Der Anpassungsprozess – Freude zeigen, wo keine ist

Ich frage mich: Wie konnte das nur passieren?
Wie konnte ich nur in diesen jahrzehntelangen Anpassungsprozess geraten, ohne etwas zu bemerken?
Die Antwort ist einfach: Weil ich es nicht besser wusste.

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Dieser Blog handelt von dem Moment, als ich begann, meine wahre Persönlichkeit abzugeben und in einen gesellschaftlichen Anpassungsprozess zu geraten.

Ich war 19 Jahre alt, als alles begann. Bis dahin lebte ich ein recht sonderbares, zum Teil auch rebellisches Leben. Ich hatte meine eigene Meinung und Vorstellung von allem, was nicht selten von denen anderer abwich. Deswegen sahen viele in mir den Rebell. Ich machte als Kind bereits viele Dinge anders und sonderte mich als Jugendliche auch von meinen Schulkameraden ab, weil mich völlig andere Interessen begeisterten. Ich litt bereits mit 10 Jahren unter Fernweh. Nicht ein bisschen, nein schmerzhaft! Ich wollte als Kind schon immer weg, weit weg – in die USA. Dahin, wo ich nicht auffiel, wo es viele „verrückte“ Menschen gab. Das Ziel ließ mich nicht los. Ich wollte Journalismus studieren oder Drehbücher für Filme schreiben. Mit 19 Jahren düste ich über den großen Teich und nahm eine AuPair-Stelle in Kalifornien an und durfte sogar in den Warner Brother Filmstudios einmal bei Dreharbeiten zusehen. Es erfasste mich eine große Faszination. Doch meine Mutter litt an schweren Depressionen und ich musste den Aufenthalt dort abbrechen.
Was geschah danach?

Ich muss nicht erwähnen, dass ich mich irgendwie nie dieser Welt zugehörig gefühlt habe, aber ich war immer davon überzeugt, dass mit mir irgendetwas nicht stimmte. Es lag also an mir. Ich musste mir mehr Mühe geben, damit mein Leben einfacher werden würde. Der Anpassungsprozess begann.

Ich kann mich erinnern, wie ich mit knapp 20 Jahren mein „Ich“ verlor. Das kann ich nicht beschreiben, es war ein rein mentaler Prozess. Ich begann, mein Innerstes zu verkapseln und eine neue Welt zu schaffen, die mir das Leben vereinfachen sollte. Und das tat es. Ich richtete mich immer öfters nach der Meinung anderer, weil ich meine weggeschaltet hatte. Ich erfüllte die Wünsche anderer, weil ich meine Wünsche weggeschlossen hatte. Je älter ich wurde, je einfacher erschien es mir, in diese Welt zu passen, denn ich brauchte nur darauf zu achten, was die anderen wollten. Das erfüllte ich dann und schon war ich ein anerkanntes Mitglied dieser Gesellschaft. Ich gab immer mehr von meinem „Ich“ auf, bis es plötzlich ganz verschwunden war, denn immer wenn ich ein bisschen von dem „Ich“ zeigte, gab es Ärger, dem ich nicht gewachsen war.

Da mir niemand erklären konnte, was ich in dieser Zeit erlebte, gab es auch keine Fragen meinerseits. Ich war sicher: Das ist der Weg, ein anstrengender und energieraubender Weg, denn ich stand ständig unter Höchstleistung, den Erwartungen des Alltags standzuhalten. Krankheiten meldeten sich und zwangen mich immer wieder in die Knie, doch sobald ich neue Kraft schöpfte, baute ich den Anpassungsprozess weiter aus. Ich erlaubte mir keine Erholung und keine Auszeit. Immer weiter, denn ich musste mir nur mehr Mühe geben.

Derzeit gab es noch keine Informationen über das Asperger Syndrom und ich habe nicht einen Moment daran gezweifelt, dass ich etwas falsch mache. Ich war immer die gewesen, die anders war. Deswegen oblag es meiner Aufgabe, mich anzupassen. Ich zeigte Freude, wo ich keine Freude empfand und lachte, wenn mir nicht nach Lachen zumute war. Ich sagte ja, obwohl ich nein meinte. Es gab „mich“ praktisch gar nicht mehr. Ich war unsichtbar geworden, bis der totale Zusammenbruch kam. Der TOTALE, von dem ich mich lange Zeit nicht mehr erholte. Mein Kopf ließ mich plötzlich ein Jahr lang nicht mehr schlafen. Es war die Hölle! Ich erholte mich nur noch stundenweise und fand kaum Kraft, meinen Alltag zu bewältigen. Irgendetwas wollten mein Geist und mein Körper mir sagen. Und ich dachte nach…

Ich fühlte mich zum letzten Mal richtig wohl, als ich alleine in die USA reiste. Das war meine letzte glückliche Erinnerung im Leben von meinen wahren „Ich“.
Ich beschloss, wieder alleine zu verreisen, um zu sehen, was passierte … und ich fand es wieder: mein altes „Ich“.

Es ist natürlich sehr schwer für alle Menschen, die mich nur in der Phase der Anpassung kennengelernt haben. Sie waren zum Teil sehr überrascht, als ich Monat für Monat begann, mein Kostüm fallen zu lassen. Ein Umkehrprozess begann: Viele fühlten sich schlechter und ich fühlte mich immer besser. Nach 30 Jahren der Anpassung genehmige ich mir die nächsten 30 Jahre für mein eigenes Leben, mein wahres „Ich“. Das erlaube ich mir einfach mal. Und es fühlt sich verdammt gut an!

(Meine Blogs gibt es auch als eBook bei Amazon unter „Denkmomente“ und bald als Printausgabe)
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9 Gedanken zu „Der Anpassungsprozess – Freude zeigen, wo keine ist

  1. denkendertraum

    Ich kann mich nicht anpassen, selbst wenn ich es wollte. Dazu hätte ich gar nicht die Fähigkeit.

    Sobald es um konkretes geht, Schule, Hausaufgaben, Planungen,…. lebe ich… danach, ist es vorbei.
    Unzähliche Stunden vor dem Computer, mit hin und wieder voranschreitener Sehnsucht nach Leben, die dann wieder verebbt und erst mal wieder in der Erde vertrocknet.

    Gefühle von „Fühlt sich gut/schlecht an“ kann ich gar nicht beschreiben. Der Drang ist da, geht einige Zeit gut, und verebbt dann wieder, weils einfach nicht das erbringt, was ersehnt wurde, ohne zu wissen, was denn ersehnt worden ist. Das ist anstrengend, soviel ist klar.

    Ich will auch mal sagen können, irgendwann vielleicht, das gefällt – oder das missfällt mir. Kann ich nicht.

    Kurzum, viel Spaß bei deinem Ich

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    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Den fand ich sehr interessant, weil er mich an die Zeit erinnert hat, bevor ich in dieses imense Anpassungsdesaster lief. Es stimmt, ich hatte die Fähigkeit nachzugeben (Hochfunktionalität) und es hat mir bestimmt auch viele Momente beschert, die mich glücklich machten, so z.B. dass ich zweimal Mutter wurde von tollen Jungs. Aber alles in allem überwog immer die Anstrengung und die Erschöpfung. Ich tat Dinge, die ich nicht verstand, um meine Ruhe zu haben. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie man soviel Spaß im Leben haben kann, bei dem, was viele tun. Ich habe Spaß bei ganz anderen Dingen und merke, je mehr ich die Anpassung verlasse, je weniger Menschen sammeln sich um mich. Viele würden Angst (vielleicht Verlustangst) bekommen, mir verschafft es Erleichterung.
      Deine Worte wirken ein wenig traurig auf mich. Ich spüre die Sehnsucht in dir. Diese Sehnsucht kenne ich, die hat mich in den Anpassungsprozess geschickt. Nach 30 Jahren hat er mir auch einen totalen Zusammenbruch geschickt, aus dem ich nicht mehr herauskam, ohne den Anpassungsprozess wieder zu verlassen. Es stellt sich die Frage, welche Variante denn nun die bessere gewesen wäre. Ich lebe heute mit Krankheiten, auf die ich gerne verzichtet hätte. Mein neues altes Ich fühlt sich für mich nach all diesen Erfahrungen auf jeden Fall viel besser an.

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      1. denkendertraum

        Ich könnte nicht sagen, ob dies traurigkeit ist, resignation oder einfach nur: Leben.
        Vielleicht eine Zeitweise verschiebung der drei Aspekte in Zeitintervallen. Mal so, Mal so.

        Ich merke ja aber auch selbst, dass es mir einfach nichts bringt, mich immer wieder in neue Situationen zu stürzen. Das Endresultat ist immer, dass ich am Ende trotzdem alleine bin.

        Ausbildung beendet – 2 1/2 und nun – nichts mehr. Keinerlei Kontakt.

        Vorher Schulabschluss gemacht – danach – nichts mehr.

        Es ist mehr als schwer und anstrengend, Kontakt aufzubauen, der mir Sinnvoll erscheint, oder, auf NT Sicht, zu kämpfen lohnt. Das ist aber ein der Art harter Kampf, weil ich kaum spreche, wenn es nichts konkretes gibt, dass sie sich eben dem NichtKampf hingeben.

        Ich könnte mich gar nicht, selbst wenn ich wollen würde, Anpassen. Geht nicht. Meine sozialen Fähigkeit im Miteiannder gehen gegen Null – und da mein Speicher für soziale Interaktionen (mit Erwachsenen) ein Error hat, ist es nicht reparabel.

        Warum Menschen dies dann immer als direkt Negativ / Traurig ansehen, weiß ich nicht. Das sind bloße Fakten, die nicht Änderbar sind. Da ist nichts negatives dran.

        Selbst wenn ich versuchen würde, irgendetwas zu ändern, was ich ja immer und immer wieder getan habe (Schule, Erste Hilfe Kurs, Ausbildung) änderte all dies in den Jahren nichts daran, dass ich nie einen weitergehenden Kontakt aufgebaut habe – bzw. jemals von jemanden angestrebt wurde.

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  2. booksandmore81

    Sehr interessanter Artikel. Ich hab manchmal auch das Gefühl, als müsste ich die Koffer packen und einfach weg… Aber dann fängt man an, über das nachzudenken, was man für diese Zeit hinter sich lassen würde…und gerät ins Grübeln.

    Naja, ich habe in der Vergangenheit aber auch angefangen, besser auf meine Intuition und meine innere Stimme zu hören, aber es ist wirklich schwer.
    Auch ich bin mit diesem „people pleaser“-Syndrom aufgewachsen und bin auf diese Weise Konflikten immer aus dem Weg gegangen…

    Vielleicht sollte ich demnächst mal wieder verreisen!

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    1. denkmomente Autor

      Das kann ich gut verstehen, liebe Sindy! In der Tat kommt man viel ins Grübeln, was man für bestimmte Veränderungen aufgeben muss. Immerhin hat man sich in einem Anpassungsprozess auch seine Annehmlichkeiten geschaffen. Solange der Körper und der Geist nicht streiken (Schlaflosigkeit, Depression, Angst, Panik, psychosomatische Erkrankungen) ist auch alles in Ordnung. Ich hätte niemals etwas geändert, wenn es mir gut gegangen wäre. Heute hat man den Vorteil, viel Aufklärung zu erhalten und rechtzeitig reagieren zu können. Von diesem Vorteil mache ich Gebrauch. Das ist toll! Du siehst ja, was dabei herauskommt. Man packt seine Stärken aus, ist plötzlich erfolgreich und gut gehts mir dabei auch noch. Perfekt. Auch du wirst deinen ganz persönlichen Weg finden und wenn ich mich nicht irre, befindest du dich bereits auf diesem Weg … (Y)

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      1. booksandmore81

        Auch wenn der Weg steinig ist, hoffe ich, dass du recht hast 🙂 Es ist eben schwer, aber ich schau, ob es klappt und versuchs erstmal neben der „normalen“ Jobsuche her 🙂 Mal schauen…

        Aber ich finde es schön, dass wir uns gegenseitig anstoßen und Impulse geben 🙂

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  3. kiki0104

    Ich kann schon wieder heulen, wenn ich das lese… mein Sohn (wird 6) ist Autist. Angeblich Frühkindlich, ich sage eher Asperger, weil er mehr Symptome dafür hat…..
    Egal, ich wollte nur sagen, dass du ein super Mensch bist und ich dich bewundere! DU machst dein Ding!!!

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