Schlagwort-Archive: Asperger und Angst

Wie erkläre ich anderen, dass ich eine Betroffene des Aspergers Syndrom bin?

Eine fast unlösbare Aufgabe.
Ich bin immer wieder darüber bestürzt, wie schwer es Betroffenen des Asperger Syndroms haben, sich mitzuteilen. Das ist entsetzlich! Wenn nicht gerade ein Arzt eine Diagnose stellt, mit der man es beweisen kann, steht der Betroffene ziemlich alleine da, denn in den meisten Fällen wird ihm nicht geglaubt.
Warum ist das so?

Ich denke, dass Asperger von Kindheit an durch eine gewisse Andersartigkeit aufgefallen sind, sie also von den Mitmenschen als ein wenig merkwürdig wahrgenommen wurden, weil sie andere Ansichten, Interessen oder Regeln haben. Ich als Betroffene kann folgendes dazu schreiben:

Im Grunde habe ich mein ganzes Leben lang versucht herauszufinden, was und warum bei mir so vieles anders ist. Da mein Spezialinteresse die Psychologie ist, stieß ich immer wieder auf Möglichkeiten, die ich in Erwägung zog. Ich erklärte mich ständig und das nervte die anderen. Aber Erklärungen sind für mich sehr wichtig, um mit mir klarzukommen. Alles, was ich nicht erklären kann, macht mir Angst.
So lieferte ich im Laufe der Zeit immer wieder Entschuldigungen und Erklärungen an meine Mitmenschen für mein merkwürdiges Verhalten, so dass ein gewisses misstrauisches Bild über mich entstand. Schon früh hörte ich „mit der stimmt doch was nicht“ oder „die ist immer so komisch“ oder „was hat sie denn jetzt für eine Erklärung“. Solche und andere Reaktionen quälten mich ein lange Zeit, so dass es mich oft in die Verzweiflung trieb. Dabei wollte ich mich doch nur selbst verstehen lernen.

Da meine Mutter und meine Großvater mütterlicherseits durch einen Suizid in einer Psychiatrie verstarben, lag für viele klar auf der Hand, dass ich genauso bekloppt bin wie sie. Ein schwere Bürde, die mich selbst fast zerstört hätte. Niemand fragte, weshalb ein Teil meiner Familie in einer Psychiatrie landete. Da wird oft die einfachste Erklärung genommen: Geisteskrankheit.
In meiner Familie gibt es keine „Geisteskrankheiten“, denn sie lebte völlig normal, durchstand den 2. Weltkrieg nur durch eine aufreibende Flucht und war danach mit großer Bürde gefordert, zu überleben. Harte Zeiten, die Spuren hinterlassen, aber sie haben es geschafft und sind ein anerkannter Teil der Gesellschaft geworden. Niemand sagte ihnen einen Geisteskrankheit nach. Aber es sind noch härtere Zeiten, wenn man gleichzeitig mit einer Wahrnehmungsstörung lebt, die niemand erkennt oder benennen kann. Also wird alles in eine Schublade gesteckt und „Geisteskrankheit“ zum Schluss genannt, weil derjenige am Ende seiner Kräfte ist.

Ich wuchs völlig normal auf, ja, sogar als Kind und Teenager sehr glücklich, und doch kann ich mich an viele Momente erinnern, die ich anders wahrgenommen habe. Das waren keine Dinge, die mit einer Geisteskrankheit nichts zu tun hatten, sondern die ich über 40 Jahre später als Anzeichen vom Asperger Syndrom fand. Als ich nach langer Suche endlich fündig wurde und es mit Erleichterung mitteilte, kam die erste Reaktion: „Du hast dich solange mit dieser Krankheit beschäftig, dass du dir nun einbildest, sie zu haben.“ Diese Aussage war ein Schlag ins Gesicht für mich! Nein, in mein Herz! Es blutete! Das Asperger Syndrom ist keine Kankheit!

Niemand nahm wahr, wie befreiend für mich diese Suche endete. Im Gegenteil, selbst eine meiner Ärztinnen erklärte mir, dass ich mir alles nur einbilde. Von meiner großen Mühe, alles immer zu kaschieren, wollte niemand etwas wissen. Das schürte meine Einsamkeit, der ich all die Jahre entkommen wollte. Diese und ähnliche Reaktionen schmissen mich tiefer als zuvor. Meine freudige Erwartung, endlich eine Erklärung für mich gefunden zu haben, konnte ich mit so gut wie niemandem teilen. Im Gegenteil, ich wurde noch misstrauischer beäugt. Die Hölle für mich! Dann die Erlösung, die Diagnose! Doch sie hob meine Enttäuschung vielen Menschen gegenüber nicht mehr auf.

Heute kann ich sagen, dass mir immer wieder Menschen begegnen, die genau das gleiche erlebt haben. Sie bringen endlich den Mut auf sich mitzuteilen, was schon schwer genug ist, und dann kommt diese bittere Enttäuschung. Das Leben wird schwerer, als es je zuvor war. Ist das kurios?
Da fordern uns viele NTs ständig auf, uns mitzuteilen und wenn wir es tun, wird über uns hergefallen. Kann den niemand begreifen, wie wichtig uns eine positive Reaktion ist? Oder glaubt man uns nur, wenn man dieses blöde Papier mit einer Diagnose in der Hand hat?

Ich möchte hier gerne festhalten, dass ich als Betroffene mich keineswegs mit AS identifiziere, sondern mich viele Jahre damit intensiv beschäftig habe, weil es zu meiner Suche nach meinem Ich galt. Ich stieß zufällig auf dieses Syndrom, was alles erklärte, was ich gesucht hatte. Typisch für mich ist es, mich erst mitzuteilen, wenn ich auch sicher bin. Ich bin „kein psychisch kranker“ Mensch, sondern jemand der immer auf der Suche nach der Wahrheit ist. Meine größte Suche war die nach mir selbst, weil ich so viele Menschen um mich habe, die einfach anders sind. Ich möchte meine Natur verstehen und mit ihr leben, mich nicht mehr für andere verbiegen. Ich muss auch jetzt noch um vieles kämpfen, um zu meinem Recht zu kommen, aber ich habe gelernt, mich nicht mehr mit den Menschen zu beschäftigen, die mich runterziehen oder nicht verstehen wollen. Das hat mich zu einer ganz neuen Form von Community geführt, in der ich mich sehr wohl fühle und verstanden werde. Sie setzt sich nicht nur aus Mitbetroffenen zusammen, sondern auch aus NTs, die mir offen, liebevoll und vor allen Dingen mit viel Verständnis begegnen. Die mir einfach glauben. Meine Suche hat sich gelohnt! Danke!

Aber ich möchte an dieser Stelle auch meine große Trauer denjenigen aussprechen, die sich das Leben genommen haben, weil ihnen nicht geglaubt wurde…

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Vom Wollen und nicht Können…

Ich habe mein Dasein immer schon mehr als Kampf anstatt als Leben empfunden. Ich habe immer noch das Gefühl, mir alles erkämpfen zu müssen. Vielleicht liegt es daran, dass bei mir kaum etwas intuitiv oder instinktiv passiert. Bei fast jeder Situation muss ich überlegen, ob ich sie kenne oder ob ich ihr gewachsen bin. Das fühlt sich oft an, als würden Engel und Teufel zugleich in mir wüten. Der Engel sagt: „Ich will das gerne“, aber der Teufel ruft: „Du kannst es aber nicht“. Was genau meine ich damit?

Bei dem Diagnosegespräch wurde ich gefragt, ob ich gerne mit anderen Menschen zusammen sein möchte und ich antwortete „ja“. Dabei ist das Wort „möchte“ in der Frage richtig zu deuten. Die Ärztin schrieb auf, dass ich gerne mit anderen Menschen zusammen bin. Falsch! Eines von den Fehlern, die gerne bei Diagnosegesprächen gemacht werden, denn ich „möchte“ wirklich viel in dieser Gesellschaft, aber ich kann es nicht. Dabei gehe ich mal näher auf das Wort „gerne“ ein.

Mir fehlt jede Beziehung zu dem Wort „gerne“, wenn es um gesellschaftliche Verpflichtungen oder Events geht. Ich mache nichts „gerne“, sobald ich in die Welt von mir fremden Situationen muss oder auf fremde Menschen stoße. In mir bildet sich Stunden, manchmal Tage, vorher ein Widerstand, der nur schwer auszuhalten ist. Es kippt meinen ganzen Alltag, weil ich nur gegen diesen Widerstand ankämpfe, es nicht zu können. Das fühlt sich wie ein Arztbesuch an, vor dem man Angst hat. Warum ist das so bei mir?

Ich mache so viele Dinge gerne! Wirklich! Ich schreibe gerne, ich lese gerne, ich wandere gerne, ich höre gerne Musik, ja, ich spiele sogar gerne auf meiner Gitarre. Aber… und das ist der Knackpunkt… bei mir stellt sich dieses Gefühl nur dann ein, wenn ich alleine bin. Kaum einer wird mich mit der Gitarre erleben, es sei denn, es galt früher dem Zweck, in Kindergruppen durch meinen Beruf als Erzieherin, Musik mit den Kinder zu machen. Oder wenn ich gezielt mit anderen Musikerfreunden spielte, was so gut wie gar nicht mehr stattfindet. Lesen und Schreiben kann ich gar nicht in Gegenwart anderer. Ist ein No-Go, weil sich meine Aufmerksamkeit immer direkt auf die Geräusche lenkt, die um mich herum sind. Dann verliere ich sofort den Faden.

Doch was will ich so gerne und kann es nicht?
-Ich will gerne unbeschwert auf fremde Menschen zugehen können, ohne Angst zu haben, dass ich etwas falsch mache oder falsch verstehe, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne unbeschwert mit Freunden zusammensitzen, ohne meine Persönlichkeit zu verbiegen, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne mit Freunden entspannt wandern gehen, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne bei Musikveranstaltungen unbeschwert die Musik hören, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne Termine mit Freunden machen, ohne mir ständig darüber Gedanken zu machen, ob ich mich auch angemessen verhalte, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne nicht immer das unangenehme Gefühl des Widerstands in mir spüren, wenn ich Termine habe, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne nicht immer das Gefühl in mir haben, immer und ständig um alles kämpfen oder bekämpfen zu müssen, kann es aber nicht.
– Ich will so gerne ehrlich meine Gefühle mitteilen, kann es aber nicht.

Die Liste könnte endlos fortgeführt werden. In mir findet einfach keine Besserung statt. Ist es das Ergebnis von vielen misslungenen Versuchen in all den Jahren? Ja, ich habe jahrzehntelang mit dem Spruch gelebt „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Aber er zieht bei mir nicht. Doch, er zieht schon irgendwie… er zieht mich runter. Immer wieder!

Nach über 50 Jahren habe ich beschlossen, mein Leben von Grund auf zu ändern. Wenn sich die Kämpfe in mir nicht einstellen, muss ich ihnen den Schauplatz nehmen, das heißt, ich muss einfach akzeptieren lernen, dass dieser Widerstand, etwas zu wollen und nicht zu können, ein fester Bestandteil meiner Persönlichkeit ist. Deswegen passe ich mich nicht mehr der Gesellschaft an, sondern ich passe die Gesellschaft an mich an. Dazu gehört die richtige Umgebung zum Leben und die Menschen und Veranstaltungen, die ich mit so wenig Widerstand wie möglich aushalten kann. Doch ganz wird der Widerstand nie verschwinden, aber ich bekomme ihn seitdem besser in den Griff und das Gefühl von Kampf ist erheblich weniger geworden, so dass mir mehr Energie bleibt, Gutes für mich zu tun.

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Diagnoseschwierigkeiten bei Mädchen und Frauen mit Asperger Syndrom

Dies ist kein Blog im üblichen Sinne, sondern nur ein Link zu einem Beitrag von Tony Attwood, einem Professor und führendem Arzt in den USA im Bereich Autismus. Er schrieb bereits viele erfolgreiche Bücher zum Thema Asperger Syndrom.

In diesem Beitrag geht es um das Anpassen von betroffenen Asperger Mädchen/Frauen an die Gesellschaft… das Leben außerhalb von passenden Diagnosekriterien. Der Mechanismus von Wahrnehmung und Imitation bis hin zur absoluten Unauffälligkeit. Tony Attwood plädiert für einen Asperger-Hausarzt, der körperliche Leiden bei Betroffenen viel schneller erkennt und handelt. Der übliche Hausarzt schickt leidende (oft  nicht diagnostizierte) Betroffene nur allzu schnell als Simulanten heim.

Der Beitrag ist leider in Englisch, aber wer es ein wenig versteht, wird wieder einmal feststellen, dass die Hilfeschreie vieler Frauen im späteren Alter nichts mit einer „Mode-Diagnose“ zu tun haben, sondern weil sie am Ende ihrer seelischen und körperlichen Kraft angelangt sind. Ihr über jahrzehnte kaschierter Autismus macht es ihnen schwer, sich richtig mitzuteilen und die Diagnose oder Hilfe zu bekommen, die ihnen zusteht. Ärzte und Krankenkassen müssen doch endlich darauf reagieren. Mittlerweile schreiben viele Betroffene nicht diagnostizierte Frauen Bücher darüber, weil die durch ihre Fähigkeit zu Anpassung durch das Rasta der Diagnosekriterien fallen. Auch viele Männer sind inzwischen betroffen.

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Seinem Ziel treu bleiben

Angeregt durch einen Blog zum Thema „Traumkiller“, kann ich kaum an mich halten, unendlich viel Wut in mir zu spüren. Aber auch Erleichterung und schlussendlich Glück! Träume und Wünsche aufzugeben, hat lange Zeit mein Leben bestimmt.

Jeder Mensch hat eine Vorstellung davon, was er kann, mag und sich wünscht. Punkt! Viele bemerken es recht früh, andere benötigen etwas mehr Zeit, um es herauszufinden. Sie müssen sich auf viele Wagnisse einlassen, um sich definieren zu lernen. Nun, wie auch immer. Aber jeder hat eine Kraft und Gabe in sich, die für sein Leben bestimmt ist. Es gibt keine Menschen ohne Begabung!

Es gibt allerdings genug Menschen, die deine Begabung anzweifeln!
Und damit zweifeln sie auch deine Wünsche und Ziele im Leben an. Entweder passt du nicht in das Bild dieser Menschen, was sie gerne von dir hätten oder sie möchten dich gerne für ihre eigenen Belange gewinnen.

Als spätdiagnostizierter Mensch mit Asperger Syndrom hatte ich mein ganzes Leben lang das Problem, genau das nicht filtern zu können. Ich entdeckte schon sehr früh mein Interesse an Büchern und dem Geschichteschreiben. Ja, es wurde fast hinderlich, noch nebenbei die Schule erledigen zu müssen. Mein Ziel im Leben stand schon sehr früh fest: Ich werde etwas in diese Richtung später machen.

Das war der Beginn, als sich vor mir unzählige Barrieren aufbauten. Stelle dir vor, du bist ein Hürdenläufer, der hunderte von Hürden vor sich hat, es aber noch nicht sieht, weil jede neue Hürde hinter einer Kurve steht. Wie lange, meinst du, kannst du es aushalten, bis du körperlich zusammenbrichst und aufgibst? Wochen, Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte?

Meine erste Hürde musste ich mit 10 Jahren überspringen, als man mich nicht in die Schule steckte, die ich mir für das Erreichen meiner Ziele wünschte. Also – Hops, drüber! Zwei Jahre später eine erneute Hürde. Noch mal in der Schule zurückgestuft. Also – Hops, drüber!
Ich weiß nicht, was sie hat, sagten viele. Vielleicht ist sie einfach nur dumm. Man sagte „Erzieherin“ ist das richtige für sie, nicht dieses blöde Schreiben, was sie immer macht. Also, ab in die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin. Hops, drüber!

Mit 19 Jahren wagte ich einen für alle befremdlichen Schritt. Ich wollte mich von allen Menschen entfernen, die mir diese Hürden vor die Füße bauten und düste in die USA. Luft holen, neue Kraft schöpfen und es noch einmal versuchen. Die Studios Hollywood besuchen und Drehbücher schreiben wurde mein neues Ziel. Und tatsächlich, ich durfte zu Dreharbeiten dazukommen und wurde ermutigt, mal eine spannende Geschichte zu schreiben. Dann der Schock, zu Hause in Deutschland gab’s große Probleme. Ich brach alles ab… und Hops, drüber über diese Hürde.
Der Krebs stoppte mich, und ich begann tatsächlich ein Buch zu schreiben. Und noch ein Buch! Ich eröffnete sogar einen Verlag, doch es passte so gar nicht in das Bild einer Mutter mit Kindern. Von allen Seiten hagelte es Zweifel, Vorwürfe, keine Zeit mehr zu haben und zum Schluss die größte Hürde überhaupt, eine weitere Autoimmunerkrankung: Ich warf all meine Wünsche im Leben hin. Also – Hops, drüber. Diese letzte Hürde war verdammt groß!

Mit 48 Jahren brodelten meinen Ziele immer noch in mir. Ich stand erneut vor einer Hürde und überlegte, ob ich überhaupt noch springen sollte. Als ich vom Asperger Syndrom hörte und begriff, dass ich eine Betroffene war, setzte sich plötzlich eine andere Sicht der Dinge bei mir in Gang:

Weshalb übersprang ich eigentlich immer die Hürden, die andere mir in den Weg stellten?
Warum baute man mir überhaupt so viele Barrieren ins Leben?
Ich tat es doch auch nicht bei anderen!

Antwort: Ich wollte mich anpassen, ich wollte doch nur dazugehören… nicht auffallen. All meine Bemühungen gingen immer nur darum, den anderen zu gefallen. Ich versteckte meinen Kummer solange, bis er mich versteckte.

Ich begann, mit meiner neuen Situation zu arbeiten. Die ließ keine Hürden mehr zu. Ich übersprang keine einzige Hürde mehr, sondern begann sie umzustoßen, weil sie mir im Weg standen.

Es wurde mir bewusst, dass ich so nicht weiterleben konnte, sondern musste konsequent die Menschen aus meinem Leben entfernen, die mir die Hürden vor meine Ziele und Wünsche stellten. Das tat ich, schweren Herzens und mit einer Leidenszeit, die ich aushalten musste. Solange, bis der Trennungsschmerz nachließ.

Heute kann ich sagen, arbeite ich erfolgreich mit meiner Begabung und kann sogar davon leben. Es ist genau das passiert, was mir niemand zugetraut hatte. Dabei hatte ich von klein auf gewusst, wo mein Weg liegt. Durch meine Art, die Welt anders wahrzunehmen, hegte ich immer Zweifel an mir und fühlte mich falsch. Sie wurden so stark, dass ich nur noch begann, das zu tun, was andere mir sagten. Meine Versuche, meinen Weg zu finden, scheiterte dadurch ständig.
Hätte ich früher gewusst, dass es mir so guttut, Hürden einfach wegzustoßen, wäre ich nicht die ganze Zeit darüber gesprungen und hätte so viel Energie vergeudet!

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Der Weg in die Unabhängigkeit

Die Abhängigkeit ist ein Zustand, der mir sehr viel Angst macht und doch muss ich mir eingestehen, niemals die völlige Unabhängigkeit zu erlangen. Dafür habe ich zu viele Baustellen, bei denen ich auf andere angewiesen bin. Aber das hindert mich nicht, mich in vielen Bereichen unabhängig zu machen.

Für mich ist es wichtig, auf so wenig Hilfe wie möglich im Leben angewiesen zu sein. Das beginnt schon bei banalen Alltagssituationen wie Wohnen und allen dazugehörigen Arbeiten. Ich kann meinen Alltag komplett allein organisieren und doch benötige ich Hilfe bei einigen technischen Angelegenheiten, weil ich überhaupt kein technisches Knowhow besitze. Alles, was ich mit dem Computer mache, musste ich unter großer Mühe lernen. Ich besitze kein Handy oder Smartphone und kann weder einen Fernseher noch ein Telefon programmieren. Der Stress, der dabei in mir entsteht, ist so groß, dass ich eher darauf verzichte, als es zu machen. Zur Not kann ich jedoch Fremdhilfe in Anspruch nehmen.

Was Menschen ohne Autismus oft alleine bewältigen, ist für mich immer eine große Errungenschaft. Wo ich mit Stolz auf meinen gut organisierten Haushalt schaue, zucken andere nur die Schultern. Na und? Das ist doch nichts besonderes. Doch, für mich schon! Es kostet mich viel Planung und Kraft, weil bei mir der natürliche Instinkt und die spontane Intuition nicht gut ausgeprägt sind.

Ich lege viel Wert darauf, andere nicht mit meinen Problemen zu belasten. Auch in diesem Bereich ist mir die Unabhängigkeit sehr wichtig. Es gibt mir ein gutes Gefühl, nicht in der Schuld anderer zu stehen, weil mir diese Abhängigkeit sehr zu schaffen macht. In mir spielt sich immer der Gedanke ab, wie ich dem anderen eine –Gegenleistung bieten könnte und müsste. Es setzt also einen Denkprozess in mir in Gang, den ich nicht ausblenden kann, auch wenn er nicht nötig ist.

Ich legte viel Wert darauf, unsere Kinder ohne die Hilfe anderer groß zu ziehen und doch genoss ich die Abhängigkeit des Einkommens meines Mannes in dieser Zeit. Ich verdiente zwar immer ein wenig dazu, doch es hätte niemals ausgereicht. Dafür erbrachte ich viele Gegenleistungen, erfüllte Ehrenämter und Hilfe in der Familie. In mir arbeitete ständig das Gefühl, nicht genug getan zu haben, dabei war es mehr als ausreichend, was ich leistete. Doch das bemerkte ich erst viele Jahre später. Heute bin ich sehr stolz auf meine damaligen Leistungen.

Heute bin ich auch finanziell unabhängig, weil unsere Kinder den Weg in ein eigenes Leben gefunden haben und ich beginnen konnte, meine eigenen beruflichen Ziele Stück für Stück umzusetzen. Das war und ist immer noch harte Arbeit, aber es gibt mir ein sehr gutes Gefühl. Ich fragte mich vor einigen Jahren, was ich gerne tun würde und genau das tat ich. Zu allen, die versuchten, mich davon abzuhalten, brach ich ganz langsam den Kontakt ab. Ich wollte mich nicht mehr von ihnen bestimmen lassen und somit abhängig machen.

Doch mit Unabhängigkeit meine ich auch etwas anderes.

Es ist die Gewissheit, auch alleine und unabhängig leben zu können, obwohl ich verheiratet bin. Der Gedanke, von meinem Mann abhängig zu sein, macht mir immer wieder große Angst. Es beginnt schon damit, dass er oft die gemeinsamen Fahrten mit dem Wagen übernimmt. Das habe ich geändert. Ich bin genauso in der Lage, große Strecken mit dem Wagen zu schaffen wie er. Das habe ich mir mühselig in den letzten Jahren beigebracht. Dabei musste ich anfangs gegen meine Angst arbeiten, weil ich durch die Gewohnheit immer abhängiger von meinem Mann wurde, obwohl er das nicht beabsichtigte. Er meinte und meint es immer gut, wenn er mir hilft, doch je älter ich werde, desto wichtiger erscheint mir die Unabhängigkeit.
Ebenso ergeht es mir bei bürokratischen Angelegenheiten, die ich immer öfter alleine regel, um die Beamtensprache besser zu verstehen. Das ist sehr anstrengend, aber es macht mir Angst, auch in diesem Bereich abhängig zu sein.

In den letzten Jahren, nachdem ich weiß, eine Betroffene des Asperger Syndroms zu sein, habe ich nach einem Zusammenbruch gelernt, mich aus den Fängen anderer Menschen zu befreien. Ihnen nicht mehr gefallen zu wollen oder ein Leben vorzugaukeln, das nicht meins ist. Der Zusammenbruch resultierte letztendlich aus dieser Abhängigkeit. Ich schwor mir, nie wieder um die Gunst oder die Aufmerksamkeit von Menschen zu buhlen, die meine Schwäche, nicht nein sagen zu können, ausnutzten. Die mich immer tiefer in die Abhängigkeit und damit in ein großes Schuldbewusstsein trieben.

Es ist nicht vielen Menschen mit Autismus gegeben, unabhängig zu leben, aber jeder kleine Baustein, den ich alleine für mein Leben dazugebe, ist ein Hochgenuss. Und jede Hilfe, mich so unabhängig wie möglich leben zu lassen, ist ein großes Glück für mich. Vielleicht bin ich auch einfach nur in der Lage, mein selbstständiges Leben viel mehr zu wertschätzen als andere, wenn man mich so sein lässt, wie ich bin. Jeder Mensch trägt eine Vollkommenheit in sich, die manchmal erst entdeckt werden muss… auch wenn er hin und wieder Hilfe braucht!

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Wenn ich den Überblick verliere

Den Überblick einer großen Sache zu behalten: Fehlanzeige!

Ich wurde einmal beim Diagnosegespräch gefragt, ob ich einen guten Gesamtüberblick über Dinge/Situationen habe. Ich verneinte sofort, denn ich bin schon seit jeher eine Detailseherin. In meiner Kindheit erhielt ich einen Fotoapparat, mit dem ich nicht wie andere große Landschaften fotografierte, sondern nur kleine Details. Blumen, Fenster, Laternen, Kamine…
Später begann ich natürlich auch Aufnahmen von größeren Landschaften zu machen, aber das hatte einen anderen Grund. Damals und auch heute schaue ich mir gerne meine Reisen und Ausflüge auf Fotos an, weil ich nie den Gesamtüberblick einer Stadt oder Gegend erhalte. Den verschaffe ich mir über Fotos. Manchmal bringe ich bis zu 1000 Fotos mit und sehe sie mir in aller Ruhe daheim an. Erst dann erfasse ich die gesamte Schönheit der Umgebung oder die Komplexität einer Stadt.

Als ich vor einigen Jahren Würzburg bereiste, sah ich nur die vielen schönen Details und Stuckarbeiten der wundervoll gebauten Häuser. Die Laternen auf der Brücke zur Festung Marienburg und die bunten Holzläden an den Fenstern der Marienburg. Erst später erfasste ich die gesamte Schönheit der Burg und der Stadt durch Bilder.

Große Städte machen mir Angst. Ich könnte niemals in einer großen Stadt leben. Ich erinnere mich, als wir als Familie 2007 nach Calgary/Alberta in Kanada auswanderten. Ich kannte die Millionenstadt nicht und als wir den Flughafen verließen und mitten durch diese wahnsinns Stadtmetropole fuhren, überkam mich eine immense Angst! Es fühlte sich an, als würden sich alle Angsthormone, die mein Organismus zu bieten hat, in meinem Kopf sammeln. Mir war heiß und kalt, ich zitterte und konnte nichts mehr wahrnehmen. Die absolute Reizüberflutung! Wir lebten dort nur 5 Monate, dann brach ich zusammen. Obwohl ich in dieser Zeit einen festen Weg zur Arbeit hatte, konnte ich ihn mir nie merken. Jeden Tag durchströmte mich die gleiche Angst, ob ich je wieder nach Hause finden würde. In dieser Zeit hatten wir noch kein Navi, sondern mussten uns mit Stadtkarten behelfen. Eine Katastrophe für mich. Der Stress wurde so groß, dass ich die Arbeitsstelle kündigen musste. Erst Monate später, als ich mir ein Fotobuch von Calgary ansah, bekam ich eine Idee von der Größe der Stadt, die ich nicht einen einzigen Tag während meiner Aufenthaltszeit überblickte.

Auch das Thema „Party“ fällt in den Bereich „den Überblick verlieren“ hinein. Ich bin nicht in der Lage, größere Partys oder Veranstaltungen zu überblicken. Es beginnt schon mit der Anzahl der Gäste, deren Namen ich mir einfach nicht merken kann. Nicht mal einen einzigen, außer ich kenne diese Person bereits länger. Gesichter sind gänzlich nicht zuzuordnen. Wenn mich jemand zweimal anspricht, kann es passieren, dass ich mich an das erste Mal nicht erinnere. Ich sehe aber die oft liebevoll hergerichtete Deko, die Kerzen, das wunderschön angerichtete Buffet. Kleinigkeiten, die die Atmosphäre erst gemütlich machen. Kleine Details bei der Verpackung von Geschenken… Das sind meine Blickpunkte.

Als ich früher in meiner großen Familie eine Feier veranstaltete und noch nichts von meinem Autismus wusste, stand ich oft tagelang vorher unter großem Stress. Immer wieder ging ich Details, Abläufe und Erledigungen durch. Es raubte mir die Nächte zuvor und Tage danach meine Energie. Eine Feier war immer Schwerstarbeit für mich. Ich konnte oft den Überblick nicht behalten und wurde hektisch oder gar aggressiv.

Die Technik ist eines der größten Desaster für mich in der heutigen Zeit. Ich habe schlichtweg überhaupt keinen Überblick mehr! Meide Technik woimmer es geht und bemerke, wie ich den Anschluss an die Welt da draußen verliere. Es beginnt am Bahnsteigautomat, also fahre ich keine Bahn. Ich gehe an keine elektronische Kasse und telefoniere niemals an einem öffentlichen Telefonding. Ich besitze auch kein Handy oder Smartphone, habe mir das telefonieren gänzlich abgewöhnt und bin nur daheim über Festnetz zu erreichen. Selbst dort habe ich keinen Anrufbeantworter an.

Am schlimmsten wurde es, als ich vor einigen Jahren den Überblick über mein Leben und meine Gesundheit verlor. Die Angst, die ich verspürte, war so groß, dass ich den Moment gekommen sah, etwas grundlegendes verändern zu müssen. Es war klar, dass ich den Rückschritt anstatt den Fortschritt wagen musste. Alles musste weniger und kleiner werden. Ich schaffte die großen Feiern ab, begann Partys und Veranstaltungen zu meiden, reduzierte meine Freunde und suchte mir einen Lebensraum in einer klitzekleinen Stadt in England in einem Nationalpark, in den ich in Kürze komplett hinziehen werde. Derzeit wohne ich noch in einer deutschen Kleinstadt, aber selbst die macht mir immer so zu schaffen, dass ich keine Märkte besuche oder einfach nur durch die City bummle. Weniger Menschen, weniger Reize und viel freundlichere Bedienungen sind mein Ziel. Ich liebe Städte, die nur eine kleine Straße als Zentrum haben. Dort kann ich alles überblicken und genießen. Ich liebe Geschäfte, die ihr Sortiment nicht ständig umräumen. Sobald sich meine Produkte nicht mehr am gewohnten Platz befinden, bricht in mir die Panik aus. Nur unter großem Stress muss ich mir alles neu zusammensuchen. Ich bekomme oft wochenlang keinen Überblick über das neue Sortiment. Es dauert sehr lange, bis ich alle Produkte und ihren Platz wieder auswendig gelernt habe.

Die Langsamkeit und die Überschaubarkeit sind nun meine Ziele im Leben geworden, die ich suche… und finde. Nur damit werde ich meinem Leben mit dem Asperger Syndrom gerecht!

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Und plötzlich war alles anders!

Heute noch mittendrin im Geschehen einer Großfamilie und dann der Zusammenbruch. Ganz plötzlich!
Hallo?, sagten die anderen, die keine Ahnung davon hatte, was mit mir los war. Ich hatte alles! Ja! Eine tolle Familie, einen liebenden Ehemann, tolle Kinder, Schwiegereltern, die mich liebten, Freunde, die mich mochten, keine Schulden und lebte in einem tollen Haus in einer gemütlichen Stadt in einer Gesellschaft, die mich anerkannte. Ich hatte alles erreicht.
Hallo?, fragt sich jetzt jeder. Mehr kann man im Leben doch nicht erreichen! Ich hatte mein Leben optimiert! Mein Leben? Oder war es das der anderen?

Andere Szene:
Ich stehe auf einer Party und fühle mich wie in einer Blase. Ich bin abgekapselt und doch mittendrin. Ich höre die anderen lachen und frage mich, wie alle so ausgelassen und fröhlich sein können. Mich stressen die vielen Stimmen, die Fragen, die auf mich einströmen, das künstliche Gelächter, die Komplimente, die gelogen sind und die vielen Nebengeräusche. Musik, die ich nicht mag und mich zusätzlich aggressiv macht. Doch ich lache mit, ich verteile Komplimente, die gelogen sind und fühle mich so deplatziert und falsch. Kann nicht aus meiner Blase heraus, sondern fühle mich abgetrennt von dieser Welt. Ich hasse es zu lügen und Dinge zu sagen, die einfach nicht stimmen. Doch was soll ich tun? Was bleibt mir? Zuhause falle ich in eine tiefe Erschöpfung, die zwei Tage von meiner Kraft frisst…

Andere Szene:
Ich stehe beim Arzt. „Sie haben Brustkrebs“, sagt er. „Sie brauchen eine Chemo und eine Bestrahlung. Aber das bekommen wir hin. Sie sind so positiv und fröhlich, das schaffen Sie.“
Einige Monate später:
Ich stehe wieder beim Arzt. „Sie haben Diabetes Typ 1. Sie müssen ab sofort Insulin spritzen. Aber das bekommen Sie hin. Sie haben so viel geschafft.“
Einige Jahre später.
Ich stehe wieder beim Arzt. „Sie haben Knoten an der Schilddrüse. Brauchen eine Radiojod-Bestrahlung. Aber das bekommen Sie hin. Sie haben ….“
Stop!

Warum arbeitete mein Körper ununterbrochen gegen mich? Was passierte zwischen meinem Verstand und meinem Körper? Sie waren über 30 Jahre lang voneinander abgetrennt. Arbeiteten nicht miteinander, sondern zerstörten sich gegenseitig. Der Körper war zugrunde gerichtet. Nun beginnt der Verstand.
Nun wieder zum Anfang:

Heute noch mittendrin im Geschehen einer Großfamilie und dann der Zusammenbruch. Ganz plötzlich!

Dann die Diagnose: Autismus.

Ich bleibe in meiner Blase, wohne darin. Immer. Wird auch so bleiben. Ich fühle mich der Welt nicht zugehörig. Aber die Partys hören auf. Vieles hört auf. Zum ersten Mal beginnt mein Verstand Kontakt zum Körper aufzunehmen. Es funktioniert. Der Körper stabilisiert sich, doch meine Krankheiten bleiben eine Art Mahnmal, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Ihr braucht mich nicht verstehen, denn Autismus ist schwer zu verstehen. Ihr braucht mich nur so zu nehmen, wie ich bin.
Wenn ich allein sein will, dann lasst mich allein.
Wenn ich nicht auf eine Feier will, dann ladet mich nicht ein.
Wenn ich Shopping-Malls meide, dann fragt mich nicht, ob ich mitkommen will.
Holt mich nicht immer in eine Welt, die ich nicht verstehe.

Ich kann nicht „nein“ sagen und überschreite ständig meine Grenzen. Will es allen recht machen. Aber ich hege die Hoffnung, dass immer mehr Menschen mich verstehen lernen und das viele Fragen aufhören. Wenn ich etwas möchte und die Kraft dazu habe, dann melde ich mich…

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