Das Gefühl der vergeudeten Zeit

Kennt Ihr das?
Dieses Gefühl habe ich über dreißig Jahre lang in mir verspürt. Nämlich immer dann, wenn ich daheim nach getaner Arbeit erschöpft in meinen Sessel fiel. Ich wohnte immer sehr schön, hielt immer meine Umgebung sauber und hübsch anzusehen und doch konnte ich nie das Gefühl des Ankommens verspüren. Egal was ich tat, es fühlte sich immer wie eine Art Getriebenheit an. Ich hatte alles und doch kam es mir so vor, als würde immer etwas fehlen. Ich verspürte immer diese Vergeudung von Zeit. Was war das nur? Was bedeutet Vergeudung?

Vergeudung bedeutet für mich Sinnlosigkeit, nicht zu wissen, warum und wofür ich auf dieser Welt bin. Ich sah in vielen Dingen keinen Sinn oder verstand vieles um mich herum nicht. Die Logik und Aufrichtigkeit fehlten. Ein merkwürdiges Gefühl.

Heute weiß ich was es war, denn ich habe mir inzwischen die Lebensform verschafft, die mir dieses Gefühl genommen hat. Ja, es war die Lebensform, die ich suchte und nicht fand. Ich habe Begabungen, die ich nicht ausleben konnte, weil ich zu sehr mit der Anpassung an die Gesellschaft beschäftigt war und es alles recht machen wollte. In mir schlummerte der Drang nach ganz anderen Dingen, die keine Zeit fanden. Ich habe über dreißig Jahre in einem für mich vergeudeten Leben gesteckt. Diese Vergeudung hatte etwas mit meiner falschen Wahrnehmung mir selbst gegenüber zu tun, nicht mit der Umgebung. Ich konnte alles haben und doch fühlte es sich wie eine Nutz- oder Sinnlosigkeit an. Es war so ein tiefes Gefühl der Unzufriedenheit in mir drin. Eine Art Unruhe, und ich konnte es nie erklären.

Als ich mich nach einem Zusammenbruch in den Prozess der Selbsterkennung begab und mich immer mehr als diejenige mit all meinen Schwächen und Stärken annahm, die ich wirklich war, verschwand dieses Gefühl ganz langsam. Ja, ich ließ plötzlich Schwächen zu und andere wissen, dass ich nicht mehr in dem Ausmaß für sie da sein konnte, wie sie es gewohnt waren. Es begann eine schwere Zeit, in der ich einen Teil der Familie und Freunde opfern musste, weil sie mich nicht ichselbst sein ließen. Es war ein Kampf, in dem ich vieles einfach nur aushalten musste und der mir doch immer wieder das Gefühl gab, das Richtige für mich zu tun. Eine Gratwanderung. In dieser Zeit entdeckte ich meine wahren Stärken, die ich bereits als Kind und Jugendliche schon bemerkt hatte, doch im Prozess der Anpassung vollkommen verloren hatte.
Ich begann, alle Menschen um mich herum, die mich belasteten, auf Distanz zu halten, und auch die Umgebung, die mich belastete, zu verlassen. Ich lebte in einem Ballungsgebiet und fühlte mich eingeklemmt und mit Geräuschen und Gerüchen überfordert.  Diese beiden Punkte haben mich zu neuen Menschen und Orten geführt, die sich einfach gut für mich anfühlen. Nun habe ich wenig Menschen und viel Natur um mich.
Mir wurde klar, dass man Gutes für sich einfach nicht ohne eine schlechte Zeit oder eine Art Kriegserklärung gegen das alte Leben erreichen kann. Nichts läuft durchgehend mit einem guten Gefühl ab. Und doch steht am Ende genau das und nimmt das Gefühl der Vergeudung.

Jetzt kann ich in einem Sessel sitzen und das Gefühl der Sinnhaftigkeit in mir wahrnehmen. Ich lebe meine Stärken und nehme meine Schwächen hin. Es funktioniert.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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7 Gedanken zu „Das Gefühl der vergeudeten Zeit

    1. Denkmomente Autor

      Das braucht Zeit. Ich konnte nur Schritt für Schritt alles umsetzen. Immer ein wenig mehr, aber der entscheidene Gedanke war immer: Schaffe alles ab, was dich belastet. Daran habe ich sämtliche Entscheidungen festgemacht. Man kann sicherlich nicht alles abschaffen, aber ich habe zwei Hauptbelastungen hinter mich gelassen, von denen ich immer dachte, sie wären die wichtigsten in meinem Leben. Das war die Hilfe für Menschen, die mich schamlos ausgenutzt haben.

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  1. mo jour

    Touché, liebe Marion!
    Wieder einmal 🙂
    Mir fehlen aktuell leider die finanziellen Mittel, um meine Lebensumstände meinen Bedürfnissen auch nur annähernd anzupassen, und ich leide sehr unter dieser für mich belastenden, so entsetzlich kraftzehrenden Situation – die ich als absolute, sinnentleerte Verschwendung meiner Lebenszeit empfinde.
    Ich bin immer noch und immer nur mit Überleben und Aushalten beschäftigt.
    Es tut gut, zu sehen, dass es dir gelungen ist, das nachhaltig zu ändern.
    Bist ein gutes Vorbild!
    Dadurch, dass du hier dein Innerstes nach außen kehrst und Situationen, Gedanken und Gefühle beschreibst, für die ich selbst (noch) keine Worte hatte, gibst du sehr wertvolle und heilsame Impulse.
    Großes Danke.

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    1. Denkmomente Autor

      Ich denke, der wichtigste Gedanke einer sinnentleerten Verschwendung von Zeit zu entkommen ist der Gedanke an Möglichkeiten. Egal wie klein sie sind, aber du solltest sie umsetzen, um größere daraus entwachsen zu lassen. Diese Vergeudung von Zeit ist ein schlimmes Gefühl und es stoppt, wenn du Dinge änderst. Geld spielt in unserer Zeit leider eine zu große Rolle. Versuche mal nach Möglichkeiten zu suchen … Liebe Grüße!

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      1. mo jour

        Das mache ich natürlich, seit vielen Jahren schon – unterdessen schwinden Zeit Geld und Kräfte dahin und ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Aber ich weiß ja: Man darf nicht fünf Minuten vor der Dämmerung die Hoffung aufgeben, dass die lange schreckliche Nacht mal irgendwann ein Ende haben könnte …
        Dir weiterhin alles Gute, ich lese hier immer sehr gerne!

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  2. Gitta

    Ich lese Deinen Blog auch immer sehr gerne und die Antworten ebenso. Meistens denke ich dabei: ja, genau. Das kenn ich auch. Und mir wird die Welt auch manchmal zuviel, gerade in der letzten Zeit und ich vertraue nicht mehr auf meine Menschenkenntnis. Nach der Diagnose setzte bei mir ein Prozess der Wandlung ein, der sicher noch lange Zeit andauern wird und da ich schon seit längerem nicht mehr „funktionieren“ kann, habe ich mich kreativ ausprobiert und endlich Zeit zum Schreiben gefunden. Aber im Moment habe ich das starke Bedürfnis mich zurückzuziehen. Meine Grenzen zu erkennen und sie anderen unbeschadet und unmissverständlich mitzuteilen fällt mir immer noch schwer. Deine Worte sind für mich wie eine Tankstelle, sie geben mir Antrieb und Auftrieb. Vielen Dank und Alles Gute!

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank, liebe Gitta! Deine Worte sind mir sehr bekannt. Ich kenne die Gefühle, die du beschreibst, auch. Es ist ein ganz neues Gefühl, sich nach den eigenen Bedürfnissen zu richten. Rückzug ist wichtig. Ich habe mich auch 1 Jahr zurückgezogen und mich gefragt: Wer bin ich und was will ich? Früher lauteten meine Fragen: Was erwarten und wollen die anderen von mir.
      Es freut mich, dass ich dir ein wenig helfen und dich trösten kann. Dir auch weiterhin alles Gute! Pass gut auf DICH auf… 😀

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