Selbstzerstörung

Rückblickend auf einen jahrelangen Prozess finde ich erstmals den Mut, über meine Selbstzerstörung zu schreiben.
Es gibt Themen, die ich einfach nicht näher beleuchten will, doch ich weiß, bei meiner Selbstreflexion darf ein Thema, das so bedeutungsvoll ist wie die Selbstzerstörung, nicht fehlen.

Wann hatte es eigentlich begonnen? In meiner Kindheit und Jugend kann ich mich nicht erinnern, jemals etwas getan zu haben, was sich selbstzerstörerisch anfühlte. Ich lebte in einem selbstbestimmten Schutzraum meiner Gefühle und Interessen und öffnete diesen Raum nicht für andere. Doch dann verließ ich meine Jugend und damit meinen Schutzraum. Die Selbstzerstörung begann.

Sie begann schleichend. Innerlich. Zehrend. Erschöpfend. Unwiderruflich. Tag für Tag kämpfte ich gegen meine eigene Wahrnehmung an und forderte mein Innerstes heraus, sich eine neue Betrachtungsweise auf die Welt anzueignen. Ich begann fremdgesteuert zu leben und zu entscheiden. Achtete stets darauf, andere zu imitieren und mich der Gesellschaft anzupassen.
Soweit der innere Prozess.

Ich bemerkte jahrelang nichts, denn es spielte sich ja innerlich ab. Ich bemerkte nicht, wie sich mein Körper mehr und mehr mit der Abwehr meiner eigenen Empfindungen beschäftigte und sein eigenes Hab und Gut vernachlässigte. Ergebnis: Krebs. Keine Immunität mehr. Innerliche Selbstzerstörung vollzogen.
Ein Wendepunkt in meinem Leben. Endlich durfte ich „langsamer“ werden. Doch wer erst einmal mit der Selbstzerstörung begonnen hat, kann sie kaum bremsen.

Wieder einmal schleichend kehrte ich zurück in die alte Welt. Da ich mein Innerstes nicht zu steuern vermochte, wendete ich mich der äußeren Schicht zu – der Haut. Ich kratzte sie zum ersten Mal an einer rauen Stelle auf. Ich wusste bereits aus vielerlei Berichten von dem Borderline-Syndrom, sah mich aber keineswegs als Betroffene. Doch da war immer dieses Jucken und das Verlangen, überall zu kratzen. Je ruhiger ich im Sessel saß, desto stärker spürte ich den Juckreiz. Es gab keinen medizinischen Grund, außer dass meine Nerven auf der Haut ständig rotierten. Alles schien zu kribbeln und eine wahre Jagd nach Beruhigung begann mich zu plagen. Nach der ersten aufgekratzten Stelle fand ich die zweite. Ich war bemüht, Stellen zu finden, die man nicht auf Anhieb sah. Meistens waren es die Arme oder die Schulterblätter. Große wunde Stellen zeigten sich und ich konnte nicht aufhören, sie immer wieder aufzukratzen. Dann der Kopf. Auch dort gab es bereits die ersten blutigen Stellen. Die Selbstzerstörung schritt voran. Innerlich kämpfte mein Immunsystem weiter um Kraft und Abwehr, doch es kamen Diabetes Typ 1 und eine Schilddrüsenüberfunktion dazu. Das ließ meine Haut noch mehr rotieren, denn jeder hohe Zuckerwert löste Trockenheit auf der Haut aus und gab mir einen neuen Grund zu kratzen.

Es gab Zeiten, an denen ich neun blutige Stellen am Körper hatte. Es waren Zeiten, in denen ich mich extrem viel verbog, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen. Je mehr Mühe ich mir gab, desto stärker wurde die Selbstzerstörung.

An dieser Stelle möchte ich an einen Punkt kommen, den viele Betroffene kennen: Die Scham!
Ich schämte mich, auch nur ansatzweise darüber zu sprechen. Ich schämte mich, meinem eigenen Körper etwas so Ekelhaftes anzutun. Ich kenne Menschen, die schnitten sich die Haut mit Messern auf oder ritzten sich mit Glasscherben. Ich verstehe ihre Motivation, denn ich hatte die gleiche: Der innere Druck muss irgendwo raus. Ich kannte oftmals ihre Hintergründe wie Vergewaltigungen oder traumatische Erlebnisse, doch ich hatte keine solchen Erlebnisse hinter mir. Selbst der Tod meiner Mutter erscheint mir bis heute nicht als Trauma. Es musste also einen anderen Grund geben. Ich las unzählige psychologische Berichte und konnte mich nirgends einordnen. Woher stammte dieser innere Druck, der mich über Jahre nicht losließ? Es war inzwischen zu einer Art Zwang geworden, mich zu verletzen.

Als ich erstmals vom Asperger Syndrom las, ließ der Wunsch nach Selbstzerstörung plötzlich in mir nach. Es wurde besser. Tag für Tag las ich Bücher, die heilend auf mich wirkten. Jede Zeile heilte mich ein wenig mehr …

Heute, rückblickend auf diese Zeit, kann ich behaupten, dass der Körper und meine Natur mir schon von Beginn der Zeit, als ich meine wahre Natur zu verbiegen begann, mitteilten, dass etwas nicht stimmte. Dass der Weg, den ich einschlug, falsch war. Mein Körper hat die ganze Zeit um meine Aufmerksamkeit gekämpft und sie nicht bekommen. Warum nur? Ich fand damals keine Antworten. Als ich durch meine ersten Blogs begann, nach weiteren Betroffenen des Asperger Syndroms zu suchen, bemerkte ich den Prozess, der mich immer weiter in mein ursprüngliches Leben, das ich als Jugendliche verlassen hatte, zurückholte.
Nun, nach einigen Jahren der Selbstfindung und damit der Selbstheilung habe ich meinem Körper etwas versprochen: Ich werde jedes Signal, wenn er Unbehagen empfindet oder sich nicht wohlfühlt, ernst nehmen. Doch auch heute gibt es immer noch die eine oder andere verletzte Stelle an meinem Körper, denn ich werde nie ganz in meiner Welt leben können. Hin und wieder muss ich sie eben verlassen, um zu überleben. Aber das kann ich inzwischen gut aushalten.

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
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7 Gedanken zu „Selbstzerstörung

  1. Gitta

    Hallo, das ist ein Thema, über dass zu Sprechen nicht leichtfällt. Umso dankbarer bin ich für diesen Beitrag. Ich habe mir zum Beispiel in der Pubertät die Beine zerkratzt. Erst in den letzten Jahren habe ich den Grund erkannt. herzliche Grüße.

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen ehrlichen Beitrag! Entschuldige, dass ich mich erst so spät auf deinen Kommentar melde, aber ich war wegen Umzug einige Zeit vom Internet abgeschnitten.
      Das Thema der Selbstverletzung ist hochsensibel und ich bin überzeugt, dass es ganz viele Menschen gibt, die sich verletzten. Bei mir fühlt es sich immer so an, als würden meine Nerven verrückt spielen… Aus Juckreiz wird nach einiger Zeit eine Art Zwang, immer wieder diese Wunden aufzukratzen. Aber meistens legt sich der Zwang wieder nach einiger Zeit.

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  2. Marcus Greiner

    Ihr Blog ist für mich unbeschreiblich gut. Vieles spiegelt meine Eindrücke und Erlebnisse wieder. Ich stehe momentan an dem Punkt, dass mir die Aussenwelt meine Probleme nicht „abnimmt“ und mich auch nicht versteht. Wie auch. Ich tue es selbst noch nicht. Ich vermute ich stehe am Anfang eines langen Prozesses, der es mir erlaubt mich so anzunehmen und zu glauben, dass ich so bin, wie ich bin. Und dass ich das bin. Momentan in Reha, danach weiß ich nicht wie es beruflich weitergeht. Und wie ich meine Probleme, die ich defintiv im sozialen Umgang miteinander habe, leistungsgerecht einbringe. Ein Termin zu einer Diagnose ist in circa einem Jahr (ein Tipp, wie es schneller geht? 🙂 ) Wie auch immer: ich lese Ihre Erfahrungen sehr gern und sie geben mir das Gefühl nicht allein zu sein. Alles Gute.

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    1. Denkmomente Autor

      Vielen Dank für deine Rückmeldung, lieber Marcus und bitte entschuldige meine späte Rückmeldung. Hatte viel um die Ohren…
      Du beschreibst ein Gefühl, wie viele es von uns haben. Da wir immer mit einem vorgetäuschten „Lächeln“ der Welt begegnet sind, ist es schwer, mitzuteilen, wie es wirklich in uns aussieht. Das halten wir solange aus, bis wir zusammenbrechen, weil eine ganz andere Persönlichkeit in uns steckt, die wir über sie Selbstzerstörung parktisch gefangenhalten.
      Die ersten Diagnosegepräche brauchen fast immer ein Jahr, weil zu wenig Anlaufstellen vorhanden sind. Ich kann dir den Tipp geben, bis dahin alles aufzuschreiben, woran du festmachst, dass du eine Betroffener sein könntest. Besonders Auffälligkeiten in der Kindheit und Jugend. Das hilft enorm, weil wir doch sehr trainiert sind, nicht aufzufallen und uns oft nicht so gut mit unseren Sorgen mitteilen können. Der australische Facharzt Dr. Tony Attwood plädiert dafür, dass Asperger einen eigenen geschulten Hausarzt benötigen, der die Probleme schneller erkennt. Ich denke mal, du hast den ersten Schritt getan, nämlich bemerkt, dass sich etwas ändern muss, damit du authentisch leben kannst. Es ist ein langer unruhiger Prozess, aber er lohnt sich durchzuhalten… Viele Grüße!

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  3. wombatwelt

    Vielen Dank besonders für diesen Text 🙂 Seit 2008 wurde ich fälschlicherweise als „Borderlinerin“ behandelt und erst dieses Jahr bin ich (auch dank deines Blogs) drauf gekommen im Autismus Spektrum unterwegs zu sein. Besonders mein SVV hat die Diagnose immer wieder zementiert und ich konnte mich nie damit anfreunden, da einfach so viel nicht passte und ich die Menschen die ich in den Kliniken kennengelernt hatte nicht verstand.
    Ich versuche jetzt auch mal mir alles von der Seele zu schreiben 🙂
    Liebe Grüße, Frau Wombat

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