Die Anpassung – der Konflikt zwischen richtig und falsch

Ein soziales Miteinander/eine Anpassung ist nur möglich, wenn man Kompromisse eingeht und sich so verhält, dass man dem Anderen nicht schadet. Das weiß jedes Kind. Und doch stecken alle Menschen voller Konflikte, inwieweit die Anpassung richtig oder falsch ist.

Ich stecke noch viel tiefer in diesen Konflikten drin, weil meine Wahrnehmung anders und mein Anpassungsvermögen viel eingeschränkter ist, als das der NTs. Zudem kommt bei mir noch eine verhärtete Ansicht hinzu. Manchen mögen es Sturheit nennen, aber ich empfinde es als meine Pflicht mir gegenüber, bei bestimmten Ansichten oder Entscheidungen zu bleiben. Es gibt Dinge, die ich einfach nicht will, egal, ob es zu einer sozialen Anpassung dazugehört oder nicht. Das bezieht sich meistens auf das Phänomen der zwei Sprachen oder das Überschreiten meiner ethischen und moralischen Ansicht. Jetzt wird jeder sagen: Aber das ist doch bei allen Menschen gleich! Ist es das?

Bei mir werden bereits moralische Grenzen überschritten, wenn ich diplomatische Aussagen machen muss, um zu einem Ziel zu gelangen. Ich sage gerne direkt das, was ich meine. Es stecken dabei keinerlei Absichten dahinter, jemanden mit meiner Direktheit zu verletzen. Für mich ist die Sprache dafür da, sie zu benutzen. Ich frage mich, warum ich Menschen immer in „Watte gepackt“ auf Umwegen auf etwas aufmerksam machen muss, wenn doch die einfachen Worte reichen. Meine Antwort dafür: Weil eine klare Ansage einfach unsozial und verletzend erscheint. Und damit beginnt mein Problem:

Was ist eigentlich unsozial? Kann mir das jemand beantworten? Ist es unsozial, die Dinge so auszusprechen, wie sie sind? Ist es unsozial bei der Wahrheit zu bleiben? Ich finde es sehr sozial, wenn ich etwas vollkommen wertungsfrei mitteile. Muss ich denn immer erst um die Sympathie des anderen betteln, bevor ich das sagen darf, was ich will? Warum denken die Menschen immer, dass ich jemanden verletzen will, wenn ich etwas sage? Wo beginnen Verletzungen und wo hören sie auf?

Ich kann leider nur von meinen Verletzungen sprechen, weil ich die anderen nicht kenne oder häufig nicht bemerke.
Ich bin verletzt, wenn mich jemand mit verschleierten Gedanken anspricht. Wenn jemand versucht, bei mir etwas zu erreichen, was er mir nicht geradeaus mitteilt, steckt er kein Vertrauen in mich. Das irritiert mich und ich fühle mich belogen oder hintergangen.
Wenn ich es also richtig verstehe, bedeutet für mich Verschleierung Verletzung und Vertrauensbruch.
Für den anderen bedeutet es eine Art soziales Verhalten, um dem anderen etwas schonend beizubringen. Wenn ich den anderen nicht verletzen will, muss ich andere Worte benutzen, als ich meine, also einen anderen Gebrauch von Wörtern einsetzten. Damit bin ich wieder in der Welt der zwei Sprachen eines Aspergers.
Die Verletzbarkeit der Gefühle von Autisten und NTs ist demzufolge völlig anders gelagert, ja nahezu umgekehrt. Verstehe ich das so richtig? Was mich verletzt oder für mich unsozial klingt ist für den NT ein normales Verhalten, und was den NT verletzt oder für ihn unsozial klingt ist für mich normales Verhalten.
Wie können wir das ändern oder besser: Wie kann man eine „Zwischensprache“ finden? Schließlich ist es unser aller Ziel, besser miteinander auszukommen. Ich denke der erste Schritt besteht darin, dieses Prinzip der Verständigung erst einmal zu begreifen.

Hochfunktionale Asperger befinden sich im Vorteil, denn sie beherrschen mit der Zeit diese zwei Sprachen immer besser, um sich sozial in die Gesellschaft einzufinden. Doch diese zweite „verschleierte“ Sprache bedeutet für ihn noch lange nicht, dass sie richtig ist.
Für mich wird es immer eine falsche Sprache bleiben, egal, wie oft ich sie anwende.
Ich frage mich: Wird meine Sprache für NTs auch immer die falsche Sprache bleiben?

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)
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4 Gedanken zu „Die Anpassung – der Konflikt zwischen richtig und falsch

    1. denkmomente Autor

      Willkommen im Club! Ich kann auch nur geradeaus das sagen, was ich meine. Alles andere misslingt mir … immer. Ich kann nicht auf Umwegen mein Anliegen mitteilen und weiß nicht, wie man das macht, ohne rot zu werden. 🙂

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  1. Sparkling Twilight

    Ich kenne das Problem auch. Mittlerweile weiß ich aber, dass es beim Verschleiern nicht nur darum geht, den anderen zu schonen, sondern auch sich selbst zu schonen. Eine NT-Frau fühlt sich schlecht, wenn sie etwas direkt sagt, sie denkt sich: „Ich bin gemein, ich tue dem anderen weh. Ich fühle mich schlecht.“ Wenn ich zu einer NT-Frau sage: „Sei direkt zu mir.“ wird sie velleicht denken: „Warum zwingst du mich, gemein zu sein? Warum zwingst du mich dazu, mich schlecht zu fühlen? Du bist gemein zu mir!“

    Dadurch habe ich schon Freundschaften verloren, weil ich diese Subtilität nicht verstehe und Leute um Direktheit bitte. Es ist sehr kompliziert. 😦

    Das gleiche Kommunikationsproblem gibt es auch zwischen Männern und Frauen. Männer sind oft direkter, Frauen subtiler. Ich hatte einen Kumpel (lockeren Freund), welcher sich eine Beziehung wünschte und der Reihe nach alle meine Freundinnen angeflirtet hatte. Jede sendete ihm subtile Signale, die „nein“ bedeuteten. Er verstand diese Signale nicht und hörte erst auf zu flirten, als jedes Mädchen ihm deutlich gesagt hatte, dass sie nicht interessiert war. Die Mädchen störte es nicht, dass er sie angeflirtet hatte. Was sie störte, war, dass er sie „dazu gezwungen hatte, das ‚Nein‘ auszusprechen.“

    Sie sagten: „Er ist mein Kumpel und er hat mich dazu gezwungen, gemein zu ihm zu sein. Das belastet unsere Freundschaft, weil ich mich jetzt schlecht fühle.“ Zwei Freundinnen brachen daraufhin den Kontakt zu ihm ab, die dritte kam nur noch bei gemeinsamen Gruppenaktivitäten mit.

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