Die Erschöpfung

Die Erschöpfung ist für mich eines der schlimmsten Zustände in meinen Gefühlen, obwohl ich ein unglaublich energetischer und temperamentvoller Mensch bin. Viele sagen, von mir gehe sehr viel Power und Optimismus aus.
So empfindet mich die Öffentlichkeit. Und es stimmt, ich war immer schon ein Energiebündel und habe oft viel Freude an den Dingen, die ich mache. Doch die Erschöpfung ist in einem ebenso großen Rahmen vorhanden, nur sieht sie niemand, weil ich sie nicht öffentlich zeige. Ich fahre mich in der Öffentlichkeit oft vollkommen vor die Mauer und lache noch, wenn ich innerlich schon zu Boden gegangen bin.

Im Grunde brauche ich einen Menschen an meiner Seite, der genau weiß, wann bei mir das Limit erreicht ist und der mich dann stoppt, denn ich erkenne diese verdammte Grenze einfach nicht. Ich merke erst nachher, wann ich es wieder übertrieben habe und alle Reserven aufgebraucht sind. Dann, wenn mich die Erschöpfung vollkommen einholt.

Es ist ein widerliches Gefühl, jegliche Form der Energie im Körper verloren zu haben. Ich kann kaum die Arme und Beine heben und verkrieche mich dann oft auf dem Sofa unter einer Decke. Es fühlt sich wie eine starke Grippe an, weil mir meist auch sehr heiß dabei ist.
Das Schlimmste ist jedoch das Gefühl der Passivität. Ich kann dieses Gefühl kaum aushalten, weil ich immer aktiv bin. Passivität quält mich. Deswegen stopfe ich auch in jede freie Minute eine Tätigkeit, die sie überwindet. Ich lese, stricke, schreibe oder mache Dinge, die sich nicht vergeudend anfühlen. Nichtstun gibt es für mich nicht. Doch das ist nicht der Grund meiner Erschöpfung. Nein, es ist die Wahrnehmung. Denn die Erschöpfung holt mich nur ein, wenn ich mit Menschen zusammen bin.

Ich schrieb schon einmal über meine 60 Grad Hitze im Kopf, wenn ich unter Menschen komme. In der Tat, es ist die Wahrnehmung. Ich nehme um so vieles mehr wahr als andere.

Beispiel:

Ich war mit meinem Mann letzte Woche in Bridgewater, einer etwas größeren Stadt in der Nähe meiner derzeitigen Heimat Minehead. Ich freute mich auf einen freien Tag, einfach mal so mit ihm durch eine neue Stadt zu bummeln.
Es wurde zu einer anstrengenden Prozedur. Wieder einmal bemerkte ich, wie stark ich auf Geräusche, Bewegungen, Gerüche und Details reagiere. Ich sah mich auf einem Karussell sitzend die Welt um mich vorbeiflitzen und konnte nicht eine Minute ruhen oder die Geschäfte genießen. Durch meine Fehlhörigkeit drangen ständig Geräusche an mein Ohr, die ein Gespräch mit meinem Mann unmöglich machten. Wir flüchteten schließlich außerhalb der Stadt in ein kleines ruhiges Café. Doch in meinem Kopf drehte sich das Karussell weiter, so dass ich für den Rest des Abends schlafend auf dem Sofa verbrachte. Das war also mein freier Tag.

Wenn ich später über all das berichte, was ich gesehen, gehört und gerochen habe, schaut mein Mann mich immer erstaunt an. Er kann sich an vieles nicht erinnern, weil er es gar nicht wahrgenommen hat. So wirken meine Reflektionen auf andere oft merkwürdig.

Aber ich habe noch eine andere Theorie:
Es ist jedoch erstaunlich, dass ich einen Stadtbummel erheblich einfacher erlebe, wenn mich niemand begleitet. Ist es vielleicht die Aufmerksamkeit der Begleitung, unter der ich leide, die sich zu der anderen Aufmerksamkeit hinzufügt, so dass ich doppelt erschöpfe? Ja, ich muss ehrlich zugeben, wenn ich alleine bummel, erschöpfe ich nicht so schnell. Ich muss mich auch nach niemanden richten und kann mehr bei mir selbst bleiben.

Es ist erstaunlich, dass sich diese Erschöpfung im Grunde fast nur durch andere Menschen in Gang setzt. Wenn ich alleine wandere und viele Tiere sehe oder die Geräusche der Natur höre, auch tolle Landschaften vor mir habe, müsste man doch meinen, dass ich auch davon erschöpft sei, weil so viele Geräusche, Gerüche und Details auf mich einströmen. Nein, bin ich nicht. Im Gegenteil, ich gewinne Energie durch die Natur.

Es sind also nur die Menschen, die mich ermüden. Der Grund ist einfach. Die Natur und die Tiere fordern von mir keine Aufmerksamkeit…

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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12 Gedanken zu „Die Erschöpfung

  1. Horst

    Liebe Marion!

    Danke für Deinen Interessanten blog. Ich möchte hierzu folgenden Anstoß geben:
    Die meisten Menschen, die Dir begegnen, werden nichts von Dir fordern – es mag wohl aber sein, dass Du ein Fordern fühlst oder glaubst es werden Forderungen an Dich gestellt, dies kommt, meiner Meinung nach, aber aus Dir und nicht von den anderen.

    Dir alles Gute!

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    1. Denkmomente Autor

      Hallo, lieber Horst!
      Ich weiß, dass niemand meine Aufmerksamkeit fordert. Und natürlich weiß ich, dass es von mir kommt. Ich weiß auch, wie gut viele Menschen es mit mir meinen. Möchte mit meinen Blogs ja auf diese unsichtbaren Probleme aufmerksam machen, damit Menschen ohne Autismus die autistischen Wahrnehmung besser verstehen. Das ist keine Frage der Schuld und es steckt keine Schuldzuweisung dahinter. LG

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  2. Gitta

    Hallo! Mit der Erschöpfung habe ich auch täglich mehr oder weniger zu kämpfen. Manchmal will ich dann noch anderen einen gefallen tun, obwohl meine Grenzen längst überschritten sind und ich es aber wieder einmal nicht früh genug bemerkt habe. Dann kann es vorkommen, dass ich Leuten vor den Kopf stosse und mich komplett zurückziehen muss, weil ich einfach nicht mehr kann. Auch reichen mir nur wenige Bezugspersonen und ich habe festgestellt, dass mir Nähe schnell zuviel wird. Ich schreibe übrigens auch und zwar leidenschaftlich gern. Und so manches Häkelwerk liegt verpackt in Aufbewahrungsboxen auf meinem Dachboden. Es fällt mir leider immer noch schwer zu akzeptieren, dass ich nicht so funktionieren kann, wie die meisten anderen um mich herum. Auch will ich nicht jedem Neugierigen aus dem näherem Umfeld meine Diagnose auf die Nase binden. Ich hatte naive Versuche gestartet und die meisten von uns können erahnen, was das nach sich zog. Jetzt, wo wenigstens das eine oder andere schon mal von mir gedruckt wird, fühle ich mich langsam etwas besser. Liebe Grüsse!

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  3. Ranunculus

    Den Abschnittl, in dem es um die Begenung mit der Natur geht, kann ich für mich nur unterschreiben.
    Ich schrieb bereits an anderer Stelle von meinem Aufenthalt in den Schweizer Alpen. Über der Baumgrenze hört man Murmeltiere pfeiffen, ein paar Dohlen kreisen krächzend umher, mal hört man einige Kuhglocken, man ist allein, kann den weiten Blick in menschenleere Schuttfelder und Almen genießen.
    Das ist Erholung, langes Laufen strengt nicht an, auch nicht die vielen Eindrücke, die vielen Pflanzen, mal ist es ein seltsamer Pilz oder die eindrucksvolle blau-grüne Färbung eines Bergsees.

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  4. Grit

    Liebe Marion!
    Nachdem ich die Denkmomente 1 in Buchform gelesen habe, stöbere ich ab und zu nun auch in Ihrem Blog. Erstaunlich, wie genau Sie Eindrücke und Situationen schildern, die mir mein ganzes Leben lang genauso so begegnet und und begegnen. Nur so gut wie Sie hätte ich das nicht in Worte fassen können.Vielen Dank für Ihre offenen Beiträge.
    Grit

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  5. samsalixia

    Auch wenn schon länger nichts mehr kam, als kleine Rückmeldung, dass es Menschen gibt, die gerne mehr lesen würden: Ich biete – sofern Lust und Laune vorhanden – einen Blogger Award. (samsalixia.wordpress.com/2017/10/11/mystery-award-based-dingsbums/)

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  6. Flower

    Die Grenze erkennen – das kann ich auch nicht wirklich. Ich mache immer weiter und stelle inzwischen fest, dass ich die Grenze seit Jahren und dauerhaft überschreite, weil ich an dem Punkt angelangt bin, wo anscheinend nichts reicht, um mich zu erholen, nichtmal drei Wochen Urlaub und erst recht nicht ein einzelnes Wochenende, wo ich nur noch und andauernd müde bin und oft am liebsten alles hinschmeissen würde. Doch das geht natürlich nicht und in Wahrheit will ich das auch nicht. Dafür habe ich mich viel zu sehr angestrengt, soll das jetzt alles umsonst gewesen sein? Akzeptieren, dass es zu viel ist, dass ich es doch nicht kann, auch wenn es nach aussen hin so aussieht – bisher kann ich das nicht wirklich. Ich will kein „Versager“ sein, denn für eine Autistin habe ich vielleicht viel erreicht, aber messen darf ich mich nicht daran, sondern an den „normalen“ Menschen, an den Kollegen, für die das alles kein Problem ist. Also kratze ich die letzten Reste Energie zusammen, um irgendwie die Fassade aufrecht zu erhalten, auch wenn der Preis dafür eigentlich viel zu hoch ist…

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Flower! Ich kann dich nur allzugut verstehen. Auch, dass es nicht sein kann, dass alles umsonst war. Nein, es war nichts umsonst. Alles ist gelebt und erreicht worden.
      Ich habe es aufgegeben, mich mit anderen Menschen zu messen, als mir eine Psychologin sagte: Sie oder die anderen. Das meinte sie verdammt ernst, denn meine Reserven waren derart aufgebraucht, dass mein Immunsystem zusammengebrochen ist und alle Drüsen im Körper anschwollen. Der Körper hat also das Komando übernommen und mich in die Knie gezwungen. Es bestand Verdacht auf Lymphdrüsenkrebs. Damit hatte ich meine Grenze erreicht und entschied, meine Kraft nur noch für mich zu nutzen, denn ich habe schon 3 Autoimmunerkrankungen, weil ich ständig mehr gegeben habe, als ich konnte. Ich kann dir nur den Tipp geben, Schritt für Schritt kleine Veränderungen vorzunehmen, wenn du inzwischen schon starke Müdigkeit und Erschöpfung spürst. Ich bin auch step by step vorgegangen, wobei mir die Ärztin riet, erst einmal die Menschen in meinem Leben zurückzudrängen, die mich am meisten belasten. Das habe ich getan, schweren Herzens, aber es wirkte… LG

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      1. Flower

        Danke für die Antwort! Es sind nicht so sehr bestimmte Menschen als vielmehr generell mein Beruf, der nicht aspie-kompatibel ist – den ich mir aber mangels besserem Wissen selbst ausgesucht habe und an sich auch gerne mache bzw. machen würde. Nach passenden kleinen Schritten suche ich seit fast zwei Jahren, bisher habe ich noch nichts wirklich gefunden. Dummerweise bin ich kurz nach der AS-Diagnose auch noch ins Ausland gezogen und stehe entsprechend entsprechend ziemlich alleine mit der ganzen Geschichte.

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