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Urlaub bedeutet für mich Stress

Sie ist wieder da: die große Urlaubswelle. Hurra!
Was bei Menschen ohne Autismus als Freude und Entspannung angesehen wird, bedeutet für mich meistens Stress. So auch der Urlaub.

Urlaub sollte eine Zeit sein, in der man von allem Stress und Druck loslässt und die Seele baumeln lassen kann. Für mich hört sich das klasse an, doch ich habe Urlaub noch nie mit diesen Gefühlen erlebt.

Ich bin immer gerne mit meiner Familie weggefahren, vor allen Dingen weil ich gerne reise und fremde Länder kennenlerne, aber Erholung konnte ich damit nie verbinden. Für mich bedeutet Urlaub Arbeit. So reist man doch immer mit Familie, Partner, Freunden oder Bekannten in Urlaub, was für mich dauerhafte Aufmerksamkeit über 24 Stunden bedeutet. Ich kann meinen Kopf nicht eine Minute abschalten und mich erholen, weil ich Abläufe um mich herum ständig mit großer Aufmerksamkeit wahrnehme, um richtig reagieren zu können. Bei mir sind fast alle Reaktionen erlernt und nicht intuitiv oder instinktiv gesteuert. Das bedeutet, ich rufe Unmengen von Reaktionsstrategien den ganzen Tag über in meinem Kopf ab und erleide eine Hitze von gefühlten 60-80 Grad durchgehend im Kopf. Hinzu kommt, dass ich Geräusche, Gerüche, Bewegungen und Farben viel intensiver wahrnehme, als der normale Mensch. Dann führt der Urlaub zu einer Dauerstressbelastung. Es kommt einer Belastung gleich, wie Menschen ohne Autismus ihn empfinden, wenn sie zwei Wochen am Stück mit einem nervigen Chef verbringen müssten – Tag und Nacht.
Ich kann im Urlaub meistens nicht schlafen, weil mein Gehirn tagsüber derart hochfährt, dass es sich nachts kaum beruhigen kann. Was mir allerdings guttut ist, wenn ich häufiger zu den gleichen Plätzen fahre und die Umgebung etwas vertrauter wird.

Wie würde mein Traumurlaub aussehen?
Zum Leidwesen aller Menschen um mich herum, die gerne mit mir verreisen, sieht mein Traumurlaub ganz anders aus, als diese denken – nämlich alleine zu sein. Das kann Daheim oder irgendwo in der stillen Natur sein. Doch allein muss ich schon sein, um meinen Kopf komplett abzuschalten. Ich möchte mich um niemanden kümmern, will auf niemanden achten oder möchte die Ausflüge unternehmen, die mir gerade gefallen würden. Und auch während der Ausflüge bin ich gerne für mich und mag es nicht, wenn jemand neben mir hergeht, dem ich Aufmerksamkeit schenken muss. Es macht mir nichts aus, wenn Touristen um mich sind, aber sie dürfen mich eben nicht privat einnehmen. Ich liebe es, in eine Unterkunft zu kommen, in der niemand auf mich wartet, nach dem ich mich richten muss. Nur Stille, nur Alleinsein. Das bedeutet für mich keineswegs Einsamkeit. Mir reicht es, wenn ich hin und wieder etwas mit jemanden unternehme und dann wieder allein bin. Alles andere ist Dauerstress.
So kann auch daheim für mich Urlaub sein, wenn niemand im Haus ist. Mein Kopf kühlt direkt ab und ich gewinne viel Energie für mich selbst.

Wenn ich über solche Themen schreibe, verletzt es immer wieder die Menschen, die mit mir leben, aber was nützt es mir, wenn ich ein gutes Leben für mich anstrebe und alle um mich herum belüge – am meisten mich selbst.  Menschen, denen ich wirklich wichtig bin und die mich lieben, werden meine Wünsche respektieren und mir helfen sie umzusetzen, auch wenn sie nicht zu den eigenen passen. Wenn man mir Möglichkeiten gibt, mich zu entspannen, bin ich in der Lage dem anderen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das Leben ist ein Nehmen und Geben. Ich schenke Menschen ohne Autismus genauso uneigennützig mein Verständnis, wie ich es von ihnen als Gegenleistung erwarte. Wenn ich gut erholt bin, macht mir das Zusammensein mit Menschen richtig viel Spaß.
Mein Urlaub besteht also daraus, Unmengen von „Kurzurlaubszeiten“ zu bekommen. Das entspannt mich wirklich!

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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