Schlagwort-Archive: Asperger und die Geduld

Der Stress mit dem Unvorhersehbaren

Der Stress mit dem Unvorhersehbaren

Es gibt Dinge, die sich selbst unter optimalen Lebensbedingungen nicht ändern, nämlich der Stress mit dem Unvorhersehbaren.
Ich kann gar nicht in Worten fassen, wie sehr ich unvorhersehbare Dinge verabscheue, ich meine Dinge, die mich aus meinem geplanten Alltag werfen. Besonders, wenn jemand meine Vorstellung von Arbeit durchkreuzt oder  verändert. Wo nur soll ich anfangen?

Mein Alltag sieht durch meine Arbeit als hauptberufliche Schreiberin immer etwas anders aus und doch hat er eine Art Struktur, die ich strengstens einhalte. Ich lege strenge Schreibphasen und sogenannte „Bürophasen“ ein, in denen ich die Verwaltung erledige, die zu meiner Arbeit gehört. Und doch existiert, wie bei jedem Menschen, auch eine zwangsläufige pragmatische und gesellschaftliche Existenz: Miete, Versicherungen, Auto, Internet, Einkauf…
Das sind die Dinge, die mich oft aus der Bahn werfen und mich sehr wütend machen. Kennt ihr die Briefe, in denen die Jahresabrechnungen für Strom, Gas, Wasser eintreffen und ihr seht direkt, dass damit etwas nicht stimmt? Oder ein unerwarteter Besuch kündigt sich plötzlich an, Internet macht Probleme und ein Fachmann muss her? Ein Arztbesuch, der nicht geplant aber nötig ist?
Es gibt viele solcher Situationen, die im Grunde als eine Art Kleinigkeiten von nicht autistischen Menschen wahrgenommen werden und einfach zum Alltag gehören. Also nicht weiter aufregend sind. Doch mich können sie derart aus dem Konzept bringen, dass ich den ganzen Tag über meine Arbeit nicht mehr erledigen kann. Es hat mit meinen Emotionen zu tun, die ich nicht gebremst bekomme. Ich kann „Ungeplantes“ in keine Schublade tun und die erst mal zuschieben, nein, es beschäftigt mich unentwegt, besonders wenn ich es nicht direkt lösen kann. Mittlerweile habe ich mir den Trick angewöhnt, bestimmte Briefe nicht direkt zu öffnen. Ich muss sie ein bis zwei Tage liegen lassen, um mich daran zu gewöhnen, dass etwas Außerplanmäßiges auf mich zukommt. Dann geht es. Ich muss diese Briefe in einem Moment der Ruhe öffnen, den ich nur habe, wenn meine Arbeit mit Zufriedenheit beendet ist. In dieser Zeit, ich nenne es mal Phase, fahren meine Emotionen nicht so hoch. Ich habe sie unter Kontrolle, weil sich mein Unterbewusstsein auf eine unangenehme Nachricht vorbereitet hat. Ich plane es also ein und damit verliert es die Wirkung, mich wütend zu machen.

Ähnlich geht es mir, wenn sich spontan Besuch ankündigt. Das bringt meinen ganzen Arbeitsalltag durcheinander. Meine Wut über mich, es nicht in den Griff zu bekommen, steigt. Ich kann mich einfach nicht mehr konzentrieren, weil ich die ganze Zeit damit beschäftigt bin, wie die soziale Interaktion ablaufen wird. Reagiere ich richtig? Habe ich alles gut vorbereitet? Habe ich genug Energie, um jemandem auch aufgeschlossen zu begegnen? Schaffe ich es, mein Unwohlsein auch gut zu kaschieren? Das alles sind Gedanken, die mich einnehmen und meinen Alltag außer Kontrolle bringen.

In meinem Kopf existieren Unmengen von Plänen und Abläufen, die ich im Vorfeld schon geregelt wissen will. Desto mehr ich mit Menschen in Kontakt trete, umso mehr werde ich aus dem Tritt gebracht. Das ist der Hauptgrund, weshalb ich in meinem näheren Umfeld keine Kontakte und Freunde mehr suche. Jeder neue bedeutet auch neue Verpflichtungen.

Mein liebster Alltag besteht darin, wenn mich niemand stört und ich meine Arbeit planmäßig erledigen kann. Meine Arbeit hängt mit meinem Spezialinteresse Psychologie und Schreiben zusammen. Wenn ich das geschafft habe, habe ich Energie gewonnen. Dann öffnet sich ein Zeitfenster, in dem ich genug „Ruhe“ habe, anderen zu begegnen. Aber die Entscheidung, es zu tun, muss spontan von mir kommen. Ich entscheide praktisch jede Stunde und Minute, wie groß meine Bereitschaft ist, anderen Menschen zu begegnen. Die meiste Zeit möchte ich jedoch gerne alleine für mich sein. Das lässt mich gut fühlen.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)
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Das Extreme, die Geduld und Pippi Langstrumpf

Das Extreme hat mich schon von Kindheit an fasziniert.
Pippi Langstrumpf zum Beispiel. Meine ersten Bücher! Sie ist ein Mädchen, das mit Extremen lebt, und das hat mir gut gefallen. Sie ist extrem stark, extrem lustig, extrem bunt, extrem mutig. Sie ist klar zu definieren und hat alles verkörpert, was mir Spaß machte. Sie lebt alleine in einer bunten Villa mit großem wildem Garten rundherum, kann singen, schreien, lachen und herumtanzen so viel sie will. Niemand stört sie oder fordert ihre Aufmerksamkeit ein. Sie schiebt ihre Möbel durch die Gegend, springt auf ihnen herum und schläft immer dort, wo es ihr gerade am Besten gefällt. Sie kennt keine Regeln außer ihren eigenen und besitzt eine eigene Klugheit in Bezug auf das Leben. Sie setzt sich über die Meinungen der anderen hinweg und trotzt ihnen mit witziger Taktik. Sie ist Alles oder Nichts. Sie liebt ihre Freunde Tommy und Annika, weil sie sie so nehmen, wie sie ist. Kinder eben. Die können so etwas. Pippi tut niemanden etwas zuleide, es sei denn, man ärgert sie.

Es ist natürlich klar, dass man ein solches Leben nicht in der Realität leben kann, aber es hat viele Ansätze, die ich mir wünschen würde. Eine gewisse Anpassung muss natürlich sein, aber zu viel Anpassung zerbricht mich. Ab einer gewissen Menge von Reizen und Erwartungen pfeift bei mir der „Hirnkanal“. Diese Menge ist erheblich geringer als bei Menschen ohne Autismus. Deswegen wirken Asperger empfindlicher und leiden viel schneller. Sie werden manchmal als Mimosen wahrgenommen, aber es ist ihre Andersverdrahtung im Gehirn, die viele Situationen im Leben schwieriger macht. Stress ist immer wieder ein großes Thema bei Aspergern. Er entsteht einfach schneller. Ich will mal ein Umkehrbeispiel nennen aus der Geschichte von Pippi Langstrumpf:

Pippi soll in die Schule gehen, will aber nicht, weil sie den Bedingungen dort nicht gewachsen ist. Sie kann nicht ruhig sitzen und nicht stundenlang schweigend dem Lehrstoff folgen, den Fräulein Prüsselius (Prüsselliese) – gespielt von Margot Trooger – lehrt. Also nimmt sie regelmäßig Reißaus. In diesem Fall erlitt nicht Pippi den Stress, sondern Fräulein Prüsselius, weil sich Pippi nicht in „ihre Vorstellungen“ einfügen lässt. Das ist also der umgekehrte Fall. Wenn Menschen ohne Autismus Stress erleiden, dann aus dem Grund, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen. Das ist normal. Das ist bei Aspergern genauso, nur, dass sie erheblich mehr Situationen erleben, an die sie sich einfach nicht anpassen können. Das hat mit Wollen nichts zu tun. Wenn mir die Hand zum Greifen fehlt, dann kann ich nicht greifen.
Was ich damit sagen will ist, dass jeder Mensch bei sich selbst anfangen sollte zu fragen, wie weit darf ich meine Erwartungen und Vorstellungen von anderen überhaupt einfordern? Wann ist der Andere am Ende seiner Kraft und kann meinen Vorstellungen nicht mehr entsprechen?

Das ist der Moment, in dem Asperger und NTs die Chance haben, aufeinander zuzugehen. In diesem Fall sind der Austausch und das Mitteilen sehr wichtig. Und genau das möchte ich mit diesen Beiträgen erreichen. Ich teile mich mit, um meine Probleme und Grenzen aufzuzeigen.

Meine Gefühlsskala kennt nur zwei Zahlen: 1 und 10. Ich bin entweder extrem wütend oder extrem lustig, extrem ruhig oder extrem aufgeregt, extrem still oder extrem unterhaltsam. Dazwischen gibt es nichts. Alles oder Nichts. Ich habe keine Grauzone. Mit fehlen die „Mittelverdrahtungen“. Geduld ist mir oft ein Fremdwort. Auf mich könnte das Sprichwort zutreffen: „Herr gib mir Geduld, aber sofort!“
Ich antworte zum Beispiel sehr schnell in Facebook, wenn ich mich über einen Beitrag freue. Ich muss dann geschwind meinen Senf dazugeben. Wenn ich mich entschließe, ein Zimmer zu renovieren, dann beginne ich schon am nächsten Tag. Will ich ein Zimmer verändern, schiebe ich fünf Minuten später alle Möbel durch die Gegend. Will ich spazieren gehen, mache ich es sofort. Kommt eine Email an, schreibe ich oft direkt zurück. Ich schiebe die Dinge nicht gerne auf, weil ich immer Angst habe, sie zu vergessen. Im Gegenzug kann ich Dinge, die mich total langweilen oder zu sehr anstrengen so lange aufschieben, bis ich sie vergessen habe. Auch hier zeigt sich kein gesundes Mittelmaß. Es hat nichts mit Disziplin zu tun, es hat etwas mit dem Stresspegel zu tun, der in mir unermesslich weit hochfahren kann. So hoch, dass ich vor lauter Erschöpfung die Dinge nicht regeln kann. Es ist keine Faulheit oder Bequemlichkeit und deswegen so schwer von NTs zu verstehen. NTs brauchen oft eine verständliche Bezeichnung für dieses Verhalten. Wie wäre es mit „Unfähigkeit“? Viele NTs sind zum Beispiel unfähig, den Spezialinteressen und dem damit verbundenem Wissen der Autisten das Wasser zu reichen. Viele Asperger sind große Spezialisten in Bereichen, die ihr Interesse wecken.
Jeder hat Unfähigkeiten und jeder hat andere Grenzen.

Es ist oft schwer mit mir mitzuhalten. Eine Idee wird bei mir schnell zu einer Tat. Ich kann mit Vorliebe die Dinge übereilen. Durch meine Ungeduld handele ich mir auch hin und wieder mächtig Ärger ein, weil ich nicht genug nachgedacht habe.

Auf der anderen Seite gibt es bei mir eine Art von Geduld, die unfassbar groß ist. Wenn mir eine Sache wichtig und richtig erscheint, kann ich über viele Jahre Geduld dafür aufbringen. Zum Beispiel meine Bücher. 1995 begann ich mit dem Bücherschreiben, ganz in dem festen Glauben, dass es eines Tages sehr wichtig für mich werden würde. Trotz unzähliger Rückschläge und Abraten von Freunden bin ich immer dran geblieben und habe mich nie vom Weg abbringen lassen. Heute habe ich vier Bestseller auf dem Büchermarkt, eine Nominierung für mein Erstlingswerk und einen Vertrag mit einem großen Buchverlag in der Tasche.

Dasselbe gilt für meine Kinder. Ich habe trotz massiver gesundheitlicher Einschränkungen (Krebs, Diabetes Typ I, Schilddrüsenüberfunktion) nie den Glauben verloren, dass sich jeder Kampf lohnt. Ich habe mir vorgenommen, meine Kinder ins Leben gehen zu sehen und habe es geschafft.

Leider gibt es bei mir keine gesunde „Mittelgeduld“. Entweder breche ich alles sofort ab oder ich halte sehr lange durch. Das Mittelmaß wäre wünschenswert und würde mir die Last des Extremen nehmen. Das Gefühl der Extreme ist sehr schwer auszuhalten, weil der Schlagabtausch zu gewaltig ist, aber ich kann meine Gefühle (Maß der Wahrnehmung und Empfindung) nicht kontrollieren. Entweder koche ich vor lauter Stress über, bin vor lauter Glück euphorisch oder vor lauter Aufmerksamkeit total erschöpft und antriebslos. Dieser Wechsel vollzieht sich für mich unkontrolliert und kann schnell in Angst und Depression führen.

Entspannung ist mir gänzlich fremd. Gelassenheit verspüre ich immer nur kurz.

Das Einzige, was mich in einem erträglichen Gefühlszustand hält ist das Schreiben. Es ist meine einzige Balance.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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