Autismus und Sehnsucht

Immer wieder höre ich von Betroffenen des Asperger Syndroms, dass sie eine große Sehnsucht in sich spüren, aber nicht wissen warum.
Auch ich kann mich dem nur anschließen. Sehnsucht ist ein großes Thema in meinem Leben gewesen. Sehnsucht bedeutet, dass die Lebenslage in der man steckt, nicht stimmig mit der Persönlichkeit ist. Also: Hier stimmt was nicht, um es salopp zu formulieren. Mit der Sehnsucht setzt sich eine Suche in Gang. Aber wohin? Und warum? Sollte die Zufriedenheit nicht das im Leben sein, was wir spüren müssen, wenn wir doch alles haben? Und doch bleibt diese Sehnsucht wie ein innerer Drang in unserer Seele und lässt uns nicht zur Ruhe kommen.

Ich möchte den Fall „Sehnsucht“ anhand meines Lebens schildern, und das, was es aus mir gemacht hat. Es gibt nur ein Wort, das mein Leben beschreibt: Getriebenheit. Es trieb mich immer irgendwo hin. Wohin bloß? Die Antwort ist einfach: Zu meiner wahren Authentizität, die mir bis zu meinem 48. Lebensjahr niemand mitteilen konnte. Ich bastelte mir unzählige Antworten zusammen und probierte verschiedene Methoden von Lebensformen aus, um endlich eine Antwort zu finden. Ich beschäftigte mich mit psychischen inneren Vorgängen, Störungen und Krankheiten, um endlich eine Antwort zu finden. Doch was fand ich stets? Keine Antwort, sondern nur eine neue Getriebenheit. Woran lag das nur?

Ich hatte meine wirkliche Sehnsucht nicht umgesetzt. Sie hatte sich immer nur oberflächlich gezeigt und ich hatte immer auf die anderen gehört, die mir Antworten lieferten. Sie hatten mir die Welt erklärt, in der ich zu leben hatte. Meine tatsächlichen inneren Sehnsüchte wirkten lächerlich und wurden von vielen nicht anerkannt. Kaum jemand diskutierte mit mir darüber. Ich wurde stets abgewürgt, sobald ich begann zu erzählen. Es waren die Fremden, die meine Sehnsüchte verstanden, doch mit ihnen lebte ich ja nicht. Sie waren nur kurze Weggefährten, die ähnliche oder gleiche Sehnsüchte in sich verspürt hatten. Mich interessierte, wie sie endlich zu ihrer inneren Ruhe fanden? Sie sagten: Die Sehnsucht selbst ist deine Antwort. Folge ihr, lebe sie und du wirst das sein und spüren, was du wirklich bist.

Nun, meiner wirklichen Sehnsucht zu folgen, sie zu stillen bedeutete Veränderung, die ich hasse, ich meine eine große Veränderung. Sie bedeutete für mich ein komplettes Programm von meiner Festplatte zu löschen, um ein neues zu installieren, ohne zu wissen, ob es funktioniert.
Ich wagte einige Male das Löschen meines Programmes und in ein neues Leben zu finden, doch es war nicht der Erfolg, den ich spüren sollte. Was nur lief falsch in mir?

Viele Menschen mit Autismus stellen sich diese Frage, ohne eine Antwort zu finden? Dabei ist sie so einfach: Nichts läuft falsch „in“ dir. Falsch läuft es „außerhalb“ von dir. Deine Lebensbedingungen stimmen nicht. Lebensbedingungen, die ein jahrelanges Kämpfen im Leben von Menschen mit Asperger Syndrom verursachen. Der Kampf um etwas, das nicht zum Erfolg führt, weil es die wahren inneren Sehnsüchte nicht erfüllt. Er macht krank.

Meine tiefste innere Sehnsucht bestand immer aus der Suche nach Ruhe und Einsamkeit, doch was fand ich? Unruhe und massenhaft Menschen um mich. Anstatt mich zurückzuziehen, suchte ich die Erfüllung meiner Sehnsucht in einer Gesellschaft, die mich beruflich und familiär immer tiefer ins Destaster stürzte. Mein Beruf war falsch und die Familie wuchs ins Unermessliche. Für mich war nichts mehr überschaubar. Meine Suche fand kein Ziel.
Klar!
Ich befand mich auf dem falschen Pfad. Anstatt raus aus allen, lief ich mitten hinein.

In mir existiert eine tiefe Sehnsucht nach einer Form der Ruhe, die mich außerhalb der Gesellschaft leben lässt und mir trotzdem die Gelegenheit gibt, in sie hineinzugehen, wenn ich Kraft dazu habe. Also praktisch das Häuschen mitten in der Natur am Rande eines kleinen Ortes, von dem ich weiß, dass dort andere Menschen leben, die ich hin und wieder gerne sehe. Aber ich kann keinen permanenten Kontakt aushalten. Das ist wie eine 24-Stunden-Arbeitsstelle ohne Pause. Das ist der Autismus in mir. Er benötigt Auszeiten, Ruhezeiten und Rückzug, weil ich alles um so vieles stärker wahrnehme und verarbeite als Menschen ohne Autismus. Während ich unter Menschen bin, hört sich mein Innerstes wie eine Fabrik voller Maschinen an, die ununterbrochen laufen und so laut sind, dass ich mich kaum konzentrieren kann.

Meine Sehnsucht hat ein ganzes Leben lang nur daraus bestanden, eine bestimmte Lebensform zu finden. Auch Menschen, die das verstehen und mir den Rückzug genehmigen, anstatt ihn mir auszureden, weil er ihren Bedürfnissen nicht entspricht.

Ich habe mich durchgesetzt, nach vielen Jahren intensiver Suche, und fand das Haus in der Natur am Rande eines kleinen Ortes. Ich fand keine psychische Störung oder Erkrankung in mir, sondern einfach nur mein wahres Ich auf dieser Erde, das Alleinsein, den Rückzug und die Ruhe. Die Sehnsucht gab mir die Antwort.
(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst als eBook oder  Printausgabe zum Lesen)

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10 Gedanken zu „Autismus und Sehnsucht

  1. Anna Lühse

    Das gefällt mir, was du da schreibst! Kommt mir sehr bekannt vor :-)))

    Zuerst musste ich über das Wort Sehnsucht nachgrübeln, aber du hast es ja mit „hier stimmt was nicht“ erklärt. Dieses Gefühl kannte ich auch nur zu gut, doch jahrelang wusste ich (in jungen Jahren) nicht, was es war, was da im „außen“ nicht stimmte, und so dachte ich seinerzeit, dass etwas mit mir „innendrin“ nicht stimmte, und ich war oft unglücklich. Alle anderen funktionierten nach den selben Regeln, nur ich nicht. Ich wusste immer, was ich nicht wollte, nämlich so wie die anderen zu leben. Ich träumte schon immer vom Häuschen im Grünen, dachte aber, dass ich das nie würde haben können, wusste, dass es mit dem damaligen Partner nicht ging, dass es alleine finanziell nicht ging, dass es hier in diesem Umfeld nicht ging …

    Es ist wohl Glück oder Schicksal, dass ich dann plötzlich den Menschen getroffen habe, für den es sich gelohnt hat, alles über den Haufen zu werfen und die für mich (und auch ihn) stimmenden Lebensbedingungen zu schaffen (ja, ich hasse sie auch, die großen Veränderungen, aber manchmal müssen sie sein, damit etwas besser wird). Am Anfang steht aber das Wissen, was man will, vielleicht sieht man erst dann klar, wie man es umsetzen kann. Zuerst kam ein neuer Mensch, und mit ihm kamen die Veränderungen, erst ein anderer Ort, dann eine nochmalige Ortsveränderung, und damit kam dann auch die Freiheit, da war es dann: das Häuschen am Dorfrand mit großem Garten inmitten von Feldern (gut, auch viel Monokultur, aber dennoch trifft man Fuchs, Igel und Rehe, Vögel und Schmetterlinge). Ich finde es schön, wenn man in der Natur mehr Schafe, Pferde und sonstige Tiere als Menschen trifft. Ruhe, Wind, Sonne, Felder und Weite, herrlich.

    Schön, dass du das schreibst, dass du keine „psychische Störung“ in dir gefunden hast, sondern dein wahres ich. Eigentlich ganz einfach zufrieden zu sein, wenn die Bedingungen stimmen, oder?

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  2. s

    Danke, dieser Artikel gibt mir Hoffnung, dass ich irgendwann auch mein kleines Haus am Waldrand mit großem Garten & vielen Tieren finden werde. ❤

    Rückblickend ging meiner Pubertätsdepression eine starke Sehnsuchtsphase voraus, in der ich mich fast nur für Mittelerde & das Mitteralter interessierte & alles für ein Tor in eine dieser Welten gegeben hätte, um vor all dem Lärm & den allgegenwärtigen Menschen fliehen zu können.

    Gefällt 1 Person

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  3. Jian

    Ich vergleiche mein soziales Umfeld gerne mit einem Affenrudel und sehe mich als jemanden, dem die Instinkte fehlen, um dort in der Hackordnung Essen, Sex und Anerkennung zu bekommen (das ist nur ein Vergleich- Vergleiche hinken, keine Diskriminierung beabsichtigt).
    Nun merke ich aber, dass mir einerseits etwas fehlt und mir andererseits die Fähigkeiten fehlen, um es zu bekommen. Das Dilemma ist für mich nicht lösbar, egal wie plausibel ich es erkläre- ich werde im Rudel nie den Platz bekommen, den ich mir wünsche. Im Gegensatz zu Dir habe ich niemanden gefunden, der für mich sein Leben auf den Kopf stellt. Ich habe mir eine Nische am Rand gesucht, und wenns mir zuviel wird, dann mauere ich die Öffnung zu.
    Der Witz dabei ist: es gibt keine optimale Lösung. Ich werde meine eigenen Ansprüche, Wünsche und Hoffnungen nicht verwirklichen können, und mit meinem derzeitigen Ansatz kommen auch ne Menge Risiken und Nebenwirkungen. Aber wenigstens kann ich mir selbstmitleidig sagen, dass ich zumindest das Problem erkannt habe. Ich habe nur aufgegeben, eine Lösung zu finden.

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    1. Anna Lühse

      Es geht gerade NICHT darum im „Rudel“, also dem bisherigen sozialen Umfeld, Anerkennung zu finden, sondern darum seiner „inneren Stimme“ zu folgen, das zu tun, was DIR wichtig ist. Solange man die Anerkennung durch andere sucht, wird man sich nicht (entsprechend der eigenen Möglichkeiten) entwickeln können. Das ist meine Erfahrung, und ich denke, viele werden das bisher auch erfolglos versucht haben, bis es nicht mehr ging.
      Wenn du das Problem erkannt hast, ist das ein erster wichtiger Schritt. Nicht aufgeben! Nicht selbstmitleidig in die Zukunft schauen. Und „riskant“ ist das Leben immer. Wenn dein derzeitiger Ansatz nicht geht, wähle einen anderen. Mach das, was momentan geht, das was dir guttut. Geh DEINEN Weg, der Rest wird sich finden. Vielleicht nicht gleich, aber irgendwann bestimmt.
      Alles Gute 🙂

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  4. Esra Kurt

    Hallo Marion Schreiner,

    da ich selbst vom Autismus betroffen bin, kann ich mich mit diesem Blogeintrag richtig gut identifizieren. Denn ich habe fast jeden Tag Sehnsüchte, die ich nicht benennen kann. Doch mittlerweile weiß ich ansatzweise, wonach ich mich sehne: Spezialinteressen, die ich ausleben kann, ohne belächelt zu werden.
    Ich mag zum Beispiel Mozart, obwohl ich musikalisch gar nicht begabt bin. Jedoch werde ich ohne Ende belächelt, weil ich skurrile Fantasiegeschichten über den famosen Komponisten ausdenke. Darum traue ich mich nicht, diese Kurzgeschichten aufs Papier zu bringen. (Deswegen schreibe ich diese Gedanken in Fanfiction zu Sailor Moon, einer Comicreihe der Japanerin Naoko Takeuchi, um.)
    Allerdings kann ich durch Mozart meine Sehnsucht nach Heiterkeit und Gelassenheit kompensieren. Denn diese beiden Gefühle fehlen mir, seit ich denken kann. Ja, ich bin eine melancholische Cholerikerin. Ich zerbreche mir über Gott und der Welt den Kopf. Jedoch weiß ich, dass mir das ständige Hadern mir nichts bringt. Im Gegenteil: Ich bekomme psychosomatische Beschwerden und darunter leide ich sehr.
    Am liebsten würde ich auch so bloggen können wie deine Wenigkeit. Ich habe mich sogar überlegt, auch über meine autistischen Erlebnisse zu bloggen. Übrigens: Ich habe die bisherigen Beiträge deines Blogs Denkmomente als Printausgabe im Bücherregal stehen. Immer, wenn es mir schlecht geht, lese ich deinen Blog. Somit fühle ich mich nicht mehr allein.

    Viele Grüße
    Esra

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Gedankenaustausch, Esra! Du bist kein Einzelfall. Viele haben Spezialinteressen, die sie kaschieren oder verheimlichen aus Angst, ausgelacht zu werden. Ich finde das keineswegs lächerlich, sondern mag es sehr, wenn Menschen außergewöhnliche Fähigkeiten oder Ansichten haben. Ich finde es gut, wie du deine Leidenschaft umsetzt und wünsche dir, dass du eines Tages dein Interesse ohne Maske umsetzen kannst. Du hast hier ja schon den Anfang gemacht… Liebe Grüße, Marion

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