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Zusammenarbeit? Die perfekte Zahl wäre 4 ½!

Immer wieder versuche ich mit anderen zusammenzuarbeiten, doch es scheitert regelmäßig nach einer bestimmten Zeit. Es hat nichts damit zu tun, dass ich nicht mit diesen Menschen zusammenarbeiten möchte, im Gegenteil. Doch meine Vorstellung von Zusammenarbeit deckt sich oft nicht mit denen anderer. Und umgedreht. Das will ich näher beleuchten:

Ich bin sehr zuverlässig, pünktlich, genau, ehrgeizig und anspruchsvoll. Das allein reicht schon aus, um eine Zusammenarbeit mit anderen als gescheitert anzusehen, es sei denn, der andere ist genauso wie ich. Doch da jeder dieser Eigenschaften einer eigenen Interpretation unterliegt, werden auch die Grenzen unterschiedlich festgelegt und wahrgenommen. Nur selten treffe ich auf Menschen, die fast genauso ticken wie ich. Doch es dauert nicht lange, und ich finde die ersten Unterschiede.

Mein Wunsch mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten ist groß, doch eine Zusammenarbeit hat immer etwas mit Erwartungen zu tun. Da ich sehr perfektionistisch veranlagt bin, ist in mir eine Art von Egoismus vorhanden, der sich negativ auf eine Zusammenarbeit auswirkt. Ich arbeite nach dem Prinzip Alles oder Nichts. Doch nichts ist perfekt im Leben und fordert ständig Kompromisse ein. Ein schwer auszuhaltendes Gefühl für mich. Ich möchte es gerne an einem Beispiel festmachen, was vor sechs Jahren passierte:

Ich schrieb ein Buch und fand einen Verlag, der es verlegen wollte. Zunächst freute ich mich, dass der Verlag viel von meiner Arbeit abnehmen würde (Lektorat, Coverentwurf, Druck, Vertrieb…) In diesem Moment sagt jeder Mensch: „Na, dann sei doch dankbar und etwas nachsichtig, wenn alles nicht genauso läuft, wie du es dir vorstellst. Lass doch mal die Geister anderer entscheiden“. Und genau da scheiden die Geister.

Ich habe die Vorstellung von einem Produkt und wurde natürlich fündig, als ich mich auf Fehlersuche begab. Und tatsächlich, ich fand viele Schreibfehler, die nicht vom Lektorat beseitigt wurden und bat den Verlag, dieses zu korrigieren, da es mir das Gefühl gibt, ein schlechtes Produkt zu veröffentlichen. Das kann ich kaum aushalten. Man sagte mir die Beseitigung der Fehler zu, führte sie aber nicht durch. Daraufhin war ich irritiert. Sollte ich noch einmal nachhaken? Wie wirkt sich das auf unsere Zusammenarbeit aus? Wirke ich aufdringlich und nörgelnd? Ich wurde sehr unsicher und ließ es schließlich, weil in mir die Angst entstand, in eine Diskussion verwickelt zu werden oder Vorwürfe gemacht zu bekommen, denen ich spontan nicht gewachsen war. Ich dachte immer, dass es Feigheit von mir sei, doch heute weiß ich, dass es mein Problem mit der sozialen Interaktion ist. Mir fehlt oft die spontane angemessene Reaktion.
Das Buch wurde mir daraufhin fortan fremd und ich konnte mich nicht mehr damit identifizieren. Ein Produkt von mir läuft nur dann konform, wenn es nach meinem Ermessen fertiggestellt ist. Alles andere stoße ich ab.
Des weiteren kam es zu diversen Vertragspunkten, die nicht eingehalten wurden. Es betraf die Werbung und Lesungsveranstaltungen, um die sich der Verlag trotz meiner Bitten nicht kümmerte. Dazu sollte ich schreiben, wenn ein Autor unter Vertrag steht, dürfen Lesungen an bestimmten Orten (z.B. Buchhandlung) nur vom Verlag eingerichtet werden. Ebenso hat nur der Verlag das Recht auf gewisse Werbung, weil ich die Rechte abgegeben habe.
Ich hakte diesbezüglich ganz mutig nach. Der Verlag war genervt und zeigte keinerlei Interesse mehr, mit mir zusammen zu arbeiten. Das Buch wurde ein großer Misserfolg. Das führte dazu, dass ich begann, mich selbst um diese Arbeit zu kümmern und wurde Selfpublisher. Es funktionierte. Ich konnte die ersten Erfolge verbuchen und meinen Perfektionismus und Anspruch ausleben.
Dennoch…

Ich versuchte es vor kurzem erneut und es geschah fast genau das Gleiche wie beim ersten Mal.
Liegt das Scheitern jetzt an mir? Sehe ich die Vereinbarungen „zu eng“?
Es gibt einen Vertrag, eine Abmachung und klare Regeln und doch werden sie nicht eingehalten oder nur oberflächlich eingehalten. Ich frage mich, wozu man solche Verträge macht? Ich bekomme den Begriff „kleinkariert“ zu hören, dazu den Spruch „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“. Ich bin irritiert und weiß nicht mehr, wem oder was ich vertrauen soll und entschließe mich, alles wieder alleine zu machen. Das funktioniert.

So sieht eine typische Zusammenarbeit bei mir aus.

Das Schlimme an solchen Situationen ist, dass tatsächlich in der Öffentlichkeit ein Bild über Autisten entstehen kann, das vermittelt, dass man mit diesen Menschen nicht zusammen arbeiten kann. Sprüche wie „die lässt nicht mal eine fünf gerade sein und hat immer etwas auszusetzen“ hörte ich ständig in meiner Vergangenheit, dabei ist es nichts weiter als das Anstreben nach einer guten und möglichst fehlerfreien Arbeit. Sollte das nicht Ziel einer jeden Tätigkeit sein? Nein, nicht so im Leben von vielen NTs. Durch ihre Fähigkeit „die fünf gerade sein zu lassen“ gehen sie viel leichter durchs Leben. Ich wünschte, ich könnte das auch, aber ich kann es nicht.

Arbeitgeber sollten also wissen, dass viele Autisten sehr viel Wert auf „ordentliche“, ja nahezu perfekte Arbeit legen, also auch auf die Bereitschaft, dies anzustreben. Ich hege keinerlei Groll oder Absichten, meinen Arbeitgeber anzugreifen, zu schaden oder ihm das Leben schwer zu machen, sondern verfolge nur die Absicht des bestmöglichen Ergebnisses. Doch genau das ist das Problem, wenn ich mit anderen zusammenarbeite. Ich nerve sie einfach solange, bis sie keine Lust mehr haben, mit mir zu arbeiten, oder umgedreht und ich verliere die Lust an der Arbeit.

Ich weiß, dass mittlerweile immer mehr Stellen für Autisten eingerichtet werden, die genau solche Punkte berücksichtigen. Die Arbeitgeber stellen sich auf diese Menschen ein und arbeiten zum Teil mit Mediatoren (Vermittlern).
Doch die Frage bleibt: Wer ist jetzt unfähig sich auf wen einzustellen? Haben wir nicht alle die gleichen Probleme, nur umgedreht? Auch den Starrsinn? Ist letztendlich nicht die Zusammenarbeit eines Autisten mit einem NT die perfekte Zusammenarbeit? Der NT muss die fünf eben etwas ungerader sein lassen und der Autist eben etwas grader. Die perfekte Zahl wäre 4 ½!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
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Wichtige Fragen eines NTs an Menschen mit autistischem Spektrum

Vielen Dank für die Gedanken und Fragen eines sehr netten Kommunikationspartners zu einem Blog in WordPress! Ich lese immer mit großem Interesse seine Kommentare. Zu meinem Beitrag „Widerstand und Sehnsucht zugleich oder ,das offene Fenster‘ “, hatten mich einige der mit Abstand wichtigsten Fragen erreicht, die ein NT an Autisten stellen kann. Danke dafür! Ich möchte sie hier in Form eines neuen Beitrages beantworten, so dass auch andere Interessierte vielleicht davon profitieren können.

Ich kann nur für mich sprechen, weil der Autismus so vielseitig ist, wie das Verhalten der NTs. Für mich ist die schriftliche Mitteilung eine begnadete Art, das sagen zu können, was ich möchte. Papier ist geduldig, und das ist genau das, was ich brauche. Ich benötige Geduld, also Zeit, um mich mitzuteilen. Das ist mir bei direkten persönlichen Gesprächen leider nicht möglich, weil meine Gedanken bei der sozialen Interaktion viele Umwege gehen müssen, um zum Ziel zu gelangen. Das verhindert spontanes richtiges Reagieren. Anhand des Beispiels mit dem Essen und dem Übergewicht im vorhergehenden Beitrag möchte ich deutlich machen, dass es für mich erheblich leichter gewesen wäre, wenn ich mehr Zeit für eine Antwort gehabt hätte. Dann hätte ich ihr mit viel einfühlsameren Worten erklären können, dass sie nicht persönlich damit gemeint war, sondern meine Bemerkung nur eine allgemeine, wissenschaftlich fundierte Feststellung wiedergeben sollte. Ich hätte mich direkt bei ihr höflich entschuldigt und damit einen harmonischen Fortgang des Gesprächs erreicht. Aber ich war nicht in der Lage, diese Worte abzurufen, weil ich im Gehirn keine „direkte Leitung“ zu solchen Reaktionen besitze. Mit anderen Worten, ich bemerke nicht immer, wenn ich jemanden verletze, weil meine Worte nie diese Absicht verfolgen. Stattdessen verstricke ich mich immer tiefer in das Desaster, weil mein Gehirn in solchen Situationen eine Art Panik abruft und nicht mehr entspannt reagieren kann. Es ist sicherlich großartig, wenn alle Menschen viel entspannter, nachsichtiger und offener miteinander umgehen könnten, aber das wird niemals möglich sein, solange der autistische Mensch immer wieder auf uninformierte und fremde Menschen im Leben stößt. Das ist bei einem normalen sozialen Miteinander aber unvermeidlich. Der Autist kann seine Gehirnkonstruktion nicht verändern, sondern immer nur dazulernen und sich trainieren genau wie der NT.

In Web-Foren und Blogs bin ich in der Lage, genau das mitzuteilen, was ich meine und denke, was mir bei einem persönlichen Gespräch oft nicht möglich ist. In der Tat würdest du mir im realen Leben als einem ganz anderen Menschen begegnen, als der Person, die du hier durch meine Beiträge erlebst. Aber, wenn du mir persönlich begegnest, wirst du das Hintergrundwissen meiner Gedanken haben und mich dadurch viel besser einschätzen und verstehen können. Das wirkt wie ein Neutralisationsprozess, den diejenigen nicht durchleben, die mich nicht aus meinen Blogs kennen. Dann wirke ich oft unbeholfen, merkwürdig oder gar dumm, wenn es um soziale Interaktion geht. Aber der Informierte wird erkennen, wie und wer ich wirklich bin und mir großes Vertrauen schenken, während die anderen über mich lachen, tuscheln oder mich gar verspotten.
Bei meinen Spezialthemen laufe ich natürlich zur Höchstform auf, deswegen kann ich als Autorin sehr sicher bei Lesungen auftreten. Aber im Alltag sieht das völlig anders aus. Ich gehe kaum raus, und wenn, dann meistens nur in die Natur, weil mich dort niemand fordert. Wenn die Presse um ein Interview bittet, wird es kompliziert für mich, sofern sie mir andere Fragen stellen als die, die mit meiner Arbeit zusammenhängen. Nach über 50 Jahren habe ich genug Erfahrung und Übung, das zu sagen, was üblicherweise gehört werden will, um Anerkennung und Sympathien zu gewinnen.

Nun zu den interessanten Fragen eines NTs:
Wie viel Annäherung ist möglich?

Sobald ich das Gefühl habe, bei dir mit meinen Gedanken und Gefühlen gut aufgehoben zu sein, ist jederzeit Annäherung möglich. Doch du fragst nach „Wie viel?“. Ich unterscheide klar, ob du eine partnerschaftliche, freundschaftliche oder fachliche Annäherung suchst. Dass will ich zuvor abgeklärt wissen, denn das ruft völlig unterschiedliche Reaktionen in mir hervor. (Durch deine Art der Fragestellung gehe ich von einer fachlichen Annäherung aus.) Wenn ich das geklärt habe, beginne ich anhand einer schriftlichen Kommunikation das „Wie viel?“ auszuloten. Es ist abhängig von dem Vermögen des anderen, mich so zu nehmen wie ich bin. Sobald er mich angreift, ungerecht mir gegenüber wird oder ich mich denunziert fühle, weiche ich von der Annäherung merklich zurück, weil ich mich kaum wehren kann. Dann verursacht der andere Schuldgefühle und eine Abneigung in mir, die schlimmstenfalls in Wut und Zorn übergehen kann. Danach hat derjenige kaum noch eine Chance, sich je wieder mir anzunähern. Ich würde jeden Kontakt nur noch mit größter Vorsicht behandeln oder ihn ohne weitere Erklärungen abbrechen.

Wie viel Abstand wird bleiben?

Ich halte immer Abstand, ich bin nicht in der Lage, mich einem Menschen vollkommen mitzuteilen oder zu öffnen. Ich wünsche mir auch, dass mein Gegenüber meinen Abstand respektiert, weil ich viel persönlichen Freiraum benötige, den ich nur mit mir selbst teilen möchte. Doch die Frage hier stellt sich nach dem „Wie viel?“.
Ich mag es nicht, wenn jemand alles von mir wissen will. Es liegt also nicht in meiner Natur, Menschen komplett an mich heranzulassen. Dazu müsste ich das Gefühl einer Seelenverwandtschaft oder gar Symbiose verspüren. Wenn das passiert, darf derjenige/diejenige weit mehr in mein Lebensspektrum hineinschauen als andere. Ich habe viele Freunde, die ich unterschiedlich weit oder tief an meine Gedanken heranlasse. Meine Beiträge sind nur eine oberflächliche Wiedergabe meiner autistischen Probleme. Zudem: Ich mag Abstand. Er macht mich sicher und gibt mir ein gutes Gefühl. Wenn der andere das zu verstehen weiß, kann er dieses Gefühl auch für sich als positiv verwerten und sicher sein, dass er mich damit sehr glücklich macht. Er bekommt meine Wertschätzung und meine Aufmerksamkeit.
Das beantwortet auch gleich die nächste Frage:

Wie viel Distanz muss bleiben?

Ich weiß, dass sich viele NTs wünschen, in vollkommender Enttabuisierung miteinander zu leben, also keine Geheimnisse voreinander zu haben. Für mich kommt es einer Vergewaltigung meiner Gefühle gleich. Ich möchte es so formulieren:

Wenn jemand neben mir auf einer Bank vor meinem Haus sitzt, schweigend mit mir in die Natur schaut und ich dieses Schweigen und Zusammensitzen als sehr angenehm empfinde, hat derjenige alles bei mir erreicht, was er emotional aus mir herausholen kann. Die betreffende Person hat meine volle Zuneigung, die ich weit tiefer empfinde, als NTs Liebe empfinden. Damit weiß ich, dass derjenige meine Distanz und meinen Abstand respektiert und annimmt. Einen größeren Gefallen kann man mir nicht machen. Ich glaube, das ist oft genau der Knackpunkt bei einer Partnerschaft. Ich liebe auf einer anderen Ebene und zeige es anders als ein NT und teile mich nicht immerzu mit den Worten „ich liebe dich“ oder „ich mag dich“ mit. Wenn ich zu jemandem einmal sage „ich mag dich“, kann derjenige sich meiner Sympathie und Integrität sicher sein. Aber auch die unterteilt sich in partnerschaftliche und freundschaftliche Sympathie. Ich empfinde beides auf einer anderen Ebene. Die partnerschaftliche Sympathie kommt von so weit unten und schweigend aus meinem Inneren, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Deswegen ist meine Reaktion auch stark überzogen, wenn ich in diesem Bereich verletzt werde.
Wenn der NT dies erst einmal begreift und wertschätzt, kann er ein großes Glück mit mir empfinden. Manchmal ist es hilfreich, einfach nachzufragen, wie ich mich in verschiedenen Situationen fühle, um abschätzen zu lernen, was mir guttut und was nicht. Ich bin seit 31 Jahren verheiratet und weiß, wie schwer es einem NT als Partner fällt, diesen Abstand einzuhalten und anzunehmen. Er leidet, weil seine Gefühle nicht auf gleicher Ebene der Intensivität erwidert werden, wie er sie verspürt. Doch wenn er erst einmal die Form meiner Liebe begriffen hat, erlebt er eine Intensität, die weit größer ist, als die, die er bisher kannte. Wenn er das nicht kann, ist die Beziehung zum Scheitern verurteilt, weil der NT auf Dauer zu viel vermissen würde.
Wenn ich zu einem Freund oder einer Freundin sage „ich mag dich“, bedeutet es einen ersten Schritt der Annäherung. Wenn ich sage „ich mag dich sehr“, dann bedeutet es, dass ich Zuneigung empfinde. Ob es eine partnerschaftliche Zuneigung bedeutet, würde ich denjenigen dann wissen lassen, wenn ich sicher bin. Dazu gehört unbedingt das persönliche Kennenlernen.
Ich hoffe, ich konnte mit diesen Antworten meine Gefühlswelt etwas transparenter machen!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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