Kein Schritt zurück!

Ich las soeben den Spruch „Wenn sich im Leben eine Türe schließt, sollte man sich manchmal lieber Hammer und Nägel schnappen und sicher stellen, dass das scheiß Teil auch zu bleibt“.

Dieser Spruch passt absolut zu meinem neuen Leben, das ich seit 1 ½ Jahren führe und wozu ich mich mit viel Kraft und Überwindung entschlossen habe. Ich habe Türen geschlossen, durch die früher jeder jederzeit hindurch konnte, um mich zu erreichen. Ich bot praktisch „Sprechstunde“ zu jeder Zeit an. Selbst wenn ich in Urlaub war, ließ ich es zu, mich übers Internet oder Telefon zu erreichen. Ich hatte nie diesen Hammer und diese Nägel dabei, um mich mal für eine Weile abzuschotten. Ehrlich gesagt, ich bin nie auf die Idee gekommen, andere jederzeit erreichen zu wollen, geschweige denn im Urlaub jemanden zu stören. Doch bei mir selbst war alles möglich. Ich kannte keine Grenzen.

Eine Türe zu schließen und sie geschlossen zu halten ist für mich Schwerstarbeit, denn das Leben hat mich doch über viele Jahre in einer Gewohnheit gehalten, die ich erlernt aber nie gewollt habe. Es war diese Anpassung und der Wunsch, das Richtige zu tun. Doch ist es richtig, für jeden immer erreichbar zu sein? Wann muss ich eine Türe schließen? Eine Frage, die ich mir als Autistin nicht selbst beantworten kann. Mir fehlt das Werkzeug dafür.

Ich konnte noch nie klar und deutlich anderen meine Grenze mitteilen, weil ich nicht weiß, wie das geht und auch nicht bemerke, wann sie erreicht ist. Es fehlt mir zudem an Einfühlungsvermögen, meine Mitteilungen so zu verpacken, dass es andere nicht verletzt. Immer gab es Diskussionen, wenn ich auch nur andeutungsweise mitteilte, nicht mehr zu wollen oder zu können. Und sozialen Diskussionen bin ich überhaupt nicht gewachsen. Sie führen immer dazu, mich noch schlechter zu fühlen, weil ich sie fast immer verliere.

Ich stehe also an diesen Türen meiner Vergangenheit und drücke sie immer wieder zu, wenn sie jemand aufzustoßen versucht. Ich fühle mich oft schlecht dabei. So kam es kürzlich wieder zu einem Vorfall, der zeigt, wie schwer es ist, bestimmte Türen geschlossen zu halten.

Ich wohne, wie viele inzwischen wissen, fast 1000 km von Familie und Freunden entfernt in England, um auf diese Weise erst einmal Schutz zu finden.
In meinem jetzigen Nachbarhaus wohnt ein ganz nettes altes Ehepaar, das gesundheitlich schwer zu kämpfen hat. In mir versucht sich natürlich wieder dieses erlernte Helfersyndrom durchzusetzen und es kam tatsächlich schon zu einigen Begebenheiten, in denen ich schwer zu kämpfen hatte. Dieses Ehepaar benötigt Hilfe im Garten, bei Fahrten zum Krankenhaus und im Haushalt. Bei ihnen kommt kaum jemand vorbei. Das teilen sie mir auch mit. Und das sind genau die Momente, in denen ich innerlich schwer mit mir kämpfe. Sollen diese Hinweise versteckte Aufforderungen sein, auszuhelfen, oder nur eine reine Mitteilung sein? Ich kann das nicht unterscheiden, weil mir der Instinkt und die Intuition dafür fehlen. Soll ich helfen? Und wenn ja, wo endet diese Hilfe wieder? Bin ich nicht nach England gekommen, um genau diese Tür geschlossen zu halten und mich endlich um meine eigene Gesundheit und mein Wohlbefinden zu kümmern?

Meine Einschätzung für fremde Menschen und Situationen ist nach wie vor schlecht ausgebildet.

Ich fühle mich immer schlecht, wenn ich Menschen meine Hilfe versagen muss, aber ich weiß einfach nicht, wie weit sie meine Hilfsbereitschaft nutzen oder gar ausnutzen. Meine Erfahrungen sind leider nicht die besten. Besonders bei fremden Menschen. Sage ich direkt nein oder später? Es ist im Grunde genommen egal. Was Menschen ohne Autismus vielleicht leicht fällt, weil sie besser ihre Grenzen mitteilen können, ist für mich kaum umsetzbar. Ich finde spontan oft nicht die Worte zu erklären, warum ich nicht mehr helfen möchte. Ich habe immer das Gefühl, mich erklären zu müssen und finde keine Argumente, die sozial und empathisch zugleich klingen. Am Schwersten ist für mich die Situation, abschätzen zu können, wann ich meine Hilfe noch anbiete und wann nicht. Einmal getoppt, nicht mehr gestoppt. Ein altes Spiel, das ich nicht mehr spielen möchte.

Ich habe mich für das Schweigen entschieden. Es ist meine Tür, die ich symbolisch zuhalte. Das bedeutet das Nicht-Reagieren. Das fällt mir leichter als zu reagieren. Auf diese Weise halte ich die Türen geschlossen. Im Notfall bin ich natürlich immer für andere da. Und für meine kleine Familie sowieso…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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2 Gedanken zu „Kein Schritt zurück!

  1. Svö

    „Sollen diese Hinweise versteckte Aufforderungen sein, auszuhelfen, oder nur eine reine Mitteilung sein?“
    Das Thema bespreche ich momentan mit meiner Therapeutin, da ich als Autistin auch große Probleme habe, versteckte Aufforderungen zu erkennen & einzuschätzen. Sie meint, da ich da nun mal Defizite habe, sei es sinnvoll Mitmenschen auf diese hinzuweisen & damit die Verantwortung dafür abzugeben. Es liegt nicht in meiner Verantwortung auf versteckte Aufforderungen einzugehen, sondern in deren, diese explizit zu äußern. Das ist auch bei neurotypischen Leuten so: wenn jemand etwas nicht explizit sagt, ist das sein Problem, nicht das seines Gesprächspartners.
    Natürlich wird es immer Leute geben, die das unsensibel oder unhöflich finden, aber genauso gibt es Neurotypische, die implizite Aufforderungen als unhöflich empfinden & diese nicht mitbekommen.

    „Ich finde spontan oft nicht die Worte zu erklären, warum ich nicht mehr helfen möchte. Ich habe immer das Gefühl, mich erklären zu müssen und finde keine Argumente, die sozial und empathisch zugleich klingen.“
    Das klingt nach einem typischen Helfersyndrom & ich kenne einige Neurotypische & Autisten, denen das ähnlich geht.
    Vielleicht ist es hilfreich, dich immer wieder daran zu erinnern, dass du 1. niemandem Hilfe schuldest und 2. auch nicht erklären musst, warum du nicht (mehr) hilfst. Das ist deine Sache & niemand anders muss das verstehen können. Selbst wenn du es perfekt erklären kannst, wird es immer Leute geben, die das nicht nachvollziehen können.
    Es ist deine Hauptverantwortung auf dich selbst zu achten, denn das kann keiner für dich übernehmen & dafür musst du Grenzen setzen. Wo genau diese liegen, muss jeder für sich selbst austesten & es ist vollkommen okay festzustellen, dass man bisher zu viel geholfen hat & deshalb weniger helfen will.

    „Am Schwersten ist für mich die Situation, abschätzen zu können, wann ich meine Hilfe noch anbiete und wann nicht.“
    Mir fällt es oft leichter, in einem Gespräch selber keine Hilfe anzubieten & alleine drüber nachzudenken, was & wieviel ich anbieten kann & was nicht. Später kann ich dann auf die Leute zugehen & Hilfe anbieten, aber auch mitteilen, falls ich die gewünschte Hilfe momentan nicht geben kann.

    „Ich habe mich für das Schweigen entschieden. Es ist meine Tür, die ich symbolisch zuhalte. Das bedeutet das Nicht-Reagieren. Das fällt mir leichter als zu reagieren.“
    Das geht mir sehr ähnlich.

    Liebe Grüße
    Svö

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