Schlagwort-Archive: Asperger und Empathie

Angst vor Freundlichkeit – oder Mangel an Empathie?

Ich bin ein sehr fröhlicher und freundlicher Mensch …, wenn man mich lässt. Damit meine ich, dass mein Gegenüber immer all meine Sympathie zu spüren bekommt, solange er aufrichtig und respektvoll bleibt. Erkenne ich niedere Absichten, die sich hinter der Freundlichkeit verstecken, ziehe ich mich sofort zurück, lösche alle positiven Gedanken an diesen Menschen und vermeide Kontakt bis hin zum totalen Abbruch.

Das hört sich erschreckend an, nicht wahr? Und viele könnten denken, ich muss doch ein furchtbar schlimmer Mensch sein. Das kann auch mit meinem fortgeschrittenen Alter und meinen Erfahrungen zu tun haben, dennoch … hier meine Gedanken dazu:

Ich glaube, die Menschen, die mich kennen und eine aufrichtige Freundschaft zu mir pflegen, können bezeugen, dass sie alles von mir erwarten können, was eine gute Freundschaft ausmacht. Ich kenne kein Limit. Ich habe dennoch festgestellt, dass Freundschaften vieler Menschen trotz List und niederen Absichten bestehen können. Ich beobachte Menschen, die sich anlächeln, obwohl sie sich überhaupt nicht mögen, und frage mich, wie sie das machen? Wie halten diese Menschen es aus, trotz großer Antipathie oder Abneigung zusammen zu arbeiten und sogar ihre Freizeit miteinander zu verbringen, ohne dass ihre Gedanken von einem schlechten Gewissen oder starkem Unwohlsein heimgesucht werden?

Ich habe mehrmals in meinen Beiträgen erwähnt, dass ich weder Klatsch noch Tratsch mag. Mobbing fühlt sich katastrophal an, weil es immer mit Hinterlist verbunden ist. Ich lese nicht einmal Zeitungen, weil sie von diesen Themen überquellen. Doch es scheint ein großes Bedürfnis in der Gesellschaft zu bestehen, genau das auszuleben. Es soll laut Psychologen sogar „gesund sein“ und ein besseres Selbstgefühl vermitteln, weil man sich durch die Abwertung anderer Menschen „gut stellen und gut fühlen“ kann.

Mir gelingt das einfach nicht. Ich bin nicht in der Lage, freundlich zu Menschen zu sein, denen gegenüber ich Abneigung empfinde. Das ist ein großes Problem. Flasche Freundlichkeit fordert von mir enorm viel Energie. Sobald ich in die Schulblade der Täuschung greifen muss, stehe ich völlig unter Stress, was mich später in tiefe Erschöpfung fallen lässt. Ich frage mich, wie andere Menschen dies den ganzen Tag über aushalten können. Ich finde es maßlos anstrengend, dem anderen ins Gesicht zu lügen und das Wissen in mir zu tragen, etwas Unrechtes getan zu haben. Aber ich habe auch keine Strategie, um eine unangenehme Wahrheit angenehm zu verpacken. Es bedeutet nicht, dass ich anderen frech oder respektlos begegne, nein, ich habe oft Angst vor der Freundlichkeit, die ich anderen entgegen bringen „muss“ und sage alles, von dem ich glaube, dass sie es hören wollen, obwohl ich nicht dieser Meinung bin. Dieses Lügen macht mir anschließend ein furchtbar schlechtes Gewissen. Doch das scheint eine der Regeln im Gesellschaftsleben zu sein. Lügen führen für mich zu einem unüberschaubaren Netz von Verwirrung, der ich nichts entgegensetzen kann. Es stresst mich maßlos, immer darüber nachzudenken, was ich dem anderen beim letzten Mal vorgelogen habe. Ich muss mein folgendes Verhalten darauf aufbauen, was alles noch komplizierter macht. Ich muss mich ständig an falsche Gedanken erinnern, um das Netz der Lüge nicht zusammenbrechen zu lassen und mich letztendlich vollends zu blamieren – mich in Frage zu stellen und mich als Lügnerin zu entlarven. In solchen Momenten entsteht eine große Angst in mir und ich bleibe lieber bei meiner ehrlichen Meinung. Die kann ich immer abrufen und vertreten, weil sie sich nicht ändert. Es ist sozusagen ein Griff in die „erste Schublade“, die für mich am leichtesten zu öffnen ist. Ich muss nicht in vielen anderen Schubladen des Gehirns herumstöbern, um mich an meine letzte Lüge zu erinnern und darauf aufzubauen. Das ist das Einfachste und Aufrichtigste und erspart mir viele Denkprozesse.

Ich habe bereits mit vielen Menschen über dieses Thema diskutiert. Den meisten macht das Verhalten, anderen die Unwahrheit zu erzählen, keine Probleme. Sie sagen: „Wieso, wenn der andere es doch so hören will.“ Heißt das, dass es für viele Menschen leichter ist, sich an Lügen zu erinnern und diese weiter auszubauen als bei der Wahrheit zu bleiben? Wie schaffen diese Menschen es, diesen Wirrwarr im Kopf auf Dauer zu überblicken? Ist es eine Form der Oberflächlichkeit im Umgang miteinander, frei nach dem Motto „der/die ist mir doch sowieso egal“. Warum sollte ich mit Menschen zusammen sein, die mir egal sind?

Mein Problem fängt jedoch schon an einer anderen Stelle an. Ich weiß oft nicht, was der andere hören möchte. Wenn er mir eine Frage stellt oder mich mit einem Thema konfrontiert, nehme ich sein Anliegen sehr erst und frage mich bei der Antwort nicht, was er erwartet, sondern gehe davon aus, dass ihn meine ehrliche Ansicht interessiert und ich ihm damit weiterhelfen kann. Falsch! Ich bin mittlerweile darauf trainiert, bei einer Antwort zuerst darüber nachzudenken, was der andere gerne hören möchte und dies mit meiner Ansicht abzugleichen. Das ist ein unglaublich komplizierter Prozess in meinen Gedanken, der mich sehr stresst und den man mitunter Strategie nennt. Strategie hängt unmittelbar mit der Empathie zusammen und ist einer der Gründe, warum ich fremde Situationen mit fremden Menschen und Gesprächen weitgehend meide. Mir fehlt diese Form der Empathie. Ich muss sie über komplizierte und anstrengende Verdrahtungen im Gehirn abrufen, was bei mir viel mehr Zeit benötigt als bei Menschen, die dieses Problem nicht haben.

Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass mein Denksystem nicht in der Menge funktioniert, also vermeide ich tunlichst bestimmte soziale Situationen.

Meine Angst vor Freundlichkeit kann ebenso in eine andere Richtung gehen. Wenn mein Gegenüber mir viel Freundlichkeit entgegenbringt, die ich immer mit positiven Absichten gleichsetze, und sich dann Stück für Stück herausstellt, dass diese aufgesetzte Freundlichkeit nicht das ehrliche Ziel hatte, sich gut mit mir zu verstehen, sondern bestimmte Belange des anderen regeln soll, sprich, er sucht verkappt meine Unterstützung oder nutzt mein Wissen für seine Ziele aus.
Das hört sich ziemlich paranoid an, nicht wahr? Aber nach vielen Jahren Erfahrung gestatte ich mir ein gewisses gesundes Misstrauen, ohne paranoid zu wirken.

Ich liebe Freundlichkeit, aber in einigen Situationen macht sie mir einfach Angst. Menschen, die mir aufrichtig und reinen Herzens begegnen und ihre Anliegen direkt offen ansprechen, haben bei mir immer eine größere Chance meine Hilfe oder Unterstützung zu bekommen als die, die es mit freundlicher Hinterlist versuchen.
Aufgrund solcher Ängste ziehe ich mich immer mehr aus der Gesellschaft zurück.
Mittlerweile habe ich gelernt, wenn mir ein fremder Mensch freundlich begegnet, nachzufragen, welche Absichten er hat. Lässt er sich auf die Frage ein und gibt mir eine Antwort darauf, verbuche ich es zunächst als ehrlich und bringe ihm mehr Vertrauen entgegen. Gibt er mir keine Antwort, vermute ich, dass es eine aufgesetzte Freundlichkeit mit niederen Absichten war. Es ist möglich, dass ich durch diese Art manche Menschen verschrecke, aber ich versuche immer, meinen Standpunkt und meine Ängste zu erklären. Kommt der andere damit nicht klar, wird er mich nie verstehen, und diese Freundschaft oder dieser Kontakt macht dann keinen Sinn.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

DSCN3960

Advertisements