Schlagwort-Archive: Autisten und Partnerschaft

60 Grad Hitze im Kopf

Diese Hitze hat nichts mit einem heißen Sommer zu tun, sondern sie soll beschreiben, wie ich mich fühle, wenn Menschen um mich herum sind.

Es fängt schon im ganz kleinen privaten Umkreis an: die Familie oder der Partner.
Sosehr ich alle liebe, so sehr reagiert aber auch mein Kopf darauf. Ich habe schön öfter versucht zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn meine Aufmerksamkeit auf andere Menschen gerichtet ist. Wo NTs wahrscheinlich keine Veränderung oder sogar ein angenehmes Gefühl verspüren, tut sich bei mir im Kopf eine ganze Menge. Ich möchte es gerne einmal anhand eines Beispiels beschreiben:

Ich bin allein im Haus und fühle mich dadurch sehr entspannt. Mein Kopf hat eine gefühlte Temperatur von angenehmen 20 Grad, die mich kreativ denken und arbeiten lässt. Nun betritt mein Ehepartner das Haus, und was viele Menschen als sehr angenehm empfinden, löst bei mir ein völlig anderes Gefühl aus. Die Temperatur im Kopf fährt hoch. Es müssen mehr Sensoren geschaltet werden und mein angenehmes Gefühl ist vorbei. Ich fahre mein Aufmerksamkeitslevel hoch, weil ich natürlich meinem Partner auch begegnen will. Ich möchte direkt klarstellen, dass mein Ehepartner nichts dafür kann. Es ist ganz allein mein Problem.
Meine Temperatur im Kopf fährt also auf gefühlte 40 Grad hoch. Man stelle sich nun einen hochroten Kopf vor (den ich natürlich nicht habe) und mein innerer Stress beginnt. Kommen noch mehr Familienmitglieder dazu, erhöht sich die Temperatur in meinem Kopf auf gefühlte 60 Grad. Ganz schlimm wird es, wenn ich Fremden, größeren Gruppen oder Veranstaltungen begegnen muss. Dann laufen immer mehr Sensoren auch Hochtouren, so dass ich nach geraumer Zeit vollkommen erschöpft zusammenfalle und eine lange Erholungszeit brauche, um die Temperatur im Kopf wieder runterzufahren.

Wie sieht nun mein Alltag aus?
Nun, ich bin verheiratet und stehe damit vor der Herausforderung, diese Temperatur auszuhalten. Das ist sehr schlimm für meinen Partner, weil ich ihm in seinem Beisein nie das Gefühl von totaler Erholung schenken kann. Er muss also damit klarkommen, dass ich jedes Zusammensein mit einem gewissen Stress verbinde, ohne es zu wollen.
Für mich ist es auf Dauer nicht auszuhalten, wenn der Partner den ganzen Tag und die ganze Nacht um mich herum ist. Besonders schlimm wird es, wenn es um das Thema Urlaub geht. Für mich war Urlaub nie Urlaub, sondern der pure Stress und ich fiel nach der Reise oft tagelang komplett erschöpft zusammen.

Ich kann für diesen Zustand nichts und er hängt mit meinem Autismus zusammen, weil ich alles doppelt so stark, wenn nicht sogar mehr, wahrnehme als Menschen ohne Autismus. Man könnte auch sagen, ich bekomme immer die volle Packung.
Was funktioniert also wirklich in meinem Leben?
Mein Ehepartner ist sich bewusst, dass er mich jeden Tag eine gewisse Stundenzahl allein lassen muss. Damit meine ich „ganz allein“, also nicht nur in einem anderem Zimmer sitzt. Entweder geht er außer Haus, was bei einer Arbeitsstelle außerhalb ganz normal ist, oder ich verlasse das Haus und suche eine einsame Stelle auf, wo ich arbeiten kann.
Wir haben versucht, andere Möglichkeiten zu finden, aber es kam immer das gleiche Ergebnis heraus, nämlich dass ich vor Erschöpfung zusammenfiel oder in Overloads, Meltdowns oder eine Verstummung fiel. Seitdem wir uns ein System erarbeitet haben, bleiben diese unerträglichen Zustände fast ganz aus.
Es ist für den Partner von Autisten harte Arbeit, ebenso wie für den Autisten selbst, die Realität als das zu erkennen, was sie ist.

Warum ist mir das nicht früher aufgefallen?
Nun, mein Mann war bis vor knapp zwei Jahren regelmäßig Arbeiten, doch seit er, genau wie ich, freiberuflich ist, hat sich dieses Problem in einer Form gezeigt, die ein Umdenken erforderte. Auch in Hinsicht auf ein späteres Rentendasein, wo dieses Thema unweigerlich auf uns zugekommen wäre.
Wir haben uns auf diese Umstände eingelassen und mussten von beiden Seiten viele Kompromisse in den letzten Jahren eingehen. Die einfachste Lösung wäre natürlich die Trennung, aber wäre es eine gute Lösung? Sicher nicht. Nach fast 33 Jahren Ehe hat man sich zu schätzen gelernt. Auch die Wichtigkeit der gegenseitigen Hilfe. Das möchten wir gerne erhalten.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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Als Einzelgänger in einer Ehe… geht das?

Ich war immer schon ein Einzelgänger, auch wenn ich seit vielen Jahren verheiratet bin. Es hat an meiner innerlichen Wahrnehmung nichts verändert.

Als Kind mochte ich keine anderen Kinder um mich haben, es sei denn, sie interessierten sich für meine außergewöhnlichen Hobbies. Doch das war eher selten. Ich hatte fast nur Kontakt zu Jungen oder älteren Mädchen, weil deren Interessen anders als die meiner Klassenkameradinnen waren. Es kam aber nie zu festen oder längeren Freundschaften, die ich außerhalb dieser Interessen pflegte.
Schon damals fiel mir auf, wie langweilig viele Menschen um mich herum auf mich wirkten. Während in mir die fantastischsten Welten entstanden, die ich in Geschichten niederschrieb, gackerten die anderen Mädchen um mich herum über Schminke, Petting und Partys. Ich fand keinen Anschluss.

Mit 19 Jahren beschloss ich, allein in die USA zu reisen und dort eine Aupair-Stelle anzutreten. Viele waren entsetzt, weil ich aus deren Sicht viel zu jung für eine solche Reise alleine sei. Doch für mich war es genau das, was ich suchte. Zunächst verbrachte ich drei Wochen alleine in Colorado und verschwand stundenlang zum Wandern in den Rocky Mountains. Ich vermisste nichts und niemanden. Das Alleinsein löste in mir große Gefühle aus. Selbst als sich einige Leute mich anzuschließen versuchten, wich ich zurück und fertigte sie mit Lügen ab, damit sie mich allein ließen. Danach trat ich meine Aupair Stelle in Kalifornien an. Ich lernte Hollywood und eines seiner Studios kennen. Das war einer meiner Schlüsselmonente in meinem Leben, weil dort die fantastischsten Welten entstanden. Es löste in mir den späteren Wunsch aus, Bücher zu schreiben. Ich wollte Geschichten mit großen Kulissen und einer Menge unheimlicher Dinge erfinden.

Ich machte mir damals keine großen Gedanken darüber, weil ich es immer schon als normal empfand, meinen eigene Welt für mich allein zu haben. In dieser Welt war für mich alles bunt und sehr aufregend. Die Welt der anderen wirkte immer grau und nebelig auf mich. Ich konnte durch diesen Nebel nichts erkennen, was mich interessierte. Und doch musste ich mich damals dieser Welt nähern, als ich älter wurde. Ungern. Sehr ungern, aber meine Welt reichte nicht aus, um Geld für mein Leben zu verdienen. Ich verlor den Schutz des Elternhauses, nachdem sich meine Eltern getrennt hatten und meine Mutter starb. Ein Schock! Gewohnheiten, Regeln und Sicherheit waren auf einen Schlag weg. Meine ganzen Systeme, in denen ich lebte, kamen durcheinander. Ich erlitt für wenige Monate eine Amnesie und zeigte merkwürdige Verhaltensweisen. Schottete alles um mich herum ab und wartete darauf, dass es endlich vorbei sein würde.

Als mein Mann in mein Leben trat, stellte er meine Systeme wieder her. Ich bekam von ihm Sicherheit und Gewohnheit zurück und erlebte eine Geborgenheit, in der ich neue Regeln für mein Leben fand. Und doch existierte in mir immer diese andere Welt, die ich aus Scham nicht mit anderen teilen wollte. Sie war so anders und ich konnte mich in schlimmen Momenten immer in sie hineinflüchten.

Trotz Ehe, Kinder und großer Familie lebte ich immer nur am Rande mit. Ich konnte emotional nie in diese Welt hineinfinden, auch wenn es für andere den Anschein hatte, denn eines hatte ich im Laufe meines Lebens gelernt: das Theaterspielen. Der Anpassungsprozess. Ich konnte nie die Zärtlichkeit empfinden, die mein Mann für mich empfand und doch versuchte ich, sie zu zeigen. Es war mir wichtig, dass er glücklich war. Ich spielte die Herzlichkeit vor, die mir seine Familie zeigte, doch ich empfand sie nie. Und doch war es mir wichtig, dass alle glaubten, ich würde sie empfinden.

Nur zu meinen Kindern kann ich eine starke echte Liebe empfinden. Sie leben in meiner Welt und ich kann all ihre Emotionen verstehen und nachvollziehen. Sie zeigen ähnliche Emotionen wie ich und betrachten die Welt auf vielerlei Hinsicht wie ich. Ich bewundere ihre positive und neugierige Haltung und ihre Zuversicht, mit der sie ihr Leben meistern. Nur eines möchte ich nicht: dass sie sich für andere verbiegen. Auch wenn ich ihnen in den ersten Jahren eine Art Anpassung beizubringen versucht habe, so musste ich schnell hinnehmen, dass es nicht funktionierte. Sie leben authentisch, anders und manchmal auffällig und das macht mich sehr glücklich.

Bis heute bin ich das Gefühl des Einzelgängers nicht losgeworden. In meine Welt findet keiner hinein, es sei denn, er lebt in der gleichen Welt. Wer einen Blick in mein Bücherregal wirft, wird viele außergewöhnliche Bücher entdecken, die mich interessiert haben. Es handelt sich durchweg um Geschichten von Einzelgängern oder außergewöhnlichen Menschen und dazu gehören kaum die Bestseller der Gesellschaft. In meinen Geschichten, die ich schreibe, sind die Protagonisten auch alle Einzelgänger, weil ich einfach nicht in der Lage bin, aus einer anderen Sicht zu schreiben.

Ist es möglich, für mich als Einzelgänger in einer Ehe zu leben? Ja, ist es, solange man mich in meiner Welt lässt. Ich brauche zwischendurch immer die Flucht in meine bunte, positive und glückliche Welt, um aufzutanken. Mit Ehrlichkeit, Respekt und einer Menge Toleranz von beiden Seiten schaffen wir das. Sagen wir mal … wir schaffen das bis heute. Was morgen sein wird, wissen wir nicht. Aber es wird nie zu einer perfekten Form einer Partnerschaft führen, weil immer einer etwas vermissen wird. Ich vermisse einen Menschen in meiner Welt und mein Mann vermisst einen Menschen in seiner Welt. Das wird sich nie ändern. Und doch wissen wir, was wir aneinander haben.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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