Wenn Familie und Freunde die Diagnose aberkennen

Wie kann das sein? Endlich habe ich meine lang ersehnte Diagnose erhalten und traue mich offen darüber zu reden und schon schauen mich viele zweifelnde Blicke an. Ich wedel mit dem Papier, doch es nützt nichts. Ich ernte ein mitleidiges Räuspern und spüre, wie hinter meinem Rücken getuschelt wird. Ich versuche zu erklären, dass ich mit vielen Dingen große Probleme hatte und sie immer mit einem Lächeln kaschiert habe. Mein Optimismus und meine gute Laune, die ich täglich zeigte, entpuppen sich plötzlich als Feinde.

Das ist der Moment, in dem ich große Entscheidungen treffen muss.
Lege ich wirklich noch Wert auf all die Menschen, die sich mir entgegenstellen? Was ist mit deren Mitgefühl, das ich ihnen immer bei ihren Problemen entgegengebracht habe? Ein schmerzlicher Gedanke überkommt mich: Ich werde all diese Menschen verlieren! Oh nein! Halte ich das überhaupt aus? Eine andere Frage stellt sich mir: Halte ich es überhaupt noch aus, mich weiter für andere zu verbiegen?
Zwei Fragen, die eine schwere Entscheidung von mir abverlangen. Ich hätte nie gedacht, dass ich an den Punkt komme, bei dem ich mich frage: Sie oder ich? Und wieder entsteht ein neuer Kampf. Hört das denn nie auf? Auch diesen Kampf muss ich wohl oder übel durchstehen. Meine Gedanken laufen Amok. Ist das das Ergebnis einer Diagnose? Dass mein Leben noch mehr zerrüttet wird? Was bleibt mir?

Erst mal Flucht, denke ich und ziehe mich für viele Wochen weit entfernt von allen zurück. Ich lasse das Gefühl auf mich wirken, wie sich mein Leben ohne all diese Menschen anfühlt. Das Ergebnis erschreckt mich! Es fühlt sich gut an. Ich erschrecke wahrlich vor meinem eigenen Wohlbefinden. Wie kann das sein? Seit zig Jahren habe ich mich nicht mehr wohlgefühlt oder habe es mir nicht mehr erlaubt und plötzlich bricht dieses Gefühl mit einer Intensität über mich herein, dass ich vor Glück weinen muss. Jaaa, ich spüre wieder Glück! Ein Gefühl, das ich all die Jahre gesucht habe und nicht finden konnte. Es war untergegangen von zu vielen Geräuschen, Menschen, Farben, Eindrücken und Aufgaben, denen ich nicht gewachsen war. Nachdem ich das Gefühl eine Weile auf mich habe wirken lassen, treffe ich die Entscheidung zur Frage „Sie oder ich?“.

„Ich“ ist das klare Ergebnis. Zum ersten Mal seit vielen Jahren entdecke ich wieder die Welt, in die ich gehöre. Und in die kann ich leider nur wenige Menschen mitnehmen. Ich lade zwar alle ein, aber nur wenige sagen zu und treten in meine autistische Welt ein. Im Grunde ist sie nicht viel anders, als die Welt draußen auch. Doch sie ist geprägt von der Schönheit der Natur, den Tieren und der Ruhe. Keine Machtspiele und keine Hinterhältigkeit mehr. Ich bin dieser Dinge überdrüssig. Mich fängt eine ehrliche, mentale Schönheit ein, die ich so nicht kannte. Menschen, die mir folgen, sind keine fordernden Menschen, sondern solche, die sich für diese Welt öffnen können und wollen. Sie sind ehrlich, freundlich, respektvoll und willkommen.

Ich kehre nur kurz in die alte, für mich verwirrende, Welt zurück, um allen, die mich nicht so annehmen wie ich bin, den Kontakt zu kündigen. Schmerz, Wut, Druck und Zorn beben in mir, weil ich die Verurteilung spüre, die sich draußen breitmacht. Doch ich halte die Türe geschlossen, gehe nicht mehr ans Telefon und nicht mehr in die Stadt. Ich verbringe die Zeit damit, ein Buch zu schreiben und packe so unendlich viel Wut hinein. Nebenbei suche ich nach neuen Zielen und einer neuen Umgebung. Ich kann hier nicht mehr bleiben, wenn der Krieg täglich vor meiner Tür stattfindet. Ich will mich neu definieren und suche Menschen, die mich nicht kennen und einen Ort, der mich nie anderes kennenlernen wird, als der Mensch, der ich in Wahrheit bin.

Einige Jahre später.
Man fragt mich, warum ich nicht alles beim Alten gelassen und es einfach nur erklärt habe. Ich lächele auf diese Frage und schaue in den Himmel, unter dem ich nun im Einklang mit Natur und Tieren lebe und Bücher schreibe… Ich brauche hier nichts mehr erklären. Ich bin angekommen!

(Meine Blogs gibt es auch zusammengefasst alseBook oder  Printausgabezum Lesen)
DSCN3960

Advertisements

8 Gedanken zu „Wenn Familie und Freunde die Diagnose aberkennen

  1. D. Helb.

    Das stimmt endlich weiß man dass man nicht verrückt ist und versteht zumindest ansatzweise was anders ist und dass das nicht falsch oder krank ist. Man liest viel Literatur um das anders sein auch selber besser zu verstehen, holt sich endlich Hilfe. Dann fasst man sich den Mut und informiert manche Personen und bekommt zu hören das ist dioh Quatsch Du kannst kein Asperger-Syndrom haben, Du bist viel zu normal.
    Diese „Normalität “ kostet aber sehr viel, nicht nur geistige Höchstleistung sondern das ewige Verstellen macht auch krank und dies mit Langzeitfolgen welche oft irreparabel sind.
    Dann geht man den Weg und ist nur ein kleines bisschen man selbst und schon ist man verändert, schlecht gelaunt, unhöflich, abweisend. Nein sind wir nicht wir sind nur ein bisschen ehrlicher zu uns selbst alleine zum Selbstschutz um vielleicht nicht immer Kopfschmerzen zu haben oder immer wieder Depression zu bekommen. Ist das falsch ich denke nicht jeder NT darf so sein wie er will bzw. wie er ist, warum dürfen andere Menschen das nicht auch? Ich akzeptiere jedes Lebewesen wie es ist ohne Wertung und ohne den Versuch es zu ändern zu etwas was es nicht ist und was es nie sein wird. Akzeptanz wäre der erste Schritt für alle Seiten.

    Gefällt 3 Personen

    Antwort
  2. petra0654

    Flucht ist schwierig – schon allein deshalb, weil man sich selbst mitnimmt und nicht zurück lässt und somit auch seine eigenen gewohnten Probleme. Wer nicht gleichgültig den Menschen begegnet, hat meiner Meinung nach logischerweise Erwartungen. Leider sind diese Erwartungen IMMER zu hoch, denn man trifft höchst selten auf ehrliches Interesse und ist deshalb permanent enttäuscht. Diese Enttäuschung verschwindet nur, wenn man gleichgültig ist. Doch ich möchte nicht gleichgültig sein. Also bleibe ich enttäuscht.

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Denkmomente Autor

      Du sprichst ein wichtiges Thema an: Die Gleichgültigkeit oder auch Ignoranz. Da ich sie bei mir nicht umsetzen kann, hat mir die Flucht geholfen. Aber ich wünschte, es wäre die Ignoranz gewesen. Vielen Dank für deinen tollen Beitrag! Viele Grüße!

      Gefällt mir

      Antwort
  3. aspergerfrau

    …ich fühl mich manchmal als wäre ich fabenblind und mein umfeld will mir sagen „streng dich einfach an, dann siehst du schon was orange ist.“ – die vorstellung einer etwas abweichenden wahrnehmung ist anscheinend zu viel…

    Gefällt 1 Person

    Antwort
  4. Nina

    Meine „Freunde“ wollten immer, dass es mir gut geht. Seit ich letztes Jahr auf das Asperger Syndrom gestoßen bin, mich viel darüber informiert habe und mein Leben danach peu á peu eingerichtet habe, geht es mir so viel besser.
    Nein, ich habe noch keine offizielle Diagnose. U.a. weil ich nicht in der Lage bin, diese Prozedur zu organisieren (Anrufen, planen, so viele unvorhersehbare Dinge…).
    Doch voller Euphorie („Ich weiß endlich warum ich anders bin! Ich habe eine Erklärung!“) bin ich zu meinen „Freunden“, habe mich erklärt warum ich mein Leben umstrukturieren muss und war so froh darüber, dass jetzt alles besser lief. Die Antwort darauf: „Geh mal lieber zu einem Arzt, dafür gibt es bestimmt auch Medikamente. Oder eine Therapie“; „Du musst dich aber regelmäßig bei uns melden, weil wir sonst nicht wissen, ob es dir gut geht.“
    Dass es MIR aber nicht gut geht, wenn ich mich melden muss (vor allem ohne Grund?!), dass ICH mir auch mal die Erlaubnis gegeben habe so zu leben, wie es für mich richtig ist…tja. da kam dann nur ein „Dann versteh bitte, dass wir uns emotional von dir abgrenzen müssen“
    Nein, verstehen kann ich das nicht. Vielleicht sollte es mich schmerzen, doch das tut es auch nicht. Für mich ist dies alles einfach nur komplett nicht logisch nachvollziehbar.

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Denkmomente Autor

      So ergeht es leider immer wieder den Menschen, die versuchen, es den Freunden oder der Familie mitzuteilen. Es erging mir nicht anders, liebe Nina. Ich habe so viele „blöde“ Sachen zu hören bekommen, dass ich viele Kontakte danach ad acta gelegt habe. Manchmal kam es mir so vor, als würde niemand wollen, dass es mir besser geht. Ich gebe dir den Tipp: bleib ganz bei dir und deinem Wohlergehen. Loslassen ist ein großes Thema! Aber es zahlt sich aus. Doch Gefühle brauchen Zeit. Gib sie dir und bleib einfach dran… LG

      Gefällt mir

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s