erklärung:
Als Kind und Jugendliche lebte ich mit meinem Autismus recht konform. Ich rebellierte, wenn es mir zu viel wurde, und zog mich ständig in meine eigene Welt zurück. Die bestand im Grunde nur aus zwei Plätzen: entweder schrieb oder las ich vollkommen zurückgezogen in meinem Zimmer oder ich hielt mich alleine im Wald auf. Dazwischen war nur Chaos, das ich kaum wahrnahm – ineinander schwimmende Farben und scheppernde Geräusche. Ich kann mich an ziemlich wenig erinnern, das außerhalb meiner Welt in dieser Zeit stattfand. War immer nur auf Durchhalten programmiert.

Mit ca. 20 Jahren begann bei mir die Anpassungsphase, die Zeit, in der ich mit aller Kraft meine Welt verließ, um in dem Draußen zurecht zu kommen. Auf Dauer ließ sich ein Leben in einem Zimmer oder im Wald ja nicht finanzieren. Ich mobilisierte alle Kräfte, heiratete und bekam zwei Kinder. Es blieb keine Zeit mehr für meine eigenen Belange. Mir kam nicht einmal in den Sinn, dass ich falsch oder unverantwortlich für mich handelte. Ich beobachtete die Welt außerhalb meiner und wollte mich anpassen. Das kann doch nicht so schwer sein.

Doch, das war es – immer. Alles was ich tat, erschien mir schwer und schöpfend. Ich verband Faulheit oder Dummheit damit, denn was anderes fiel mir nicht ein, was meine Reaktion erklären könnte. Also musste ich eine Schippe drauf legen. Alles, was ich tat, tat ich unter Druck und Zwang, um nicht aufzufallen.

Wenn ich heute daran zurückdenke, fällt mir auf, dass mein ganzes Denken und Fühlen immer von dem Begriff „Durchhalten“ geprägt war. Ich konnte in keinem Moment verweilen, weil ich immer nur daran dachte, was als nächstes kommt. Schaffe ich das? Getriebenheit und die Sehnsucht nach Ruhe waren meine konträren Begleiter. Ob Familienfeiern oder sonstige Aufgaben als Mutter und Ehefrau außerhalb meiner eigenen Welt, ich dachte immer nur daran, wann es endlich vorbei sei. Nur hinter mich bringen. Ständig kam mir der Spruch über die Lippen: Bin ich froh, wenn alles vorbei ist. Fast jeder Tag war eine pure Erledigung, wie der unangenehme Termin bei einem Arzt.

Ich erinnere mich an meine Sehnsucht, alles möglichst schnell zu erledigen, damit mir wenigstens noch ein paar Minuten oder Stunden für Ruhe blieben. Rationelles Handeln war bei mir an der Tagesordnung, nur damit ich zur Ruhe kam. Je schneller ich arbeitete, desto eher der Feierabend. Doch ich kam nie zur Ruhe. In meinem Kopf entstanden bereits die nächsten Pläne. Kein Rückzug, kein Gönnen und bloß kein Verweilen.

Man stellte recht schnell eine latente Überfunktion meiner Schilddrüse fest. Damit hatte ich einen vorläufigen „Schuldigen“ für meine Getriebenheit gefunden. Erklärungen waren immer schon wichtig für mich. Doch es verbesserte meine Situation nicht. Es wurde immer schlimmer. Da ich nie in den Rückzug kam, brach ich mit 29 Jahren zu ersten Mal total zusammen. Krebs. Der Körper baute seit langem keine Abwehrkräfte mehr auf. Was blieb, war die Sehnsucht, endlich zur Ruhe zu kommen.

Ich begrüßte meine Krebserkrankung sogar, weil ich endlich nach außen zeigen konnte, dass ich Ruhe brauchte. Ja, ich machte den Krebs zu meinem Freund und genoss die genehmigte Auszeit.
Doch kaum hatte ich alle Therapien hinter mich gebracht, begann die Getriebenheit von vorn. Sie hörte einfach nicht auf. Ich versuchte immer alles zu erklären und erklärte diesmal meine Erschöpfung mit der Chemotherapie, die ich über mich ergehen lassen hatte. Sie musste einen Teil meiner Kraft verschlungen haben. Das klang plausibel.

Was ist geblieben?
Die Erinnerung an einen wahren Hürdenlauf durch mein Leben. Dann die vielen Momente, in denen in einfach in einem Sessel oder auf dem Sofa immer wieder aus unerklärlichen Gründen einschlief. Das schlechte Gewissen, nichts und niemanden gerecht werden zu können und die Schuldgefühle, die man mir aufredete.
Weiter blieb meine merkwürdige Sicht auf die Welt. Meine Wahrnehmung war in so vielen Bereichen immer schon anders, auch die Art, mit Menschen umzugehen. Ich verstand vieles nicht und konnte mir ebenso vieles nicht erklären. Nebenher lief immer schon eine andere Welt ab als die, in der ich lebte.

Wie gut, dass es Zusammenbrüche gibt, denn nur sie waren meine wahren Freunde. Sie haben mir auf ehrliche Weise gezeigt, dass etwas falsch lief. Wer sie wahrnimmt und richtig handelt, wird ihnen eines Tages sehr dankbar sein. So ist doch immer der eigene Körper und die eigene Seele der beste Freund eines jeden Menschen. Zeit, sich mehr um diese zu kümmern…

Ich befinde mich im vierten Jahr nach der Gewissheit, eine Betroffene des Asperger Syndroms zu sein. Jemand vom Fach sagte mir, dass es fünf Jahre im Schnitt braucht, um in seinem wahren Leben wieder anzukommen. Sind das Erfahrungswerte?
Ich kann es bis jetzt bestätigen, denn ich habe in den letzten vier Jahren mein Leben Stück für Stück so verändert, dass ich meinem wahren Naturell ziemlich nahe gekommen bin. Ich habe im Familien- und Freundeskreis mit allen belastenden Kontakten Stück für Stück aufgeräumt, mein Leben umgestellt, den Beruf ergriffen, dem ich schon immer nachgehen wollte und werde nun als letzten Schritt noch den Ort zum Leben aufsuchen, der am besten zu mir passt. Und dann sehen wir mal weiter, was das Leben mit mir macht….

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Worte, die aus meinem Systemdenken fallen

Dies ist mal wieder ein wirklich verwirrender Blog. Falsch, es ist ein Blog über meine Verwirrungen im Alltag…
Es gibt unzählige Begriffe in unserem Wortschatz, die mich regelmäßig in den Wahnsinn treiben. Da versucht die Gesellschaft immer wieder über Begriffe eine Mitteilung zu machen, die keinen Wert haben. Dazu gehören für mich besonders diese fünf Worte:
gleich
sofort
jetzt
einen Moment, bitte
eine Sekunde

Dann starte ich mal mit der Verwirrung der Worte:
(Betroffene haben vielleicht schon eine Ahnung…)

Wenn ich ankündige, dass ich gleich etwas tun möchte, dann meine ich, ich möchte innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten zum Beispiel mit jemandem Einkaufen fahren. Oder wenn ich sage: „Ich komme gleich“, dann räume ich mir ein gefühltes Zeitlimit von ca. fünf bis zehn Minuten ein. Daran halte ich mich und finde den Begriff „gleich“ auf den Punkt gebracht. Das erwarte ich auch von meinen Mitmenschen und werde dabei oft enttäuscht. Tja, meine Definition ist leider weit gefehlt! Oder ist es mein Problem mit der Wort-Wörtlichkeit?

Schlimmer wird es, wenn der Begriff „gleich“ bereits gefallen ist und sich das „jetzt“ nähert. Ich habe bereits mitgeteilt, das ich „gleich“ Einkaufen fahren möchte und ziehe mir nach gefühlten zehn Minuten meine Schuhe an. Dann rufe ich zur Sicherheit noch einmal: „Ich fahre jetzt“. Und damit meine ich auch „jetzt“. Jetzt heißt für mich sofort und nicht irgendwann! Doch der andere lässt sich Zeit und ruft: „Ich komme gleich“, kommt aber nicht. Ein furchtbares Wörter-Karussell für mich!

Das macht mich oft wütend, besonders wenn es um eine Vereinbarung geht. Ich schäume über vor Wut!

Wenn ich jemanden abhole und er sagt, er kommt sofort raus, dann macht es mich sehr wütend, wenn ich Vorort erfahre: „Komm doch noch kurz rein. Ich bin noch nicht soweit.“ Ich beobachte, wie diese Person zusätzliche 30 Minuten benötigt, um fahrbereit zu sein. Der Begriff „sofort“ hat seine Bedeutung verloren. Ich hätte genauso gut zu Hause in dieser Zeit noch etwas erledigen können. Doch der andere bemerkt meine Entrüstung nicht, weil ich sie verberge, um nicht in ein Streitgespräch verwickelt zu werden.
Fehlt mir die Gelassenheit?

Absprachen, die also mit „ich komme gleich“ oder „ich komme sofort“ getroffen werden, können mitunter 30 Minuten oder gar eine Stunde dauern. Es kann aber auch bedeuten, dass, dieses „gleich“ nie eintrifft und nur als Pseudonym für „ich will nicht“ steht.

Ein Beispiel: Ich bitte jemanden um eine Erledigung und er sagt: „Mache ich gleich.“ Nach einer geraumen Zeit stelle ich fest, dass derjenige jedoch nichts unternommen hat und ich frage mich, warum er mir eine Zusage gegeben hat. Warum sagt er nicht direkt, dass er nicht will?
Ich bekomme folgende Antwort: Das hat etwas mit Sozialverhalten zu tun und damit, den anderen nicht verletzen zu wollen.
Aha! Mich verletzt es aber, wenn man mich hinters Licht führt. Besitze ich jetzt kein Sozialverhalten?

Ich frage die Menschen, warum sie keine genauen Angaben machen oder sich nicht an ihre Angaben halten. Ich werde zum Teil ausgelacht oder wunderlich angesehen und bekomme zur Antwort: „Weil der Mensch als soziales Wesen behutsam mit anderen umgeht.“
Oh, denke ich, deswegen unterstellt man Menschen im autistischen Spektrum wohl Mangel an Empathie. Ich bin nicht empathisch, also behutsam, wenn ich die Sache auf den Punkt bringe. Das stimmt! Ich besitze nämlich oft kein „Verpackungsmaterial“ für meine Mitteilungen.
Direktheit wird oft verletzend empfunden, obwohl bei mir nicht die geringste Absicht besteht, jemanden damit verletzen zu wollen.

Ich weiß nicht, warum bei mir oft die Stimmung wegen diesen „empathischen und behutsamen“ Begriffen kippt. Sie verlieren wohl aus meiner Sicht ihre Ordnung und ihren Sinn.
Am besten kann ich mit festen Zeitangaben umgeben. Ich bekomme eine klare Vorstellung davon, wann eine Sache startet. Dabei bleibe ich entspannt und kann die Zeit inzwischen sinnvoll nutzen. Leider werden auch klare Zeitangaben von vielen Menschen nicht eingehalten. Und damit wären wir bei dem nächsten Problem: einen Moment bitte.

Was bedeutet „einen Moment, bitte“? Ich denke: „Husch, der Moment ist vorbei“. Sagt man nicht oft: „Es war nur eine Momentaufnahme“? Also, ein Sekundenbruchteil der Zeit. Dieser Begriff wird in der Gesellschaft meisten völlig deplatziert angewendet. Meistens in Arztpraxen. Gemeint ist doch „eine (ganze) Weile“. Doch… wie lange genau dauert „eine Weile“? Wenn diese Begriffe in einer Arztpraxis fallen, gebe ich mir genau eine Stunde Wartezeit, weil meine Erfahrung mich gelehrt hat, dass es sich bei „einen Moment“ dort in der Regel um 60 Minuten handelt. Liegt die Zeit drüber, verlasse ich wütend die Praxis wegen der fatalen Fehlplanung.

Für mich sind Zeitansagen mit diesen Begriffen immer wieder verwirrend, nervend und stressend. Ich teile meistens klare Uhrzeiten mit und halte mich dran. Wenn ich sage „jetzt“, dann lege ich just in diesem Moment los.
Wenn mir jemand sagt „du kannst jetzt kommen“, weil wir etwas gemeinsam machen wollen, und ich stehe dann tatsächlich „jetzt“ auf der Matte, werde ich oft genervt angeschaut und bekomme zu hören „gleich“ oder „einen Moment noch“.
Von der Aussage „nur noch eine Sekunde“ will ich erst gar nicht anfangen…

Bei mir muss alles seine Regel haben. Jede Aussage muss in ein System passen, mit dem ich klarkomme und das ich berechnen kann. Fällt es aus dem System heraus, erleide ich Stress.

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Als Aspergerin beruflich erfolgreich – geht das?

Ich bin extrovertiert und war schon immer ein Mensch, der gerne die Leitung übernimmt, aber das brachte mir als Aspergerin auch viele Probleme ein. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerne nach eigenem Maßstab die Übersicht einer Sache behalten möchte. Meine Ansichten von Perfektion und Einsatz weichen oft von denen der NTs ab. Da bleibt eine Konfrontation nicht aus. Ich bin stets daran interessiert, miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten. Schon das alleine funktioniert nur in den seltensten Fällen. Konkurrenzdenken ist mir fremd. Ich neige aber dazu, stark auf Unfairness zu reagieren, was von vielen NTs als Neid oder Eifersucht gedeutet wird. Deswegen legte ich immer viel Wert darauf, entweder eine Gruppe zu leiten oder für mich allein zu arbeiten, obwohl ich ein großer Teamplayer bin. Aber, wie gesagt, ich kann meine Ansichten von Fairness und Perfektion nicht den NTs anpassen. Mir fehlt dazu die Gelassenheit oder auch Ignoranz. Es passt nicht in mein Systemdenken.

Bei mir hat es lange gedauert, bis ich den richtigen Beruf endlich ergriff. Habe eine Ausbildung als Erzieherin gemacht, in deren Berufssparte ich nie wirklich arbeiten wollte und schlug mich fast 25 Jahre mit Jobs herum, die ich immer wieder kündigen musste. Ich stieß an meine Grenzen oder mit Mitarbeitern zusammen, die mobbten. Alle 4 Jahre eine neue Arbeit, bis ich mich entschied, als freiberufliche Autorin zu arbeiten, weil mir das Schreiben schon von Kindheit an lag. Ich habe nichts in dieser Richtung studiert und startete mit vielen Rückschlägen. Zunächst wollte niemand meine Bücher lesen, weil nicht nur die Themen eigenartig waren, sondern auch der Schreibstil, den ich anwandte. Ich konnte anfangs keine Lektorin bezahlen und es hagelte viele schlechte Rezensionen. Doch Kritik kann auch sehr anregend auf mir wirken. Ich ging den konstruktiven Kritiken nach und verbesserte Stück für Stück meine Arbeit, bis ich die ersten Leser fand, die sich positiv meldeten. Das ermutigte mich enorm, so dass ich bei dieser Arbeit blieb. Es stellte sich plötzlich Erfolg ein.

Niemand macht mir jetzt Vorschriften oder bestimmt meine Arbeitsweise oder Arbeitszeiten. Inzwischen arbeitet auch eine Lektorin für mich.
Manchmal arbeite ich nachts, manchmal erst ab 11 Uhr morgens, je nach Kondition. An manchen Tagen kann ich gar nicht arbeiten. Das ist in normalen Jobs natürlich nicht möglich. Dafür arbeite ich an anderen Tagen 14-16 Stunden am Stück.
Ich benötige allerdings immer wieder Hilfe bei behördlichen Dingen. Das löst großen Stress in mir aus, da ich ständig dazu neige, es zu vermeiden. Das geht bei einer Freiberuflichkeit natürlich nicht. Aber ich habe gelernt zu delegieren und jemanden gefunden, der behördliche und auch technische Dinge für mich übernimmt. Das funktioniert gut.

Ich weiß, dass nicht jeder vom Asperger Syndrom betroffene Mensch so ein Glück hat, aber ich stelle immer wieder bemerkenswerte Fähigkeiten bei anderen fest. Das Internet ist für meine Arbeit eine ganz besondere Plattform, die mich nicht stresst. Vielleicht kann ich den einen oder anderen dazu anregen, darüber nachzudenken.

Es macht mich oft traurig, wenn ich lese, dass fast 80% von Autismus betroffene Menschen arbeitslos sind, weil ich weiß, dass viele sehr tüchtig und zielstrebig sind, wenn sie sich für etwas interessieren. Und ich freue mich, dass sich der Arbeitsmarkt für uns immer mehr öffnet.

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Der Weg in die Unabhängigkeit

Die Abhängigkeit ist ein Zustand, der mir sehr viel Angst macht und doch muss ich mir eingestehen, niemals die völlige Unabhängigkeit zu erlangen. Dafür habe ich zu viele Baustellen, bei denen ich auf andere angewiesen bin. Aber das hindert mich nicht, mich in vielen Bereichen unabhängig zu machen.

Für mich ist es wichtig, auf so wenig Hilfe wie möglich im Leben angewiesen zu sein. Das beginnt schon bei banalen Alltagssituationen wie Wohnen und allen dazugehörigen Arbeiten. Ich kann meinen Alltag komplett allein organisieren und doch benötige ich Hilfe bei einigen technischen Angelegenheiten, weil ich überhaupt kein technisches Knowhow besitze. Alles, was ich mit dem Computer mache, musste ich unter großer Mühe lernen. Ich besitze kein Handy oder Smartphone und kann weder einen Fernseher noch ein Telefon programmieren. Der Stress, der dabei in mir entsteht, ist so groß, dass ich eher darauf verzichte, als es zu machen. Zur Not kann ich jedoch Fremdhilfe in Anspruch nehmen.

Was Menschen ohne Autismus oft alleine bewältigen, ist für mich immer eine große Errungenschaft. Wo ich mit Stolz auf meinen gut organisierten Haushalt schaue, zucken andere nur die Schultern. Na und? Das ist doch nichts besonderes. Doch, für mich schon! Es kostet mich viel Planung und Kraft, weil bei mir der natürliche Instinkt und die spontane Intuition nicht gut ausgeprägt sind.

Ich lege viel Wert darauf, andere nicht mit meinen Problemen zu belasten. Auch in diesem Bereich ist mir die Unabhängigkeit sehr wichtig. Es gibt mir ein gutes Gefühl, nicht in der Schuld anderer zu stehen, weil mir diese Abhängigkeit sehr zu schaffen macht. In mir spielt sich immer der Gedanke ab, wie ich dem anderen eine –Gegenleistung bieten könnte und müsste. Es setzt also einen Denkprozess in mir in Gang, den ich nicht ausblenden kann, auch wenn er nicht nötig ist.

Ich legte viel Wert darauf, unsere Kinder ohne die Hilfe anderer groß zu ziehen und doch genoss ich die Abhängigkeit des Einkommens meines Mannes in dieser Zeit. Ich verdiente zwar immer ein wenig dazu, doch es hätte niemals ausgereicht. Dafür erbrachte ich viele Gegenleistungen, erfüllte Ehrenämter und Hilfe in der Familie. In mir arbeitete ständig das Gefühl, nicht genug getan zu haben, dabei war es mehr als ausreichend, was ich leistete. Doch das bemerkte ich erst viele Jahre später. Heute bin ich sehr stolz auf meine damaligen Leistungen.

Heute bin ich auch finanziell unabhängig, weil unsere Kinder den Weg in ein eigenes Leben gefunden haben und ich beginnen konnte, meine eigenen beruflichen Ziele Stück für Stück umzusetzen. Das war und ist immer noch harte Arbeit, aber es gibt mir ein sehr gutes Gefühl. Ich fragte mich vor einigen Jahren, was ich gerne tun würde und genau das tat ich. Zu allen, die versuchten, mich davon abzuhalten, brach ich ganz langsam den Kontakt ab. Ich wollte mich nicht mehr von ihnen bestimmen lassen und somit abhängig machen.

Doch mit Unabhängigkeit meine ich auch etwas anderes.

Es ist die Gewissheit, auch alleine und unabhängig leben zu können, obwohl ich verheiratet bin. Der Gedanke, von meinem Mann abhängig zu sein, macht mir immer wieder große Angst. Es beginnt schon damit, dass er oft die gemeinsamen Fahrten mit dem Wagen übernimmt. Das habe ich geändert. Ich bin genauso in der Lage, große Strecken mit dem Wagen zu schaffen wie er. Das habe ich mir mühselig in den letzten Jahren beigebracht. Dabei musste ich anfangs gegen meine Angst arbeiten, weil ich durch die Gewohnheit immer abhängiger von meinem Mann wurde, obwohl er das nicht beabsichtigte. Er meinte und meint es immer gut, wenn er mir hilft, doch je älter ich werde, desto wichtiger erscheint mir die Unabhängigkeit.
Ebenso ergeht es mir bei bürokratischen Angelegenheiten, die ich immer öfter alleine regel, um die Beamtensprache besser zu verstehen. Das ist sehr anstrengend, aber es macht mir Angst, auch in diesem Bereich abhängig zu sein.

In den letzten Jahren, nachdem ich weiß, eine Betroffene des Asperger Syndroms zu sein, habe ich nach einem Zusammenbruch gelernt, mich aus den Fängen anderer Menschen zu befreien. Ihnen nicht mehr gefallen zu wollen oder ein Leben vorzugaukeln, das nicht meins ist. Der Zusammenbruch resultierte letztendlich aus dieser Abhängigkeit. Ich schwor mir, nie wieder um die Gunst oder die Aufmerksamkeit von Menschen zu buhlen, die meine Schwäche, nicht nein sagen zu können, ausnutzten. Die mich immer tiefer in die Abhängigkeit und damit in ein großes Schuldbewusstsein trieben.

Es ist nicht vielen Menschen mit Autismus gegeben, unabhängig zu leben, aber jeder kleine Baustein, den ich alleine für mein Leben dazugebe, ist ein Hochgenuss. Und jede Hilfe, mich so unabhängig wie möglich leben zu lassen, ist ein großes Glück für mich. Vielleicht bin ich auch einfach nur in der Lage, mein selbstständiges Leben viel mehr zu wertschätzen als andere, wenn man mich so sein lässt, wie ich bin. Jeder Mensch trägt eine Vollkommenheit in sich, die manchmal erst entdeckt werden muss… auch wenn er hin und wieder Hilfe braucht!

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Wenn ich den Überblick verliere

Den Überblick einer großen Sache zu behalten: Fehlanzeige!

Ich wurde einmal beim Diagnosegespräch gefragt, ob ich einen guten Gesamtüberblick über Dinge/Situationen habe. Ich verneinte sofort, denn ich bin schon seit jeher eine Detailseherin. In meiner Kindheit erhielt ich einen Fotoapparat, mit dem ich nicht wie andere große Landschaften fotografierte, sondern nur kleine Details. Blumen, Fenster, Laternen, Kamine…
Später begann ich natürlich auch Aufnahmen von größeren Landschaften zu machen, aber das hatte einen anderen Grund. Damals und auch heute schaue ich mir gerne meine Reisen und Ausflüge auf Fotos an, weil ich nie den Gesamtüberblick einer Stadt oder Gegend erhalte. Den verschaffe ich mir über Fotos. Manchmal bringe ich bis zu 1000 Fotos mit und sehe sie mir in aller Ruhe daheim an. Erst dann erfasse ich die gesamte Schönheit der Umgebung oder die Komplexität einer Stadt.

Als ich vor einigen Jahren Würzburg bereiste, sah ich nur die vielen schönen Details und Stuckarbeiten der wundervoll gebauten Häuser. Die Laternen auf der Brücke zur Festung Marienburg und die bunten Holzläden an den Fenstern der Marienburg. Erst später erfasste ich die gesamte Schönheit der Burg und der Stadt durch Bilder.

Große Städte machen mir Angst. Ich könnte niemals in einer großen Stadt leben. Ich erinnere mich, als wir als Familie 2007 nach Calgary/Alberta in Kanada auswanderten. Ich kannte die Millionenstadt nicht und als wir den Flughafen verließen und mitten durch diese wahnsinns Stadtmetropole fuhren, überkam mich eine immense Angst! Es fühlte sich an, als würden sich alle Angsthormone, die mein Organismus zu bieten hat, in meinem Kopf sammeln. Mir war heiß und kalt, ich zitterte und konnte nichts mehr wahrnehmen. Die absolute Reizüberflutung! Wir lebten dort nur 5 Monate, dann brach ich zusammen. Obwohl ich in dieser Zeit einen festen Weg zur Arbeit hatte, konnte ich ihn mir nie merken. Jeden Tag durchströmte mich die gleiche Angst, ob ich je wieder nach Hause finden würde. In dieser Zeit hatten wir noch kein Navi, sondern mussten uns mit Stadtkarten behelfen. Eine Katastrophe für mich. Der Stress wurde so groß, dass ich die Arbeitsstelle kündigen musste. Erst Monate später, als ich mir ein Fotobuch von Calgary ansah, bekam ich eine Idee von der Größe der Stadt, die ich nicht einen einzigen Tag während meiner Aufenthaltszeit überblickte.

Auch das Thema „Party“ fällt in den Bereich „den Überblick verlieren“ hinein. Ich bin nicht in der Lage, größere Partys oder Veranstaltungen zu überblicken. Es beginnt schon mit der Anzahl der Gäste, deren Namen ich mir einfach nicht merken kann. Nicht mal einen einzigen, außer ich kenne diese Person bereits länger. Gesichter sind gänzlich nicht zuzuordnen. Wenn mich jemand zweimal anspricht, kann es passieren, dass ich mich an das erste Mal nicht erinnere. Ich sehe aber die oft liebevoll hergerichtete Deko, die Kerzen, das wunderschön angerichtete Buffet. Kleinigkeiten, die die Atmosphäre erst gemütlich machen. Kleine Details bei der Verpackung von Geschenken… Das sind meine Blickpunkte.

Als ich früher in meiner großen Familie eine Feier veranstaltete und noch nichts von meinem Autismus wusste, stand ich oft tagelang vorher unter großem Stress. Immer wieder ging ich Details, Abläufe und Erledigungen durch. Es raubte mir die Nächte zuvor und Tage danach meine Energie. Eine Feier war immer Schwerstarbeit für mich. Ich konnte oft den Überblick nicht behalten und wurde hektisch oder gar aggressiv.

Die Technik ist eines der größten Desaster für mich in der heutigen Zeit. Ich habe schlichtweg überhaupt keinen Überblick mehr! Meide Technik woimmer es geht und bemerke, wie ich den Anschluss an die Welt da draußen verliere. Es beginnt am Bahnsteigautomat, also fahre ich keine Bahn. Ich gehe an keine elektronische Kasse und telefoniere niemals an einem öffentlichen Telefonding. Ich besitze auch kein Handy oder Smartphone, habe mir das telefonieren gänzlich abgewöhnt und bin nur daheim über Festnetz zu erreichen. Selbst dort habe ich keinen Anrufbeantworter an.

Am schlimmsten wurde es, als ich vor einigen Jahren den Überblick über mein Leben und meine Gesundheit verlor. Die Angst, die ich verspürte, war so groß, dass ich den Moment gekommen sah, etwas grundlegendes verändern zu müssen. Es war klar, dass ich den Rückschritt anstatt den Fortschritt wagen musste. Alles musste weniger und kleiner werden. Ich schaffte die großen Feiern ab, begann Partys und Veranstaltungen zu meiden, reduzierte meine Freunde und suchte mir einen Lebensraum in einer klitzekleinen Stadt in England in einem Nationalpark, in den ich in Kürze komplett hinziehen werde. Derzeit wohne ich noch in einer deutschen Kleinstadt, aber selbst die macht mir immer so zu schaffen, dass ich keine Märkte besuche oder einfach nur durch die City bummle. Weniger Menschen, weniger Reize und viel freundlichere Bedienungen sind mein Ziel. Ich liebe Städte, die nur eine kleine Straße als Zentrum haben. Dort kann ich alles überblicken und genießen. Ich liebe Geschäfte, die ihr Sortiment nicht ständig umräumen. Sobald sich meine Produkte nicht mehr am gewohnten Platz befinden, bricht in mir die Panik aus. Nur unter großem Stress muss ich mir alles neu zusammensuchen. Ich bekomme oft wochenlang keinen Überblick über das neue Sortiment. Es dauert sehr lange, bis ich alle Produkte und ihren Platz wieder auswendig gelernt habe.

Die Langsamkeit und die Überschaubarkeit sind nun meine Ziele im Leben geworden, die ich suche… und finde. Nur damit werde ich meinem Leben mit dem Asperger Syndrom gerecht!

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Stalken – fühlen sich Autisten schneller gestalkt als NTs?

Diesen Begriff kennen alle und verbinden kriminelle Handlungen damit. Ich auch. Es ist kriminell, wenn ein Mensch den anderen bedroht, ihn erpresst, ihm nachstellt und schlimme Ängste in ihm hervorruft. Es entstehen Todesängste.

Nun, ich habe nie in meinem Leben jemanden bedroht, ihn erpresst, ihm nachgestellt, doch ich habe einmal schlimme Ängste in einem Menschen hervorgerufen und bin daraufhin mit dem Begriff „stalken“ konfrontiert worden. Ich war geschockt! Noch nie war mir in den Sinn gekommen, dass ich stalke. Es hat mich monatelang emotional zu Boden gerissen. Was war passiert?

Etwas, womit ich nie gerechnet hätte.
Ich lege großen Wert darauf, zu allen Menschen, die mir freundlich begegnen, mit der gleichen Freundlichkeit zu antworten. Als Autistin weiß ich aber manchmal nicht wirklich, wo die Grenze der Freundlichkeit endet und wann es aufdringlich wird. Oder missverständlich. Grenzen erkennen ist eines meiner größten Probleme.
Wie viele, die in Facebook mit mir befreundet sind, wissen, antworte ich immer gerne auf Kommentare oder nehme gerne an Internetdiskussionen teil. Das klappt gut. Da kann ich entscheiden, wie lange ich für eine Antwort brauche und wann ich mich ausklinke. Zu manchen habe ich auch Kontakt per Email.

Als ich noch nichts von Autismus und dem Asperger Syndrom wusste, kam über meine private Facebookseite ein alter Kontakt zustande, der mich sehr freute. Wir tauschten sofort alles aus, was sich in den letzten 30 Jahren in unserem Leben zugetragen hatte. Ich bemerkte, dass wir einige Interessen teilten und schrieb mit großer Freude immer zurück. Er teilte mir mit, dass er das Asperger Syndrom habe und ich besorgte mir sofort das erste Buch darüber, um besser mit diesem Menschen kommunizieren zu können. Durch das Lesen dieses Buches kam ich allmählich dahinter, dass ich auch eine Betroffene sein könnte. Ich begann dem anderen viele Fragen zu stellen. Und das brachte mich in eine fatale Situation. Während ich mit Freude und Freundlichkeit Interesse an dem Asperger Syndrom bekundete, empfand der andere es wohl als Annäherung oder Aufdringlichkeit. Ich erkannte nicht seine Grenze. Er brach den Kontakt in FB ab und erst nach mehrmaligen Anfragen, was passiert sei, bekam ich eine bitterböse Email, ich sei ein Stalkerin.
Diese Nachricht fühlte sich an, als habe mich jemand außer Betrieb gesetzt. Ich soll eine Stalkerin sein? Ich konnte monatelang nicht auf diesen Vorwurf reagieren, war zutiefst verletzt und betrachtete den Kontakt als absolut zerbrochen.

Stalken.
Wann beginnt ein Autist, sich gestalkt zu fühlen?
Ich las im großen Buch von Tony Attwood nach:
„Während die Person mit Asperger Syndrom den Ausdruck von Liebe auf einem niedrigen Level genießt und selbst ausdrücken kann, kann es zu Problemen kommen, wenn derjenige sich in seiner Jugend oder als junger Erwachsener in jemanden „verguckt“. Dann kann der Ausdruck der Liebe und die Handlungen, mit denen Zuneigung ausgedrückt werden, zu intensiv sein. Die nett gemeinten Handlungen eines anderen können so interpretiert werden, dass mehr in sie hineingelesen wird, als mit ihnen gemeint war. Die beeinträchtigten Theory-of-Mind-Fähigkeiten können dazu führen, dass die Person mit Asperger Syndrom annimmt, dass die andere Person sich ebenfalls verliebt hat und dass sie ihr dann folgt und weiter mit ihr reden will. Das kann dazu führen, dass man ihr Stalking vorwirft.“

Damit hatte ich eine Erklärung und versuchte den Kontakt wieder herzustellen. Und tatsächlich, es gelang. Ich erfuhr auch, dass diese Missinterpretation dem anderen leid tat. Doch dann setzte sich bei mir etwas anderes in Gang. Ich bekam Angst, diesem Menschen weiterhin freundlich zu begegnen. Stellte mir die Frage, wann er sich wieder gestalkt fühlt und wann nicht. Wann war eine Frage aufdringlich, wann nicht? Ich brach von meiner Seite den Kontakt ab, doch er kam nach wenigen Monaten wieder zustande. Ich war immer noch derart verunsichert, dass ich nie wieder zu der alten Gelassenheit zurückfand und brach erneut ab. Ich kann diesen Vorfall einfach nicht einsortieren. Ich weiß einfach nicht mehr, wo jetzt die Grenze sein soll. Vergeben und Vergessen funktioniert bei mir nicht.

Fühlen sich Autisten schneller gestalkt als NTs?
Dass bei Autisten das Gefühl von stalken schneller zustande kommt, kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Es gab auf meiner FB-Seite einen Vorfall, der mir äußerst unangenehm war. Da begann ein neuer Kontakt plötzlich, für mich aufdringliche Bemerkungen auf meine Chronik zu posten. In mir entstand direkt das Gefühl, einen Stalker an Land gezogen zu haben. Das machte mir Angst. Doch dann erinnerte ich mich an diesen besagten Vorfall. Wie schnell sich der andere durch mich verfolgt gefühlt hatte. Ich beschloss, diesem aufdringlichen Kontakt meine Ängste zu erklären. Dass er diese Postings bitte aufhören solle. Würde er reagieren? Vielleicht wollte er auch nur freundlich sein. Und tatsächlich, es kam eine große Entschuldigung zurück und die Postings hörten auf. Der Kontakt besteht bis heute in einer Form von Respekts, die ich gut aushalten kann und bin froh, so besonnen reagiert zu haben.

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Die Angst vor dem Alleinsein

Seit einigen Tagen beschäftigt mich dieses Thema wieder, weil ich von anderen Betroffenen des Asperger Syndroms von dieser Angst lese. Es sind Menschen, die stehen in einer intimen Partnerschaft zu einem Menschen – Ehe oder Freundschaft.

Da ich diese Angst kenne, kann ich auch die Nöte nachvollziehen, die sie mit sich bringen.

Wie war das bei mir mit der Angst vor dem Alleinsein?
War es nicht eher die Angst vor dem Verlassenwerden?

Nun, ich bin seit 31 Jahren verheiratet und habe diese Angst zum ersten Mal verspürt, als mir bewusst wurde, dass ich eine Betroffene des Asperger Syndroms sein könnte. Was hat diese Angst ausgelöst?

Durch die Anpassung an die Gesellschaft über viele Jahre, habe ich mich nie mit mir und meinen Gefühlen beschäftigt, sondern alles hingenommen, wie es war und war immer bemüht, mich bestmöglich zu zeigen. Keine Frage, ob es mir gefällt oder ob ich es mag. Selbstaufgabe als Aufgabe, in der Gesellschaft zu existieren.

Als ich vor knapp vier Jahren begann, über das Asperger Syndrom erstmals zu lesen und die ersten Infos einzuholen, setzte sich in mir parallel zur Erleichterung auch eine Angst in Gang, die ich nicht kannte. Ich las plötzlich von Schwächen, die ich nie an mir wahrgenommen habe, weil ich sie mit Bravour bislang kaschierte. Nun lagen sie vor mir: all die Dinge die ich mit großer Anstrengung bewältigte und im Grunde doch nie beherrschte. Bereiche, die ich glaubte zu überblicken, die ich jedoch nie überblickte. Die große Anstrengung als Motor, nicht unter zu gehen. Nach über 30 Jahren war mein Motor jedoch plötzlich defekt. Er war verschlissen, abgenutzt und nicht mehr zu reparieren. Ich besaß nur noch die verbeulte Karosserie – die Hülle, den Körper.
Das war der Moment, in dem sich die Angst zum ersten Mal zeigte. Ich begegnete mir selbst mit der schmerzhaften Feststellung, dass ich Hilfe brauchte. Endlich! Ich war in der Lage, um Hilfe zu bitten. Gleichzeit fühlte ich mich den Menschen ausgeliefert. Und genau das hat eine riesengroße Angst in mir ausgelöst. Ich war plötzlich abhängig. Ich hasse Abhängigkeit!
Obwohl ich fast mein ganzes Leben lang von anderen Menschen abhängig war, weil ich es ihnen immer Recht zu machen versuchte, erkannte ich plötzlich eine andere Abhängigkeit:

Was, wenn die anderen erfahren würden, dass ich autistisch bin? Wie werden sie reagieren, mich sehen, empfinden oder, werden sie mich überhaupt noch akzeptieren?

Damit begann die Angst vor dem Verlassenwerden in mir hochzukriechen. Ich hegte keinerlei Absichten, mich von meinem Partner, meiner Familie oder den Freunden zu trennen, doch ich erkannte, dass ich viel mehr Entlastung, Rückzug und Ruhe brauchte, als ich bisher eingefordert hatte. Was würden diese Bitten bei den anderen auslösen?

Als ich Krebs hatte, war die Bitte nach mehr Ruhe klar zu erkennen. Krebs ist sichtbar. .., aber Autismus?

Wie sollten die anderen nun einen unsichtbaren Grund erkennen? Wie sollte ich erklären, dass ich die ganze Zeit eine Rolle gespielt hatte, von der ich nicht wusste, dass ich sie spielte, weil mir die Anstrengung so normal vorkam.

Ich war ab dem Moment, als ich mitteilte, mein Leben ändern zu müssen, allen Menschen um mich herum zunächst ausgeliefert. Das löste eine enorme Angst in mir aus! Mit den Entscheidungen und Meinungen der anderen fiel oder stieg ich auf. DACHTE ICH! Die anderen entscheiden, was aus mir wird. DACHTE ICH!
Das löste eine Depression mit starken Schlafstörungen in mir aus. Und tatsächlich, die ersten wichtigen Menschen um mich herum begannen sich zurückzuziehen oder mich nicht zu verstehen. Nur wenige fragten nach oder interessierten sich für meine „neuen“ Probleme. Und wenn ich versuchte, sie zu erklären, fühlte ich mich abgewürgt oder missverstanden. Viele versuchten meine Argumente zu entkräften und baten mich darum, einfach so weiter zu machen wie bisher. Ein Teufelskreis! Den musste ich durchbrechen. Ich musste direkt in meine Angst, verlassen zu werden, hineinarbeiten und tat es. Das war ein hartes Stück Arbeit und Überwindung!

Ich verreiste zum ersten Mal alleine und suchte die Einsamkeit. Ich suchte mich und meine Wünsche und Sehnsüchte. Ich war nicht in der Lage, in meinem bisherigen Alltag darüber nachzudenken. Die Angst, wie sich das Alleinsein anfühlen würde, war enorm. Doch es geschah etwas völlig Unerwartetes: Ich bemerkte, dass ich VON NIEMANDEM abhängig war! Dass es nur meine Einbildung und eine irrationale Angst in mir war, die mir dies zu suggerieren versuchte. Doch ich musste dieses Gefühl der Unabhängigkeit erst wahrnehmen und spüren lernen, um dann mein weiteres Leben darauf aufzubauen und diese Angst vor dem Alleinsein zu verlieren.

Heute habe ich keine Angst mehr, verlassen zu werden oder allein zu sein. Es sind eher die anderen, die nun unruhig werden, dass ich sie verlassen könnte…
Ich habe eine neue Kontrolle über mich gewonnen…

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