Die Ignoranz als Freund?

Wie einfach würde mein Leben doch verlaufen, wenn ich die Ignoranz als Freund hätte. Nein, als besten Freund! Mir wäre alles und jeder egal und ich könnte ganz mit meinen Belangen und Wünschen leben. Ich hätte andere Freunde, die ignorant wären und die auch mich ignorieren, wenn ich etwas tue, was ihnen nicht gefällt.

Was so einfach klingt ist gewiss nicht das Non plus Ultra im Leben und doch steckt ein Funken Wahrheit in diesem Gedanken. Es scheint, als würde es das Leben irgendwie einfacher machen.

Als Mensch von schwarz und weiß gibt es auch in meinem Leben nur ganz ignorant oder gar nicht ignorant, wobei ich zugeben muss, dass mir die erste Variante erheblich besser bekommt, ich sie aber nicht beherrsche. Es ist für mich einfach keine Grundlage für ein Leben in der Gesellschaft. Oder doch? Ist genau DAS die Grundlage, die ich einfach nur falsch einschätze?

Was genau ist Ignoranz eigentlich? Und jetzt erschrecke ich, als ich lese:
Unwissenheit
Dummheit
Unkenntnis
Missachtung
Unwissen

Und was heißt ignorieren?
nicht wissen wollen
absichtlich übersehen
nicht beachten
nicht kennen wollen
absichtlich nicht erkennen wollen

Das stimmt doch etwas nicht!!! Die Ignoranz läuft mit dem Ignorieren irgendwie nicht konform und doch sollen es die gleichen Aussagen sein? Der erste Begriff weist auf „unabsichtliches“ Verhalten hin und der zweite Begriff auf „absichtliches“ Verhalten. Nanu!!
Für mich war die Ignoranz immer schon ein „absichtliches“ Verhalten. Ein Verhalten, das ich bewusst zeige, um zu signalisieren, dass ich nichts von der Sache „wissen will“. Es hat durchaus nichts mit der Ignoranz zu tun, wie sie im Duden steht, wobei der Begriff „Missachtung“ der einzige ist, den ich in diesem Zusammenhang gelten lasse.

Doch ich möchte gerne etwas ganz anderes damit aussagen. Der Autismus ist ein weiter Begriff und wird im Rahmen der Autismus Spektrum Störung im Detail erklärt, definiert und diagnostiziert. Der bekannte Autist, den ja viele im „Rainman“ sehen wollen, wäre der Mensch, der anderen Menschen vollkommen ignorant begegnet und nur in seiner Welt der Mathematik und Relativitätstheorien lebt. Um es noch einmal klarzustellen: Den Autist „Rainman“ gibt es nicht in der Form, wie er dargestellt wird. Er setzt sich aus vielen Varianten des Autismus´ zusammen und vermittelt der Gesellschaft ein verwirrendes Bild von Autisten. Wenn man dem gegenüber Betroffene des Aspergers Syndrom stellt, werden sich viel Fragen: „Wo ist denn da der Autismus zu erkennen?“

Gute Frage!!!

Was Rainman nach außen zeigt, findet bei vielen im Inneren statt, aber sie zeigen es nicht. Ja, Rainman verkörpert Gefühle und Reaktionen, die im Film praktisch sichtbar gemacht werden sollen. Und das im übertriebenen Sinne, damit es jeder kapiert.
Rainman ist nämlich durchaus nicht ignorant! Er ist nur ständig verwirrt, wenn jemand seine Regeln und Pläne durcheinanderbringt und er beruhigt sich mit seinem Spezialthema, die Mathematik. Das zeigt doch, dass die Ignoranz ein sehr schwer zu findender Freund bei Menschen mit Autismus ist. Besonders bei Betroffenen des Asperger Syndroms, die ständig darum bemüht sind, sich anzupassen oder nicht aufzufallen. Wie kann da die Ignoranz noch Platz haben?
Der Fall stellt sich anders dar, wenn es um den Begriff „egal“ geht. Ja, und jetzt wird es spannend!

Ich kann nur mit größter Mühe mit Ignoranz reagieren, nein falsch, ich habe ja keine „Dummheit oder Unkenntnis“ in mir. Ich kann kaum meine Umwelt ignorieren. Und jetzt komme ich auf den Punkt: Wie schaffe ich es trotzdem, mich zu schützen, wenn ich doch nicht ignorieren kann? Wenn bei mir ständig unangemessene Reaktionen stattfinden, weil ich mich veranlasst sehe zu reagieren, obwohl ich ignorieren will?
Ich entwickelte über die Jahre ein neues Verhältnis zu dem Gefühl „egal“, weil ich bemerkte, dass es meine Gedankengänge Stück für Stück beruhigte und meine Gefühle nicht mehr so oft aufwallen lässt. Ich habe mir das „egal“ förmlich antrainiert, indem ich begann es auszuhalten. Ich habe mich bewusst vor Situationen und Kontakten geschützt und es solange ausgehalten, bis der Kontakt nachgab und mich nicht mehr forcierte. Das war kein schönes Gefühl, weil es eine künstliche Reaktion in mir hervorrief und es funktionierte nur solange, wie ich mich von allem und jedem fernhielt, also isolierte. Und jetzt sind wir beim wahren Autismus angekommen, der vielen Aspergern so sehr zu schaffen macht: die Isolation als Freund. Nicht für jeden gut, aber für manche der einzige Weg, wieder mit dem Leben klarzukommen.
(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)DSCN3960

Advertisements

7 Gedanken zu „Die Ignoranz als Freund?

  1. Sun Ny

    Ich bin mit einem Autisten zusammen. Ich weiß es erst seit 8 Tagen, zusammen sind wir 9 Monate. Ich habe so viele Fragen, die er mir nicht beantworten kann. Gestern haben wir uns gestritten, seitdem ist ganz Funkstille. Ich weiß nicht mehr weiter 😦 Gibt es hier jemanden, mit dem ich mich austauschen kann??
    LG

    Gefällt mir

    Antwort
    1. Denkmomente Autor

      Hallo liebe SunNy! Es ist prima, dass du dich meldest. Also, erstmal bin ich eine von Autismus Betroffene und kann dir vielleicht einige Fragen beantworten, denn ich lebe auch mit einem nicht autistischen Menschen zusammen, der oft an seine Grenzen stößt. Und diese „Funkstille“ kenne ich von mir nur allzu gut! Du kannst hier auf dieser Plattform Fragen an alle richten, die diesen Blog lesen oder mir eine Email senden: schreinermar@googlemail.com
      Ebenso kannst du auch meine Facebookseite #Denkmomente – Leben mit dem Asperger Syndrom besuchen und dort Fragen stellen. Wir alle helfen dir gerne und auch deinem Freund, wenn er möchte. Liebe Grüße, Marion

      Gefällt mir

      Antwort
    2. Denkmomente Autor

      Schau mal Sun NY, ich habe gerade einen schnellen Blog für dich verfasst, den ich in den nächsten Tagen mal poste. Ich hoffe, er hilft dir ein wenig! Erschreck dich nicht, denn nur ganz selten bedeutet es einen Kontaktabbruch. Versuch mal mit diesen Worten deinen Freund zu verstehen. Liebe Grüße!

      Funkstille

      Oh Mann, wenn ich daran denke, wie sehr mein Mann darunter leidet und ich diesen Zustand einfach nicht bei mir abstellen kann.
      Ich frage mich, was diese Funkstille in mir auslöst.

      Eigentlich lässt sich die Situation ganz einfach erklären: Die Funkstille wird bei mir ausgelöst, wenn ich mit einer Situation nicht mehr klarkomme. Über mein Regel- und Plan-Denken habe ich schon oft berichtet. In meinem Kopf sind feste Strukturen verankert, nach denen ich lebe, fühle, reagiere und … jetzt kommst (!) … mich auch abschalte. Nämlich dann, wenn eine Situation entsteht, auf die ich keine Reaktionsstrategie abrufen kann. Es fühlt sich an, als wenn die Situation in mir drin ins Leere geht, also verpufft! Wenn der andere dann nachsetzt und mich drängt, endlich zu reagieren, entsteht in mir diese Funkstille. (Es kann auch ein Overload oder ein Meltdown sein, aber darüber schrieb ich bereits) Sie zeigt sich sehr unangenehm dem Partner gegenüber, denn sie kommt einer Art Wut gleich, die ich verströme. Früher nannte man es „beleidigt sein“, aber es ist so vieles mehr in mir, das dann stattfindet, als nur beleidigt zu sein. Ich spüre in mir drin einen starken Widerstand, der sich nach außen wie eine Stichwaffe zeigt. Der andere hat danach keine Chance mehr, mich zu erreichen. Ich will dann stundenlang oder tagelang nicht mehr mit der verursachenden Person sprechen. Ich will nur noch, dass sie mich in Ruhe lässt, weil sie meine innere Ordnung durcheinander gebracht hat und nicht aufhört, weiter Unordnung in meinem Leben zu schaffen.

      Bei mir gibt es die leichte, mittlere und starke Funkstille.

      Die leichte lässt zu, dass ich innerhalb eines Tages wieder von der Person angesprochen werden und mit ihr über das Problem reden kann.
      Die mittlere lässt mich tage- oder wochenlang in Kriegen und Kämpfen versinken und erst dann wieder auf Empfang gehen.
      Die starke ist die Schlimmste. Dann hat der andere mich in einer Art und Weise bedrängt oder etwas verursacht, dass mich nie wieder den Kontakt herstellen lässt. Das kommt fast nie vor, ist aber dann die totale Funkstille.

      Wie kann sich der andere/oder Partner jetzt am besten verhalten?
      1. Regel: lass mich bitte solange in Ruhe, bis ich von alleine wieder bereit bin, mich dir zu nähern.
      2. Regel: sie ergibt sich aus der 1. Regel: setze auf keinen Fall nach oder versuche mich aus der Funkstille zu holen, denn dadurch machst du es nur schlimmer.
      3. Regel: bitte lasse den Kontakt zu mir erst mal nicht abbrechen, denn ich weiß meistens selbst nicht einmal, wie stark meine Funkstille ist.

      Die Beseitigung der Funkstille ergibt sich dadurch, ob oder wie schnell mein Gehirn das Chaos, das in mir entstanden ist, in der Lage ist zu beseitigen. Ob es dafür eine Regel oder eine Ordnung herstellen kann. Der andere sollte wissen, dass es Dinge gibt, die ich nicht lernen oder annehmen KANN. Es gibt dafür kein Programm auf meiner Festplatte. Beispiel: Mein Partner möchte, dass ich mit einem bestimmten Verhalten aufhöre, z.B. einer Macke (Händereiben) oder eine Sache (ständig Schreiben). Für alle, die es nicht wissen: solche Verhaltensweisen sind Beruhigungstechniken für mich, wenn ich aufgeregt oder durcheinander bin, oder es sind im Falle von Schreiben Spezialinteressen für mich, die mir ebenfalls dazu verhelfen, mich zu beruhigen und wohl zu fühlen. Was für nicht Betroffene des Asperger Syndrom manchmal „unmöglich“ oder „übertrieben“ erscheint, kann für mich pure Erholung bedeuten. Ich besitze weit weniger Konzentrationsfähigkeit als nicht Betroffene, wenn es um soziale Interaktionen oder Dinge geht, die mich stressen. Das lässt mich viel eher zusammenbrechen oder eben diese Funkstille in mir entstehen. Ich nehme nämlich viel mehr wahr und muss viel mehr durch meinen Autismus verarbeiten, als es normale Menschen können.

      Also Funkstille ist wichtig in meinem Leben. Ich brauche sie, um wieder klarzukommen.

      Gefällt mir

      Antwort
  2. Ranunculus

    So wie ich das verstehe (oder wie ich für mich die Welt erkläre): Als hochfunktionaler Asperger-Autist habe ich beginnend mit der Kindheit meine Umwelt beobachtet und mein Verhalten daran ausgerichtet; weil ich wohl selber nicht intuitiv verstanden habe, wie soziale Interaktion stattfindet (findet das eigentlich auch bei neurotypischen Menschen ohne Lernprozess statt, ist es also echte Intuition?), habe ich mein Verhalten bewusst steuern gelernt und eben jene Ignoranz bewusst abgelegt, um überhaupt überleben zu können. Dass das Ablegen der Ignoranz später dann zu der bekannten Überlastung (durch Überkompensation führt), war mir erst mit dem Sichtbarwerden der Zusammenhänge in Folge der Diagnose bewusst. Nur, so schwierig, wie es ist, seine Ignoranz abzutrainieren (noch dazu glaube ich eben nicht, dass Autisten nicht empathisch sind, dass, was ihnen fehlt ist die kognitive Empathie), ist es auch diese Ignoranz wieder anzutrainieren. Das Abtrainieren kann bis zum völligen Verlust des Selbstbewusstseins führen, ich bin quasi durchsichtig geworden, weil ich mich nur noch angepasst habe. Mein Freund hat diese gesunde Ignoranz, ich beobachte aus meiner stark kognitiven Sicht oft, wie er durch sein Verhalten Menschen iriitiert (er ist nicht autistisch), ich bekomme das Verhalten seiner Umgebung mit, scheine also über mehr kognitive Empathie zu verfügen, diese ist aber antrainiert, er kommt leichter durchs Leben bzw. eckt an und scheitert aber nicht an diesem Konflikt, im Unterschied zu mir (Harmoniersüchtig). Mir scheint es wie ein großes Puzzle und auch die Ignoranz gehört in dieses Autismus-Puzzle, beleuchtet Aspekte wieder von einer anderen Seite und ist doch ein zentraler Bestandteil der ganzen Argumentation / Problematik.

    Gefällt 1 Person

    Antwort
      1. Sun Ny

        Hallo Ihr Lieben,
        Ich (NT) beneide manchmal diese Funkstille, wenn sie nicht mir gegenüber besteht. Ich bin nicht fähig mich zurückzuziehen, kann aber auch nicht mit dieser Form der „Ignoranz“ mir gegenüber umgehen, da es mich sehr verwirrt und verängstigt.
        Erstaunlich finde ich bei meinem Freund (Aspi), dass er diese Stille nur mir gegenüber versprüht. Den Rest der Welt spielt er etwas vor. Er sieht schlecht aus, kann aber alles gut überspielen.
        Wir haben irgendwann festgestellt Seelenverwandte zu sein. Wir denken oftmals gleich, sprechen das Gleiche aus, lieben die Harmonie und sind beide sehr direkt in Kombination von schwarzem Humor. Alles passt bis auf dieser Situation. Denn im Gegensatz zu ihm bin ich scheinbar nur in der Lage Schmerz zu fühlen. Es ist schwierig für mich ein echtes Glücksgefühl zu merken. Er jedoch ist der absolute Optimist und trotzt vor Glück, merkt aber nicht wenn er jemanden verletzt und kann auch nicht mit Schmerz und Trauer umgehen.

        Er sagt immer wieder ich hätte ihn nicht verdient, weil er dieses Verständnis nicht kennt und auch nicht den Willen, ihn und seine Denkweise zu verstehen.

        Ich gebe aber nicht auf!

        Gefällt 1 Person

  3. oliverheine

    Das spricht vielleicht dafür, dass dein Freund sich dir gegenüber sehr weit öffnet und dir mehr von seinem wahren Ich zeigt als anderen Menschen. Die Kehrseite der Medaille ist dann, das du eher Gefahr läufst, ihn wirklich empfindlich zu treffen, während andere bereits weit früher abgeblockt werden.

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s