Schlagwort-Archive: Asperger Syndrom und die Familie

Wenn ich den Überblick verliere

Den Überblick einer großen Sache zu behalten: Fehlanzeige!

Ich wurde einmal beim Diagnosegespräch gefragt, ob ich einen guten Gesamtüberblick über Dinge/Situationen habe. Ich verneinte sofort, denn ich bin schon seit jeher eine Detailseherin. In meiner Kindheit erhielt ich einen Fotoapparat, mit dem ich nicht wie andere große Landschaften fotografierte, sondern nur kleine Details. Blumen, Fenster, Laternen, Kamine…
Später begann ich natürlich auch Aufnahmen von größeren Landschaften zu machen, aber das hatte einen anderen Grund. Damals und auch heute schaue ich mir gerne meine Reisen und Ausflüge auf Fotos an, weil ich nie den Gesamtüberblick einer Stadt oder Gegend erhalte. Den verschaffe ich mir über Fotos. Manchmal bringe ich bis zu 1000 Fotos mit und sehe sie mir in aller Ruhe daheim an. Erst dann erfasse ich die gesamte Schönheit der Umgebung oder die Komplexität einer Stadt.

Als ich vor einigen Jahren Würzburg bereiste, sah ich nur die vielen schönen Details und Stuckarbeiten der wundervoll gebauten Häuser. Die Laternen auf der Brücke zur Festung Marienburg und die bunten Holzläden an den Fenstern der Marienburg. Erst später erfasste ich die gesamte Schönheit der Burg und der Stadt durch Bilder.

Große Städte machen mir Angst. Ich könnte niemals in einer großen Stadt leben. Ich erinnere mich, als wir als Familie 2007 nach Calgary/Alberta in Kanada auswanderten. Ich kannte die Millionenstadt nicht und als wir den Flughafen verließen und mitten durch diese wahnsinns Stadtmetropole fuhren, überkam mich eine immense Angst! Es fühlte sich an, als würden sich alle Angsthormone, die mein Organismus zu bieten hat, in meinem Kopf sammeln. Mir war heiß und kalt, ich zitterte und konnte nichts mehr wahrnehmen. Die absolute Reizüberflutung! Wir lebten dort nur 5 Monate, dann brach ich zusammen. Obwohl ich in dieser Zeit einen festen Weg zur Arbeit hatte, konnte ich ihn mir nie merken. Jeden Tag durchströmte mich die gleiche Angst, ob ich je wieder nach Hause finden würde. In dieser Zeit hatten wir noch kein Navi, sondern mussten uns mit Stadtkarten behelfen. Eine Katastrophe für mich. Der Stress wurde so groß, dass ich die Arbeitsstelle kündigen musste. Erst Monate später, als ich mir ein Fotobuch von Calgary ansah, bekam ich eine Idee von der Größe der Stadt, die ich nicht einen einzigen Tag während meiner Aufenthaltszeit überblickte.

Auch das Thema „Party“ fällt in den Bereich „den Überblick verlieren“ hinein. Ich bin nicht in der Lage, größere Partys oder Veranstaltungen zu überblicken. Es beginnt schon mit der Anzahl der Gäste, deren Namen ich mir einfach nicht merken kann. Nicht mal einen einzigen, außer ich kenne diese Person bereits länger. Gesichter sind gänzlich nicht zuzuordnen. Wenn mich jemand zweimal anspricht, kann es passieren, dass ich mich an das erste Mal nicht erinnere. Ich sehe aber die oft liebevoll hergerichtete Deko, die Kerzen, das wunderschön angerichtete Buffet. Kleinigkeiten, die die Atmosphäre erst gemütlich machen. Kleine Details bei der Verpackung von Geschenken… Das sind meine Blickpunkte.

Als ich früher in meiner großen Familie eine Feier veranstaltete und noch nichts von meinem Autismus wusste, stand ich oft tagelang vorher unter großem Stress. Immer wieder ging ich Details, Abläufe und Erledigungen durch. Es raubte mir die Nächte zuvor und Tage danach meine Energie. Eine Feier war immer Schwerstarbeit für mich. Ich konnte oft den Überblick nicht behalten und wurde hektisch oder gar aggressiv.

Die Technik ist eines der größten Desaster für mich in der heutigen Zeit. Ich habe schlichtweg überhaupt keinen Überblick mehr! Meide Technik woimmer es geht und bemerke, wie ich den Anschluss an die Welt da draußen verliere. Es beginnt am Bahnsteigautomat, also fahre ich keine Bahn. Ich gehe an keine elektronische Kasse und telefoniere niemals an einem öffentlichen Telefonding. Ich besitze auch kein Handy oder Smartphone, habe mir das telefonieren gänzlich abgewöhnt und bin nur daheim über Festnetz zu erreichen. Selbst dort habe ich keinen Anrufbeantworter an.

Am schlimmsten wurde es, als ich vor einigen Jahren den Überblick über mein Leben und meine Gesundheit verlor. Die Angst, die ich verspürte, war so groß, dass ich den Moment gekommen sah, etwas grundlegendes verändern zu müssen. Es war klar, dass ich den Rückschritt anstatt den Fortschritt wagen musste. Alles musste weniger und kleiner werden. Ich schaffte die großen Feiern ab, begann Partys und Veranstaltungen zu meiden, reduzierte meine Freunde und suchte mir einen Lebensraum in einer klitzekleinen Stadt in England in einem Nationalpark, in den ich in Kürze komplett hinziehen werde. Derzeit wohne ich noch in einer deutschen Kleinstadt, aber selbst die macht mir immer so zu schaffen, dass ich keine Märkte besuche oder einfach nur durch die City bummle. Weniger Menschen, weniger Reize und viel freundlichere Bedienungen sind mein Ziel. Ich liebe Städte, die nur eine kleine Straße als Zentrum haben. Dort kann ich alles überblicken und genießen. Ich liebe Geschäfte, die ihr Sortiment nicht ständig umräumen. Sobald sich meine Produkte nicht mehr am gewohnten Platz befinden, bricht in mir die Panik aus. Nur unter großem Stress muss ich mir alles neu zusammensuchen. Ich bekomme oft wochenlang keinen Überblick über das neue Sortiment. Es dauert sehr lange, bis ich alle Produkte und ihren Platz wieder auswendig gelernt habe.

Die Langsamkeit und die Überschaubarkeit sind nun meine Ziele im Leben geworden, die ich suche… und finde. Nur damit werde ich meinem Leben mit dem Asperger Syndrom gerecht!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
DSCN3960

Werbeanzeigen

Und plötzlich war alles anders!

Heute noch mittendrin im Geschehen einer Großfamilie und dann der Zusammenbruch. Ganz plötzlich!
Hallo?, sagten die anderen, die keine Ahnung davon hatte, was mit mir los war. Ich hatte alles! Ja! Eine tolle Familie, einen liebenden Ehemann, tolle Kinder, Schwiegereltern, die mich liebten, Freunde, die mich mochten, keine Schulden und lebte in einem tollen Haus in einer gemütlichen Stadt in einer Gesellschaft, die mich anerkannte. Ich hatte alles erreicht.
Hallo?, fragt sich jetzt jeder. Mehr kann man im Leben doch nicht erreichen! Ich hatte mein Leben optimiert! Mein Leben? Oder war es das der anderen?

Andere Szene:
Ich stehe auf einer Party und fühle mich wie in einer Blase. Ich bin abgekapselt und doch mittendrin. Ich höre die anderen lachen und frage mich, wie alle so ausgelassen und fröhlich sein können. Mich stressen die vielen Stimmen, die Fragen, die auf mich einströmen, das künstliche Gelächter, die Komplimente, die gelogen sind und die vielen Nebengeräusche. Musik, die ich nicht mag und mich zusätzlich aggressiv macht. Doch ich lache mit, ich verteile Komplimente, die gelogen sind und fühle mich so deplatziert und falsch. Kann nicht aus meiner Blase heraus, sondern fühle mich abgetrennt von dieser Welt. Ich hasse es zu lügen und Dinge zu sagen, die einfach nicht stimmen. Doch was soll ich tun? Was bleibt mir? Zuhause falle ich in eine tiefe Erschöpfung, die zwei Tage von meiner Kraft frisst…

Andere Szene:
Ich stehe beim Arzt. „Sie haben Brustkrebs“, sagt er. „Sie brauchen eine Chemo und eine Bestrahlung. Aber das bekommen wir hin. Sie sind so positiv und fröhlich, das schaffen Sie.“
Einige Monate später:
Ich stehe wieder beim Arzt. „Sie haben Diabetes Typ 1. Sie müssen ab sofort Insulin spritzen. Aber das bekommen Sie hin. Sie haben so viel geschafft.“
Einige Jahre später.
Ich stehe wieder beim Arzt. „Sie haben Knoten an der Schilddrüse. Brauchen eine Radiojod-Bestrahlung. Aber das bekommen Sie hin. Sie haben ….“
Stop!

Warum arbeitete mein Körper ununterbrochen gegen mich? Was passierte zwischen meinem Verstand und meinem Körper? Sie waren über 30 Jahre lang voneinander abgetrennt. Arbeiteten nicht miteinander, sondern zerstörten sich gegenseitig. Der Körper war zugrunde gerichtet. Nun beginnt der Verstand.
Nun wieder zum Anfang:

Heute noch mittendrin im Geschehen einer Großfamilie und dann der Zusammenbruch. Ganz plötzlich!

Dann die Diagnose: Autismus.

Ich bleibe in meiner Blase, wohne darin. Immer. Wird auch so bleiben. Ich fühle mich der Welt nicht zugehörig. Aber die Partys hören auf. Vieles hört auf. Zum ersten Mal beginnt mein Verstand Kontakt zum Körper aufzunehmen. Es funktioniert. Der Körper stabilisiert sich, doch meine Krankheiten bleiben eine Art Mahnmal, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Ihr braucht mich nicht verstehen, denn Autismus ist schwer zu verstehen. Ihr braucht mich nur so zu nehmen, wie ich bin.
Wenn ich allein sein will, dann lasst mich allein.
Wenn ich nicht auf eine Feier will, dann ladet mich nicht ein.
Wenn ich Shopping-Malls meide, dann fragt mich nicht, ob ich mitkommen will.
Holt mich nicht immer in eine Welt, die ich nicht verstehe.

Ich kann nicht „nein“ sagen und überschreite ständig meine Grenzen. Will es allen recht machen. Aber ich hege die Hoffnung, dass immer mehr Menschen mich verstehen lernen und das viele Fragen aufhören. Wenn ich etwas möchte und die Kraft dazu habe, dann melde ich mich…

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
DSCN3960

Das Phänomen Schlafstörung

Schwer auszuhalten, kann ich nur sagen.

Schon als Kind und Jugendliche hatte ich einen unregelmäßigen Schlaf. Als kleines Kind wurde ich oft von Albträumen geweckt und hatte regelrechte Fieberzustände, die aber kein Fieber waren. Als Schülerin lernte ich Schreiben und nutzte die Nachtzeit, um Geschichten zu verfassen. Zudem schrieb ich oft Tagebuch.
In dieser Zeit kam der mangelnde Schlaf tagsüber kaum zur Geltung. Es verging kaum eine Nacht, in der ich vor vier Uhr einschlief. Es machte mir einfach nichts aus. Es gab Zeiten, in denen schlief ich nur von vier bis sechs Uhr am Morgen. Danach war ich putzmunter und voller Energie und nahm es deswegen überhaupt nicht als eine Schlafstörung wahr. Meine Mutter war immer sehr besorgt und versuchte, einen Schlafrhythmus in mich hineinzubringen, doch sie schaffte es nicht. Und doch, wenn ich heute über diese Zeit nachdenke, fällt mir etwas auf, was ich gerade wieder erlebe. Es gab und gibt immer wieder Nächte, in denen ich tief und fest durchschlafe. Wie kann das sein und was löst diesen erholsamen Schlaf plötzlich aus? Nun kann man sagen: okay, irgendwann holt sich der Körper den Schlaf, den er braucht. Nein, nein, damit hatte es wenig zu tun. Es handelt sich bei mir um ein völlig anderes Phänomen, was ich gerade wieder erlebe! Ich versuche es zu schildern:

Sobald ich Menschen und Geräusche um mich habe, löst es bei mir eine Aufmerksamkeit aus. Aber nicht nur eine kleine, wie es bei NTs der Fall ist, nein, ich fahre direkt auf Hochtouren. Bei mir sind direkt alle Synapsen auf Empfang geschaltet und startbereit zum zünden! Auch die kleinsten Vorfälle, die von vielen ignoriert werden, landen bei mir in der Kammer der vollen Aufmerksamkeit. Mir fehlt der Filter für das Unwichtige. Bei mir ist alles wichtig. Je mehr Menschen und Geräusche ich um mich habe, je mehr Gas muss mein Hirn geben. Ich nehme alles wahr! Alles! Deswegen kann ich öffentliche Plätze oft kaum aushalten. Manchmal fährt mein Gehirn den ganzen Tag über im Vollgas, obwohl gar nichts Dramatisches oder Beunruhigendes passiert ist. Was ist das nur? Warum kann ich bei unwichtigen Dingen nicht einfach mal abschalten und mich erholen? Ich denke, das ist eines der ungelösten Geheimnisse des Autismus‘. In diesem Moment wird der Rückzug wichtig. Wenn ich keine Rückzugsmöglichkeit habe, kann ich den Motor im Gehirn nicht abschalten. Das kuriose ist gleichzeitig, dass mein Rückzug so aussieht, dass ich mich mit meinem Spezialthema intensiv in einem ruhigen Raum beschäftige. Werde ich dabei gestört, werde ich echt grantig! Menschen, die keinen Autismus haben, würden sagen: Aber dieses intensive Arbeiten mit dem Spezialthema ist doch viel anstrengender, als in einem Cafè zu sitzen und Kaffee zu trinken. Nicht bei mir! Bei mir ist es genau umgekehrt. Das zurückgezogene Arbeiten entspannt mich mehr als jede Freizeitbeschäftigung eines NTs.

Nun betrachte ich einmal meinen Tag:
Wenn ich tagsüber alleine bin und in Ruhe arbeiten kann, finde ich Nachts in einen guten Schlaf hinein. Ich stelle es mir so vor: In meinem Gehirn befindet sich Hirnwasser, dass sich zu drehen beginnt, sobald ich aktiv werde und Reize aufnehme. Je mehr Reize ich aufnehme, je schneller dreht sich das Hirnwasser. Es kommt also richtig in Fahrt.
Wenn ich nun den ganzen Tag von Menschen und Reizen umgeben bin, auch wenn der Tag noch so ruhig war, spüre ich eine enorme Drehzahl im Kopf. Es fühlt sich wie Hitze an. Und dann kommt die Nacht. Das Hirnwasser kann nicht so schnell stoppen, weil es zu stark auf Touren läuft. Die Gedanken, die sich darin durch die Reize tummeln, drehen sich also weiter und es dauert oft stundenlang, bis ich zur Ruhe komme. Besonders stark bemerke ich es nach abendlichen Veranstaltungen oder Partys, die ich nur mit großer Mühe durchstehe. Oder wenn ich den ganzen Tag hindurch mit Menschen zusammen sein muss.

Je älter ich werde, desto offensichtlicher zeigt sich dieses Phänomen. Als Jugendliche nahm ich es nicht wahr.

Die einzige Möglichkeit, einen erholsamen und langen Schlaf zu finden, ist also die Vermeidung von Reizen. Da ich keinen gut funktionierenden Filter dafür besitze, muss ich mir die reizfreie Umgebung schaffen, mitunter auch erzwingen, was nicht immer allen gefällt. Ich muss mich also auch von Menschen befreien, die ich im Grunde gerne um mich habe.
Das bringt mich oft in einen Konflikt. Ich sehne mich nach Kontakten und leide gleichzeitig unter ihnen. Das ist in einer Partnerschaft sehr schwer. Gemeinsamer Urlaub ist für mich zum Beispiel Höchstarbeit, weil ich den ganzen Tag mit meinem Partner verbringe und ihm Aufmerksamkeit schenke. Ebenso gemeinsame Ausflüge. Ganz zu schweigen von Wochenenden. Das ist richtig anstrengende Arbeit für mich!

Seit meine Kinder ausgezogen sind, geht es mir viel besser, obwohl meine Kinder keine Schuld tragen. Ich liebe sie sehr, aber ich bemerke auch, wie gut es gerade ihnen tut, ebenfalls von den Reizen, die ein Familienleben mit sich bringt, befreit zu sein. Nun arbeite ich an einer Balance zwischen meinem Ehepartner und mir. Es bedarf einer großen Ehrlichkeit und Toleranz, um einen Tagesablauf zu finden, der beiden guttut.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
DSCN3960

Stalken – fühlen sich Autisten schneller gestalkt als NTs?

Diesen Begriff kennen alle und verbinden kriminelle Handlungen damit. Ich auch. Es ist kriminell, wenn ein Mensch den anderen bedroht, ihn erpresst, ihm nachstellt und schlimme Ängste in ihm hervorruft. Es entstehen Todesängste.

Nun, ich habe nie in meinem Leben jemanden bedroht, ihn erpresst, ihm nachgestellt, doch ich habe einmal schlimme Ängste in einem Menschen hervorgerufen und bin daraufhin mit dem Begriff „stalken“ konfrontiert worden. Ich war geschockt! Noch nie war mir in den Sinn gekommen, dass ich stalke. Es hat mich monatelang emotional zu Boden gerissen. Was war passiert?

Etwas, womit ich nie gerechnet hätte.
Ich lege großen Wert darauf, zu allen Menschen, die mir freundlich begegnen, mit der gleichen Freundlichkeit zu antworten. Als Autistin weiß ich aber manchmal nicht wirklich, wo die Grenze der Freundlichkeit endet und wann es aufdringlich wird. Oder missverständlich. Grenzen erkennen ist eines meiner größten Probleme.
Wie viele, die in Facebook mit mir befreundet sind, wissen, antworte ich immer gerne auf Kommentare oder nehme gerne an Internetdiskussionen teil. Das klappt gut. Da kann ich entscheiden, wie lange ich für eine Antwort brauche und wann ich mich ausklinke. Zu manchen habe ich auch Kontakt per Email.

Als ich noch nichts von Autismus und dem Asperger Syndrom wusste, kam über meine private Facebookseite ein alter Kontakt zustande, der mich sehr freute. Wir tauschten sofort alles aus, was sich in den letzten 30 Jahren in unserem Leben zugetragen hatte. Ich bemerkte, dass wir einige Interessen teilten und schrieb mit großer Freude immer zurück. Er teilte mir mit, dass er das Asperger Syndrom habe und ich besorgte mir sofort das erste Buch darüber, um besser mit diesem Menschen kommunizieren zu können. Durch das Lesen dieses Buches kam ich allmählich dahinter, dass ich auch eine Betroffene sein könnte. Ich begann dem anderen viele Fragen zu stellen. Und das brachte mich in eine fatale Situation. Während ich mit Freude und Freundlichkeit Interesse an dem Asperger Syndrom bekundete, empfand der andere es wohl als Annäherung oder Aufdringlichkeit. Ich erkannte nicht seine Grenze. Er brach den Kontakt in FB ab und erst nach mehrmaligen Anfragen, was passiert sei, bekam ich eine bitterböse Email, ich sei ein Stalkerin.
Diese Nachricht fühlte sich an, als habe mich jemand außer Betrieb gesetzt. Ich soll eine Stalkerin sein? Ich konnte monatelang nicht auf diesen Vorwurf reagieren, war zutiefst verletzt und betrachtete den Kontakt als absolut zerbrochen.

Stalken.
Wann beginnt ein Autist, sich gestalkt zu fühlen?
Ich las im großen Buch von Tony Attwood nach:
„Während die Person mit Asperger Syndrom den Ausdruck von Liebe auf einem niedrigen Level genießt und selbst ausdrücken kann, kann es zu Problemen kommen, wenn derjenige sich in seiner Jugend oder als junger Erwachsener in jemanden „verguckt“. Dann kann der Ausdruck der Liebe und die Handlungen, mit denen Zuneigung ausgedrückt werden, zu intensiv sein. Die nett gemeinten Handlungen eines anderen können so interpretiert werden, dass mehr in sie hineingelesen wird, als mit ihnen gemeint war. Die beeinträchtigten Theory-of-Mind-Fähigkeiten können dazu führen, dass die Person mit Asperger Syndrom annimmt, dass die andere Person sich ebenfalls verliebt hat und dass sie ihr dann folgt und weiter mit ihr reden will. Das kann dazu führen, dass man ihr Stalking vorwirft.“

Damit hatte ich eine Erklärung und versuchte den Kontakt wieder herzustellen. Und tatsächlich, es gelang. Ich erfuhr auch, dass diese Missinterpretation dem anderen leid tat. Doch dann setzte sich bei mir etwas anderes in Gang. Ich bekam Angst, diesem Menschen weiterhin freundlich zu begegnen. Stellte mir die Frage, wann er sich wieder gestalkt fühlt und wann nicht. Wann war eine Frage aufdringlich, wann nicht? Ich brach von meiner Seite den Kontakt ab, doch er kam nach wenigen Monaten wieder zustande. Ich war immer noch derart verunsichert, dass ich nie wieder zu der alten Gelassenheit zurückfand und brach erneut ab. Ich kann diesen Vorfall einfach nicht einsortieren. Ich weiß einfach nicht mehr, wo jetzt die Grenze sein soll. Vergeben und Vergessen funktioniert bei mir nicht.

Fühlen sich Autisten schneller gestalkt als NTs?
Dass bei Autisten das Gefühl von stalken schneller zustande kommt, kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Es gab auf meiner FB-Seite einen Vorfall, der mir äußerst unangenehm war. Da begann ein neuer Kontakt plötzlich, für mich aufdringliche Bemerkungen auf meine Chronik zu posten. In mir entstand direkt das Gefühl, einen Stalker an Land gezogen zu haben. Das machte mir Angst. Doch dann erinnerte ich mich an diesen besagten Vorfall. Wie schnell sich der andere durch mich verfolgt gefühlt hatte. Ich beschloss, diesem aufdringlichen Kontakt meine Ängste zu erklären. Dass er diese Postings bitte aufhören solle. Würde er reagieren? Vielleicht wollte er auch nur freundlich sein. Und tatsächlich, es kam eine große Entschuldigung zurück und die Postings hörten auf. Der Kontakt besteht bis heute in einer Form von Respekts, die ich gut aushalten kann und bin froh, so besonnen reagiert zu haben.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen)
DSCN3960

Die Angst vor dem Alleinsein

Seit einigen Tagen beschäftigt mich dieses Thema wieder, weil ich von anderen Betroffenen des Asperger Syndroms von dieser Angst lese. Es sind Menschen, die stehen in einer intimen Partnerschaft zu einem Menschen – Ehe oder Freundschaft.

Da ich diese Angst kenne, kann ich auch die Nöte nachvollziehen, die sie mit sich bringen.

Wie war das bei mir mit der Angst vor dem Alleinsein?
War es nicht eher die Angst vor dem Verlassenwerden?

Nun, ich bin seit 31 Jahren verheiratet und habe diese Angst zum ersten Mal verspürt, als mir bewusst wurde, dass ich eine Betroffene des Asperger Syndroms sein könnte. Was hat diese Angst ausgelöst?

Durch die Anpassung an die Gesellschaft über viele Jahre, habe ich mich nie mit mir und meinen Gefühlen beschäftigt, sondern alles hingenommen, wie es war und war immer bemüht, mich bestmöglich zu zeigen. Keine Frage, ob es mir gefällt oder ob ich es mag. Selbstaufgabe als Aufgabe, in der Gesellschaft zu existieren.

Als ich vor knapp vier Jahren begann, über das Asperger Syndrom erstmals zu lesen und die ersten Infos einzuholen, setzte sich in mir parallel zur Erleichterung auch eine Angst in Gang, die ich nicht kannte. Ich las plötzlich von Schwächen, die ich nie an mir wahrgenommen habe, weil ich sie mit Bravour bislang kaschierte. Nun lagen sie vor mir: all die Dinge die ich mit großer Anstrengung bewältigte und im Grunde doch nie beherrschte. Bereiche, die ich glaubte zu überblicken, die ich jedoch nie überblickte. Die große Anstrengung als Motor, nicht unter zu gehen. Nach über 30 Jahren war mein Motor jedoch plötzlich defekt. Er war verschlissen, abgenutzt und nicht mehr zu reparieren. Ich besaß nur noch die verbeulte Karosserie – die Hülle, den Körper.
Das war der Moment, in dem sich die Angst zum ersten Mal zeigte. Ich begegnete mir selbst mit der schmerzhaften Feststellung, dass ich Hilfe brauchte. Endlich! Ich war in der Lage, um Hilfe zu bitten. Gleichzeit fühlte ich mich den Menschen ausgeliefert. Und genau das hat eine riesengroße Angst in mir ausgelöst. Ich war plötzlich abhängig. Ich hasse Abhängigkeit!
Obwohl ich fast mein ganzes Leben lang von anderen Menschen abhängig war, weil ich es ihnen immer Recht zu machen versuchte, erkannte ich plötzlich eine andere Abhängigkeit:

Was, wenn die anderen erfahren würden, dass ich autistisch bin? Wie werden sie reagieren, mich sehen, empfinden oder, werden sie mich überhaupt noch akzeptieren?

Damit begann die Angst vor dem Verlassenwerden in mir hochzukriechen. Ich hegte keinerlei Absichten, mich von meinem Partner, meiner Familie oder den Freunden zu trennen, doch ich erkannte, dass ich viel mehr Entlastung, Rückzug und Ruhe brauchte, als ich bisher eingefordert hatte. Was würden diese Bitten bei den anderen auslösen?

Als ich Krebs hatte, war die Bitte nach mehr Ruhe klar zu erkennen. Krebs ist sichtbar. .., aber Autismus?

Wie sollten die anderen nun einen unsichtbaren Grund erkennen? Wie sollte ich erklären, dass ich die ganze Zeit eine Rolle gespielt hatte, von der ich nicht wusste, dass ich sie spielte, weil mir die Anstrengung so normal vorkam.

Ich war ab dem Moment, als ich mitteilte, mein Leben ändern zu müssen, allen Menschen um mich herum zunächst ausgeliefert. Das löste eine enorme Angst in mir aus! Mit den Entscheidungen und Meinungen der anderen fiel oder stieg ich auf. DACHTE ICH! Die anderen entscheiden, was aus mir wird. DACHTE ICH!
Das löste eine Depression mit starken Schlafstörungen in mir aus. Und tatsächlich, die ersten wichtigen Menschen um mich herum begannen sich zurückzuziehen oder mich nicht zu verstehen. Nur wenige fragten nach oder interessierten sich für meine „neuen“ Probleme. Und wenn ich versuchte, sie zu erklären, fühlte ich mich abgewürgt oder missverstanden. Viele versuchten meine Argumente zu entkräften und baten mich darum, einfach so weiter zu machen wie bisher. Ein Teufelskreis! Den musste ich durchbrechen. Ich musste direkt in meine Angst, verlassen zu werden, hineinarbeiten und tat es. Das war ein hartes Stück Arbeit und Überwindung!

Ich verreiste zum ersten Mal alleine und suchte die Einsamkeit. Ich suchte mich und meine Wünsche und Sehnsüchte. Ich war nicht in der Lage, in meinem bisherigen Alltag darüber nachzudenken. Die Angst, wie sich das Alleinsein anfühlen würde, war enorm. Doch es geschah etwas völlig Unerwartetes: Ich bemerkte, dass ich VON NIEMANDEM abhängig war! Dass es nur meine Einbildung und eine irrationale Angst in mir war, die mir dies zu suggerieren versuchte. Doch ich musste dieses Gefühl der Unabhängigkeit erst wahrnehmen und spüren lernen, um dann mein weiteres Leben darauf aufzubauen und diese Angst vor dem Alleinsein zu verlieren.

Heute habe ich keine Angst mehr, verlassen zu werden oder allein zu sein. Es sind eher die anderen, die nun unruhig werden, dass ich sie verlassen könnte…
Ich habe eine neue Kontrolle über mich gewonnen…

b jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen
DSCN3960

Wie ich Glück empfinde

Glück ist gelb für mich und fühlt sich wie ein Feld voller blühender Sonnenblumen an. Ich spüre das warme Gelb der Blüten, diese anmutige Form und die Lebensfreude, die diese Blume ausstrahlt. Je mehr Sonnenblumen ist erblicke, desto glücklicher fühle ich mich. Ein Meer von Licht für meine Gefühle. Der Anblick nimmt mir jede Traurigkeit und jede Träne, die gerade noch meine Wange hinunterlief.

Glück verspüre ich nur, wenn ich alleine bin.

Glück bedeutet für mich, morgens allein auf der Verandatreppe meiner Hütte in England zu sitzen und den ersten heißen Tee bei einem Sonnenaufgang zu trinken.

Glück fühle ich, wenn ich abends nach einem guten Schreibtag die Sonne untergehen sehe und im Hintergrund Lieder mit meinen Lieblingsinterpreten höre.

Glück bedeutet für mich, allein an der Küste zu sitzen und das Rauschen des Meeres zu hören und dabei die Augen zu schließen.

Glück empfinde ich, wenn ich mich auf der Fahrt nach England befinde und volle Kanne Musik im Wagen plärren lassen kann.

Glück fühle ich, wenn ich an besondere Menschen denke und denke, sie denken auch gerade an mich.

Glück bedeutet für mich, allein Gitarren- und Klavierklänge zu hören.

Glück fühle ich, wenn ich allein in Wäldern herumwandere und die Sonnenstrahlen durch die Baumkronen auf den Weg fallen sehe.

Glück fühle ich, wenn mir ein guter Text für mein neues Buch gelungen ist.

Glück fühle ich, wenn ich abends allein meinen Lieblingsbaum ansehen kann.

Ich könnte noch unzählige Momente des Glücks aufzählen und jeder könnte denken, aber das empfinden die NTs doch genauso!
Stimmt!
Was unterscheidet jetzt mein Glücksgefühl von dem anderer?

Zwei wesentliche Punkte:

Ich kann nur dann tiefes Glück empfinden, wenn ich allein bin. Das bedeutet, ich kann in Gegenwart von Menschen dieses Gefühl nicht in mir verspüren. Ich bin zu viel mit deren Wahrnehmung und damit verbundenen Reizen abgelenkt, so dass ich nicht zu einem intensiven Gefühl von mir kommen kann.
Das ist besonders für die Menschen traurig, die mich lieben und die so gerne ihr Glück mit mir teilen wollen, aber ich kann es nicht. Doch ich kann ein Gefühl von großer Freude in Gegenwart der Menschen verspüren. Auch Spaß. Aber Glück? Nein. Nicht dieses tiefe, reine und ehrliche Gefühl.

Es fühlt sich an, als würde die Anwesenheit eines Menschen einen Schleier über dieses Gefühl legen, den ich nicht wegziehen kann. Ich weiß, es ist da, aber es kommt durch diesen Schleier nicht hindurch. Doch sobald ich allein bin, ist es da.

Ich wurde einmal gefragt, ob mir das Alleinsein keine Angst mache. Nein, im Gegenteil, es ist der einzige Zustand, in dem ich mich fühlen kann. Das hat nichts mit Einsamkeit zu tun.

Ein zweiter wesentlicher Punkt ist, dass ich Glück nur bei nicht materiellen Dingen empfinden kann. Kein Schmuck, kein Autor, kein Kleidungsstück oder anderes Materielles dieser Welt kann mich glücklich machen. Materielle Dinge sind für mich Notwendigkeiten, die ich zum Leben brauche. Das Gefühl von Luxus kenne und fühle ich nicht. Ich spüre jedoch Überfluss und Vergeudung.
Glück steckt bei mir in der Ruhe, die mir die Natur und ihre unzähligen schönen Augenblicke schenkt und nicht der Besitztum oder eine Anschaffung.

Ich freue mich über jeden, der mir Glück schenken möchte und mich ab und zu allein lässt, der aber nicht in meinem Leben verschwindet.
Ich bin den Menschen in meinem Leben näher, wenn ich weit weg bin. Ist das kurios? Nähe als Stress und Distanz als Glück? Ist das der Unterschied zu Menschen, die nicht vom Autismus betroffen sind und Glück in der Zweisamkeit suchen und empfinden?

Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe lesen
DSCN3960

Eine Ehe zwischen einer Aspergerin und einem NT

Ich schreibe bewusst im Titel dieses Blogs „eine“ Ehe, weil ich nur über meine Ehe schreiben kann. Nach 31 Jahren Ehe mit einem NT kann ich mir das erlauben. Von Unerfahrenheit kann hier keine Rede mehr sein.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich über meine Ehe schreiben soll, weil es einen großen Eingriff in meine Privatsphäre bedeutet, aber ich weiß auch sehr wohl, wie oft ich im Internet nach genau diesem Thema immer gesucht habe, um Informationen zu bekommen. Also habe ich beschlossen, einiges über meine Ehe preiszugeben, um wiederum anderen zu helfen, die danach suchen. Dieser Blog ist mit meinem Mann abgesprochen und von ihm genehmigt worden, denn auch er sieht es als eine wichtige Sache an, darüber ehrlich zu berichten und sich nicht mit diesen Problemen zu verstecken.

Dies wird ein längerer Blog, also nicht erschrecken. Lieber etappenweise lesen. Eine Ehe über dreißig Jahre kann nicht in wenigen Sätzen reflektiert werden.

Mit 20 Jahren hatte ich überhaupt keine Ahnung von meinem Autismus. Ich kann mich nur erinnern, dass ich die Welt, in der ich lebte, immer als sehr anstrengend und falsch empfunden habe und meist in meiner eigenen lebte. Ich hatte keinen Freunde, keine wirklichen, mit denen ich ständig meine Zeit verbrachte. Und doch war ich in der Gesellschaft gut gelitten, weil ich immer fröhlich, positiv und voller Ideen war. Das machte viele neugierig, was es für mich wiederum anstrengend machte, denn ich erschöpfte ziemlich schnell, wenn ich mit vielen Leuten zusammen war.

Michael lernte mich auf einer Party kennen, zu der ich nicht wollte, denn ich verabscheute Partys immer schon. Doch mein Bruder fand, dass ich kurz nach dem Tod meiner Mutter und nun alleinlebend unbedingt unter Leute musste. Dabei mochte ich mein Alleinsein. Doch ich gab nach langen Bitten nach.
Auf der Party fiel ich direkt als Neue und „irgendwie anders“ auf und hatte große Probleme, die vielen fremden Leute, die auf mich zukamen, auszuhalten. Alles war durcheinander und laut. Nur Michael erregte meine Aufmerksamkeit, weil er einfach nicht viel sprach. Er forderte mich nicht auf, zu reagieren, sondern hielt sich still am Rande der Party. So kamen wir ins Gespräch. Michael ist stark introvertiert, ich extrovertiert. Es war klar, wer das Gespräch dominierte. Schon damals war ich stark analytisch veranlagt und „klopfte“ sämtliche Themen die mir wichtig waren ab, ob er zu mir passen würde: Musik, Bücher, USA, Job und Zukunftsdenken. In vielerlei Punkten fand ich Gemeinsamkeiten, so dass ich zuließ, ihn weiterhin zu treffen. Wir empfanden nie das Gefühl, uns als „Freund und Freundin“ darzustellen, sondern machten ab diesem Moment einfach vieles zusammen.

Ich hatte viele Wochen lang große Schwierigkeiten, körperliche Nähe zuzulassen und tat alles, um auszuweichen. Ich verdanke es Michaels Introvertiertheit und Geduld, dass wir zusammenblieben. Wäre er ein extrovertierter NT gewesen, hätte er mich wahrscheinlich zum Teufel gejagt. Michael gab mir die Zeit, die ich brauchte, um soviel Vertrauen zu fassen, dass ich eine allumfassende Partnerschaft zulassen konnte.

Ich bin von Natur aus ein sehr treuer und loyaler Mensch und für mich stand fest, dass ich mich nur einmal in meinem Leben für einen Partner entscheiden würde, wenn nicht gerade schlimme Gründe dazu führen sollten, die Partnerschaft zu beenden. So stand für mich fest, dass ich diesen jungen Mann heiraten und mit ihm Kinder kriegen würde. Ich sah das klassische Schema einer Ehe und ihrer Aufgaben vor mir, was mich sehr sicher machte. Wir heirateten nach nur neun Monaten.

Mit Michael heiratete ich gleichzeitig eine große NT-Familie, was hieß, dass ich mich in vielerlei Bereichen anpassen musste. Ich erlebte plötzlich, wie intensiv und oft sich diese Familie traf und gegenseitig half. Das kannte ich aus meiner Familie nicht in dieser Intensität. Doch da ich dazugehören wollte, begann ich mit einem Anpassungsprozess par exellance, der viel Kraft von mir abforderte. Dies alles hier darzulegen wäre zu viel, aber ich erinnere mich, dass ich immer wieder nach den Familientreffen erschöpft zusammenfiel. So viel Gerede, so viele Themen, die es mir schwer machten zu folgen. Nicht selten wurde ich ausgelacht, weil ich wieder einmal etwas falsch verstanden hatte. Das ließ mich oft dumm wirken und ich gab mir noch mehr Mühe, um gemocht zu werden.
Da ich ein sehr hilfsbereiter Mensch bin, erweiterten sich meine Hilfsangebote in der Familie. Es polierte mein Ansehen womöglich auf. Ich begann, meine nicht motorisierten Schwiegereltern überall hinzufahren, für sie da zu sein, sie immer zu besuchen, wenn ich mich in der Nähe befand, und immer zu lächeln. Ich wollte ihnen das Gefühl geben, gerne bei ihnen zu sein. Sie haben mich nie anderes kennengelernt. Es entstand in der Tat ein sehr herzliches Verhältnis. Ich beklagte mich nie, denn es war auch immer schön, dann, wenn es stattfand. Doch was war mit meinen Gefühlen vorher und nachher los?

Schon Stunden vorher, manchmal Tage, spürte ich diesen Widerstand in mir, wir ungern ich es im Grunde tat, weil es mir so schwerfiel. Dieser Trubel erschöpfte mich, eher er begann, doch ich hielt durch. Dafür fiel ich danach oft für ein bis zwei Tage energielos zusammen, je nachdem wie lang und aufwendig mein Einsatz war.
Familienfeiern wurden für mich zur Tortur! Und doch verlangte es meine Anpassung, die abzuhalten oder zu besuchen. Bei einer großen Familie, in der ich nun lebte, kein leichtes Unterfangen. Fast jede Woche wurde irgendwo irgendwas gefeiert. Ich sah mit Stress fast jedes Wochenende auf mich zurasen, sagte nichts und lächelte stets gutgelaunt. Was ich wirklich fühlte war ganz allein mein Problem.

Mein Mann erfreute sich sehr an diesem guten Verhältnis zwischen seinen Eltern, Geschwistern und mir. Aus seiner Sicht passte ich gut dazu. Das wiederum erfreute mich, und ich gab mir immer mehr Mühe. Doch wenn ich ehrlich bin und heute auf diese Zeit zurückblicke, wurde ich die meiste Zeit nur von einem Gedanken beherrscht: Durchhalten! Nur Durchhalten!

Da ich mich nie beklagte, konnte mein Mann nicht ahnen, wie sehr ich litt. Ich selbst nahm mein Leid nicht einmal als Leid war, sondern als Art Arbeit oder Schufterei im Leben. Ja, meine private Zeit empfand ich immer als wahre Schufterei! Ich kam so gut wie nie in die Erholung.

Vier Jahre nach unserer Hochzeit kamen die Kinder, die wir uns wirklich wünschten. Beide Jungs sind absolute Wunschkinder. Die Geburten waren beide sehr schwer, lang und schmerzhaft.
Michael war stets darum bemüht, uns immer gut versorgt zu wissen. Er war tüchtig, kam einer soliden Arbeit nach und ließ es uns an nichts fehlen. Das gab mir ein gutes und sicheres Gefühl. Ich konnte mich immer auf ihn verlassen. Das war sehr wichtig. Er zweifelte nicht einen Tag daran, dass für mich etwas falsch im Leben lief. Wie auch?

Zwei Jahre später begann ich vom Tod zu träumen. Fast jede Nacht. Ich sah mich in meinen Träumen sterben und teilte es Michael mit. Heute kann ich nicht sagen, ob es bereits ein erstes Anzeichen von Autismus war. Ich fühlte mich in der Welt, in der ich lebte, wirklich sterben. Da dieser Traum nicht endete, begann es mir sehr schlecht zu gehen. Zusätzliche Schmerzen in der Brust ergaben zwei Jahren später, dass ich mit gerade 29 Jahren an Brustkrebs erkrankt war. Mein Immunsystem war zusammengebrochen und nicht mehr in der Lage, die wachsenden Krebszellen in den Griff zu bekommen. Eine OP befreite mich von Krebs und ich bemerkte, dass mit mir etwas passierte, was mich fortan von meinem Mann zu entfremden begann. Ich mied die körperliche Nähe immer mehr und gestand mir mehr Abstand und Ruhe vor der großen Familie ein. Das tat gut. Michael und ich schoben es auf die anschließende Therapie mit Chemo und Bestrahlung, doch mein Wunsch nach Zurückgezogenheit und Ruhe blieb, als die Therapien längst vorüber waren. Michael war ratlos und ich bemühte mich erneut um Anpassung. Da ich die einzige in der ganzen Familie war, die scheinbar anders fühlte, sah ich mich aufgefordert, wieder meine alte Rolle einzunehmen, doch Michael und ich gerieten immer öfter in Streit, denn meine Stimmung wurde immer gereizter. Irgendetwas lief mächtig falsch.

Unsere Ehe wurde immer mehr zu einer Art WG. Wir sahen unsere Aufgaben als Eltern darin, die Kinder großzuziehen und alles in Bewegung zu setzen, was ihrer Entwicklung guttat. Meine Rolle als Mutter funktionierte gut und ich fühlte mich sehr wohl und sicher darin. Meine Rolle als Ehefrau jedoch verlor sich. Ich konnte einfach nicht zwei Rollen gleichzeitig standhalten. Obwohl wir uns auf der einen Seite sehr mochten und liebten, gerieten wir auf der anderen Seite immer öfter aneinander. Eine Art Keil schien sich zwischen uns zu schieben und niemand wusste, woher dieser Keil kam. Ich habe es Michaels Geduld und seinem Bestreben nach Harmonie zu verdanken, dass wir jede Krise irgendwie meisterten. Hätte die Entscheidung allein bei mir gelegen, wäre unsere Ehe gescheitert. Für mich waren gewisse Grenzpunkte schneller erreicht, als bei ihm. Michael lebt in einer Grauzone, ich nicht. Bei mir gab es immer schon Alles oder Nichts. Damit bleiben gewisse Reibereien nicht aus. Meine Impulsivität und Ungeduld taten ihr Übriges.

Wir durchstanden sechs grenzwertige Krisen in unserer Ehe, die ich zum Schutze unserer Familie nicht aufführen möchte, doch heute kann ich sagen, dass es immer wieder etwas mit dem Schrei von meiner Seite nach einem anderen Leben zu tun hatte. Ich wollte ständig etwas verändern oder weg von Deutschland! Ich fühlte mich immer schon getrieben und konnte mit all diesen Anforderungen der Gesellschaft hier nicht leben! Das konnte mein Mann natürlich nicht nachvollziehen. Ich hatte nie ein richtiges Heimatgefühl verspürt, er dafür umso mehr.
Bei mir zeigte sich eine Erkrankung nach der anderen. Mit 40 Jahren litt ich bereits an drei Autoimmunerkrankungen und niemand wusste, woher sie rührten. Man diagnostizierte mir ständig Stress, aber ich war nicht in der Lage, den Stress abzubauen. Michael verstand oft nicht, warum mich gewisse Situationen so sehr mitnahmen. Er ließ vielen kaum Beachtung zukommen und versuchte mich immer wieder zu beruhigen. Doch es nützte nichts. Ich nahm viele Situationen ganz anderes wahr als er. Extremer.

Als sich die vierte Autoimmunerkrankung ankündigte, brach ich das bisherige Leben ab. Unsere Ehe stürzte in die tiefste Krise, die wir je erlebt hatten. Zum ersten Mal entschied ich, mich für wenige Wochen von meinem Mann zu trennen und verreiste. Nach dreißig Jahren Ehe spürte ich zum ersten Mal wieder das wohltuende Gefühl von Alleinsein. Das machte mir Angst. Es machte uns beiden Angst. Dies war keine klassische Trennung oder das Aus einer Ehe, weil wir uns auseinandergelebt hatten, nein, es war etwas anders, was unsere Ehe gefährdete.

Ich hatte vor einigen Monaten durch Zufall von dem Asperger Syndrom gehört und gelesen, was vieles in meinem Leben erklärte. Ich näherte mich der Vermutung, dass ich eine Betroffene sein könnte.
Michael und auch seine Familie konnten anfangs nicht verstehen, was passierte, doch Michael gab mir die Chance, mich immer mehr zu erklären. Das gab auch ihm die Chance zu erkennen, wo die Probleme, unter denen wir immer wieder litten, zu finden waren. Wir begannen stundenlange Gespräche zu führen, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen oder gar zu streiten. Doch wir fanden im Gespräch immer wieder zusammen. Eine wichtige Handlung in dieser Zeit war die räumliche Trennung, indem ich ein eigenes Schlafzimmer bekam. Es gab mir erstmals das Gefühl, mich wenigstens nachts zurückziehen zu können. Sobald ich einen Menschen höre oder wahrnehme, kann ich nicht abschalten. Mein Leben in der Ehe hatte immer daraus bestanden, auf ständige Bereitschaft geschaltet zu sein. Wie ein Elektrogerät, bei dem das kleine Kontrolllämpchen ständig brannte und immer ein wenig Strom verbraucht. Meine Energie war dadurch ständig gefordert und floss nebenbei unverbraucht davon. Meine langjährige Schlaflosigkeit wurde besser und ich fand erste Momente der tiefen Ruhe.
Danach trennten wir ein wenig das Wohnzimmer, weil ich mir dort ein Arbeitszimmer einrichtete. Ich bekam das große Wohnzimmer, Michael ein großes Zimmer, was einer unserer Söhne hinterlassen hatte. Auch das gab uns die Möglichkeit, die veränderte Situation besser zu verkraften. Wir suchten Abstand, anstatt Nähe, um zu verarbeiten, was gerade mit uns passierte. Das war wohl unsere Rettung gewesen, denn der Abstand brachte uns gegenseitiges Verständnis und Verstehen.

Michael wusste bis vor drei Jahren nicht, dass er eine Autistin geheiratet hatte und ich wusste nicht, dass ich einen NT geheiratet hatte. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum unsere Ehe überlebte. Michael ist ein introvertierte NT, der vielleicht genau deswegen die richte Mischung für mich ist. Er lässt mich in einer Form der Geduld und Ruhe an seinem Leben teilhaben, die ich nicht besitze und ich lasse ihn an meiner Anderswahrnehmung teilhaben, die er nicht besitzt. Auf meine Frage, ob er vielleicht lieber mit einer NT-Frau verheiratet gewesen wäre, gab er folgende Antwort: „Nein, denn keine ist wie du, egal, wie anstrengend es war oder noch sein wird. Du bist so interessant anders, dass es nie langweilig mit dir wird und ich dich nie missen möchte“
Na, das ist doch mal ein Kompliment an eine Asperger-Frau!

Unsere Ehe hat überlebt! Wir planen nun in einem anderen Haus zu leben, weit weg von einer Reihensiedlung, was weit in der Natur liegt, damit ich die Ruhe bekomme, die ich brauche. Auch dort werde ich meinen Rückzugsort und viel viel Freiheit bekommen, denn Michael hat begriffen: je mehr Freiheit und Alleinsein er mir einräumt, desto näher bin ich ihm. Und wenn wir nun eine gemeinsame Zeit verbringen, dann ist sie intensiv und ehrlich!

Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook  oder  Printausgabe lesen
DSCN3960